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Standpunkte

Priorisierung statt Verzicht: Yoga-Profi Sinah Diepold über Nachhaltigkeit

  • Lisa Amenda
  • 28. September 2020

Sinah Diepold ist Yogalehrerin und Gründerin – und sie beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit. Wie man ein nachhaltigeres Leben führt, was das mit Selbstliebe zu tun hat und warum sich Nachhaltigkeit und Yoga so gut verstehen, darüber hat unsere Gastautorin Lisa Amenda mit ihr gesprochen. Von der anfänglichen Frage „Muss ich mir jetzt alles verbieten?“ bis hin zu ihrem jetzigen Verständnis von Nachhaltigkeit gibt die Münchnerin tiefe Einblick in ihre Nachhaltigkeits-Reise.


Das mit der Nachhaltigkeit ist ja oft so eine Sache. Will man ehrlich sein Leben nachhaltiger ausrichten, wird man direkt als weltfremder Öko mit Dreadlocks, Birkenstocks und Hanfshirt abgetan. Oder als hafermilchtrinkender Auf-den-Zug-Aufspringer, weil das »macht man ja jetzt so«. Klar Hafermilch, Birkenstocks und Hanf-Shirts sind in der Masse der Gesellschaft angekommen. Zumindest in München. Alle drei Sachen stehen auch in meinem Kleider- bzw. Kühlschrank. Aber ist das jetzt schon Nachhaltigkeit oder einfach nur gerade Trend?

Mit dem Thema an sich beschäftige ich mich schon eine ganze Weile, also Nachhaltigkeit. Und das vor allem in Bezug auf den Outdoorsport. Jetzt war es an der Zeit aus meiner Outdoorsport-Blase zu kriechen und mich mit jemandem über das Thema auszutauschen, der von einem ganz anderen Hintergrund kommt.

Sinah Diepold. Yogalehrerin, Podcasterin, Autorin und Model mit eigenem BodyMindTherapy Studio in München. Wir treffen uns an einem Dienstagnachmittag, erst zum Gespräch und anschließend zum Outdoor-Yoga in Münchens größtem Park: dem Englischen Garten.

Diesen 9 Nachhaltigkeits-Vorbildern solltest du folgen (Teil 1)

Diesen 9 Nachhaltigkeits-Vorbildern solltest du folgen (Teil 2)

Sinah Diepold: "Für mich ist Nachhaltigkeit, dass ich bewusste Entscheidungen treffe, wie ich am langfristigsten mit dieser Welt zusammen leben kann und versuche möglichst wenig Ressourcen zu verschwenden.«
Bildcredit: Susanne Schramke

Wie fängt das mit dem nachhaltigeren Leben an?

Auch Sinah hat vor ein paar Jahren angefangen, sich über das Thema Nachhaltigkeit Gedanken zu machen. Auslöser war eine Reise nach Kapstadt. Die Yogalehrerin war vor zwei Jahren für die Modelsaison in Südafrika. Als sie mit ihrem Freund in Kapstadt angekommen ist, hatte die Bevölkerung mit Wasserknappheit zu kämpfen und war bereits kurz vor Day Zero, heißt: Der Tag an dem kein fließendes Wasser mehr verfügbar sein wird. »Dieses Gefühl, ich kann kein Wasser mehr kaufen, hat mich wirklich tief erschüttert«, erzählt Sinah in unserem Gespräch in ihrem Studio Kale&Cake.

»Ich habe dazu dann einen Post auf meinen Social Media Kanälen verfasst und da war für mich plötzlich ein Gefühl der Befreiung, dass ich endlich für das einstehe, was eigentlich in mir war. Wo ich mich aber vorher nicht getraut habe, weil man sich schuldig gefühlt hat und man weiß, man verhält sich nicht korrekt. Doch diesen Moment habe ich als so positiv empfunden, dass ich danach für mich entschieden habe, das möchte ich jetzt mehr in mein Leben integrieren.« Im Anschluss hat Sinah angefangen sich mit den unterschiedlichsten Facetten von Nachhaltigkeit auseinander zu setzen: Plastikverbrauch, Reisen, Lebensmittel etc.

»Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr bin ich dann erstmal in eine Phase gefallen, in der ich mir alles verboten habe«, erzählt Sinah weiter. Das ist wahrscheinlich auch der Punkt, vor dem viele Angst haben? Oder dann direkt sagen: »Ich will gar nicht genau wissen, woher mein Fleisch kommt.« Augen zu und weitermachen ist oft der leichtere Weg, gerade wenn man mit der Nachhaltigkeit anfängt.

Die Mitte ist die Lösung

Doch wie bei vielem, ist auch bei der Nachhaltigkeit die Mitte die Lösung. Das habe ich an mir selbst schon oft genug gemerkt. Auch ich hatte Phasen, in denen es mir wie Sinah ging und ich alles und jeden hinterfragt habe. Die Fahrt mit dem Auto, Skifahren, Mountainbiken. Ich war mir nicht mehr sicher, was ich noch darf, wenn ich doch für Nachhaltigkeit einstehen will. Mein Leben wollte ich mir auch nicht gänzlich verbieten. Aber was ist die nachhaltigste Alternative?

»Dass wir keine Kinder kriegen, vegan leben und plastikfrei. Nicht reisen, nur mit dem Fahrrad fahren. Wenn das jemandem entspricht, hey go for it, viel Spaß«, bestätigt Sinah meinen Gedankengang. »Und da habe ich den krassesten Respekt davor. Aber das geht nicht für alle. Und so ist für mich Nachhaltigkeit, dass ich bewusste Entscheidungen treffe, wie ich am langfristigsten mit dieser Welt zusammen leben kann und versuche möglichst wenig Ressourcen zu verschwenden.«

Hat dann Nachhaltigkeit nicht automatisch mit Verzicht zu tun? »Nein, finde ich nämlich überhaupt nicht. Sondern mit Priorisierung. Und Qualität. Weil es nicht mehr diese Wegwerf-Gesellschaft ist. Warum konsumiere ich Dinge, die schlechte Qualität haben, die keine Story haben, keine Substanz? Ich möchte doch auch selbst nicht als Wegwerf-Produkt gesehen werden«, erklärt Sinah.

Sophia Thora und Sinah Diepold haben gemeinsam das Yoga-Studio Kale&Cake eröffnet.
Bildcredit: Susanne Schramke

Ein Unternehmen gründen – und zwar nachhaltig

Das lebt Sinah nicht nur in ihrem Alltag, indem sie viel in ihrem Haushalt verändert hat und zum Beispiel auf kleine Dinge wie Küchenrolle verzichtet, viel mit dem Rad fährt, Fast Fashion und Palmöl boykottiert, regelmäßig spendet und vor allem in Bio-Supermärkten einkauft. Dieses Bewusstsein wollte sie auch in ihrem BodyMindTherapy Studio Kale&Cake, das sie gemeinsam mit Sophia Thora führt, einbringen.

»Sophia und ich haben vier Säulen auf denen wir Kale&Cake aufbauen und eine Säule davon ist Nachhaltigkeit. Dazu gehören Entscheidungen wie, wo kommt das Klopapier her, aber wir haben auch Pflanzen im Studio und keine hinduistischen Götter, weil Kale&Cake Mutter Natur verschrieben ist.«

Und tatsächlich wirkt das Studio nicht wie das Klischee eines Yogastudios. Die obligatorische goldene Lebensblume an der Wand fehlt, auch kleine Buddhafiguren oder andere Gottheiten. Dafür viele Grünpflanzen, viel Holz und eine cleane, aber gemütliche Atmosphäre. Selbst die Garderobe, die durch einen Vorhang vom Eingangsbereich abgetrennt ist und in der wir gerade sitzen, versprüht diese Behaglichkeit.

Um sich an eine nachhaltige Unternehmensführung heranzutasten, versuchen Sinah und Sophia auch die unterschiedlichsten Methoden: »Wir spenden 5% unseres Teacher Trainings an Cool Earth, wir haben jeden Monat ein Charity Event, Greenpeace-Strom und als wir noch Tee ausschenken durften haben wir in unserem Tribe dazu aufgerufen, angebrochene Tees mitzubringen, die sie nicht mehr brauchen. Das ist vielleicht marginal sehr klein, es inspiriert dann aber Leute umzudenken. Und natürlich bringen wir es auch immer wieder in unsere Yogastunden ein.«

Einer der Tipps für ein nachhaltigeres Leben: Gehe in die Natur! Denn was wir lieben, wollen wir schützen.
Bildcredit: Susanne Schramke

Yoga und Nachhaltigkeit

Ehrlich gesagt war das auch mein persönlicher Grund, mich bei Kale&Cake zu meinem Yoga Teacher Training anzumelden. Erstens wusste ich, dass fünf Prozent meiner Kursgebühr gespendet werden und dass Sinah und Sophia dieses Thema enorm wichtig ist. Ich wollte nicht nur in ein klassisches Studio, ich wollte einen modernen Ansatz, Aktualität. Nicht nur in Bezug auf die Asana-Praxis, auch im Hinblick auf philosophische Themen.

Denn Yoga ist neben dem Outdoorsport aus meiner Sicht ein perfektes Medium, um mehr Bewusstsein für nachhaltige Themen zu bekommen. „Absolut. Wir haben bei Kale&Cake die Philosophie, dass es in unserem Leben drei wichtige Beziehungen gibt: Die Beziehung zu uns selbst, zu anderen Menschen und Lebewesen und die Beziehung zu Mutter Natur. Das heißt, Yoga zu praktizieren, nach innen zu horchen, ist wichtig, um wieder zu erkennen, dass wir Natur sind“, bestätigt mich Sinah. „Wenn ich ernsthaft Yoga praktiziere, komme ich wieder in Kontakt mit mir. Und dann spüre ich auch, was mir nicht gut tut. Denn wo fühlen wir uns wirklich geil? Wenn wir auf dem Berg stehen und einmal tief durchatmen. Wenn ich durch den Wald spazieren gehe. Wenn ich mit einem Tier spiele oder einem Kind. Das sind Momente, in denen wir mit der Natur wieder verbunden sind und plötzlich geht’s uns wieder gut.“

Deswegen lassen wir dann auch das Yogastudio Yogastudio sein. Nehmen unsere Matten und machen einen Spaziergang in den Englischen Garten. Unweit der Eisbachwelle beim Kiosk Fräulein Grüneis warten bereits knapp 25 weitere Yogis. Wir rollen unsere Matten auf einer lange nicht gemähten Wiese aus. Ab und zu hört man noch die Tram. Die letzten Sonnenstrahlen dieses Nachmittags scheinen uns ins Gesicht.

Sinah lädt uns in der Anfangsmeditation ein, über unsere Beziehung zur Natur nachzudenken. Ein Regenwurm versucht, die drei Millimeter Naturkautschuk meiner Matte zu erklimmen. Der Herbstwind streicht über das satte Grün. Und im Anschluss liegen wir einfach nur da. In unserem Savasana, der Schlussentspannung, mit Blick in die goldenen Blätter der Baumkronen. Die Stadt bleibt hinter dem Park zurück. Und wir sind einfach nur da. Bei uns. Und der Natur.

Sinahs 5 Tipps für ein nachhaltigeres Leben

  1. Verbinde dich mit dir selbst. Wir müssen wieder lernen, dass wir Natur sind.
  2. In die Natur gehen. Was wir lieben, wollen wir schützen.
  3. Sei ein Rebell. Wir sollten anfangen zu hinterfragen und so wieder Verantwortung für unser Leben zu übernehmen.
  4. Selbstliebe. Wenn wir uns selbst lieben, müssen wir nicht immer die neuesten Teile kaufen.
  5. Gesetz des Gebens. Wenn wir zwei Euro für ein T-Shirt bezahlen, wer zahlt dann den wirklichen Preis dafür?