Direkt zum Inhalt
Schöner Scheitern

100 Kilometer in 24 Stunden – Wenn Wandern zur Grenzerfahrung wird

  • Silvia Koch
  • 29. August 2019

Mein Alltag besteht neben der Arbeit meistens aus Sport. Ich gehe viel laufen, am Wochenende gerne wandern. Und dennoch brachte mich der Mammutmarsch in München an meine Grenzen. 100 Kilometer sollten in 24 Stunden zurückgelegt werden. Von Krailling bis an die Spitze des Starnberger Sees, einmal um ihn herum und wieder zurück. Das Wetter spielte mit, meine körperlichen Voraussetzungen waren gut. Dachte ich zumindest. Erfahrt hier, wie mein erster Mammutmarsch endete. 


Mein täglicher Bewegungsdrang ist das, was meinen Alltag gestaltet und meine Persönlichkeit ausmacht. Unausgeschlafen 25 Kilometer joggen ist für mich kein Problem. Wandern, schwimmen, laufen, Kraftsport – das ist die Umschreibung meiner Freizeit, nur so kann ich wirklich abschalten. An vielen Hindernisläufen und Halbmarathons habe ich bereits erfolgreich teilgenommen. Doch der Mammutmarsch 2019 in München hat mich an meine psychischen Grenzen gebracht.

100 Kilometer sollten in 24 Stunden zurückgelegt werden. Der durchschnittliche Läufer joggt in einer Geschwindigkeit von etwa 10 km/h. Ein Wanderer ist zirka halb so schnell unterwegs. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5 km/h wäre man beim Mammutmarsch also nach 22 Stunden am Ziel. So weit so gut. Schon drei Tage vor dem Marsch hatte ich ein mulmiges Gefühl, das ich von mir nicht kannte. Es war nicht die Herausforderung, die mir Sorgen bereitete. Es war mehr die Tatsache, dass ich nicht wusste, was auf mich zukommen würde. 100 Kilometer hatte ich zu Fuß noch nie zurückgelegt. Ein 50 Kilometer-Probe-Marsch wenige Wochen vorher hatten mir einen Vorgeschmack auf das gegeben, was mich erwarten würde.

2.500 Teilnehmer gingen 2019 in München an den Start. 
Bildcredit: Mammutmarsch UG

Der härteste Marsch unseres Lebens

Am 27. Juli um 15:45 Uhr startete unsere Gruppe und ich rechnete mir aus, dass wir bei einer Marschdauer von 22 Stunden etwa um 13:45 am Folgetag den 100. Kilometer zurücklegen und im Ziel einlaufen würden. Der Startpunkt war ein Sportverein in Krailling nahe München. Die Route sollte einmal bis an das unterste Ende des Starnberger Sees, einmal um ihn herum und wieder zurück zum Ausgangspunkt führen. An diesem Samstag war ich sehr nervös. Das gewohnte Getümmel am Start und die vorauslaufenden Trommler sorgten dennoch für eine ausgelassene Stimmung. Dann war es endlich so weit: Meine zwei Freundinnen und ich starteten den wohl härtesten Marsch unseres Lebens. Erst fand ich es komisch, mit meinem Rucksack bewaffnet über die Startlinie zu spazieren. Immerhin war ich es gewöhnt beim Startschuss mit 100 Prozent Power und Tempo loszulaufen.

Doch nach zehn Kilometern wich das Fremdeln einem anderen, willkommeneren Gefühl: Ich hatte Spaß. Knapp 2.500 Teilnehmer waren in München gestartet. Diese gigantische Wandergruppe erzeugte eine einmalige Atmosphäre. Die ersten vier Stunden plauderten wir noch über alles, was uns einfiel. Männer, Familie, das Arbeitsleben – kein Thema kam zu kurz. Nach 25 Kilometern erreichten wir den ersten Streckenposten. Meinen Füßen ging es zu diesem Zeitpunkt noch gut. Auch meine Knie, Sprunggelenke, Muskeln, Schultern machten noch keine Probleme. Etwas ruhiger, aber gut gelaunt machten wir uns nach einer kurzen Pause wieder auf den Weg. Gegen 20 Uhr erreichten wir die Isartrails und nur kurze Zeit später wurde der Weg vor uns und hinter uns durch viele Stirnlampen erleuchtet.

Die Route führte uns durch die bayerische Landschaft im Umland von München. 
Bildcredit: Mammutmarsch UG

Warum mache ich das eigentlich?

Das Gefühl war unbeschreiblich. In der Gruppe mit nur einem Ziel vor Augen marschierten wir weiter. Ich merkte, dass die Gespräche um uns herum verebbten. Während am frühen Abend eine Gruppe hinter uns noch munter über den Genuss einer frischen Lasagne gewitzelt hatte, so waren die Gespräche jetzt deutlich ruhiger. Wenn überhaupt gesprochen wurde. Gegen 23 Uhr erreichten wir den nächsten Streckenposten. Ein Shuttle-Bus stand von den Organisatoren bereit. Die ersten Teilnehmer gaben auf. Wir wurden mit Gummibärchen, Bananen, Wasser und frischen Tapes für Knie und Gelenke versorgt. Besonders irritierend: Essiggurken waren ebenfalls im Repertoire. Essiggurken enthalten nämlich Natrium und Kalium, also Elektrolyte, die der Körper beim Schwitzen verliert, erklärte mir meine Freundin. Der freiwillige Helfer, der das eingelegte Gemüse verteilte, rief munter in die Menge: „Immer daran denken Leute; Sport macht Spaß!“ Trotz eintretender Erschöpfung schenkte ich ihm ein müdes Lächeln. Nachdem wir unsere Schuhe für einen Moment ausgezogen und das Ausmaß der gelaufenen Blasen begutachtet hatten, ging es auch schon weiter. Mittlerweile war es mitten in der Nacht. Um Mitternacht sangen wir einem Freund ein kurzes Happy Birthday. Da tauchte zum ersten Mal die Frage in meinem Kopf auf: Warum mache ich das eigentlich? Ein Kumpel feierte an eben jenem Samstag in seinen 27. Geburtstag und was tat ich? Nun, ich war wandern.

Das Gefühl während der Wanderung war unbeschreiblich. Das Gruppenfoto vor dem Start lässt die Atmosphäre erahnen. 
Bildcredit: Mammutmarsch UG

Jeder Schritt wie Folter: Ein Anflug von Panik

Wir erreichten den Starnberger See. Die Route führte uns an diversen Bars vorbei, in denen offenbar ausgiebig gefeiert wurde. Hätte ich mit ihnen tauschen wollen? Nein, auf gar keinen Fall. Denn dieser Marsch war etwas Besonderes, das Gefühl so einmalig, dass es einem fast magisch vorkam. Kilometer und Stunden vergingen. Wir erreichten ein dunkles Waldstück. Ab diesem Zeitpunkt merkte ich, dass meine Füße anfingen wund zu werden. Ich bekam einen leichten Anflug von Panik. Ich wollte den Marsch doch unbedingt bewältigen. Seit Monaten hatten wir darauf hingefiebert. Je mehr Sorgen ich mir machte zu versagen, desto stärker wurden meine Schmerzen. Bisher hatten wir auf der Strecke in regelmäßigen Abständen Rettungssanitäter und freiwillige Helfer gesehen. Doch dieses Waldstück schien schier endlos zu sein.

Auch wenn wir es bei den drückenden, schwülen Temperaturen vom Nachmittag nicht für möglich gehalten hätten: Mittlerweile hatten wir alle unsere Jacken angezogen. Es hatte deutlich abgekühlt. Nach etwa 45 Kilometern merkte ich, wie zwei Blasen an meinem linken Fuß aufplatzen. Daraufhin war das Gehen für mich kaum noch zu ertragen. Ich begann zu rechnen: „In fünf Stunden geht die Sonne auf. Dann hast du bestimmt das Schlimmste hinter dir.“ Das versuchte ich mir immer wieder einzureden. Doch es hatte keinen Zweck. Ich merkte, wie mein Tempo immer langsamer wurde. Die Bewegung war für mich nur noch Folter. Ich biss mir auf die Unterlippe und schluckte meine Tränen herunter. Hatte ich doch die falschen Schuhe an? War ich nicht ausreichend vorbereitet gewesen?

Die Medaille vor Augen. Trotzdem besiegte mein Geist meinen Körper und ich gab bei der Hälfte der Strecke auf. 
Bildcredit: Mammutmarsch UG

Der Abbruch

Die Entscheidung zum Abbruch fällte ich von der einen auf die andere Sekunde. Ich hatte Schmerzen und Angst, ich könnte meinem Körper langfristig schaden. Also humpelte ich neben meinen Freundinnen her, bis uns ein roter Truck ins Auge fiel, den wir zuvor schon einige Male gesehen hatte. Der Fahrer gehörte zu einer Teilnehmergruppe aus Basel. Er fuhr seinen Freunden sozusagen hinterher und sammelte die ein, die nicht mehr konnten. Sie erklärten sich bereit, mich mitzunehmen. Mittlerweile waren wir fast eine Stunde Autofahrt vom Startpunkt entfernt. Ich umarmte meine Freundinnen, setzte mich auf den Boden neben das Auto und brachte vor Erschöpfung und Schmerzen kaum ein Wort heraus. Mein Mammutmarsch war nach 50 Kilometern vorbei. Gegen 5 Uhr morgens betrat ich humpelnd mein Apartment in München – mehr als 13 Stunden nach dem Start.

Einen Tag später stelle ich immer noch dieselben Fragen: Lag es an den Schuhen? War ich nicht ausreichend vorbereitet? Und vor allem: Bereue ich den Abbruch? Darauf lautet die Antwort ganz klar: Nein. Natürlich finde ich es schade, dass ich es nicht bis zum Ende durchgehalten habe. Aber ein Weiterlaufen wäre in meinem Zustand keine Option gewesen.

30 Prozent der Teilnehmer in München sind die 100 Kilometer gegangen, ich gehörte dieses Jahr nicht dazu. Werde ich wieder teilnehmen? Ich weiß es nicht. Bin ich gescheitert? Nein. Denn eine besondere Grenzerfahrung war es in jeden Fall.