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Wir leben im totalen Überkonsum

Auf der Jagd nach der besten Line jettete Eva Walkner, zweifache Gewinnerin der Freeride World Tour und Filmemacherin, selbst regelmäßig um die halbe Welt. Heute hadert die ehemalige Profi-Athletin mit ihrer eigenen Vergangenheit und entdeckt die heimische Bergwelt für sich neu.


Bist du noch als Freeride-Athletin aktiv oder hast du dich mittlerweile komplett von den großen Wettkampf-Bühnen der Welt zurückgezogen?
Ich mach eigentlich alles, was so abseits von der Freeride World Tour (FWT) passiert. Aber ich will dann doch so langsam endlich mal erwachsen werden.

Steht als nächstes also die Familienplanung an?
Nein nein, ich meinte zusätzlich zu meiner Tätigkeit als Athletin noch einen richtigen Job um mich auch in eine anderen Richtung zu fordern. Ich studiere BWL und schreibe aktuell an meiner Bachelor-Arbeit, in der es um Nachhaltigkeit in der Outdoor-Bekleidungsindustrie geht. Ein sehr, sehr spannendes Thema!

Aber du produzierst doch selbst inzwischen Ski-Filme wie »Evolution of  Dreams“?
Ja schon, aber am Ende bleibt von dem kleinen Budget, das du von verschiedenen Sponsoren zusammenträgst, nicht wirklich viel übrig. Wenn man den Aufwand dem finanziellen Output gegenüberstellt, dann rentiert sich das natürlich nicht. Aber mir ging es bei meinen Filmen nie darum Gewinn zu machen und um damit Geld zu verdienen. Sondern darum, einen schönen Film zu produzieren und meine Ideen umzusetzen.

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Also ist das Filmemachen keine Option mehr für deine berufliche Zukunft?
Ich mache jetzt seit 15 Jahren immer wieder Filme und es ist teilweise ein Fulltime-Job. Und obwohl du deine ganze Zeit in das Projekt steckst, bleibt am Ende kaum etwas bis gar nichts übrig, von dem du überhaupt leben kannst. Deshalb fahren auch viele Europäer bei der FWT mit, so wie ich bis vor zwei Jahren. Hierzulande ist es der beste Weg an Sponsorendeals zu kommen bzw. den Sport professionell leben zu können, während es in Amerika ganz anders ist. Die Freerider kommen durch ihre Sponsoren, die die Fahrer bei den Filmen einkaufen, in die großen Filmproduktionen rein und können so, den Sport professionell betreiben. Von beinahe allen ist es das Ziel, irgendwann mal bei einer großen und bekannten Produktion mitzuwirken.

Hätte ich zu meiner aktiven FWT-Zeit ein Angebot bekommen von MSP oder TGR [beides sind große Produktionsfirmen von Skifilmen, Anm. d. Red.], hätte ich ganz sicher der World Tour den Rücken gekehrt, so wie bspw. auch Angel Collinson und Cody Townsend es damals getan haben, als sie ein Angebot zum Filmen bekamen. In Europa bist du ein erfolgreicher Freeride-Athlet, wenn du einen FWT-Titel hast oder vorne mitfährst, in Amerika ist der Titel ziemlich egal, dort bist du ein Superstar, wenn du in einem der großen Filme wie MSP, TGR oder Sherpas Cinema mitwirkst.  

Suchst du aktuell einen Weg aus oder innerhalb der Ski-Branche?
Ich habe das Gefühl, dass ich zusätzlich etwas anderes, etwas neues machen will, und nicht nur Skifahren oder Skifilme machen. Skifahren wird natürlich immer meine große Leidenschaft bleiben, aber ich brauche neue Herausforderungen wie bspw. mein Bachelor-Studium in der Betriebswirtschaftslehre. Es braucht mehr dazu als immer nur: »Yeah, es hat geschneit, lasst uns powdern gehen«. Ich suche nach einer neuen Aufgabe, die mir auch sehr viel Spaß macht und mich in einer anderen Richtung fordert und meinen Horizont erweitert.

Eva Walkner zu Gast auf der ISPO Munich 2020
Eva Walkner zu Gast auf der ISPO Munich 2020
Bildcredit: Messe München GmbH

Denkst du denn, es wird sich grundlegend etwas im Skisport ändern? Felix Neureuther forderte ja jüngst auf der ISPO Munich, den Fokus wieder stärker auf lokale Wettkämpfe und mehr Nachhaltigkeit zu legen?
Das stimmt ja durchaus, ist aber keine wirklich neue Erkenntnis. Ich wurde vor Jahren mal gefragt, ob ich bei einer bekannten Organisation als Ambassador einsteigen will, die sich für mehr Nachhaltigkeit in unserem Business einsetzt. Ich hab dann lange hin und her überlegt und schlussendlich abgesagt. Warum? Weil ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren könnte, dass ich einerseits als Freeride-Athlet bei der FWT mitfahre, um die halbe Welt jette und beim Heli-Skiing mit dabei bin. Um dann andererseits als Ambassador dieser Organisation den Zeigefinger zu erheben. Das passt für mich persönlich irgendwie nicht zusammen.

Was konkret passt denn nicht zusammen?
Mein CO2-Footprint ist bzw. war in der Vergangenheit mit Sicherheit überdurchschnittlich groß. So ehrlich muss ich sein und das ist mir durchaus auch bewusst. Als Freeskier, der Skifilme dreht oder die FWT mitfährt, bist du nun mal das ganze Jahr unterwegs, oft auch beim Heliskiing um deine Lines zu fahren und zu filmen und per Flugzeug dem besten Powder hinterher zu jagen. Manche Ambassadors prahlen regelrecht damit, dass sie heute in Kanada und morgen schon am anderen Ende der Welt sind – immer getreu dem Motto #skierslife und #producerlife. Klar, das ist unser Job und auch ich will mich an dieser Stelle nicht rausnehmen. Mich dann aber hinzustellen, um anderen „normalen Wintersportlern“ zu sagen, du darfst das aufgrund des Klimawandels nicht mehr machen, das war und ist für mich persönlich einfach nicht vertretbar. Zunächst will ich erst einmal bei mir selber anfangen und für mich sinnvolle Wege finden, wie ich meinen Fußabdruck verringern kann.

Du kannst nicht einen ganzen Winter mit zwei Helis am Berg filmen, einen fetten Pick-Up fahren, der dein Snow Mobile auf den Pass bringt, mal schnell für ein Shooting um die halbe Welt fliegen und dann aber als Vorbild für eine nachhaltigere Welt auftreten.

Wären dann Projekte wie die gemeinnützige POW-Initiative von Jeremy Jones für dich per se als scheinheilig zu bewerten?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt viele Ski- und Snowboard-Athleten, die es wirklich ernst meinen und auch völlig hinter den geforderten Klimaschutzzielen stehen, wie es bspw. der Filmemacher Elias Elhardt tut. POW Schweiz ist hier durchaus sehr gut aufgestellt und die nehmen dieses Thema auch wirklich ernst. Es sind aber auch viele dabei – zumindest habe ich das Gefühl – deren Leben genau das Gegenteil von nachhaltig ist. Du kannst nicht einen ganzen Winter mit zwei Helis am Berg filmen, einen fetten Pick-Up fahren, der dein Snow Mobile auf den Pass bringt, mal schnell für ein Shooting um die halbe Welt fliegen und dann aber als Vorbild für eine nachhaltigere Welt auftreten.

Wenn es darum geht, sich selbst einzuschränken und verzichten zu müssen, sind viele dazu nicht bereit bzw. wir finden auch sehr schnell Ausreden, warum wir das jetzt machen müssen bzw. es dann doch irgendwie wieder vertretbar ist. Auch ich tue mich an dieser Stelle sehr schwer, wie die meisten von uns vermutlich. Wir sollten weniger reden, sondern lieber durch Taten überzeugen. Dass man etwa einen guten Skifilm auch ohne Heli und ohne um die Welt reisen zu müssen, produzieren kann, haben schon einige Projekte unter Beweis gestellt. Max Kroneck und Jochen Mesle haben mit „Eis und Palmen“ gezeigt, dass es geht und dass so eine Art von Film sogar noch besser ankommt, als die üblichen Skifilme. Die Beiden sind selbst für mich eine große Inspiration dafür, dass es auch anders geht.

Bildcredit: Hans-Martin Kudlinski / https://www.instagram.com/hmkphotog/
Eva Walkner in ihrem Element: weißem Pulverschnee. Doch die Österreicherin blickt heute differenzierter auf die Freeride-Szene
Bildcredit: Hans-Martin Kudlinski / https://www.instagram.com/hmkphotog/

Und was machst du selbst, um deinen eigenen Footprint zu verringern oder ihn zumindest möglichst klein zu halten?
Ich bin persönlich an so einem Punkt angelangt, bei dem ich mit dieser ganzen Reiserei und mit dieser Ski-Porn Industrie einfach nicht mehr viel anfangen kann. Das ist auch mit einer jener Hauptgründe, weshalb ich nicht mehr bei der FWT mit dabei bin oder für einen Skifilm um die halbe Welt fliegen will. Schließlich habe ich doch direkt vor meiner Haustür den besten Playground überhaupt. In Österreich bzw. den Alpen gibt’s so viele Rinnen, geile Hänge, unendlich viele Möglichkeiten für Skitouren und wenn ich es will, auch Skilifte, um irgendwo hinauf zu kommen. Dann stelle ich mir einfach die Frage, warum muss ich jetzt unbedingt nach Kanada fliegen, um gute Aufnahmen zu bekommen? Aber klar, ich bin viel gereist und hab alles gesehen und alles gemacht, ich rede mich jetzt natürlich leicht.

Das macht dein Leben als Freeskierin aber noch nicht nachhaltiger!?
Nunja, ich habe für mich einen eigenen, MEINEN Weg gefunden, um einen Beitrag zu leisten. Ich will auch keinen radikalen Schnitt setzten und nie wieder in ein Flugzeug steigen. Wichtig ist für mich, ein gutes Maß zu finden, überlegter zu Handeln und viele Dinge in meinen Alltag so umzustellen, dass ein nachhaltigeres Leben schon hier vor Ort beginnt und automatisiert wird.

Ich versuche möglichst lokal und saisonal einzukaufen. So würde ich im Laden nie zu einem Apfel aus Südafrika oder zu Erdbeeren im Winter greifen. Ich habe seit bestimmt zwei Jahren so gut wie keine Plastikflasche mehr gekauft, bei Reisen habe ich immer meinen 5 Liter Hydroflask Kanister im Auto und fülle meine Trinkflasche damit auf und ich achte generell mehr auf Qualität und nachhaltig produzierte, langlebige Produkte. Ich treffe Kaufentscheidungen ganz anders und viel bewusster als noch vor zehn Jahren. Am Ende muss aber jeder für sich selbst einen Weg finden, um die Umwelt möglichst wenig zu belasten.

Einen Weg, den du scheinbar erst recht spät gefunden hast.
Mit Blick auf meine eigene Vergangenheit ist das definitiv ein Thema, das mich nun seit einigen Jahren sehr intensiv beschäftigt. So gesehen habe ich als aktive Profi-Athletin mit unserer Umwelt viel Schindluder getrieben und manchmal auch ein ziemlich schlechtes Gewissen. Gerade deshalb würde ich mich auch nicht hinstellen und anderen Menschen etwas verbieten oder zumindest in gewisser Weise die Moralkeule schwingen. Viel wichtiger ist es doch, uns nicht immer nur die Welt so zu richten, wie wir sie gerne hätten. Wir leben im totalen Überkonsum.

Wir brauchen mehr Strom: kein Problem, wir roden die Wälder, zerstören damit den Lebensraum der Tiere und bauen einfach ein paar neue 380 KV Leitungen - bei uns in Salzburg ein aktuelles Thema - wir brauchen schnelleres Internet, wir brauchen mehr und noch modernere Skilifte, wir brauchen mehr Kollektionen pro Jahr, und so weiter. Allein Zara bringt 24 Kollektionen pro Jahr in die Läden. Aber braucht bzw. will der Konsument das wirklich?

Es geht heutzutage immer nur um das Mehr und wie wir unser Leben noch bequemer und schöner gestalten können. Unternehmen sind dazu angehalten, immer mehr zu wachsen. Aber ist dieser Gedanke auch nachhaltig? Wir Konsumenten müssen umdenken und in unseren Kaufentscheidungen bewusster werden und handeln. Der Overshoot Day in Österreich war 2019 am 9. April, wir Österreicher haben bereits Anfang April die Ressourcen, die uns die Erde zur Verfügung stellt, aufgebraucht. In den 70ern war der Weltüberlastungstag in Österreich im Dezember. Mehr denn je ist die Zeit längst reif, uns an diese Welt anzupassen und nicht umgekehrt. 

Bildcredit: Hans-Martin Kudlinski / https://www.instagram.com/hmkphotog/

Alle Action-Pics kommen von Hans-Martin Kudlinski. Folgt ihm auf Instagram