Direkt zum Inhalt
Standpunkte

E wie Einsam: Mit dem E-Mountainbike unter Selbst-Stramplern

  • Joscha Thieringer
  • 08. Oktober 2019

Wenn Herbert und Gisela, beide Mitte 60, gemütlich auf ihren E-Mountainbikes die Forststraße zur Alm hinaufkurbeln, wundert sich niemand mehr. Doch was passiert, wenn man erst Mitte 30 ist und als einziger in der Gruppe aufs E-MTB umsteigt? Unser Autor hat den Selbstversuch gewagt.


“Fünf Weißbier und” – mein Freund, der sich bei dieser Getränkebestellung als Spaßvogel versucht, zeigt auf mich – “ein Wasser für den Typen mit dem E-Mountainbike”. Höhöhö, die vier anderen aus unserer Gruppe johlen. Als einziger E-Mountainbiker unter lauter Selbst-Stramplern bin ich ein leichtes Opfer. Das merke ich bereits bei unserer ersten Einkehr.

Es ist ein Experiment. Wie wird jemandem begegnet, der weder aus Altersgründen noch aus Gebrechlichkeit oder Fettleibigkeit aufs E-Mountainbike steigt? So richtig fit sehe ich zwar nicht aus, ein veritabler Wettbewerbsnachteil lässt sich aber auf den ersten Blick nicht ausmachen.

Mit dem E-Bike unterwegs in Osttirol

 

Anstieg? Ich hab nix gemerkt. Meine Freunde anscheinend schon ...
Anstieg? Ich hab nix gemerkt. Meine Freunde anscheinend schon ...
Bildcredit: privat

E-Mountainbiker haben nicht viele Freunde

Für den Ausflug mit meinen fünf Bergfreunden habe ich mir ein Scott Strike eRide 910 ausgeliehen, ein extrem schickes Mountainbike mit 29-Zoll-Bereifung, dem man die 6.000 Euro Neupreis direkt ansieht. Und eben mit einem E-Motor, der mit seiner 250-Watt-Unterstützung das Bergauffahren zum reinen Vergnügen macht. Machen könnte. Wenn die anderen in der Gruppe auf ihren “normalen” MTBs nicht so vorwurfsvoll stöhnen und schwitzen würden.

Ich weiß ja selbst, wie das ist: Wenn nach der neunten schweinesteilen Rampe sich die zehnte vor mir aufbaut, dann verfluche ich sogar den Schmetterling, der so saublöd flatternd die Fahrbahn kreuzt. Einfach alles und jeden, dessen Kopf nicht vor Anstrengung zu explodieren droht. Und erst recht den idiotischen E-Mountainbiker, dem ja noch nicht mal die Sonnencreme ins Auge geschwitzt ist.

 

Da ist das gute Stück: Das Scott Strike eRide 910 hat mir die Tour versüßt.
Da ist das gute Stück: Das Scott Strike eRide 910 hat mir die Tour versüßt.
Bildcredit: privat
Dumme Sprüche, die mir natürlich auf den Lippen liegen, spare ich mir lieber komplett. Gegen die Reaktionen meiner Bergfreunde würde wahrscheinlich auch mein Helm nichts ausrichten.

Einfach mal die Klappe halten

Meine wichtigste und erste Erkenntnis als E-Mountainbiker in einer Gruppe von ächzenden Selbst-Bergauf-Stramplern ist also: bloß nicht auffallen. Schön im Hintergrund halten und immer wieder mal leise einstreuen, dass der E-Motor auf niedrigster Stufe höchstwahrscheinlich nur den Gewichtsnachteil – mein Bike wiegt ja rund 24 Kilo – ausgleicht. Dass ich bei der letzten Rampe unauffällig von “Eco” auf “Tour” hochgeschaltet habe: psssssst!

Dumme Sprüche, die mir natürlich auf den Lippen liegen (“Schwitzt ihr etwa schon?”, “Genießt doch mal die schöne Aussicht!”), spare ich mir lieber komplett. Gegen die Reaktionen meiner Bergfreunde würde wahrscheinlich auch mein Helm nichts ausrichten.

“E wie einfach”, ja, das lässt sich schon sagen. Aber halt auch “E wie einsam”. Denn auch wenn ich längst nicht der einzige E-Mountainbiker auf den Unterengadiner Trails bin, so glaube ich doch zu bemerken, dass die Grüße der uns begegnenden Biker und Wanderer weniger mir gelten als meinen verschwitzten Freunden.

 

Mein Rat an E-Biker unter Selbst-Stramplern: Immer schön dezent im Hintergrund bleiben.
Mein Rat an E-Biker unter Selbst-Stramplern: Immer schön dezent im Hintergrund bleiben.
Bildcredit: privat

Akzeptanz durch Penetranz – das gilt auch für E-MTBs

Ich füge mich also in diese Rolle: immer schön in der Defensive bleiben und lieber selbst den dümmsten Witz über meine eigene Bequemlichkeit reißen. Tatsächlich haben sich meine Freunde bereits am zweiten Tag daran gewöhnt, dass sich hinter ihnen ein leise surrender Bosch-Motor bergauf arbeitet. Und am dritten Abend verdreht niemand mehr die Augen, als ich den Akku zum Laden ans Netzteil stöpsle. Vielleicht auch, weil ihnen die Sprüche ausgegangen sind (“Da schau her, der Joscha lädt seine Waden an der Steckdose auf, höhö”)?

Nach vier Tagen passiert es: Während unserer letzten Unterengadin-Tagestour muss ich mir tatsächlich keinen einzigen Spruch über mein E-Mountainbike anhören. “Akzeptanz durch Penetranz” – es hat sich mal wieder bewahrheitet. Und das E steht jetzt wieder für Einfach.