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Travis Rice gehört als Profi-Snowboarder zur absoluten Weltspitze.
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Travis Rice: Die Essenz des Snowboardens

  • Thomas Becker
  • 18. März 2021

Mit der Natural Selection Tour setzt sich Travis Rice selbst ein Denkmal. Die weltbesten Boarder aus Film, Park, Pipe und Backcountry treten in freier Wildbahn gegeneinander an – und kommen aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus. Der Allgäuer Elias Elhardt meint: „Noch nie hat sich verlieren so gut angefühlt.“ Der dritte und letzte Stopp der Tour: Tordrillo Lodge, Alaska.


Die Idee ist mehr als zehn Jahre alt, mal hieß das Baby Supernatural, dann Ultra Natural, nun Natural Selection Tour: Nein, es geht nicht um Evolutionstheorie, sondern um den wohl ambitioniertesten und progressivsten Snowboard-Wettbewerb, seit es diese Schnee-Bretter gibt.

Und der geht so: Die weltbesten Boarder aus Film, Park, Pipe und Backcountry treten gegeneinander an, nicht auf einem vorgegebenem Parcours, sondern in freier Wildbahn, auf einem Areal, in etwa sieben bis acht Mal so groß wie ein Slopestyle-Kurs. Freie Spurwahl, unterschiedlichste Schneeverhältnisse, jede Bewegung für Fans und Jury festgehalten von weltmeisterlichen Drohnen-Piloten. Und alle erwarten nur eins: maximales Spektakel.

Ein Contest-Format, das Backcountry-Snowboarden und Freestyle-Snowboarden zusammenführt. Der Kanadier Mark McMorris, Sieger des ersten Tour-Stopps in Jackson Hole, Wyoming, fasst treffend zusammen: „This is the true essence of snowboarding.“

Travis Rice ist Initiator der Natural Selection Tour.
Bildcredit: Chris Wellhausen / Natural Selection / Red Bull Content Pool

Elias Elhardt: „Es gibt keinen, der wichtiger ist“

Der Mann hinter der Natural Selection Tour ist Travis Rice, mittlerweile 38 Jahre alt. Vor knapp 20 Jahren holte er Gold bei den X-Games, vor 15 Jahren in München unterm Olympiadach den Titel beim Air & Style-Contest, wurde danach zu einer weltweiten Marke in Sachen Snowboard-Film – und genau diese beiden Welten verbindet er nun mit seinem Baby namens Natural Selection.

Einer, der ihn seit Jahren gut kennt und mit ihm mit „Dark Matter“ schon einen Film produziert hat, ist der Allgäuer Elias Elhardt. Der 33-Jährige hat einen ähnlichen Werdegang wie sein Kumpel Travis: mit 17 Junioren-Weltmeister, X-Games, Air & Style, Wechsel zum Film, Psychologie-Studium in Innsbruck, ab und zu noch ein paar Wettkämpfe auf der Freeride World Tour. Seine Filme: kein Snowboard-Porn-Mainstream, eher nachdenklich hinterfragende Betrachtungen über die Widersprüchlichkeit seines Sports, über das Älter- und Erwachsenwerden in einem Sport, der sich der ewigen Jugend verschrieben hat.

Fragt man Elhardt, wie wichtig Travis Rice für die Snowboard-Szene ist, sagt er: „Es gibt keinen, der wichtiger ist“, und legt nach: „Er hat unglaublich viel Energie, Dinge voranzubringen, ist so ein Macher! Kalkuliert, fokussiert und konzentriert auf das, was er macht. Ein umtriebiger Charakter, der unheimlich viel in Bewegung setzen möchte und auch kann. Natural Selection ist sozusagen sein Vermächtnis des Snowboardens, mit dem er den Sport nochmal weiterbringen will. Er hat Snowboarden einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht durch Filme wie „Art of flight“ und „That‘s it, that‘s all“, ist zum Fürsprecher für den Sport geworden. Und fahrerisch ist er auf dem Brett nochmal eine ganz eigene Kategorie, dominiert den Sport seit 15 Jahren.“

Die besten Rider der Welt bei Natural Selection

Dass Rice, Spitzname G.O.A.T. (Greatest Of All Time), beim Premierenwettkampf im Februar in seiner Heimat Jackson Hole schon im Viertelfinale aus dem eigenen Wettkampf rausflog, spricht für die absurd hohe Qualität des Fahrerfeldes. Sein Kommentar dazu: „Gegen ‚Sparky' im Head-to-Head antreten zu müssen, nachdem ich sehen durfte, wie er sich in den letzten Jahren entwickelte: Das ist eines der härtesten Lose, das ich ziehen konnte.“

Sparky ist der Spitzname von Mark McMorris, neunfacher X-Games Sieger, insgesamt 21 Medaillen hat er dort gewonnen – nur Shaun White hat zwei mehr. Der Sieg bei der Natural Selection sei ihm mehr Wert als eine olympische Goldmedaille, sagte McMorris, und das darf man ihm ruhig abnehmen. Weil eben die Besten der Besten am Start waren. Elias Elhardt sagt: „Ich kann mich nicht erinnern, dass es im Snowboarden mal eine solche Zusammenkunft von Top-Fahrern gegeben hat.“

Als Veranstalter ist Travis Rice natürlich befangen, aber falsch ist es wohl nicht, wenn er sagt: „Contests sind in der Vergangenheit immer spezifischer geworden. Wenn jemand einen großen Halfpipe-Contest bei den Olympia gewinnt, ist er „nur" der beste Halfpipe-Fahrer der Welt. Wer aber ein Natural Selection-Event gewinnt, kann ohne Übertreibung als bester Rider der Welt bezeichnet werden. Um bei diesen Events gut abzuschneiden, braucht man jahrelange Erfahrung in Street, Transition und Slopestyle, muss auf all das zurückgreifen können, auch auf Erfahrungen im Backcountry, sei es, wie man mit unterschiedlichen Schneeverhältnissen umgeht und wie man eine Line auswählt, sie visualisiert und dann ausführt.“

Weitestgehend Naturbelassene Wettkampfschauplätze statt künstlicher Parcours: Die Natural Selection Tour
Bildcredit: Tim Zimmerman / Natural Selection Tour / Red Bull Content Pool

Angepasstes Format wegen Corona

16 Fahrer und acht Fahrerinnen wollte Rice zu drei Stopps einladen: nach Jackson Hole, zur Baldface Lodge in British Columbia, Kanada, und Ende März nach Alaska zur Tordrillo Lodge. Ebenfalls geplant: der Ausbau zur globalen Tour. Mit Elhardt war er im vergangenen März schon auf Location-Suche in Europa. Doch dann kam Corona, und es wurde schwieriger mit den Sponsorengeldern.

Dennoch realisierte der so unermüdliche wie unverwüstliche Rice die Serie in reduzierter Form, indem er den Titel Natural Selection wortwörtlich nahm: Bei jedem Tour-Stopp reduzierte er das Fahrerfeld auf die Hälfte, von 16 in Jackson Hole auf 8 in Baldface und 4 in Alaska, bei den Frauen von 8 über 4 auf 2. Doch da die Einreise-Erlaubnis nach Kanada pandemiebedingt derzeit so schwierig ist, können in Baldface nur Kanadier an den Start gehen und sich bei Frauen und Männern jeweils noch den letzten freien Platz für das Finale in Alaska sichern.

Travis Rice checkt die Bedingungen beim Stopp der Natural Selection Tour in seinem Geburtsort Jackson Hole in Wyoming.
Bildcredit: Dean Blotto Gray / Natural Selection / Red Bull Content Pool

„Noch nie hat sich verlieren so gut angefühlt“

Während in Jackson Hole im Sommer einige Hindernisse und Schanzen in die Landschaft gezimmert wurden, die man dann im Winter zuschneien ließ, wurde in Kanada weniger und in Alaska schließlich gar nichts mehr an der Landschaft gewerkelt.

Elias Elhardt schwärmt: „Das ist die Art von Snowboarden, die ich am allermeisten liebe: Freestyle im freien Gelände, spielerisch mit den Geländeformen umgehen. Eine Verbindung aus perfekt kalkuliertem Park-Fahren und freiem Backcountry-Snowboarden. Es ist das schönste Gefühl, wenn man etwas entdeckt, wo die eigene Idee Realität wird. Bei den X-Games ist alles perfekt präpariert, hier gibt es weniger perfekte Absprünge, aber es ist trotzdem durchgeplant, fast schon ein Slopestyle-Parcours. Bei mir daheim bin ich froh, wenn ich mal einen Sprung finde, bei dem Absprung und Landung für acht, zehn oder maximal 15 Meter funktionieren – hier gingen die Sprünge bis zu 25 Meter weit! Ein wahnsinnig toller Event. Ich wäre natürlich gern weitergekommen, aber noch nie hat sich verlieren so gut angefühlt wie dort.“

Der einstige Wettkämpfer („Ich habe es geliebt!“) Travis Rice verliert natürlich auch nicht gern, aber allein die Tatsache, dass er seine Idee nach all den Jahren voll leidenschaftlicher Hingabe endlich verwirklichen konnte, wird für ihn ein großer Triumph gewesen sein. Sein Hauptgewinn steht sowieso erst noch bevor: In ein paar Wochen wird der G.O.A.T. zum ersten Mal Vater. Und schon geht es doch um Evolutionstheorie.