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Nach der Amputation seiner Unterschenkel hat für Xia Boyu dank neuer Prothesentechnologien die Bergsteigerkarriere erst richtig angefangen.
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Doppelt beinamputierter Xia Boyu: Bis zum letzten Atemzug

  • Lars Becker
  • 28. Oktober 2019

Xia Boyu hat als erster doppelt Beinamputierter den Mount Everest über die Südroute erklommen. Nach der Erfüllung seines Lebenstraums schreibt der Chinese seine unglaubliche Geschichte mit der Besteigung der höchsten Berge aller Kontinente weiter. Am Elbrus im Kaukasus glückt dem 70-Jährigen ein erfolgreicher Start.


Zwischen 15 und 30 Menschen sterben jedes Jahr beim Versuch, den Elbrus zu besteigen. Für den doppelt Beinamputierten Xia Boyu war der Aufstieg auf den mit 5.642 Meter höchsten Gipfel Europas im Spätsommer 2019 so etwas wie ein Spaziergang.

Das mag mit Blick auf seine beiden silbernen Beinprothesen und sein stolzes Bergsteigeralter von 70 Jahren wie ein schlechter Witz klingen. Und doch ist es wahr. Zumindest im Vergleich zu seiner fast epischen Leidensgeschichte beim Versuch, das Dach der Welt zu erreichen.

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Xia Boyu bei der Besteigung des 5642 Meter hohen Elbrus im Kaukasus.
Xia Boyu bei der Besteigung des 5642 Meter hohen Elbrus im Kaukasus.
Bildcredit: Xia Boyu

Erste Expedition auf den Mount Everest: Selbstlosigkeit kostet beide Füße

Alles begann 1975. Xia Boyu war ein recht erfolgreicher Fußballer, als er für eine chinesische Mount-Everest-Expedition ausgewählt wurde. Viele professionelle Bergsteiger gab es damals im Reich der Mitte nicht, also wurde eine Gruppe physisch fitter junger Männer für die politisch wichtige Mission zusammengestellt. Nach ein paar Trainingseinheiten in den chinesischen Bergen ging es gleich zum höchsten Berg der Welt. Das sollte sich für Xia Boyu als fataler Fehler erweisen.

Auf 8.600 Meter Höhe – also nur 250 Meter unterhalb des Gipfels – wurde Xias Team auf der tibetischen Nordseite von einem Wettersturz erwischt. Zwei Tage und drei Nächte mussten die chinesischen Bergsteiger bei Temperaturen um minus 25 Grad ausharren, ehe ein Abstieg möglich war. In der folgenden Nacht auf 7.600 Meter Höhe überließ Xia Boyu einem in Not geratenen Teamkollegen seinen Schlafsack. In der eisigen Kälte erfroren seine Füße, veränderten ihre Farbe und mussten schließlich amputiert werden.

«Ich war so unglaublich traurig. Mein erster Gedanke war, dass ich nie mehr Fußball spielen kann. Ich hatte überhaupt keine Idee mehr, was ich mit meinem Leben anfangen soll.»
Xia Boyu

«Ich dachte, ich muss mein ganzes Leben im Rollstuhl verbringen»

«Ich war so unglaublich traurig. Mein erster Gedanke war, dass ich nie mehr Fußball spielen kann. Ich hatte überhaupt keine Idee mehr, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ich war gerade mal 26 und dachte, dass ich mein ganzes Leben im Rollstuhl verbringen muss», erzählt Xia Boyu. Neuen Lebensmut gab ihm erst das Treffen mit einem deutschen Experten. Der berichtete Xia Boyu, dass er mit passenden Prothesen möglicherweise wieder laufen lernen könne.

Der Kampfgeist des professionellen Athleten war erwacht. Jeden Morgen stand er um 5 Uhr auf und bewältigte ein fast unmenschliches Fitness-Programm: 8 mal 40 Situps, 8 mal 60 Liegestütze und dazu noch Übungen mit Gewichten auf der Schulter. Xia Boyu kehrte zum Sport zurück, versuchte sich im Kugelstoßen, Diskuswerfen, Basketball und dem chinesischen Nationalsport Tischtennis – zunächst noch im Rollstuhl. Als die Qualität der Prothesen es endlich erlaubte, lernte Xia Boyu wieder stehen: «Das war die Bedingung, wieder laufen zu können.»

Xia Boyu: Trotz Krebs nie aufgegeben

So machte Xia Boyu einen Schritt nach dem anderen zurück ins Leben. Jeden Werktag radelte er die 16 Kilometer lange Strecke zu seiner Arbeit hin und wieder zurück. An den Wochenenden fuhr er in die Berge, um wandern zu gehen. Die Touren wurden immer anspruchsvoller und Xia Boyu war mit seinen Prothesen immer schneller unterwegs. Er fühlte sich ausgerechnet in den Bergen am glücklichsten, obwohl ihm die raue Natur beide Unterschenkel gekostet hatte. 

Allerdings brachte das Bergsteigen mit Prothesen völlig neue Herausforderungen mit sich: Nicht nur schränken die steifen Prothesen und die Stöcke die Beweglichkeit stark ein, auch der Halt am Untergrund ist im Vergleich zu den beweglichen und weicheren Füßen deutlich schlechter. Da Xia Boyu den Untergrund nicht mit den Füßen fühlen kann, ist er bei der Beurteilung der Bodenstabilität einzig auf seine Augen angewiesen. Mehrmals klemmte er eine Prothese versehentlich ein und war darauf angewiesen, von einem Begleiter befreit zu werden. Verliert er eine Prothese, ist es in den Bergen fast unmöglich, sie wieder an den geschwollenen Beinstümpfen anzubringen.

«Es wurde zu meinem Lebenstraum, den Mount Everest zu besteigen. Ich habe mir geschworen, dass ich es bis zu meinem letzten Atemzug probiere», erzählt Xia Boyu. Auf dem Weg zur Erfüllung seines großen Traums hatte das Schicksal aber noch weitere Prüfungen für den Mann parat. Xia Boyu erkrankte an Lymphdrüsen-Krebs: «Der Doktor hat mir gesagt: ‚Du wirst nie da oben stehen.‘ Und ich habe mir gesagt: Ich werde nie aufgeben.» Er wurde wieder gesund und verkaufte sein Appartement und sein Auto, um sich den großen Traum zu erfüllen. Denn im Gegensatz zu den hippen Stars der Kletterszene hat Xia Boyu keine Unterstützung durch Großsponsoren.

Die schönsten Kletter- und Bouldergebiete für Familien

Mount Everest: Drei weitere Male gescheitert

Nach der Besteigung einfacherer Berge wagte Xia Boyu 2014 seinen zweiten Versuch am Mount Everest. Doch er musste wegen des Lawinenunglücks im Khumbu-Eisbruch mit 16 Toten ebenso umkehren wie ein Jahr später nach einem schweren Erdbeben. Bei seinem vierten Versuch am Dach der Welt im Jahr 2016 kam Xia Boyu bis 100 Meter unter den Gipfel. Doch dann musste er wegen ungünstiger Witterungsbedingungen erneut aufgeben.

«Wenn ich alleine gewesen wäre und in Anbetracht meines Alters und der 40 Jahre, die ich für meinen Traum gekämpft hatte, wäre ich weiter aufgestiegen, ohne an die Konsequenzen zu denken», sagte Xia Boyu in einem Interview. «Aber als ich zurückschaute, blickte ich in die Gesichter von fünf Sherpas. Sie haben Familien. Deshalb beschloss ich umzukehren.»

Xia Boyu auf der ISPO Shanghai im Gespräch mit Autor Lars Becker.
Xia Boyu auf der ISPO Shanghai im Gespräch mit Autor Lars Becker.
Bildcredit: Messe München GmbH

2018: Die Erfüllung eines Lebenstraums

Als die Tourismus-Behörde Nepals Ende 2017 den Aufstieg von doppelt Beinamputierten untersagte, um die wachsende Zahl der Unfälle beim Aufstieg auf den Mount Everest zu verhindern, schien Xia Boyus Traum ausgeträumt.

Doch der Oberste Gerichtshof des Landes kippte das Verbot und Xia Boyu startete 2018 seinen fünften Versuch. Über die Südroute erreichte er schließlich nach unglaublichen Strapazen als erster doppelt Beinamputierter den höchsten Gipfel der Welt – im stolzen Alter von 69 Jahren.

«Schließlich hat mich der Mount Everest doch akzeptiert. Nach 43 Jahren habe ich den Gipfel erreicht und mir den größten Traum meines Lebens erfüllt. Ich war erst ein Athlet, dann ein Behinderter – und wollte alle anderen Menschen zeigen, welche Herausforderungen man im Leben bewältigen kann», erzählt Xia Boyu. Seine außergewöhnliche Leistung hat ihn ins Guinness Buch der Rekorde gebracht. Zudem wurde er 2019 in einer Veranstaltung mit sportlichen Weltstars wie Novak Djokovic oder Tiger Woods mit dem prestigeträchtigen Laureus Award für den «Sporting Moment of the Year» ausgezeichnet.

Seven Summits das nächste Ziel

Xia Boyu fühlt sich von all diesen Auszeichnungen extrem geehrt, doch vor allem will er seinen einmaligen Spirit an alle Menschen mit Behinderung oder mit existenziellen Problemen weitergeben – rund um die Welt. Deshalb ist die Besteigung der sogenannten Seven Summits, die höchsten Berge aller Kontinente, sein nächstes Projekt. Nach dem Mount Everest in Asien hat er den Elbrus bewältigt.

Die Geografen streiten sich, ob der erloschene Vulkan im Kaukasus überhaupt noch zu Europa gehört. Für die renommiertesten Bergsteiger ist jedoch klar, dass der Elbrus und nicht der gemeinhin als höchster Berg Europas geltende Mount Blanc zu den Seven Summits gehört – genau wie der südamerikanische Aconcagua, der nordamerikanische Mount McKinley (Denali), der Kilimandscharo in Afrika (Kibo), der antarktische Mount Vinson und je nach Auslegung der Mount Kosciuszko für den australischen Kontinent oder der Puncak Jaya auf Neuguinea für Ozeanien.

«Manche Leute gehen fischen, manche pokern, manche machen gar nichts – und ich klettere eben.»
Xia Boyu

Die Rente mit Klettern genießen

Dass er von vielen Pensionären wegen seiner außergewöhnlichen Pläne für verrückt erklärt wird, nimmt Xia Boyu mit einem Lächeln: «Jeder hat eine andere Art, seine Rente zu genießen. Manche Leute gehen fischen, manche pokern, manche machen gar nichts – und ich klettere eben.»

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