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Spezial

Danny MacAskill - Der mit dem Rad tanzt

  • Thomas Becker
  • 11. September 2019

Danny MacAskill ist der Künstler unter den Trial-Bikern – nicht nur wegen der unfassbar akrobatischen Stunts, sondern auch wegen des Styles seiner Videos. Doch so federleicht, wie das aussieht, ist es natürlich nie. Die Angst fährt immer mit.


Wahrscheinlich ist Duncan Carmichael gar kein so schlechter Mensch. Wobei: einen 13-Jährigen mit Polizeisirene und Blaulicht zu jagen, nur weil er mit einem Rad ohne Licht Sprünge über einen Sperrmüll-Teddy übt, das war schon fies. Ihm wie im Film seine Rechte vorzulesen („...nehme dich wegen verkehrsgefährdendem Verhalten vorläufig fest. Alles, was du ab jetzt sagst ...“) und vors Jugendgericht zu zerren, war bekloppt. Aber ihm für den Rest der Sommerferien auch noch das Rad wegzunehmen, das war hundsgemein und in etwa so als dürfe Roger Federer nur noch Federball spielen.

Andererseits muss man Duncan Carmichael verstehen: Was soll ein Dorfpolizist in einem 350-Seelen-Kaff den lieben langen Tag mit sich anfangen? Und diesen Fahrrad-Junkie, dessen gemeingefährliche Rumspringerei auf Gehwegen, Treppen und Geländern jeden zusammenzucken ließ, den hatte er schon lange auf dem Kieker. Dass die Nervensäge mal ein weltberühmter Extremsportler und YouTube-Star werden würde, kam Duncan Carmichael nie in den Sinn. Wie auch? YouTube wurde erst später erfunden – zum Glück für Danny MacAskill. Sonst wäre er wohl heute noch Fahrradmechaniker.

Der Schotte Danny MacAskill ist mit seinen Bike-Tricks weltberühmt geworden.
Der Schotte Danny MacAskill ist mit seinen Bike-Tricks weltberühmt geworden.
Bildcredit: adidas Outdoor / Dave Mackison

Zwar lebt der 32-Jährige auch heute vom Radfahren, aber nicht als Schrauber in einer schlecht gelüfteten Werkstatt, sondern an der frischen Luft, radelt durch die Highlands, in Argentinien, Taiwan, auf Malta oder Gran Canaria. Wo die Kreativität ihn hin verschlägt. MacAskill ist der weltbeste Street-Trial-Biker, ein Nischensport, der ohne Medaillen und Rekorde auskommt.

Keiner beherrscht das Rad wie er, springt mit 180-Grad-Drehung von einer Bahnschiene auf die gegenüberliegende, schlägt Vor- und Rückwärts-Salti an Stellen, die auch ohne Überschlag lebensgefährlich sind – und niemand schafft es in seinen Videos so genial, diese Ansammlung von absurd anmutenden Akrobatik-Tricks nicht wie eine Ansammlung von absurd anmutenden Akrobatik-Tricks aussehen zu lassen. Sondern wie eine Geschichte. Eine, die auch Nicht-Biker fasziniert. Sein Video „Imaginate“ wurde auf YouTube 87 Millionen Mal geklickt. Mario Götzes Treffer zum WM-Sieg 2014 hat 1,7 Millionen Klicks.

Wie alles begann? Am Anfang war der Zaun. Am 19. April 2009 erscheint auf YouTube das Video „Inspired Bicycles“. Zu sehen: ein Radler, der gemütlich eine sonnige Allee entlang rollt. In Sekunde 22 das Objekt seiner Begierde: der Zaun. Kaum höher als ein Meter, eng beieinander stehende, daumenbreite Stäbe. Jeder kennt diese Zäune, aber niemand käme je auf die Idee, da mit dem Rad entlang zu fahren. Niemand bis auf Daniel MacAskill aus Dunvegan auf der schottischen Insel Skye.

Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit, zu Macdonald Cycles in der Morrison Street, fährt der Radmechaniker an dem Zaun an der Warrender Park Crescent in Edinburghs Südwesten vorbei. Er hatte schon ein paar Video-Clips gemacht und nun Größeres im Kopf. Er hebt ein Verkehrsschild, das im Weg ist, aus der Verankerung, hüpft mit dem Bike auf einen Stromverteilerkasten mit der Aufschrift „Lebensgefahr! Berühren verboten!“ und versucht über den Zaun zu balancieren. Mal stürzt er rechts runter, mal links, zig Mal, stundenlang. Wochen und Monate geht das so, mitten im Winter. Allmählich verliert er den Mut. Sein WG-Mitbewohner, der die Videos aufnimmt, überredet ihn zu einem letzten Versuch – der prompt gelingt.

Auf YouTube dauert all das nur 77 Sekunden. Jetzt gibt das Video Gas: Danny radelt Baumstämme hoch, schlägt Rückwärtssalti, springt über Zäune, Treppen rückwärts hoch, runter, mit 360-Grad-Drehung. Das ist Street Trial: Akrobatik im öffentlichen Raum, eine Art Parcours mit dem Rad, atemraubend, schwer nachvollziehbar. In den ersten 40 Stunden wird das Fünfeinhalbminuten-Video 350.000 Mal abgerufen - der Beginn einer Weltkarriere.

Heute sagt MacAskill: „Der 'spiky fence' war ein Trick, der mich viel gelehrt hat über Scheitern, Ausdauer und beharrliches Arbeiten, aus dem etwas entstehen kann.“ Und wie da etwas entstanden ist: Vertrag mit Red Bull, Werbespots für VW, Artikel in der New York Times, Nominierung als Action-Sportler des Jahres beim Laureus-Award, ein Job als Stuntman für eine Hollywood-Produktion und und und.

Als Kind war er eine wilde Nummer, sagt Danny über sich: „Ich mochte es, wenn was kaputt geht, ein Dach einstürzt, ein Baum oder eine alte Mauer umfällt.“ Sein Berufswunsch: Abbruchunternehmer. Ständig ist er verbeult, verkratzt, blutend, zerrissene Hosen.

Mit Stemmeisen hebelt er Felsblöcke von Klippen, zündelt gerne, verbrennt sich Arme und Beine, stürzt mal aus sechs Metern vom Baum, bleibt bewusstlos liegen, bricht sich aber nie etwas, muss nie Krankenhaus. „Ich war scheinbar aus Gummi“, sagt er und lacht. Mama Anne lässt ihn, ist eine Anti-Helikopter-Mutter.

Zigmillionen Menschen haben sich die abgefahrenen Tricks von Danny MacAskill inzwischen auf YouTube angeschaut
Bildcredit: adidas Outdoor / Dave Mackison

Mit vier das erste Rad: ein schwarz-rotes Raleigh vom Sperrmüll, mit Stützrädern. Die 30cm hohe Terassenstufe wird sein erster Stunt. Mit sieben darf er zur Schule radeln – der Heimweg artet stets zum Rennen mit den Kumpels aus. Mit zehn das zweite Rad: Raleigh Burner, ein BMX, mit dem er vom Altglascontainer erstmals seine Angst besiegt. Der Garten wird zum Trainingsparcours, mit Paletten, Autoreifen und Fischernetzen als Fangmatten. Entfernungen und Annäherungswinkel kann er immer besser kalkulieren.

Mit elf das dritte Rad: Kona Fire Mountain, ein Mountainbike. Im Video „Chainspotting“ sieht Danny zum ersten Mal Trial-Biker - und hängt endgültig an der Bike-Nadel. Fortan geht es nur noch über Poller und Parkbänke, runter vom Hausdach, der Bursche entwickelt sich zum Crashtest-Dummy und Blumenbeetkiller. Im Winter nutzt er das Einkaufszentrum mit seinen Stufen und Blumenkübeln als Trainingsgelände. Playstation oder Computer hat er nicht, Fernsehen ist fad.

Mit 13 hat er zu viel Energie, ist der Kleinste in der Klasse, Legastheniker noch dazu – und schnippt dem Busfahrer eine Schoko-Kugel an den Kopf, woraufhin er Bekanntschaft mit Duncan Carmichael macht. Der Beginn einer wunderbaren Feindschaft. Als er ihm das Rad wegnimmt, ballert Danny tagelang mit der Steinschleuder auf das Haus des Polizisten.

Er findet seinen Traumjob als Radmechaniker, bestreitet ein paar Trial-Wettkämpfe, hat aber nicht viel Spaß daran, cruist lieber allein rum, stets auf der Suche nach neuen, immer irrwitzigeren Tricks. Ein Kumpel überredet ihn, ein Video davon aufzunehmen – der Rest ist YouTube-Geschichte.

Als ihn die BBC am Tag nach dem „spiky fence“-Video um ein Interview bittet, glaubt er an einen Telefonstreich. Danny hat immer noch keinen Laptop und erfährt von Kumpels, dass ein gewisser Lance Armstrong Lob gepostet hat.

MacAskill ist sich der Risiken bewusst

Es folgen weitere Videos, alle mit achtstelligen Klickzahlen. Der Gefahrenlevel steigt, ob beim Höllenritt vom berüchtigten Inaccessible Pike in den Black Cuillins auf Skye oder beim 15 Meter tiefen Vorwärtssalto über den Dächern von Las Palmas de Gran Canaria.

Verletzungen und Schmerzen sind Alltag: gerissene Patellasehne, Rücken-OP, zig gebrochene Knochen: 3 x Schlüsselbein, 5 x linker Fuß, 3 x rechter Fuß. Kaputte Handgelenke, Menisken und ausgekugelte Gelenke zählt er nicht mehr. Es gibt eine Zeit, in der er drei von fünf Jahren pausieren muss.

2013 verunglückt sein Vorbild, Trial-Weltmeister Martyn Ashton, bei einem vergleichsweise harmlosen Drei-Meter-Sturz: Querschnittslähmung. Sein Manager Tarek Rasouli sitzt nach einem Sturz mit dem Bike ebenfalls im Rollstuhl. Klar komme er da ins Grübeln, sagt Danny, aber: „Es ist wichtig so zu leben, wie du willst. Es kann dich auch der nächste Bus überfahren. Klar ist es hart, wenn sich Freunde verletzen. Aber wenn ich beginne, über Risiken in diese Richtung nachzudenken, würde ich manche Dinge nicht tun.“ Es komme auch darauf an, wie man aufgewachsen ist: „Wenn Eltern immer sagen: 'Tu dies nicht, tu das nicht!' beeinflusst dich das später. Aber wenn du lernst zu fallen und zu landen, lernst du Grenzen kennen.“

"Die Angst vor dem Crash ist immer da"

Aber wo liegen die Grenzen bei einem, der mit dem Rad gegen einen Stacheldraht-Weidezaun donnert, um sich per Vorwärts-Salto rüberzukatapultieren? Der 400 Mal versucht auf einem Heuballen bergab zu radeln? „Mein Geschick hat Grenzen“, sagt Danny. Und Angst? „Die Angst vor dem Crash ist immer da. Es geht eher darum zu wissen, was du kannst. Eigentlich habe ich immer alles unter Kontrolle.“

In 'Home of trails' fährt er auf einem sehr schmalen Brückenrand über eine sehr tiefe Schlucht: „Für mich ist es egal, ob es da 50 oder 1000 Meter runter geht, solange ich auf stabilem Untergrund fahre. In beiden Fällen wären die Konsequenzen ziemlich übel. Ich vertraue meinem Rad – und meinen Skills. Du musst bereit dazu sein. Angst hindert mich nur dran, etwas perfekt zu machen.

In großen Höhen wie in 'The Ridge' fühle ich mich auf dem Rad sicherer als auf meinen Füßen. Ein asiatischer Taxifahrer macht mir mehr Angst: Vollgas zwischen zwei Lastwagen, dazu die Tuk-Tuks von überall: Das ist Angst!“

Blockade vor dem großen Sprung

Oft denke er zu viel darüber nach, was schief gehen könne, brauche ewig, um sich zu überwinden. Wie in 'Casacadia' vor dem 15m-Salto ins Meer: Die Kameras sind aufgebaut, das Abendlicht schwindet, die Batterien der Drohnen auch – aber Danny kann nicht springen. Noch nicht. Im Kopf kämpft rechte gegen linke Hirnhälfte: „Mir fiel ein Ratschlag ein: 'Wenn du einen Frosch schlucken musst, sitz nicht da und starr ihn an - iss ihn! Und wenn es zwei sind, schluck den größeren zuerst!' Heißt: Wenn dir etwas Angst macht, bring es schnell hinter dich! Klingt gut, funktioniert bei mir aber nicht. Ich sitze da und starre den Frosch an.“

Nach einer Stunde sprang er dann. Oft verschwindet er in Stress-Situationen unter seine Kopfhörer, taucht in die Musik ab. Die ist ihm fast so wichtig wie sein Rad, nicht nur aus künstlerischen Gründen. Sie hilft ihm Blockaden zu lösen, um den ultimativen „Banger“ zu wagen. Er sagt: „Wenn du keine Angst hast, während du einen Banger drehst, bist du entweder verrückt oder zu zaghaft.“

Was ihn treibt im Leben, ist „Spaß haben, nicht nur auf dem Bike. Ich pushe mich gern, aber ich bin kein Adrenalin-Typ. Adrenalin ist nicht wirklich Teil meines Lebens“. Einen Hang zum Zirkushaften hat er dennoch - offenbar geerbt. Zuhause in Dunvegan leitet sein Vater seit 30 Jahren das Museum „The Giant MacAskill“: Vorfahre Angus war in den 1830ern der größte Mensch der Welt ohne Hypersomie (Riesenwuchs), angeblich 2,36m. Er konnte zwei Fässer mit je 150 Litern Portwein schleppen und ein Pferd über einen 1,20 m hohen Zaun heben, war eine Zirkusattraktion, sogar in den USA.

Danny ist kein Show-Man. Er verdient gut, lebt aber in Glasgow immer noch für 250 Pfund zur Miete, in einer 7er-WG mit lauter Bike-Nerds. Geld braucht er nur für seine Projekt-Ideen, und davon hat er so viele, dass er nie alle wird realisieren können. Keinen Meter kann er laufen, ohne die Umgebung nach Trick-Möglichkeiten abzuscannen, er nennt es line-sickness. Wäre mal spannend, mit seinem Blick durch die Stadt zu gehen...

Von der Isle of Skye in die ganze Welt: Danny MacAskill ist für seine Trials längst weltweit unterwegs.
Von der Isle of Skye in die ganze Welt: Danny MacAskill ist für seine Trials längst weltweit unterwegs.
Bildcredit: adidas Outdoor / Dave Mackison

MacAskill weiß, dass sein Sport sehr physisch ist, aber: „Ich kämpfe nicht um Millimeter oder Sekunden. Es ist eine kreative Sache, und ich glaube, dass ich eine lange Karriere haben kann. Du kannst dich neu erfinden. Meine Heroes sind Anfang 50. Jetzt will ich noch meine Limits pushen, später wird Mountainbiken mehr Abenteuer sein, so wie der Trip auf den Kilimandscharo. Mann, das war harte Arbeit!“ Was er nicht so laut sagt: Er wurde höhenkrank und musste vom Doc erst mal wieder eine Etage tiefer geschickt werden.

Welche Ziele hat so einer noch, der vermeintlich schon alle menschenmöglichen Tricks auf dem Rad geschafft hat? Neue Spielplätze will er finden, Locations wie die bizarre Ruinenstadt in 'Epecuen'. Mehr reisen, nach Asien vor allem, ein anderes Publikum erschließen. Und einmal James Bond sein: „Stunt-Model für ihn wäre die einzige Produktion, die ich machen würde.“ Auch 007s Kollegen Duncan Carmichael würde Danny gerne mal wieder treffen. „No hard feelings“, sagt er, „ich bin ihm nicht mehr böse.“

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