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Es ist für den Alpensport sehr wichtig, dass wir die Treibhausgas-Emissionen reduzieren

Wo bleibt der Schnee? Das Klima ändert sich, die Gletscher schmelzen – gleichzeitig blicken wir auf zwei prächtige Alpenwinter zurück. Klimaforscher Dr. Marc Olefs erklärt im Interview, wie sich die Winter durch den Klimawandel verändern. Und was das für den Outdoor-Sport in den Alpen bedeutet  


In den letzten Saisons haben wir als Bergsportler richtig gute Winter mit viel Tiefschnee erlebt. Mal ganz salopp gefragt: Bedeutet der Klimawandel für die Alpen mehr Powder-Tage?

Die Klimamodelle zeigen tatsächlich, dass wir bei ungebremsten Treibhausgasemissionen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine Zunahme des Winterniederschlags von rund 20 Prozent erwarten. Aber das gilt erst für das Ende des Jahrhunderts, also für die Periode 2070 bis 2100.

Immerhin. Unsere Enkel können in den Bergen also wieder mehr Schnee erwarten.  

Für einzelne Powderevents in hohen Lagen vielleicht schon, insgesamt aber nicht. Denn gleichzeitig zu dem Mehr an Niederschlag kommt die fortschreitende Temperaturerhöhung – und das Mehr an Niederschlag kann dann selbst in höheren Lagen den Temperaturanstieg nicht kompensieren. 

Warum ist es so schwer vorherzusagen, wie sich der Klimawandel auf die Alpen auswirken wird?

Die Forschung macht keine exakten Vorhersagen, sondern Klimaprojektionen – weil wir sehr viele Unsicherheiten in der Zukunft berücksichtigen müssen. Zum Beispiel die Entwicklung der Bevölkerung. Neben diesen Unsicherheiten spielen zwei Dinge eine wichtige Rolle: Zeitraum und Parameter. Was den Zeitraum angeht, dominieren gerade in den Alpen für die nächsten zehn bis dreißig Jahre die natürlichen Schwankungen gegenüber dem menschengemachten Klimawandel – der Einfluss des Menschen wird erst über Perioden von dreißig Jahren und darüber hinaus die Veränderungen der Temperatur dominieren. Und damit auch die Veränderung der Schneedecke. Alles, was temperaturabhängig ist, also Hitze, Verdunstung und so weiter, können wir sehr gut berechnen, damit können die Klimamodelle gut umgehen. Aber bei den Parametern wie Niederschlag oder gar Bewölkung und Wind wird es richtig schwierig – da sind Berechnungen komplexer und die Aussagen deutlich unsicherer.  

Marc Olefs, Forscher am ZAMG
Dr. Marc Olefs ist Leiter der Abteilung für Klimaforschung am ZAMG – der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Österreich, die auch bekannt ist für Wetterberatungen von Expeditionen auf der ganzen Welt 
Bildcredit: Julia Rotter

Sind die Schneemengen, die wir und unsere Elterngeneration noch aus der Kindheit in Erinnerung haben, eine Verklärung der Vergangenheit – oder gibt es statistisch gesehen wirklich weniger Schnee?

In den 1960er- und 1970er-Jahren gab es zahlreiche schneereichere Winter, das sehen wir in den Messdaten. Das waren natürliche Schwankungen. Ausreißer nach oben. Dazu kommt aber auch, dass wir heute bereits Effekte der Klimaerwärmung spüren, vor allem in tieferen und mittleren Lagen. Wenn man sich die Entwicklung seit den 1950er-Jahren ansieht, sehen wir tatsächlich eine langfristige Abnahme der Schneedecke.

Warum fällt es den Menschen so schwer, zwischen Wetter und Klima zu unterscheiden?

Das, was wir tagtäglich spüren, wenn wir rausgehen, das ist Wetter. Es gibt saisonale Temperaturschwankungen, zum Beispiel von einem Winter zum nächsten, die liegen bei bis zu acht Grad. Verglichen damit beträgt die menschengemachte Klimaerwärmung nur 0,3 Grad pro Jahrzehnt. Deswegen ist für manche das Klima beziehungsweise die Klimaveränderung nur dann spürbar, wenn sie sich mit natürlichen Schwankungen wie Hitzewellen im Sommer überlagert, die es aber schon immer gegeben hat.

Lawinenunglücke wie in Galtür sind Ereignisse, die erst mal nichts mit der Klimaerwärmung zu tun haben – solche Extreme hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben und wird es auch in Zukunft geben 

Wird der Klimawandel in den Alpen eine Zunahme an extremen Wetterereignissen bringen?

Wenn wir über extreme Wetterereignisse sprechen, müssen wir unterscheiden. Was kleinräumige, lokale Ereignisse angeht, beispielsweise Gewitter und Hagel, haben wir eine klare Annahme: Je stärker die Treibhausemissionen werden, desto heftiger werden kleinräumige Unwetter. Wenn man sich die großflächigen Niederschläge anschaut, die im Zusammenhang mit Tiefdruckgebieten stehen, dann können wir noch keine klaren Aussagen darüber treffen, wie sich diese in Zukunft verändern werden.

Viele Klimawandel-Skeptiker sagen, dass es Extremereignisse wie den Lawinenwinter in Galtür 1999 auch schon früher gegeben hat. Ist also alles normal?

Das hat erst mal nichts mit Skepsis gegenüber dem menschengemachten Klimawandel zu tun: Unglücke wie in Galtür sind Ereignisse, die durch extreme Wettersituationen entstehen. Solche Extreme gab es in der Vergangenheit und kann es auch in Zukunft geben. Damals im Februar 1999 kam eine sehr ungünstige Konstellation aus schneebringenden und teils stürmischen Wetterlagen zusammen – mit einer dreifachen Niederschlagsmenge verglichen zum Klimamittel. Also enorme Schneemassen in sehr kurzer Zeit. Und das hat erst mal nichts mit der Klimaerwärmung zu tun und widerspricht ihr auch nicht. Aber: Es gibt Anzeichen dafür, dass sich einmal eingestellte Wetterlagen in Zukunft über einen längeren Zeitraum halten und solche ungünstigen Wetterereignisse begünstigen können. Auf diesem Gebiet gibt es aber noch viel Forschungsbedarf.

Klimaforscher Marc Olefs in Wien
Daten vom Dach: Laut Marc Olefs dominieren in den Alpen für die nächsten zehn bis dreißig Jahre die natürlichen Schwankungen gegenüber dem menschengemachten Klimawandel  
Bildcredit: Julia Rotter
Marc Olefs auf dem Dach der ZAMG
Bildcredit: Julia Rotter

Lässt sich also nicht sagen, dass extreme Wetterereignisse durch den Menschen verursacht werden?

Derzeit werden sie durch den Menschen vor allem verschärft – zum Beispiel sommerliche Hitzewellen. In Zukunft könnten manche davon aber wirklich zusätzlich vom Menschen verursacht werden, zum Beispiel mehr und stärkere kleinräumige Unwetter. Für länger anhaltende Wetterlagen gibt es bisher nur Anzeichen. Das hängt mit dem Jetstream zusammen, dem Starkwindband, das die nördliche Halbkugel in mehr als acht Kilometer Höhe umschließt. Wir wissen, dass der Jetstream schwächer geworden ist, weil der Temperaturunterschied zwischen der Arktis und den mittleren Breiten schrumpft, da sich die Arktis schneller erwärmt als die mittleren Breiten. Dieser Temperaturunterschied ist jedoch der Treibstoff für den Jetstream. Wenn der Jetstream langsamer wird, können sich Wetterlagen festsetzen und länger an Ort und Stelle bleiben. Wie gesagt: Dafür gibt es bisher nur Anzeichen, keine gesicherte Beweislage – und auch keine Einigkeit in der Wissenschaft.

Trotzdem ist es auf Wetterblogs derzeit populär, das Winterwetter mit dem labilen Jetstream zu erklären. Welchen Einfluss hat der Jetstream wirklich auf unsere Winter?

Wenn der Jetstream langsamer wird, tendiert er dazu, stärkere Mäander zu schlagen, er schlingert, wie die Kurven eines Flusses in einem natürlichen Flussbett. Dadurch blockiert sich der ganze Jetstream, was dazu führt, dass Wetterlagen hängen bleiben können...

Der Sommertourismus kann vom Klimawandel profitieren. Die Alpen werden eine attraktivere Alternative zum immer heißeren Mittelmeerraum

... und es kommt zu langen Kälteperioden mit viel Niederschlag so wie letzten Winter,  auch wenn es global gesehen deutlich wärmer wird?

Je nach Lage können dann sehr warme Luftmassen aus dem Süden nach Norden gelangen und sehr kalte arktische Luftmassen in den Süden. Das heißt, auch eine milde und trockene Winterperiode ist möglich. Das widerspricht dem auch nicht, dass langfristig die Winter wärmer werden, weil das Phänomene sind, die auf zwei, maximal drei Wochen und auch räumlich beschränkt sind. Die gemittelte Wintertemperatur kann trotzdem ansteigen. Wetter und Klima werden variabler.  

Wie im letzten Winter, der im Januar in den Alpen sehr kalt und schneereich war, insgesamt aber auch überdurchschnittlich mild?   

Der Januar 2019 war so eine Situation, von der wir ausgehen, dass sie häufiger vorkommen könnte. Zwischen Ende Dezember und Mitte Januar führte 15 bis 16 Tage lang eine Nordstaulage mit kalter Luft vom Norden an der Alpennordseite zu extremen Neuschneemengen. So ein Ereignis kommt eigentlich nur alle 30 bis 100 Jahre vor, also ein durchaus extremes Ereignis. Das ist einerseits eine natürliche Schwankung – aber auch eine Wetterlage, die mit dem schwachen Jetstream öfter vorkommen könnte.

Schwankungen als neue Konstante: Beim ZAMG gehen die Forscher davon aus, dass in den Wintern der Zukunft die Schneedecke stärker variieren wird
Bildcredit: Robert Pupeter

Kurz darauf wurde es sehr mild. Die Powder-Tage waren zumindest in mittleren Lagen wieder vorbei. Müssen wir in zukünftigen Wintern mit diesen extremen Schwankungen rechnen – viel Schnee, dann wieder starke Temperaturanstiege? Wird die Planung von Outdoor-Unternehmungen dadurch komplizierter?

Ja. Wir müssen damit rechnen, dass in den Wintern der Zukunft die Schwankungen der Schneedecke zunehmen. Allein, weil durch die Erwärmung in tiefen und mittleren Langen häufiger schneeärmere Phasen im Winter eintreten werden. Hinzu kommt aber eine Tendenz zu länger andauernden Wetterlagen, mit langen Wärmeperioden oder einzelnen Schneefallereignissen wie letzten Januar, die eine ganze Saison prägen können.

Wenn die natürlichen Schwankungen so groß sind und es sie schon immer gab: Sind wir Menschen dann überhaupt schuld an der Klimaerwärmung?

Ja, ganz eindeutig. Wir beobachten im Alpenraum seit dem Beginn der Industrialisierung einen Temperaturanstieg von zwei Grad. Wir wissen, weltweit gesehen, dass die Temperaturveränderung seit 1950 zu mehr als der Hälfte rein durch den Menschen verursacht ist. Wenn wir nur die letzten 20 bis 30 Jahre anschauen, sind 80 bis 90 Prozent vom Menschen verursacht. 

Bei ungebremsten Treibhausgasemissionen erwarten wir einen Rückgang der natürlichen Schneedecke von 80 bis 90 Prozent in tieferen Lagen bis zum Ende des Jahrhunderts

Der aktuelle Winter begann mit extremen Niederschlägen für die Südalpen und Osttirol, statistisch eher trockeneren Regionen der Alpen. Der Arlberg und andere typische Schneelöcher hingegen hatten kaum Niederschläge. Muss die Karte der »Schneelöcher« in Zukunft neu aufgesetzt werden?

Nein, die großen Unterschiede im Schneefall bilden sich vor allem durch die Topographie, also durch die Höhe und Form der Berge. Die bestimmt, wo Staulagen entstehen können. Diese groben Unterschiede wird es auch in Zukunft geben.

Tiefdruckgebiete über dem Mittelmeer sind wichtige Schneebringer für die Südalpen. Allerdings erwärmt sich der Mittelmeerraum derzeit im globalen Vergleich 20 Prozent schneller. Welche Auswirkungen hat das auf die Winter in den Südalpen?  

Die Erwärmung des Mittelmeers wird derzeit vermutlich durch den sich zurückziehenden Jetstream kompensiert: Der mehr im Norden liegende Jetstream müsste zu einer Abnahme der Tiefdruckgebiete über dem Mittelmeer führen. Was jedoch durch ein wärmeres Mittelmeer kompensiert wird – das wiederum für mehr entstehende Tiefdruckgebiete sorgt. Kommt es auch in nächster Zeit zu keiner signifikanten Abnahme der Mittelmeertiefs, ändert das erst mal auch nicht so sehr die Schneemengen in höheren Lagen des Südens. In Osttirol oder Kärnten in Höhen unterhalb circa 1500 Meter Seehöhe sehen wir aufgrund der fortschreitenden Erwärmung aber langfristig eine Abnahme der Schneehöhe. In höheren Lagen hingegen, beispielsweise auf der Villacher Alpe in Kärnten auf 2000 Metern, sehen wir sogar eine leichte Zunahme der Schneehöhe, weil die Mittelmeertiefs in den letzten 20 Jahren wieder leicht zugenommen haben. Bei den Auswirkungen der Mittelmeertiefs auf die Schneemengen in den südlichen Alpen muss man also noch stärker nach Höhenlagen differenzieren.

Klimaforscher Marc Olefs
Die natürliche Schneedecke kann in tieferen Lagen der Alpen bis Ende des Jahrhunderts um 80 bis 90 Prozent zurückgehen, prognostiziert Klimaforscher Mark Olefs – wenn wir die Emission von Treibhausgasen nicht bremsen
Bildcredit: Julia Rotter

Wie sieht in 30 Jahren der Wintersport in den Alpen aus? Werden wir 2050 noch in tiefen und mittleren Lagen Skifahren können? 

Dort, wo es nur Naturschnee gibt, rechnen wir mit einer Abnahme der Schneemengen. Auf Skipisten kann man mit technischer Beschneiung bis zur Mitte des Jahrhunderts ganz gut dagegen halten. Aber auch die technische Beschneiung leidet unter der Klimaerwärmung, sie ist abhängig von der Lufttemperatur. Die Zeitfenster, in denen Beschneiung möglich ist, werden kürzer, die Aufrechterhaltung des Skibetriebs somit kostenintensiver.

Was kommt in den Alpen im Sommer auf uns zu?

Als extremste Entwicklung kommt es zu einem Anstieg an kleinräumigen Unwettern, die bei ungebremsten Treibhausgasemissionen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts weiter zunehmen werden, weil die Luftschichtung labiler wird. Außerdem wird die Anzahl der Hitzetage deutlich zunehmen. Aufgrund der erhöhten Temperatur erwarten wir auch eine stärkere Verdunstungsrate, Böden trocknen schneller und länger aus. Das ist problematisch für die Landwirtschaft. Wir gehen davon aus, dass bei ungebremsten Treibhausgasemissionen ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Dürreereignisse, die derzeit alle 20 Jahre passieren, bereits alle fünf Jahre auftreten.

Es ist daher für den Alpensport sehr wichtig, dass das Pariser Klimaabkommen realisiert wird

Gibt es auch etwas Positives am Klimawandel für den Alpenraum?

Der Sommertourismus kann vom Klimawandel profitieren. Die Alpen werden eine attraktivere Alternative zum immer heißeren Mittelmeerraum.

Sie haben viel von »ungebremsten Treibhausgasemissionen« gesprochen. Was passiert denn in den Alpen, wenn wir diese Emissionen bremsen können?

Das kann man gut am Beispiel Schnee veranschaulichen: Bei ungebremsten Treibhausgasemissionen erwarten wir einen Rückgang der natürlichen Schneedecke von 80 bis 90 Prozent in tieferen Lagen bis zum Ende des Jahrhunderts. Wenn wir das Pariser Abkommen umsetzen, dann könnten wir diese Abnahmen auf die Hälfte reduzieren. Es ist daher für den Alpensport sehr wichtig, dass das Pariser Klimaabkommen realisiert wird.