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Kayaker Peter Csonka in the wild river
Unterwegs

Die Entdeckung der Langsamkeit

  • Merlin Gröber
  • 18. Juni 2019

Peter Csonka und Nina Csonkova gehören zu den besten Freestyle-Kajakfahrern der Welt – und leben die Hälfte des Jahres in ihrem Camper. Seit der Geburt ihres Sohnes blickt das Paar anders auf Flussläufe. OutDoor Society begleitet zwei Extrem-Könner bei einem entspannten Paddel-Wochenende in den slowakischen Donauauen    


Ein lautes Donnern ist das Letzte, was Peter Csonka hört, bevor er kentert. Bis vor wenigen Sekunden hatte er in seinem Wildwasserkajak noch alles unter Kontrolle. Dann erfasst ihn die Stromschnelle. Eine der gefährlichsten der Welt. Commercial Suicide wurde sie vor zwei Generationen von den ersten Kajak-Fahrern getauft, die hier, unterhalb der Victoria-Fälle, schon früh auf die Idee kamen, den viertgrößten Fluss Afrikas, umrahmt von den tropischen Uferwäldern Sambias, Namibias und Simbabwes, zu befahren. Wo der Sambesi ein kilometerlang sprudelndes Monster aus Weißwasser und jenen Millionen Tonnen Wasser ist, die hier jede Sekunde über die Felsen schießen. Die Wasserwalze reißt Peter unter die Oberfläche, wirbelt ihn um die eigene Achse, presst die Luft aus seinen Lungen. Peter zerrt an der Spritzdecke, versucht mit den Beinen sein Kajak zu zertrümmern. Es gelingt ihm nicht. Er weiß, dass es schlecht aussieht. Kann er sich nicht in den nächsten Sekunden befreien, ist es vorbei.   

»Wenn du als Profisportlerin ein Kind bekommst, ist deine Karriere eigentlich vorbei«, sagt Nina. Drei Monate nach der Geburt gewann sie die Europameisterschaft  

Sieben Jahre später sitzt Peter Csonka neben seiner Frau Nina auf einem großen Campingstuhl, blickt auf die Donau, die ein paar Kilometer hinter Bratislava gemächlich durch die slowakische Landschaft fließt, und erzählt von seinem Nahtoderlebnis in den Stromschnellen des Sambesi. Peter ist ein großer Typ mit breiten Schultern und einem kantigen Gesicht. Die Sonnenbrille ist quasi mit seinem Nasenrücken verwachsen. Er ist Freestyle- und Wildwasserkajakfahrer, einer der besten der Welt. Wie Nina auch.

Freestyle-Kajakfahrerin Nina Csonkova hilft ihrem fünfjährigen Sohn, seine Schwimmweste anzuziehen 
Ohne geht nicht: Die Freestyle-Kajakfahrerin Nina Csonkova hilft ihrem fünfjährigen Sohn, seine Schwimmweste anzuziehen 
Bildcredit: Frank Stolle

In der Slowakei sind die beiden Profisportler zu Hause. Seit 16 Jahren sind sie ein Paar, fast ihr ganzes Sportler-Leben haben sie gemeinsam erlebt, vor knapp fünf Jahren kam ein neues Familienmitglied hinzu: Petko. Seit der Geburt des Sohnes hat sich einiges verändert im Leben der Csonkas.

Die Familie genießt die Ruhe an der Donau

„Wenn du als Profisportlerin ein Kind bekommst, ist deine Karriere vorbei.“ Nina blickt zu ihrem Sohn Petko, der am Ufer Feuerholz für ein Campingfeuer sammelt. „Zumindest haben mir das damals alle gesagt." Nina begann kurz nach der Geburt wieder zu trainieren. Härter, ehrgeiziger als je zuvor. Drei Monate später gewann sie die Europameisterschaft. Auch Peter trainierte nach der Geburt des Sohnes weiter: In seiner Karriere wurde der 34-Jährige insgesamt dreimal Vizeweltmeister, zweimal gewann er den Weltcup. Ob er risikoscheuer wurde, seitdem er Vater ist? Peter überlegt kurz und blickt zu seinem Sohn, der am Donauufer spielt. „Nein“, sagt er leise.

Familie Csonka auf der Donau in der Slowakei
Abseits der Wettkämpfe genießen Nina und Peter auch komplett entspannte Ausflüge – wie hier auf der Donau, nur wenige Kilometer südöstlich von Bratislava
Bildcredit: Frank Stolle

Ruhiger wurden die Profisportler nur außerhalb des sportlichen Wettbewerbs: Lag der Fokus früher fast ausschließlich auf Kajakfahren, und dabei auf der Erfahrung des möglichst Extremen – die schnellsten Kanäle, die krassesten Herausforderungen – kamen in den vergangenen Jahren andere, ruhigere Sportarten hinzu: „Wir sind das halbe Jahr draußen und unterwegs. Zur Zeit entdecken wir das Outdoor-Leben noch mal neu, wir gehen jetzt viel Wandern oder Mountainbiken. Wir genießen es einfach, in der Natur zu sein und Dinge zu dritt zu machen“, sagt Nina. Geht’s auf Wandertouren, läuft der Sohn selbst, manchmal kommt er noch in die Trage, im Wasser sitzt er mit Schwimmweste auf Papas Schoß oder in einem zweisitzigen Kajak. Dann paddelt die Familie über große Seen oder ruhige Flüsse.

Nirgends ist die Natur so schön wie an Flussläufen  
Peter Csonka

Ein komplett anderer Fokus sei das, erzählt Peter am Lagerfeuer – man blicke auf Flüsse noch mal ganz anders, scanne die Läufe nicht bloß nach dem Extremen, nach Stromschnellen, Walzen, Wellen, sondern auch nach Familientauglichkeit. Man freue sich auch mal über ruhigere Abschnitte. Mehr als 150 Tage im Jahr verbringt die Familie inzwischen in ihrem Camper. Fliegen sie weiter weg oder fahren spontan nur in die Nähe, nehmen sie manchmal auch einfach nur ihr Zelt mit. „Wir versuchen so oft wie möglich draußen zu sein“, sagt Peter. Sie möchten ihrem Sohn zeigen, wie schön die Natur ist. Am liebsten im Kajak. Weil: Weniger Menschen, eine andere Perspektive auf die Schönheit der Uferlandschaften. „Nirgends ist die Natur so schön wie an Flussläufen“, sagt Peter. 

Peter Csonka baut das Familienzelt auf
Was macht Papa da? Der kleine Petko beobachtet seinen Vater beim Aufstellen des Zeltes. Mehr als 150 Nächte im Jahr verbringt die Familie im Zelt oder Camper
Bildcredit: Frank Stolle

Häufig paddelt die Familie auf der Donau nahe Bratislava im Landschaftsschutzgebiet Dunajské luhy oder den Seitenarmen auf der großen Schüttinsel. Auf einer Länge von rund 80 Kilometern und einer Breite von 30 Kilometern durchzieht die Donau in diesem Gebiet die slowakische Landschaft mit zahlreichen Mäandern und Seitenarmen; 500 Inseln und Inselchen haben sich im Laufe der Zeit gebildet. Kajakfahrer können hier tagelang durch die ursprünglichen Flussauen paddeln, in den Feuchtgebieten und kleineren Seen seltene Vogelarten wie Seeadler oder Seidenreiher beobachten. Ein kleines Outdoor-Paradies, keine 30 Minuten entfernt von Bratislava und gerade einmal eine Stunde entfernt von Wien.  

»Ich kann das selber machen«, sagt Petko und versucht, eine knapp drei Meter lange Stange in die Schlaufe der Zeltplane zu schieben. Kurz darauf stampft er mit dem Fuß auf den Boden. »Papa, hilf mir!«
Die Familie Csonka mit ihren Kajaks auf dem Weg zur Donau
Tragende Rolle: Familie Csonka schultert ihre Kajaks auf dem Weg zum Donauufer 
Bildcredit: Frank Stolle

 „Papa, können wir jetzt grillen?“ Petko hat Hunger. Er zupft seinem Vater am Ärmel des weißen T-Shirts, aus dem die breiten Paddler-Oberarme ragen. Peter dreht sich zu seinem Sohn um und lächelt. „Wollen wir nicht zuerst das Zelt aufbauen?“, fragt er Petko, der ungeduldig von einem Bein auf das andere hüpft. „Okay!“, ruft der Kleine. Bevor Peter aufstehen kann, ist Petko mit dem schweren Zelt zurück und beginnt mit dem Aufbau. „Ich kann das selber machen“, sagt er und versucht, eine knapp drei Meter lange Stange in die Schlaufe der Zeltplane zu schieben. Kurz darauf stampft er mit dem Fuß auf den Boden. „Papa, hilf mir!“. Peter lächelt und hilft seinem Sohn, die Zeltstange in die richtige Schlaufe zu schieben.

Peter Csonka mit seinem Sohn beim Paddeln
Noch paddelt Papa: Zu seinem vierten Geburtstag bekam der kleine Petko ein eigenes Kajak. Seither trainiert er immer wieder mit den Eltern 
Bildcredit: Frank Stolle

Am nächsten Morgen steht die Familie früh auf. Nach dem Frühstück wandert Petko mit seiner Mutter und seinem Vater am Donauufer entlang. Die Eltern trainieren abwechselnd, nachmittags paddeln alle gemeinsam zu einer kleinen Insel in der Donau. Unterwegs erklärt Peter seinem Sohn geduldig die verschiedenen Strömungen im Fluss und zeigt ihm, wie er Gegenstände unter der Wasseroberfläche erkennt. Auf dem Rückweg zum Zeltplatz schläft Petko im Boot auf dem Schoß seines Vaters ein, seine linke Hand im Wasser, das Kinn abgelegt auf der weichen Oberkante der Rettungsweste.

Aufhören ist für den Kajak-Weltmeister Peter Csonka keine Option

Zu seinem vierten Geburtstag bekam Petko ein eigenes kleines Kajak geschenkt, seither übt er mit seinen Eltern. Peter und Nina zeigen ihm, wie er sein Gleichgewicht auf dem Wasser hält und eine Eskimorolle macht. „Ein guter Kajakfahrer muss agil, explosiv und  schnell sein“, sagt Peter. „Und er muss eine gute Orientierung haben. Wenn du dich in einem wilden Fluss um die eigene Achse drehst, musst du dich blitzschnell orientieren können“. Ob Petko all diese Fähigkeiten lernen wird? Peter zuckt mit den Schultern.

Peter Csonka beim Freestyle-Kajakfahren auf dem Sambesi
Beim Freestyle surfen Kajakfahrer auf einer Welle oder Walze und versuchen möglichst viele Figuren in kurzer Zeit zu schaffen. Hier: Peter Csonka auf dem Sambesi, dem Fluss, der ihm beinahe das Leben kostete 
Bildcredit: N. Csonkova

So friedlich wie heute sind Peters berufliche Kajaktouren selten. Immer wieder geht der Profisportler an die Grenzen des Möglichen, teilweise mit dramatischen Folgen: Peter kam vor sieben Jahren in der Stromschnelle Commercial Suicide im Sambesi fast ums Leben. Erst in letzter Sekunde konnte er sich damals aus dem Kajak befreien und ans rettende Ufer schwimmen. Seinen besten Freund verlor Peter vor einigen Jahren auf einer gemeinsamen Tour, er ertrank vor seinen Augen hinter einem Wasserfall unter einem Baumstamm. Ob er nach diesen Erlebnissen nicht aufhören wollte mit Kajakfahren? „Nein“, sagt Peter. „Aufhören ist für mich keine Option."

Meine Familie und dieser Lifestyle sind das Beste, was mir passieren konnte
Peter Csonka
Peter Csonka mit seinem Sohn im Zelt der Familie
Das zweite Zuhause: Peter Csonka und sein Sohn Petko im Familienzelt 
Bildcredit: Frank Stolle

Nach der Kajaktour auf der Donau kehrt Peter mit seiner Familie zum Zelt zurück, Zeit fürs Campingfeuer. Petko spießt sich eine Wurst auf einen angespitzten Stock und brät sie über dem kleinen Feuer, das Peter für ihn angezündet hat. Nach dem Essen setzt sich Petko auf den Boden und spielt mit einem flachen Stein, den er als Telefon nutzt und einem Stock, der ihm Zauberkräfte verleihen soll. Als die Sonne langsam untergeht, wird er müde. Peter nimmt ihn auf den Arm, trägt ihn ins Zelt und deckt ihn zu. Dann setzt sich der Profisportler wieder ans Feuer und blickt auf die Donau, die langsam in der Dunkelheit verschwindet. „Meine Familie und dieser Lifestyle sind das Beste, was mir passieren konnte“, sagt er.