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Oben angekommen
Unterwegs

Wer nicht wedeln kann, muss fühlen

  • Gero Günther
  • 19. Dezember 2019

Trend hin oder her, Schneeschuhgehen ist in den Augen so manches Alpinisten eher etwas für Warmduscher, die auf verschneiten Forstwegen durch die Gegend tappen. Dass man mit Schneeschuhen an den Füßen auch richtige Abenteuer erleben kann, haben wir Schritt für Schritt auf einer Hüttentour im Schweizer Rätikon erlebt


Schneeschuhgehen ist alles andere als ein Extremsport. Spottlangweilig finden viele ambitionierte Alpinisten das fast technikfreie Dahinschleifen. So ziemlich jeder halbwegs bergtaugliche Mensch beherrscht das Snowshoeing nach ein paar Stunden, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Und wenn man einem der ausgetretenen Winterwanderwege oder ausgewiesenen Schneeschuh-Tracks folgt, die gerne auch einmal direkt an der Mittelstation im Skigebiet starten, kitzelt es tatsächlich nicht unbedingt die Nerven. Dabei sind die Gehhilfen, die schon in der Steinzeit verwendet wurden und die europäische Trapper und Fährtensucher von den nordamerikanischen indigenen Stämmen übernahmen, das perfekte Werkzeug fürs kleine oder größere Abenteuer. Wenn der Winter eine Decke über unsere durchstrukturierte Landschaft gelegt hat, fühlt sich der Bergwald in den Alpen auf einmal nach Wildnis an, werden aus hochfrequentierten Hüttenzustiegen weglose Strecken in die Einsamkeit. 

Für mäßig begabte Skiläufer, wie Christelle und mich, sind die Plastikteile mit den Metallzacken auf jeden Fall die Rettung. Die einzige Möglichkeit, das winterliche Gebirge zu erkunden. Ohne sie waren wir oft genug im Tiefschnee stecken geblieben. Bei Robert, unserem Begleiter, sieht die Motivation ganz anders aus. Er trägt die Schneeschuhe heute nur, weil sein Kreuzband vor Monaten gerissen ist. Beim Skifahren, versteht sich. „Zum Skitourengehen“, sagt er, „ist mein Knie einfach noch zu wacklig“. 

Rast an der Brücke
Schneeschuhwandern kann eine sehr – bisweilen sogar zu – entspannte Sache sein. Wenn man einem der ausgetretenen Winterwanderwege folgt. Abseits der üblichen Routen wird es schnell abenteuerlich
Bildcredit: Robert Pupeter

Dass unsere Tour zu soft ausfallen könnte, ist eine Sorge, die uns schon in der Planungsphase beschäftigt hat. Zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellt. Nach einer Stunde endet die Spur urplötzlich. Gleichzeitig frischt der Wind auf, den wir im Tal kaum gespürt hatten. Ich mache ein paar Schritte durch den Neuschnee und bin sofort außer Puste. Unglaublich, wie tief wir trotz der Schneeschuhe einsinken. Der frische Schnee hat sich noch nicht gesetzt. Aber die Sonne hat ihn bereits schwer gemacht. 

Und das Gelände ist steil. „Was für eine Viecherei“, sage ich und finde Schneeschuhgehen plötzlich ganz schön heftig. „Erstmal hoch zu der Alpe“, schlägt Robert vor: „Dann sehen wir weiter.“ Also wechseln wir uns ab mit dem Spuren. Lange hält es keiner von uns vorne aus. Etwas oberhalb der Gebäude quert eine Ski-Aufstiegspur, der wir folgen. So viel zu unserem unbedingten Willen zum Abenteuer. „Geht schon viel leichter“, findet Christelle und übernimmt die Führung. 

In der Ferne grüßt schon die Carschinahütte. Kleiner Haken: Vorher wartet noch ein zäher Schlussanstieg im Tiefschnee
Bildcredit: Robert Pupeter
Bildcredit: Robert Pupeter

Weit oben wird zum ersten Mal das Ziel sichtbar. Zwischen uns und der Carschina-Hütte liegt ein baumloses Schneefeld, das mit Felsbrocken gesprenkelt ist. Es sieht wie eine gigantische Packung Stracciatella-Eis aus. Die alte Spur der Tourengeher ist an vielen Stellen so verblasen, dass man sie erst nach Hunderten von Metern wieder erahnen kann. Und schließlich verschwindet sie komplett. Von nun an müssen wir uns den Weg ganz allein nach oben trampeln – was ja eigentlich auch irgendwie die Idee war. „Geil, wie weiß es hier ist“, sagt Robert, als wir durch die fast konturenlose Landschaft stapfen. Der Blick findet keinen Halt, und alles beginnt vor den Augen zu schwimmen. Zum Schluss hat nur noch Christelle genug Power, um die letzten Meter zu spuren. Robert schimpft auf seine verletzungsbedingt schwache Kondition. Ich sage gar nichts mehr. 

Als wir die Hütte erreichen, wird es schon duster. Wir graben den Eingang des Winterraums und das Außenklo frei und öffnen die Fensterläden, obwohl kaum noch Tageslicht vorhanden ist, das in die Stube mit den 10 Schlafplätzen dringen könnte. Wir sind allein hier oben. Weit und breit nur Fels und Schnee. Die Carschinahütte liegt auf 2221 Metern, direkt unter der senkrechten Wand der Sulzfluh. Im Sommer ist das Rätikon mit seinen schroffen Gipfeln an der Grenze zwischen dem österreichischen Bundesland Vorarlberg und dem Schweizer Kanton Graubünden ein bekanntes Klettergebiet. Im Winter bleibt es deutlich ruhiger.  

Der Eingang muss erst freigelegt werden
Erst Eingang frei schaufeln, dann Feuer machen und Schnee schmelzen. Ein Schneeschuh-Wanderung zu einem Winterraum bietet ein Outdoor-Abenteuer in Reinform
Bildcredit: Robert Pupeter
Für Wasser muss der Schnee geschmolzen werden
Bildcredit: Robert Pupeter

Einfach und gemütlich ist sie, unsere Bleibe für diese Nacht. Aber eiskalt. Erstmal Schnee schmelzen. Erstmal Schoki und Tee aus der Thermoskanne. Nach zwei Stunden gibt der Emaille-Ofen soviel Hitze ab, dass unsere Gesichter glühen. Zum „Nachtessen“, wie der Schweizer das nennt, haben wir selbstverständlich Käsefondue und eine Flasche Weißwein mitgebracht. Réchaud und Caquelon gehören hierzulande zum festen Inventar jeder Hütte. Überfressen sinken wir in die Betten. Das Deckenthermometer zeigt jetzt knapp unter 30 Grad an. 

Kartenstudium
Der Weg ist das Ziel? Vielleicht. Ehrlicherweise ist aber vor allem ein warmer Hüttenraum das Ziel. Bei Ankunft grüßen frostige -6 Grad aus der Stube 
Bildcredit: Robert Pupeter
Die Anzeige steht auf ungemütlich
Bildcredit: Robert Pupeter

Viertel nach Sieben. Hinter der Scheienfluh beginnt der Himmel zu lodern. „Schaut aus wie ein Großbrand“, sagt Robert. An der Fahnenstange summt der Wind. Vermutlich summt er sein eintöniges Lied schon seit drei Tagen ohne nennenswerte Variationen. Dunkle Wolkenbänke drängeln über die Carschinahütte, als hätten sie es eilig, in den Norden zu kommen. „Und heute soll es wirklich nicht schneien?“, wundert sich Christelle. Nein, soll es nicht. Hoffen wir. 

Panorama Hütte
Belohnung bei Ankunft: Sonnenuntergang über der Carschinahütte, und kein Mensch weit und breit
Bildcredit: Robert Pupeter

Der Ruf eines Schneehuhns schnarrt beharrlich wie ein Wecker über die Hochebene. Ich fingere das Handy aus der Jackentasche und knipse einen Berg, der aussieht, als habe man ein Zelt mit dickflüssiger Sahne übergossen. Erst ist er dunkelgrau, dann bekommt er einen seltsamen Grünstich, später läuft der Gipfel kurzzeitig violett an, um schließlich in makellosem Weiß zu erstrahlen. Am Fuß des Schafbergs ist die Spur zu sehen, die wir gestern mühsam in den Schnee getreten haben. Die Landschaft um uns herum ähnelt inzwischen dem Deckengemälde einer Rokokokirche. Eine Welt in Rosa, Babyblau und Blattgold. Wir schnallen uns die Schneeschuhe an und marschieren ein bisschen durch das pastellige Paradies, ehe uns der Hunger in den Winterraum zurücktreibt. 

Das Nussbrot passt prima zur Himbeermarmelade und auch ein Stück Butter haben wir nach oben geschleppt. Dann füllen wir die Thermoskannen mit frischem Kräutertee, schreiben uns ins Hüttenbuch ein und treten den Rückweg an. Der Himmel ist nur noch leicht bewölkt, der Schnee deutlich fester als am Vortag. Nach einer Dreiviertelstunde kommt uns die Hüttenwirtin entgegen, die gerade mit einem Freund zur Carschina aufsteigt. Regelmäßig nach dem Rechten zu sehen, gehört zu den Aufgaben der jungen Bündnerin. „Merci, dass ihr so schön gespurt habt“, sagt die fröhliche Frau und freut sich, dass es uns in ihrem Winterraum so gut gefallen hat. „Do oba isch es Panorama halt scho mega.“

Schneeschuhe anlegen
Aufbruch am nächsten Morgen von der Hütte: Mit Föhnsturm und Neuschnee beginnt der Abstieg bei abenteuerlichen Verhältnissen 
Bildcredit: Robert Pupeter
Immer den Spuren hinterher
Bildcredit: Robert Pupeter

Spontan entscheiden wir uns, einen massiven Schlenker in die Abstiegsroute einzubauen. Versuchen kann man es ja mal. Zwischen überschneiten Felsbrocken von der Größe einer Garage geht es durch hügeliges Gelände gemächlich nach unten. „Schon cool, was man mit Schneeschuhen alles machen kann“, sagt Robert, der langsam auf den Geschmack kommt. „In so einem Terrain wäre ich mit Skiern nie gelandet.“ 

Je weiter wir nach unten kommen, desto milder werden die Temperaturen und desto mehr Gleitschneerisse sind erkennbar. Zum Glück kennt sich Robert mit Lawinen gut aus. Einige Hänge können wir nach Prüfung der Verhältnisse deshalb beruhigt hinunterhüpfen und -rutschen. Schnell rücken die Heuschober und Almen von Partnun in greifbare Nähe.

Strahlende Aussichten
Bildcredit: Robert Pupeter
Immer weiter durch den Schnee
Bildcredit: Robert Pupeter
Schattenspiel im Schnee
Spurensuche allein auf weiter Flur und immer ein Blick für die Landschaft: Das ist bei konstantem Schritttempo der große Vorteil bei Schneeschuh-Touren – trotz aller Anstrengung   
Bildcredit: Robert Pupeter

Während der Föhnsturm tausend Meter über uns mächtigen Scheefahnen über die Kämme bläst, schnallen wir die Schneeschuhe für die letzten beiden Kilometer auf die Rucksäcke. Fußgänger und Schneemobile haben den Weg im Tal geebnet. Neben uns gluckst der Bach, das Eis ist längst geschmolzen. „Und? War es dir nicht zu langweilig?“, frage ich Robert und deute auf die Wedelspuren, die sich neben dem Parkplatz wie Schreibübungen von Erstklässlern über die Hänge ziehen. „Nicht die Bohne“, antwortet Robert und packt die Schneeschuhe in den Kofferraum. „Praktisch sind die Dinger schon.“

Bildcredit: Robert Pupeter