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Unterwegs

Selbst die unberührte Natur schmilzt weg

  • Lars Becker
  • 25. Februar 2020

Ein vierköpfiges Team um Extrembergsteiger Robert Jasper schaffte die erste Nonstop-Begehung des Cerro Largo im nördlichen patagonischen Inlandeis. Hier gibt es noch unberührte Natur, die aber in rasanter Geschwindigkeit wegschmilzt.


»Mañana« wollten die Gauchos neue Vorräte ins Basislager der deutschen Expedition bringen. Direkt übersetzt heißt das morgen. Eigentlich bedeutet es aber irgendwann. Oder gar nicht, wie in diesem Fall. Deshalb mussten der international bekannte Extrembergsteiger Robert Jasper, der hauptberufliche Bergführer Jörn Heller, Sportwissenschaftler Dr. Andreas Thomann und Fotograf Klaus Fengler am Ende ihrer spektakulären Tour in das weitgehend unentdeckte Eisfeld im Norden Patagoniens sogar ihre Nahrung rationieren.

Robert Jasper (r.) und seine drei Begleiter in Patagonien.
Bildcredit: Klaus Fengler

12 Gramm Zucker und unendlich viel Teamgeist

Vier Müsliriegel und ein gezuckter Tee – insgesamt 12 Gramm Zucker – standen jedem Teammitglied pro Tag noch zur Verfügung. Dass das Quartett am letzten Tag in einem der seltenen Schönwetterfenster trotzdem die erste Nonstop-Besteigung des Cerro Largo (2799 Meter) bewältigte, war deshalb vor allem ihrem einmaligen Teamgeist zu verdanken.

»Ich war 2018 mit einem Kanu vier Wochen ganz allein in der Einsamkeit Grönlands unterwegs. Das hat mich weiter gepusht als jemals zuvor. Aber im Team mit Freunden, die sich mit ihren bergsteigerischen und menschlichen Fähigkeiten gegenseitig antreiben, macht es noch viel mehr Spaß! Weil man zusammen unglaubliche Dinge schaffen kann«, brachte es Robert Jasper bei einem vielbeachteten Vortrag auf der ISPO Munich 2020 auf den Punkt.

Vor der Patagonien-Expedition war Robert Jasper in Grönland unterwegs - dort allerdings im Alleingang
Vor der Patagonien-Expedition war Robert Jasper in Grönland unterwegs - dort allerdings im Alleingang
Bildcredit: Robert Jasper

Sorge um die Wildnis an der Südspitze Südamerikas

Sensationelle 50 Kilometer und 5000 Höhenmeter bewältigte die außergewöhnliche Truppe bei ihrem Gipfelsturm in nur 18 Stunden. Davon standen die Vier allein eine Stunde in der bizarren Eislandschaft auf dem Gipfel, mit einem atemberaubenden Blick bis zum Pazifischen Ozean über eine nach allen Richtungen unberührte Natur. Die es so bald nicht mehr geben wird.

Denn neben diesem einmaligen Gefühl, in den reichlich vier Expeditionswochen einen weitgehend weißen Fleck auf der Landkarte dieses Planeten kennengelernt zu haben, nahmen Robert Jasper und seine Kollegen auch die Sorge um diese einmalige Wildnis an der Südspitze Südamerikas mit nach Hause.

Die Route der Vierergruppe durch Patagonien auf der Karte
Die Route der Vierergruppe durch Patagonien auf der Karte
Bildcredit: Klaus Fengler

Staubtrocken statt einem Meter Schnee

Von Puerto Bertrand in Chile war die Expedition im Herbst 2019 – also im Frühjahr auf der Südhalbkugel – per Boot über den Lago Plomo in das Val Soler aufgebrochen. In dem Tal, das sich weit in das Inlandeis hereinschneidet, lag, nach Angaben der Gauchos, früher um diese Zeit regelmäßig mindestens ein Meter Schnee.

»Diesmal war es dort staubtrocken«, berichtet Jörn Heller. Auf der viertägigen Wanderung durch unberührte Wildnis und Regenwald bis zum Basislager musste das Team vor allem reißende Flüsse durchqueren. Denn das Gletschereis schmilzt in rapider Geschwindigkeit.

Nicht nur Gipfel, sondern auch Ströme galt es zu bezwingen
Nicht nur Gipfel, sondern auch Ströme galt es zu bezwingen
Bildcredit: Klaus Fengler

»Ein Desaster für den Planeten«

»Einfach brutal: Hier schreitet die Gletscherschmelze weltweit am schnellsten voran. Das war für uns sportlich eine Herausforderung, ist vor allem aber ein Desaster für den ganzen Planeten«, erzählt Robert Jasper. Das ohnehin dürftige Kartenmaterial – im letzten Jahrhundert gab es nur eine Handvoll Expeditionen in diese Einsamkeit – wies deshalb große Mängel auf.

Riesige Spalten und Eisbrüche taten sich unerwartet auf, ständig gab es Planänderungen. Das hing aber auch damit zusammen, dass »das Wetter hier in den letzten Jahren immer turbulenter geworden ist«, so Heller. Mehrmals mussten die vier Freunde bis zum finalen Happy End deshalb geplante Gipfelbesteigungen abbrechen. Einmal davon 400 Meter vor dem Gipfel, wegen eines aufziehenden Gewitters.

Der Klimawandel macht auch vor Patagonien nicht Halt: Auch hier schmelzen die Gletscher in beängstigender Geschwindigkeit
Der Klimawandel macht auch vor Patagonien nicht Halt: Auch hier schmelzen die Gletscher in beängstigender Geschwindigkeit
Bildcredit: Klaus Fengler

Bergsteigen in Zeiten des Klimawandels

Natürlich gab es deshalb in der Expeditionsgruppe auch Diskussionen, wie man sich als Bergsteiger in Zeiten des gerade hier deutlich spürbaren, rasanten Klimawandels künftig verhalten muss. Robert Jasper, der durch die ersten freien Begehungen von komplizierten Routen am Matterhorn oder Eiger berühmt geworden ist, sieht auch die Bergsteiger in der Verantwortung »einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen«.

Also lieber eine lange Expedition wie die in Patagonien statt vieler Kurztrips für die Besteigungen von Bergen. Lieber einmal unentdeckte Landstriche erforschen statt Mainstream-Berge in den Alpen oder überlaufene Achttausender voller Müll erklimmen.

Leidenschaft für die Natur transportieren

Der erfahrene Bergsteiger Jörn Heller – bekannt durch seinen Geschwindigkeitsrekord am Cerro Torre oder die Erstbesteigung der Sharks Fin – findet noch etwas anderes wichtig: »Uns Bergsteigern kommt eine Schlüsselrolle zu. Wir müssen die Leidenschaft und die Liebe zur Natur transportieren. Andere animieren, draußen Abenteuer zu erleben. Denn nur, wenn viele Menschen spüren, wie kostbar und zerbrechlich die Natur ist, werden sie auch motiviert, ihren Lebensstil zu ändern.« Und zwar nicht »Mañana«.

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