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Berghosen sind einfach nicht mein Style

Maxi Pongratz auf einem Jägerstand

Maxi Pongratz ist Sänger und Songwriter der bayerischen Band Kofelgschroa. Viele seiner Lieder hat er beim Wandern geschrieben. Ein Gespräch über das Schöne am Draußensein, über unnötige Ausrüstung und die Berge als ewige Inspirationsquelle


Als ich dich per WhatsApp um dieses Interview gebeten habe, warst du gerade auf dem AlpeAdria-Trail unterwegs und hast aus Slowenien geantwortet.

Ich bin mit meiner Freundin vom Millstätter See über den Wurzenpass rüber ins Soča-Tal gegangen. Vierzehn Tage waren wir unterwegs. Jeden Tag so zwischen 18 und 22 Kilometer. Das ist gut zu schaffen, und man muss morgens nicht mal allzu früh aufstehen. Kärnten hab’ ich unerwartet schön gefunden.

Warum unerwartet?

Ich hab’ Kärnten vorher mit dem Wörthersee in Verbindung gebracht und dieser Kitsch-Serie mit Roy Black. Meine Mama hat das immer geschaut. Im Endeffekt war es da viel cooler als in Slowenien. Das Soča-Tal war nämlich total überlaufen. Das taugt mir gar nicht.

Hast du dir für die lange Wanderung besondere Ausrüstung zugelegt?

Ja, ich war in einem großen Münchner Sportgeschäft, weil meine Freundin meinte, dass ich mal ein T-Shirt aus Merinowolle brauche. Das Laiberl ist toll, aber ich fand es ziemlich komisch dort.

Maxi Pongratz mit seinem Akkordeon
Am liebsten draußen unterwegs: Maxi Pongratz mit seinem Akkordeon. Der 32-Jährige tourt derzeit als Solomusiker durch Deutschland
Bildcredit: Andreas Schlumprecht

Warum komisch?

In der Werbung wird immer gezeigt, was du alles benötigst, um ins Gebirge zu gehen, und ich halte das allermeiste davon für völlig überflüssig. Du brauchst gute Schuhe, und ich find Stecken sinnvoll und vielleicht was zum Überziehen oder eine Mütze. Aber dieses ganze Getue um die Ausrüstung ist irgendwie gar nicht mein Ding. Viele Leute sind super ausgerüstet, haben aber überhaupt keine Ahnung von den Bergen und unterschätzen das auch. Aber ich wollte jetzt eigentlich nicht lästern. Jeder soll das so machen, wie er meint.

Vermutlich hat es etwas damit zu tun, dass du aus den Bergen kommst und sie für dich etwas ganz Selbstverständliches sind. Ihr habt ja sogar eure Band nach einem Oberammergauer Hausberg benannt.

Natürlich waren die Berge immer vor unserer Haustür und ich hab’ da einen anderen Bezug und weiß, dass ich mit dem Gwand, das ich grad anhabe, jederzeit raufgehen kann. Vielleicht friert’s einen dann oben, aber das macht ja nichts. Berghosen sind halt auch einfach nicht mein Style. Lieber geh’ ich in der Jeans. Und diese ganzen Outdoor-Sachen reißen ja auch voll schnell an einem Stacheldrahtzaun.

 

Stadt, Land, Fluss: Maxi Pongratz liebt vor allem das Wandern auf der Langstrecke, für dieses Video war er ausnahmsweise paddelnd auf dem Lech unterwegs

Kannst du dich noch an deine erste Bergtour erinnern?

Als kleines Kind hat der Vater mich mal auf dem Gipfel vom Kofel angebunden. Zur Sicherheit. Daran kann ich mich noch erinnern. Aber eigentlich sind wir immer eher so auf Almen gegangen und auf Bergmessen auf dem Scheinberg oder dem Kienjoch. Da trug dann jemand den Altar rauf, und man hat sich oben im Freien versammelt. Das fand ich viel schöner als die Messe in der Kirche.

Du hängst sehr an den Bergen deiner Heimat.

Ich bin vom Gefühl her schon ein Ammergauer. Die Berge rund um uns herum sind nicht so hoch. Das Hochalpine kenne ich gar nicht so gut. Und da fühl’ ich mich auch gar nicht so wohl. Die Garmischer Alpen sind mir eigentlich zu massiv, zu monumental. Wenn ich den Jubiläumsgrat sehe, kommt mir das irgendwie gefährlich vor. Da zieht es mich nicht so hin. Lieber bin ich im Graswangtal unterwegs.

Wird dir das nie langweilig?

Nein. Gar nicht. Ich nehm’ mir ein Bier mit und ein bisschen Brotzeit.

Schläfst du gerne unter freiem Himmel?

Erst neulich hab’ ich mal wieder draußen übernachtet. Auf dem Hörnle. Ganz allein. Ich bin in der Nacht rauf und am nächsten Morgen hab’ ich gemerkt, dass ich zwischen lauter Kuhfladen genächtigt habe.

Ein Gipfelkreuz ist nicht so wichtig, aber ich brauche halt zwanzig Minuten, in denen es bergauf geht

In Oberammergau nennt man euch ja abgekürzt die Kofels. Wie oft warst du schon auf dem Kofel droben?

Meine Eltern wohnen am Fuß vom Aufacker, das war mein privater Hausberg. Auf dem Kofel selber war ich gar nicht so oft. Vielleicht fünfzig Mal.

Nur? Und auf dem Aufacker?

Ich bin in meiner Kindheit und Jugend sehr viel in der Natur gewesen. Das hat mir einfach Spaß gemacht, ich war so dreimal die Woche auf dem Aufacker. Jahre lang. In manchen Wochen bin ich auch jeden Nachmittag hoch gegangen. Das hat mir einfach gutgetan. Dabei ist das ja ein total langweiliger Berg. Eher so ein Grasbuckel. Es gibt keinen einzigen Felsen.  Als Jugendlicher hab’ ich dann oben immer ein Zigarillo geraucht. Der Aufacker war mein Ein und Alles. Das muss man nicht verstehen. Ich bin meinen Gedanken nachgegangen.

So wie andere Leute joggen?

Ja, vielleicht. Aber ich bin ein ganz schlechter Läufer. Da krieg ich immer schnell Seitenstechen und die Knie tun mir oft weh. Ich bin ein schneller Geher, kein Läufer. Und ich bin definitiv keiner, der ins Fitnessstudio rennt oder mit den Armen groß was macht. Halt ein Ausdauermensch. Und sicher auch kein richtiger Bergsteiger. Ich bin ein Berggeher, das ist schon die richtige Formulierung. Weil Bergwandern ist mir oft zu langsam.

Maxi Pongratz mit Akkordeon
Maxi Pongratz lebt seit 2014 in München. An seiner neuen Heimat vermisst er vor allem die Möglichkeit, sofort bergauf gehen zu können 
Bildcredit: Andreas Schlumprecht

Und wie machst du das in München?

Ich wohn ja jetzt seit 2014 hauptsächlich in München und hab langsam ein bisschen Überdruss von der Stadt. Man weiß nie so recht, in welche Richtung man gehen soll. An die Isar? Rechts oder links? Das war es dann auch schon. Wenn ich in Oberammergau bin, geht mir das Herz auf, weil ich aufwärts gehen kann, und das befriedigt mich total. Ein Gipfelkreuz ist nicht so wichtig, aber halt zwanzig Minuten, in denen es bergauf geht. Ich brauch’ da nicht mal ein richtiges Ziel.

Ist das dann reiner Sport?

Ich bin nicht wegen der Fitness in der Natur unterwegs, und ich kann jetzt auch nicht behaupten, dass ich ein Sportler bin. Meine beiden Brüder haben ganz viel Sport gemacht. Die waren im Skilanglaufkader. In Ogau gibt es halt den Trachtenverein, das Ministrieren und den Langlauf. Das gehört dazu. Mich hat das immer eher genervt, wenn man zu einem Rennen fährt und dann zählt einer ein: fünf, vier, drei, zwei, eins, los. Ich hab’ oft nicht mal den Start richtig hingekriegt. Ich bin schon ein ehrgeiziger Mensch und ich beiße auch gern die Zähne zusammen, aber bei Wettkämpfen hatte ich nie ein Erfolgserlebnis. Da wurde ich oft Dritter. Von Dreien.

 

Für mich muss es nicht immer der große Sonnenschein sein, ich geh ganz gern auch bei Sauwetter auf den Berg

Nimmst du manchmal Bücher mit in die Berge? Oder was zum Schreiben?

Ja, und ich hab’ schon mit sechzehn beim Gehen an der Rhythmik von Liedern gearbeitet. Beim Gehen finden Text und Musik ganz gut zusammen.

Sind diese Touren denn nach wie vor inspirierend für dich als Songschreiber?

Natürlich. Inzwischen sing’ ich die Ideen aber auf das Handy drauf. Ganz unromantisch. Und mein Instrument nehm’ ich auch oft mit. Ich hab’ sogar schon mal auf dem Scheinberg Straßenmusik gemacht. Es war ein sonniger Herbsttag. Ganze Karawanen sind da hochgekommen. Ich hab’ kein Geld gekriegt, aber viele Süßigkeiten. Das möchte ich öfter machen. Da kannst du die Leute mehr begeistern, als an einem Ort, an dem man sowieso Musik erwartet. Das Schöne ist, dass du mit keinem Radio oder irgendwas konkurrieren musst. Da ist einfach Stille und dann deine Melodie. Das ist der größte Genuss als Musiker. Wenn du wo spielst, wo eigentlich nichts ist. Da kannst du wirklich Freude bereiten.

Auf der einen oder anderen Hütte hast du sicher auch schon musiziert.

Klar, da ist es aber normaler. Da gehört Musik ja dazu. Wir haben früher viel auf Berghütten mit Freunden gefeiert. Da hat man ein paar Kisten Bier und die Instrumente hochgeschleppt. So hat das mit der Musik eigentlich angefangen. Als Teenager. Wir haben dann von Sportfreunde Stiller „Ein Kompliment“ gespielt oder „Easy Day“ von Bananafishbones. Das waren die ersten Erlebnisse, wo wir gemerkt haben, dass Musik etwas anderes sein kann. Wir waren ja bei der Trachtenmusik damals, und da hatte man halt seine Auftritte beim Seniorennachmittag oder beim Heimatabend. Man spielte für alte Leute und Touristen. Und ich wusste: So stell’ ich mir das Musikerdasein nicht vor.

Ist so ein Instrument nicht arg schwer?

Nicht so. Und, wenn du was auf dem Buckel hast und es etwas anstrengender wird, das mag ich gern. Mich plagen. Sonst fehlt mir was. Wenn du den ganzen Tag bloß kreativ bist, wirst du ja von nix müde. In der Stadt macht es halt nicht so viel Spaß, sich körperlich anzustrengen. Da triffst du eher Leute, gehst Kaffee und Bier trinken und wirst gar nicht richtig müde.

 

Herbstklänge: Maxi Pongratz musiziert gern draußen. Notfalls auch mit Strom

Außer zu Fuß bist du auch mit dem Fahrrad in den Bergen unterwegs. Es gibt ja ein Lied von euch, das von einer Radtour handelt und das unaufgeregte Kofelgschroa-Lebensgefühl genau trifft.

„14 Dog“ meinst du. Der Refrain lautet: „Wenn ma miad san, dann schlaf ma wenn ma ausgschlafn ham, back ma zam und fohrn weiter, so lang ma Zeit ham.“ Ich bin mal mit Matthias (Bandmitglied; Anm. der Red.) nach Guča geradelt. Nach Serbien. Auf das berühmte Blechmusikfestival. Drei Wochen waren wir unterwegs, hatten ein Zelt und alles dabei und sogar die Instrumente. Matthias die Ventilposaune, ich das Akkordeon.

Du gehörst scheinbar nicht zu den Schönwetter-Bergmenschen. Ich kann mich erinnern, dass wir mal gemeinsam mit dem Mountainbike auf die Soiler Alm gefahren sind. Du bist einfach immer weiter gestrampelt – obwohl es ununterbrochen in Strömen geregnet hat.

Für mich muss es nicht immer der große Sonnenschein sein, ich geh ganz gern auch bei Sauwetter auf den Berg. Bei Regen oder Nebel. Für mich ist das was Schönes. Auch, weil weniger Leute unterwegs sind. Man hat dann halt einen Anorak oder einen Janker dabei.

Verläufst du dich dann auch manchmal bei schlechter Sicht?

Ja. Schon. Aber bisher ist es immer gut gegangen. Früher haben wir auch Sachen gemacht, die außerhalb unserer Grenzen lagen. Mit vierzehn kennt man halt keine Angst. Einmal bin ich mit dem Michi (Bandmitglied; Anm. der Red.) ins Kofelkreuz gegangen und am Schluss hingen wir da nur noch an ein paar Grashalmen über dem Abgrund. Blöd sowas. Ich brauch’ das überhaupt nicht mehr.

Maxi Pongratz ist gerne draußen unterwegs
Kopfhörer beim Joggen? Davon hält der Musiker nichts
Bildcredit: Andreas Schlumprecht

Fällt es dir schwer, aufzugeben?

Nein, und ich muss auch gar nicht immer bis ganz oben. Ich wollte mal mit Martin (Bandmitglied; Anm. der Red.) von Mittenwald nach Venedig gehen. Damals hatten wir überhaupt kein Geld und haben immer im Zelt geschlafen. An der Marmolata mussten wir aufgeben, weil Martin sich verletzt hatte. Wir sind dann einfach mit dem Zug nach Venedig gefahren und haben trotzdem am Lido unsere Flasche Wein geöffnet.

Im Video für „Kleiner Reiter“ aus deinem gerade erschienenen Solo-Album paddelst du im Kanu auf dem Lech. Wie lange machst du das schon?

Zum ersten Mal eigentlich. Der Freund, der das Video gemacht hat, war mal Deutscher Meister im Kanadier. Und der hat mir gezeigt, wie man das Paddel hält. Das freut mich, wenn das professionell ausschaut. Ich hab’ tatsächlich ein, zwei Stunden geübt, ehe gefilmt wurde.

Wie findest du das, wenn Leute Kopfhörer beim Wandern oder Mountainbiken aufhaben?

Ich würde das nie machen. Warum Ohrstöpsel reinmachen? Ich find es viel schöner, den Wind zu hören oder Insekten oder einfach nix.