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 Kletter-Star David Lama am gefährlichen Himalaya-Gipfel
Outdoor | 05.10.2016

Red-Bull-Athlet im Himalaya zwischen Tibet und Nepal

Top-Alpinist David Lama: Die Erstbesteigung des Lunag Ri und ihre besondere Bedeutung

Kletter-Star David Lama am gefährlichen Himalaya-Gipfel . Zusammen mit seinem Kollegen Conrad Anker (im Bild) muss sich David Lama an extrem schwierigen Schneehängen abarbeiten. (Quelle: Servus TV / Mammut / Red Bull Content Pool)
Zusammen mit seinem Kollegen Conrad Anker (im Bild) muss sich David Lama an extrem schwierigen Schneehängen abarbeiten.
Bild: Servus TV / Mammut / Red Bull Content Pool
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David Lama war ein Kletter-Wunderkind, mittlerweile ist er zum Spitzen-Alpinisten gereift. Seine Touren in Fels und Eis gehören zu den schwierigsten und ehrgeizigen Projekten des Alpinismus. Im Interview mit ISPO.com spricht er über das Klettern als Kunstform, das Scheitern und den zweiten Anlauf beim Projekt Erstbesteigung des Lunag Ri.

Als Sportkletterer hatte David Lama (26) schon als Teenager alles erreicht. Der Schritt zum Alpinismus im Jahr 2010, den richtig hohen Bergen und den ganz großen Namen war deshalb nur der nächste logische Schritt in seiner Evolution. 2011 kletterte Lama über 24 Seillängen in einer der schwersten Alpin-Routen der Welt durch die Eiger-Nordwand, 2012 gelang ihm die erste Begehung des Cerro Torre (Patagonien) im Freikletterstil.

Lesen Sie hier: Stefan Glowacz und David Lama fachsimpeln auf der ISPO MUNICH 

Im November 2015 scheiterte er mit Conrad Anker (USA) nur knapp an der Erstbesteigung des Lunag Ri, einem 6.895 Meter hohen Berg im Himalaja, der Nepal und Tibet trennt. Weil sie den letzten Aufstieg ohne Biwak-Material versuchten und eine eiskalte Nacht mit Erfrierungen drohte, waren Lama und Anker gezwungen, 300 Meter unterm Gipfel umzukehren. Ende Oktober 2016 startet nun der zweite Versuch.


Kletter-Star David Lama im Interview

ISPO.com: Kurz vor dem Gipfel des Lunag Ri mussten Sie sich entscheiden: Umdrehen und damit scheitern – oder für den Gipfel vielleicht schlimme Erfrierungen in Kauf nehmen. Was bedeutet es für Sie, zu scheitern?
David Lama:
Scheitern gehört ganz klar dazu. Projekte, die andere für nicht möglich halten, sind Grenzgänge – wie der Lunag Ri. Da sollte man sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Nur so lernt man etwas daraus und kann auch etwas Positives darin sehen. Für mich ist Scheitern ein ganz natürlicher Prozess, aus dem ich neue Kraft ziehe.

Kraft für den zweiten Versuch, der kurz bevorsteht. Wie laufen die Vorbereitungen für den Lunag Ri?
Super. Im Frühjahr war ich ja nochmal in Nepal und habe mit Hansjörg Auer (lesen Sie hier: ein Interview über Motivation, Risiken und seinen schlimmsten Moment im Extremsport) und Alex Blümel die noch unbestiegene Südostkante der Annapurna III (7555 Meter) versucht. Dann war ich ein paar Wochen in Mexiko. Und im Moment bin ich viel am Laufen und Klettern.

10.000 Höhenmeter in zehn Tagen

Gehen Sie dabei streng nach Trainingsplan vor?
Einen richtigen Trainingsplan habe ich nicht. Ich weiß, woran ich arbeiten muss und was ich für eine lange Tour an einem Berg wie dem Lunag Ri brauche. Das ist vor allem Ausdauer. Was meine Technik und Willenskraft anbelangt, habe ich einen guten Background. Da passt alles. Ausdauer muss man sich jedoch hart erarbeiten. Und so bin ich in den vergangenen zehn Tagen um die 10.000 Höhenmeter geklettert.

David Lama: „Alpinismus ist Kunst.“ (Quelle: Menk Rufibach / Red Bull Content Pool)
David Lama: „Alpinismus ist Kunst.“
Bild: Menk Rufibach / Red Bull Content Pool

Welche Rolle spielt für Sie bei dieser Expedition Nepal? Kommen da auch familiäre Gefühle in Ihnen hoch?
Der Berg verändert sich nicht, nur weil dort die Heimat meines Vaters ist. Der Fels, der Schnee und das Eis sind nicht anders. Aber natürlich empfinde ich durch meine familiäre Geschichte ein ganz besonderes Gefühl. Von Heimatgefühl kann ich allerdings noch nicht sprechen. Ich bin in Österreich geboren und spreche auch nicht Nepalesisch. Zudem war ich bisher nicht sehr oft in Nepal. Doch mit jeder Reise spüre ich eine tiefere Verbindung.

Dazu gibt es bei der kurz bevorstehenden European Outdoor Film Tour auch einen 20-minütigen Beitrag, in dem die Expedition und ihr Familientreffen in Phaplu gezeigt werden.
Genau. Wir haben den ersten Versuch am Lunag Ri sowie die Reise zurück ins Heimatdorf meines Vaters filmisch dokumentiert. Ein schöner Film.

Lesen Sie hier: Warum der Indoor-Trend beim Klettern gut ist

Fairer Stil ist am Berg sehr wichtig

Sie sind nicht nur ein weltweit bekannter Alpinist, sondern auch ein Film- und Werbestar. Ihr Gesicht ist in Magazinen, im Kino und im Fernsehen zu sehen. Muss der Berg da manchmal gegenüber dem Marketing in den Hintergrund rücken?
Nein, auf gar keinen Fall! Priorität hat für mich immer das Bergsteigen, auch wenn es hier und da mal einen Termin für die Medien und Sponsoren gibt. Ich habe jedoch das große Glück, dass das Zusammenspiel zwischen mir und meinen Sponsoren sehr gut läuft. Ich muss mich da nach niemandem richten, kann meinen Weg frei und unbeirrt gehen. Anders wären meine Projekte und Expeditionen auch nicht möglich und umsetzbar.

Sie betonen immer wieder: „Am Berg entscheidet die Haltung.“ Wie sieht die bei Ihnen genau aus?
Ich will keine Regeln aufstellen. Für mich ist jedoch ein fairer Stil am Berg sehr wichtig. Das heißt, dass ich nicht nur den Gipfel sehe, um ihn dann mit allen nur erdenklichen Hilfsmitteln zu erreichen. Der Weg ist für mich elementar, er beschreibt die Idee, die mich überhaupt erst zu diesem Berg gebracht hat. Und meine Idee gibt mir vor, wie ich den Berggipfel erreichen will – ob in technischer oder freier Kletterei, hier gibt es nicht nur einen Stil, der legitim ist.
Dieser Idee bleibe ich treu, an ihr halte ich fest. Auch wenn der Gipfel dabei während der Besteigung außer Reichweite rückt. Die Haltung zum Berg und meine Einstellung ändern sich nicht. Darin liegt ein sehr großer Reiz.

Dann ist Alpinismus für Sie mehr als ein bloßer Sport?
Ja, gerade dann, wenn es sich um die Erstbesteigung eines Berges, wie jetzt beim Lunag Ri, handelt. Der gesamte Berg ist für mich wie eine Leinwand, die noch ganz weiß und unberührt ist. Es gibt noch keine feste Route, keine Linie, die bis zum Gipfel hinaufführt. Und so setzen wir durch unsere Expedition den ersten Strich, ziehen eine Linie – wie ein Maler, der damit beginnt, ein Bild zu malen und zu gestalten.
Am Ende, wenn der letzte Pinselstrich gemacht ist, stehen wir am Gipfel und haben ein Kunstwerk vollbracht. Für mich hat Alpinismus schon etwas mit Kunst zu tun.

David Lama probiert sich als Surfer

Eine Kunst, die Sie rund um Ihren Heimatort Innsbruck bestens ausleben können.
Das stimmt. Innsbruck ist ein super Ausgangspunkt. Das Karwendel, Osttirol oder das Zillertal, der Gardasee sowie die Dolomiten und die Schweiz – das alles ist nicht weit entfernt und hat wirklich einiges zu bieten, im Sommer wie im Winter. Und zwar für Kletterer genauso wie für Skifahrer, zu denen ich ja auch zähle.
Wir haben in Innsbruck eine sehr große und starke Szene. Dort kann ich mich immer wieder bestens auf meine Expeditionen und Projekte vorbereiten.

Und dort leben auch Ihre Eltern.
Das kleine Dorf, in dem meine Mutter und mein Vater leben, liegt gerade einmal zehn Kilometer von meiner Haustür entfernt. Wir sehen uns fast jede Woche.

Haben Sie eigentlich auch Leidenschaften abseits der Berge?
Ich habe die Wasserwelt für mich entdeckt, insbesondere bei meiner letzten Reise nach Mexiko. Dort war ich nicht zum Klettern oder Bergsteigen, sondern zum Surfen. An Berge habe ich da mal nicht gedacht.

David Lama ist bei der European Outdoor Film Tour (EOFT) am 14. Oktober in Füssen nicht nur auf der Leinwand, sondern auch persönlich vor Ort.

Sebastian Schulke (Quelle: Sebastian Schulke)
Ein Beitrag von Sebastian Schulke, Autor
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