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Unterwegs

Berge, Geschichten, Bauernkultur: Osttirol mit dem E-Bike erleben

  • Susa Schreiner
  • 23. September 2019

Achtung: Wer Action in Form von künstlichen Anlagen, Bahnen und sonstigen touristischen Überzüchtungen sucht, ist hier falsch! Denn: Osttirol bietet davon (fast) nichts. Wer sich allerdings auf das Nichts einlässt, hat die einmalige Chance sich vom Charme der Natur bezirzen zu lassen und in der Stille einen gesprächigen Partner zu finden. Unsere Autorin hat den „Berg-Radl-Weg Innervillgraten“ Nummer 105 erkundet, hat dabei jede Menge Geschichte(n) eingefangen und stellt die wichtigsten Osttiroler Täler vor.


Jetzt kann man sich gleich zu Beginn fragen: Wie passt denn in diese Liebeserklärung an das einfache (touristische) Leben ein E-Bike? Nun: Besser, als gedacht! Osttirol ist groß und seine Täler ziehen sich in die Länge, wie ein dicker Kaugummi. Am Talende geht es dann erst so richtig los: Wandern, Bergsteigen, Klettern – ein E-Bike ist da der perfekte Zubringer, das aber auch solo, sprich als reine Radtour die Muskeln länger geschmeidig hält und dem Fahrer die Möglichkeit schenkt die Landschaft mit Muse zu genießen und tief in sich aufzusaugen.

Lediglich die Ladestationen für den E-Antrieb sind aktuell noch nicht überall integriert, was zuweilen ein ausgeklügeltes Taktieren des Radfahrers erfordert. Aber ansonsten passt das E-Bike zu Osttirol wie die Geranien auf die sonnenverbrannten Holzbalkone. 

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Touristisch mag Osttirol nicht so erschlossen sein wie etwa Südtirol, doch wer bekommt bei diesem Bergpanorama nicht Lust auf Outdoor?
Touristisch mag Osttirol nicht so erschlossen sein wie etwa Südtirol, doch wer bekommt bei diesem Bergpanorama nicht Lust auf Outdoor?
Bildcredit: Susa Schreiner

Villgratental: Wilde Wilderer-Geschichten, Widerstand und Almromantik

Egal, ob mit dem Bio-Bike oder per E-Antrieb – das Villgratental gehört bei einem Radurlaub in Osttirol auf die „Da-muss-ich-hin-Liste. Besonders schön: Der „Berg-Radl-Weg Innervillgraten“ Nummer 105. Wer seine Unterkunft in Sillian hat und per E-Unterstützung radelt, kann das Auto getrost an der Unterkunft stehen lassen und gleich alles per Pedes bestreiten. Parkplatz suchen: entfällt. So hat es unsere Autorin gemacht und sich mit elektrischer Unterstützung ins Tal gekurbelt.

Das Villgratental teilt sich im übrigen in Außer- und Innervillgraten – eine Trennung, die die Villgratener sehr ernst nehmen, wie unsere Autorin auf Tour erfahren hat. Noch so ein Vorteil vom E-Antrieb: Man kann während dem Bergaufradln prima miteinander plaudern. Aber wieder zurück zur Tour. Nach gut 30 Minuten hat man Außervillgraten von Sillian aus erreicht, und der Besucher bekommt direkt einen ersten Eindruck was die Schönheit des Tales ausmacht: Unverbaute Hänge auf denen viele Kühe und noch mehr Schafe weiden. Jahrhundertealte, sonnenverbrannte Bauernhöfe, die von einer langen Tradition, noch mehr Bauernkultur und einem harten Leben erzählen. Und die in gewisser Weise die Sturheit ihrer Bewohner widerspiegeln, hübsch verpackt mit ganz vielen Geranien …

Eine Erkenntnis der Osttirol-Tour: Die Unterscheidung zwischen Außer- und Innervillgraten ist den Einheimischen durchaus wichtig.
Eine Erkenntnis der Osttirol-Tour: Die Unterscheidung zwischen Außer- und Innervillgraten ist den Einheimischen durchaus wichtig.
Bildcredit: Bene Höflinger

Beispielsweise erfährt unsere Autorin während der Radtour, dass der Bau einer Skiliftanlage erfolgreich von den Talbewohnern torpediert wurde, die Natur ist ihnen wichtiger als Kommerz und die Schafe sind sowieso ihre Nummer eins. Überhaupt spielen die wolligen Vierbeiner hier eine große Rolle: Sie leben von und mit ihnen und so wundert es auch nicht, dass sie allgegenwärtig sind. Auch große Hotels sucht man vergebens. Die größte Unterkunft im Tal: Der Gannerhof in Innervillgraten. Wobei man hier schon dreimal hinschauen muss, sonst erkennt man im Hotel einfach „nur“ einen der vielen schönen Bauernhäuser. Im Inneren allerdings: eine schmucke Gastwirtschaft samt Haubenküche  und schönen Zimmern.

Spekulationen oder lukrative Angebote für das eine oder andere Hotelprojekt gab es sicherlich zuhauf, keines davon viel auf fruchtbaren Boden. Ach ja, auch Daniel Craig alias James Bond wollte hier gerne drehen. Die Villgratener lehnten ab … geben sie doch nicht einfach so ihre Höfe an eine Filmgesellschaft ab, wenn auch nur für eine bestimmte Zeit, pah, da könnt ja jeder kommen. Die Obertilliacher, im hinteren Lesachtal angesiedelt, haben den Agenten „007“ dann akzeptiert … Schwamm drüber.

Nun, aber auch die „Villgratener“ haben verstanden, dass man neben den Schafen mit dem Tourismus ein bisschen was (dazu) verdienen kann und zack warben sie mit dem Slogan: „Kommen Sie zu uns, wir haben nichts“. Ein Coup, wie sich herausstellte - bei dem der eine oder andere „Werbeguru“ vor Neid erblasst sein muss. So sind sie, die Osttiroler – pardon: Villgratener, Außer- und Innervillgratener – um es genau zu nehmen.

Die Radtour indes geht  über breite Forstwege an steilen Bergwiesen vorbei. Das letzte Heu für den Winter wird jetzt Mitte September überall noch fleißig eingeholt. Harte Arbeit, bei der die ganze Familie ran muss – inklusive Laubbläser. Mit dem wird geschickt das trockene Heu auf den steilen Wiesen von oben nach unten gepustet.

Und damit dem Rad-Akku nicht die Puste frühzeitig ausgeht, sollte der Radfahrer hin und wieder von Turbo auf Eco runterfahren und dafür ein bisschen mehr auf eigene Muskelkraft setzen. Der eine oder andere E-Biker soll auf der Tour ja schon mal e-mäßig in die Röhre geschaut haben – erzählt man sich im Tal …

Per E-Bike oder Fahrrad lässt sich das Innervillgratental am besten erkunden.
Per E-Bike oder Fahrrad lässt sich das Innervillgratental am besten erkunden.
Bildcredit: Bene Höflinger

Oberstalleralm: Denkmalgeschütztes Almdorf mit 18 sonnenverbrannten Almhütten

Der Weg Nummer 105 geht auf Höhe der Bergbauernhöfe in stetem Wechsel zwischen bergauf und bergab, immer panoramareich, in Richtung erstem Etappenziel  „Unterstalleralm“: Links rauscht der Wasserfall, rechts lockt die Almterrasse. Lieber doch gleich noch die letzten Kehren nach oben fahren zur Oberstalleralm und danach in Ruhe einkehren …  Also noch mal im „Turbo-Modus“ nach oben zwirbeln. Auf 1.864 Metern angekommen lenkt man sein Rad durch ein denkmalgeschütztes Almdorf mit 18 sonnenverbrannten Höfen und einer Kapelle. Erstmalig erwähnt wurden die Häuser der Oberstalleralm übrigens 1675. Mittlerweile werden sie nurmehr in den Sommermonaten von Hirten bewohnt. Die restliche Zeit stehen die Höfe leer.

Wer mag, kann am Almdorf sein Bike abstellen und noch auf einen der vielen Gipfel steigen, die hier wie Perlen aneinander gereiht stehen. Oder man fährt wieder beschwingt und ohne E-Antrieb (Akku schonen) die Kehren hinunter und gönnt sich eine Leckerei an der Unterstalleralm.

Die Zeit vergeht hier wie im Flug, und das beim Nichtstun. Sprich: Gesicht ein bisschen in die Sonne recken, trinken, essen, Wasserfallrauschen lauschen – fertig.

Im Sommer sind die Hütten der Oberstalleralm von Hirten bewohnt, im Winter stehen sie leer.
Im Sommer sind die Hütten der Oberstalleralm von Hirten bewohnt, im Winter stehen sie leer.
Bildcredit: Bene Höflinger

Irgendwann hat man dann ausreichend nichts getan und fährt weiter. Zunächst bergab und dann noch ein letztes Mal bergauf über weitere herrliche Almwiesen nach Kalkstein – dem hintersten Weiler in Innervillgraten. Hier lohnt ein Einkehrschwung in der Badl-Alm und ein Besuch des Friedhofs. Schließlich befindet sich hier das Grab von Pius Walder.

Bildcredit: Susa Schreiner
Der Tod des Wilderers Pius Walder wurde in einem Wiener Tatort verfilmt.
Der Tod des Wilderers Pius Walder wurde in einem Wiener Tatort verfilmt.
Bildcredit: Bene Höflinger

Walder war Wilderer und wurde als solcher 1982 von zwei einheimischen Jägern erschossen. Ein Skandal, eine Tragödie, die als Geschichte in einem Wiener „Tatort“ verfilmt und auch in Buchform von seinem Bruder niedergeschrieben wurde. Einer der beiden Jäger ist seit dem Unglück untergetaucht, der zweite wurde eingesperrt und lebt nach Haftentlassung nicht mehr im Villgratental. Der Bruder des Ermorderten, so erzählt man sich im Tal, soll dem Pfarrer bei einem Gedenk-Gottesdienst eine saubere Watsch‘n gegeben haben. Auch eine tote Gams soll schon am Todestag auf dem Grab niedergelegt worden sein, als Hommage an den Wilderer – wie viel davon Jägerlatein ist, man weiß es nicht … Hingegen sicher ist, dass die Villgratener zwar für die Natur aber gegen die EU waren, und sicher ist auch, dass die Badl-Alm ab diesem Herbst eine E-Bike-Ladestation bekommt. Wobei, ab da geht es ohnehin nur mehr bergab – zumindest auf der Radtour Nummer 105. Aber mit ein bisschen Strategie geht sich die Runde ohnehin mit einer Akkuladung aus. 

Lust bekommen, mehr von dem „Nichts“ zu erleben?  Dann haben wir hier noch weitere Osttiroler Täler für euch:

Defreggental: Jagdhausalmen – Little Tibet in Osttirol

Auf über 2.000 Metern und hoch über der Waldgrenze, liegt die Jagdhausalm: 17 Steinhäuser und eine Kapelle komponieren hier ein einmaliges Gemälde aus Natur und Stein. Die Alm zählt zu den höchsten und ältesten in ganz Österreich. Das Weiderecht obliegt den Südtirolern - seit jeher.

Sie haben hier oben bis vor wenigen Jahrzehnten noch ein fast mittelalterliches Leben geführt. Mittlerweile werden die Höfe nurmehr im Sommer von den Hirten bewohnt. Bedingt durch das breite Hochplateau und der steppenartigen, baumlosen Vegetation wird die Jagdhausalm auch als „Klein Tibet“ bezeichnet.

Bergbauernidylle in Osttirol.
Bergbauernidylle in Osttirol.
Bildcredit: Susa Schreiner

Lesachtal: Obertilliach – Bergbauern-Dorfschönheit auf 1.450 Metern

Knapp 700 Einwohner zählt das Dorf im hinteren Lesachtal. Die Landschaft ist rau und nicht minder beeindruckend, thront doch die Dorfschönheit mit seinen vielen jahrhundertalten Holzbauernhäusern zwischen Lienzer Dolomiten und Karnischer Alpen. Ein Fest für die Sinne der Besucher, ein Garant für harte Arbeit für die Bergbauern.

Um 1375 sollen sich schlesische Auswanderer hier niedergelassen haben – erzählt man sich – kann es aber nicht belegen. Sicher ist, dass Daniel Craig hier für den Bond-Streifen „Spectre“ gedreht hat und an drehfreien Tagen durch die Gassen des denkmalgeschützten Ortskerns gelustwandelt ist. Ebenfalls regelmäßig seine Runden dreht in Obertilliach Österreichs letzter Nachtwächter.

Sillian – Geburtsstätte des E-Bike-Weltverbandes

Der pfiffige Osttiroler Dr. Markus Mitterdorfer hat vor zwei Jahren den E-Bike-Weltverband in Sillian aus der Taufe gehoben. Selbstverständlich mit Anerkennung im internationalen Radverband „UCI“. Präsident des Verbandes ist ebenfalls Mitterdorfer, der bereits bei Google und Microsoft im Silicon Valley gearbeitet hat und auch schon für den DFB in Frankfurt tätig war– wobei man derlei Informationen dem Osttiroler etwas abringen muss.

Worüber er hingegen mit leuchtenden Augen spricht, ist die E-Bike-WM für Jedermann. Ebenfalls seine Idee, die er 2018 erstmalig umgesetzt hat. In der zweiten Auflage im September 2019 haben sich dann fast 500 WM-Teilnehmer in Sillian eingefunden. Touristische Schwergewichte wie Ischgl & Co. sollen deswegen neidisch auf die Tiroler Exklave schielen – sagt man sich, und die Autorin ist davon überzeugt, dass das kein Jägerlatein ist, sondern harte Realität.

Osttirol im Überblick

Osttirol ist ein Bezirk vom Bundesland Tirol. Bezirkshauptstadt ist Lienz. Osttirol bildet eine Exklave Tirols und ist durch einen Streifen Südtirol und Salzburger Land vom Bundesland getrennt. Der Bezirk Osttirol grenzt an die Bundesländer Salzburg, Kärnten, Südtirol und Venetien. Die Haupttäler sind Pustertal, Iseltal, Defreggental, Virgental, Kalser Tal und Gailtal. Von den Hohen Tauern mit dem gleichnamigen Nationalpark über Lienzer Dolomiten bis Karnische Alpen tummelt sich in Osttirol das Who-is-Who der schönsten Gipfel und Gebirgszüge in den Alpen. Mehr als 150 Gipfel überragen die 3.000er-Marke.

Die Radwegmarkierungen in Osttirol lassen keine Fragen offen.
Die Radwegmarkierungen in Osttirol lassen keine Fragen offen.
Bildcredit: Susa Schreiner

Bike-Guide

Auf Osttirol.com findet man eine Vielzahl an Biketouren mit Beschreibung, Höhenprofil und Karte. Darunter auch der Berg-Radl-Weg Innervillgraten Nummer 105. Mit Startpunkt in Innervillgraten sind 480 Höhenmeter und 25 Kilometer zu überwinden. Wer Sillian als Startpunkt wählt kann noch mal gut 20 Kilometer und 500 Höhenmeter dazurechnen.
Gute Informationen bietet der kleine Bikeführer „Bikearena Osttirol – Raderlebnisse  zwischen Großglockner und Dolomiten“. Das Booklet gibt es kostenlos in den Tourismusverbänden, oder man bestellt es vorab über die Osttirol-Homepage.

Andere Möglichkeit: Mit einem Lokal-Guide auf geführte Tour losziehen. Die Brüder Manuel und Markus Ploner von Dolomite.Bike beispielsweise bieten sowohl für Gruppen als auch Einzelradler geführte Touren in Ost- und Südtirol an und gehen gerne auf die Tourwünsche ihrer Gäste ein. 

Mehr Informationen unter: www.osttirol.com und www.dolomite.bike

Und wie es ist, allein unter Mountainbikern mit E-Antrieb unterwegs zu sein, lest ihr hier.