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Mit dem Fahrrad auf neuseelands Straßen unterwegs.
Schöner Scheitern

Zwei Schrauben und ein Lebenstraum

  • Merlin Gröber
  • 07. Oktober 2019

Seit er denken kann, will unser Autor Neuseeland mit dem Fahrrad umrunden. Geschafft hat er es nie. Aber er war nah dran


Mein Lebenstraum endete in einem Straßengraben am anderen Ende der Welt. Schuld daran waren zwei kleine Schrauben und mein Stolz. Aber eins nach dem anderen. Mein Lebenstraum: mit dem Rad Neuseeland umrunden. Ein Jahr lang. Nach dem Zivildienst hatte ich genug Geld gespart, ich flog ans andere Ende der Welt und kaufte mir ein Mountainbike. Umgerechnet fast 2000 Euro kostete es samt Satteltaschen, Zelt, Kocher und was man sonst so braucht, um allein im Nirgendwo zu überleben. Danach war ich pleite.

Mit dem Rad begann das Problem. Der Rahmen war aus Alu, Gepäckträger und Schrauben aus Stahl. Fahrradexperten wissen: Das ist keine gute Kombination. Zu der Zeit war ich jedoch noch kein Fahrradexperte. Zweites Problem: Wer sich einen Lebenstraum erfüllen möchte, braucht Geld. Mein komplettes Erspartes war fürs Rad draufgegangen, ich musste unterwegs arbeiten. In meine Satteltaschen packte ich daher Dinge, die auf einem Gepäckträger nichts zu suchen haben: feine Lederschuhe, Laptop, Hemden, Jeans, Arbeitskleidung. Ich wollte vorbereitet sein für jeden Job, der mir angeboten würde.

Vollgepacktes Fahhrad vor der Tour
Für lange Radreisen eignen sich Tourenräder aus Stahl. Ich besorgte mir ein Mountainbike aus Aluminium - eine schlechte Entscheidung
Bildcredit: Merlin Gröber

Einen Monat plante und packte ich, zeichnete Routen in Tagebücher und schrieb Listen mit Sehenswürdigkeiten, die ich besuchen wollte. In 11 Monaten wollte ich 7200 Kilometer weit fahren und dabei 65 000 Höhenmeter überwinden. Am 25. November 2011, einem bewölkten Morgen im neuseeländischen Frühling, war es soweit: Ich schwang ich mich auf den Sattel und radelte meinem Lebenstraum entgegen. Auf der Fahrt durch die hügelige Landschaft der Nordinsel, vorbei an kleinen Höfen und endlosen Sandstränden, konnte ich die Freiheit spüren. Immer wieder blitzte die Sonne zwischen den Wolken hindurch, eine Schar Singvögel flog eine Weile neben mir her. Dann knallte es, mein Lenker vibrierte. Ratternd kam mein Fahrrad zum Stehen. Absteigen, nachschauen. Dann das Entsetzen: Die Schraube, die Rahmen und Gepäckträger zusammenhält, war gebrochen.

Dreisamkeit: Zelt, Fahhrad und ich
Mein Mountainbike, mein Zelt und ich. Ein Jahr wollte ich um Neuseeland radeln - 7200 Kilometer weit. Geschafft habe ich davon 140 Kilometer
Bildcredit: Merlin Gröber

Ich hielt am Highway mit kaputtem Rad und zerbrochenen Träumen.

Mit meinem Taschenmesser holte ich die abgebrochene Schraube aus dem Gewinde und begann mit Duct-Tape und Schnur den Gepäckträger an den Rahmen zu binden. „Damit schaffe ich es in die nächste Ortschaft, da gibt’s neue Schrauben“, murmelte ich vor mich hin und packte das Taschenmesser ein. In diesem Moment hielt ein Pick-Up-Truck, ein alter Neuseeländer stieg aus und erkundigte sich nach meinem Problem. „No worries, kriegen wir hin“, sagte er, nahm mich mit nach Hause und reparierte den Schaden. Danach gab es Abendessen. Am nächsten Morgen radelte ich weiter. Nach 60 Kilometern: Knall, Rattern, Stillstand. Ich hielt am Highway mit kaputtem Rad und zerbrochenen Träumen.

Kaputter Gepäckträger am Mountainbike
Keine gute Kombi: Bereits am ersten Tag brach die Stahlschraube im Aluminiumrahmen meines Fahrrads
Bildcredit: Merlin Gröber

„Hey Kumpel, brauchst du Hilfe?“ – ein halbes Dutzend bärtiger Motorradfahrer in Lederkutten hielt neben mir. Einer nach dem anderen inspizierte mein Mountainbike, dann organisierten sie mir eine Mitfahrgelegenheit nach New Plymouth, der nächsten Stadt. „Falls du es bis nach Wellington schaffst, melde dich bei uns “, sagten sie, gaben mir ihre Adressen und brausten auf ihren Bikes davon. Bis nach Wellington schaffte ich es nie, meine Tour endete in New Plymouth: Die Gewinde im Aluminiumrahmen des Mountainbikes waren auf beiden Seiten ausgerissen, der Gepäckträger futsch, der Rahmen hinüber. Vollschaden. Ich verkaufte mein Rad – oder das, was davon noch übrig war und heuerte in einem Hotelrestaurant an. Ich verbrachte das Jahr in Neuseeland. Ohne Fahrrad. Meinen Lebenstraum habe ich bis heute behalten.