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 Produktion in China: Der Lohn steht nicht mehr im Fokus
China | 14.01.2016

Experte Prof. Dr. Nick Lin-Hi über soziale Verantwortung

Arbeiten in China: „Das Umfeld ist inzwischen mehr wert als der Lohn“

Produktion in China: Der Lohn steht nicht mehr im Fokus. Prof. Dr. Nick Lin-Hi spricht mit Arbeiterinnen in China. (Quelle: KTC)
Forscht auch vor Ort: Prof. Dr. Nick Lin-Hi im Gespräch in einer KTC-Näherei.
Bild: KTC
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Der Begriff Corporate Social Responsibility (CSR) ist weltweit ein großes Thema. Doch was steckt eigentlich dahinter? Insbesondere im Hinblick auf den Produktions-Standort China wirft das Fragen auf. ISPO.com sprach mit dem CSR-Spezialisten Prof. Dr. Nick Lin-Hi, der vor Ort die Situation auswertet.

In Heshan, wo wir ihn trafen, leitet er ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit KTC. Dieser chinesische Fabrikant produziert hochwertige Funktionstextilien für Marken wie Black Yak, Mammut, Helly Hansen, Rapha, Musto, Mountain Force und einigen mehr. Lin-His These: Betriebliche soziale Verantwortung ist nicht allein ein Wert an sich, sondern steigert auch Produktivität und Qualität.

ISPO.com: Herr Dr. Lin-Hi, welchen Zusammenhang zwischen innerbetrieblicher gesellschaftlicher Verantwortung und Produktivität in einer chinesischen Fertigungsstätte konnten Sie ermitteln?
Dr. Nick Lin-Hi: Zunächst einmal gilt dasselbe für alle Kulturen und alle Branchen: Mitarbeiter nehmen sehr wohl wahr, ob sie als beliebig austauschbar betrachtet werden oder ob ein Arbeitgeber sich um ihre Belange kümmert.

Üblicherweise reagieren Mitarbeiter dabei positiv, wenn ihr Arbeitgeber Verantwortung nach innen übernimmt. Das Personal gibt dann etwas an die Firma zurück: emotionale Bindung, Motivation, Vertrauen, Leistungsbereitschaft und dergleichen mehr. Diese Erkenntnisse sind grundsätzlich nicht neu, erhalten aber derzeit in China eine neue Dimension.


Das wollen wir von Ihnen wissen: Welche besonderen Entwicklungen sind in China in diesem Kontext zu nennen?
Ein entscheidender Unterschied zu westlichen Ländern liegt in der Dynamik der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Noch vor zwei Jahrzehnten war China gerade einmal ein aufstrebendes Schwellenland. Für die Arbeitnehmer ging es vornehmlich um die Befriedigung von Grundbedürfnissen. Das machte Geld zur wesentlichen Quelle der Motivation der Mitarbeiter.

„Fabrikarbeiter können sich ihre Arbeitgeber aussuchen“

Im Zusammenhang mit der rapiden ökonomischen und sozialen Entwicklung hat sich da einiges geändert. Wenn ein grundlegender Lebensstandard erst mal gesichert ist, dann werden andere Faktoren wichtig wie Attraktivität des Arbeitsplatzes, Freizeit und andere qualitative Aspekte. Die Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte ist in China von zunehmender Bedeutung: Aufgrund der demographischen Entwicklung sowie des immensen Wirtschaftswachstums herrscht heute in den Wirtschaftszentren Arbeitskräfteknappheit, und Fabrikarbeiter können sich ihre Arbeitgeber gewissermaßen aussuchen.

Arbeiterinnen vor einem großen Stoff-Berg. (Quelle: KTC)
Die Arbeiterinnen wollen vor allem ein soziales Arbeitsumfeld – der Lohn steht nicht mehr so im Fokus, sagt Prof. Dr. Nick Lin-Hi
Bild: KTC

Worin liegen – neben dem Geld – die wichtigsten Motivations-Faktoren für chinesische Fabrikarbeiter?
Meine Forschung zeigt, dass Fabrikarbeiter stolz auf ihren Arbeitgeber sein wollen. Sie möchten für ein Unternehmen arbeiten, das ein positives Image hat, das man Freunden und Familien weiterempfehlen kann. Auch wollen Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber Wertschätzung erfahren und nicht nur eine Nummer in der Fabrik sein.

„Emotional verbundene Mitarbeiter zahlen mit Leistung zurück“

Immer mehr Menschen wählen ihre Arbeitgeber daher gezielt aus und machen sich Gedanken darüber, warum man eigentlich genau in dieser Firma arbeitet und nicht irgendwo anders. Auch wenn die Befriedigung von neuen Mitarbeiter-Bedürfnissen eine anstrengende Umstellung für Unternehmen darstellt, so lohnt sich diese: Motivierte und einem Unternehmen emotional verbundene Mitarbeiter zahlen die Anstrengungen in Form besserer Leistung zurück.

Das hört sich für uns noch recht abstrakt an. Was kann ein Arbeitgeber tun, dass sich der Angestellte wohler fühlt?
Es geht hier um ganz verschiedene Dinge, angefangen von der Gesundheitsvorsorge über ansprechend gestaltete Unterkünfte und qualitativ gutes Essen bis hin zur Schaffung von angenehmen Arbeitsbedingungen durch klimatisierte Räume. Zudem geht es um die Befriedigung von sozialen Bedürfnissen. Mitarbeiter wollen sich während der Arbeit austauschen, wollen ihr Handy nutzen. Das lässt sich heute keiner mehr verbieten. Unternehmen müssen sich dieser Realität anpassen.

So produziert KTC in China


Wie sieht es mit immateriellen Vorzügen aus wie flexibler Arbeitszeit, Überstunden-Regelungen oder mehr Urlaub? 
Auch hier ist einiges in Bewegung, da auch das von den Arbeitern zunehmend wichtig genommen wird. Fairerweise muss man hier aber sagen, dass die Erfüllung derartiger Mitarbeiterbedürfnisse eine große Herausforderung darstellt, die nur langfristig zu meistern ist.

Wie in westlichen Fabriken steht auch in chinesischen Betrieben der Schichtbetrieb im Vordergrund. Flexibilität ist eigentlich nur dadurch zu erreichen, dass es vermehrt Arbeiter gibt, die an mehreren Stationen des Produktionsprozesses einspringen können.


Der vielseitig einsetzbare Mitarbeiter ist der Schlüssel zur Flexibilität, was gleichzeitig die Bedeutung von Mitarbeiterqualifizierungen aufzeigt. Für Betriebe ist es wichtig, zu wissen, welche Ansätze es hier gibt. Genau hierfür kooperiere ich mit KTC und forsche zu der Frage, wie die Zukunft der Fabrikarbeitswelt in China aussehen und gestaltet werden kann.

“Mitarbeiter legen mehr Wert auf ein gutes Umfeld“

Wir wollen aber nicht so tun, als wären diese Soft-Faktoren wichtiger als das liebe Geld?
Nein, das wollen wir sicher nicht, aber die Gewichte verschieben sich. Ich habe das tatsächlich empirisch ermittelt. Im Rahmen von experimentellen Studien habe ich analysiert, ob mehr Lohn schlechtere Arbeitsbedingungen ausgleicht.

Die Ergebnisse sind ziemlich eindeutig: Mitarbeiter legen mehr Wert auf ein gutes Arbeitsumfeld als auf eine Lohnerhöhung. Die Untersuchungen legen nahe, dass Unternehmen in China ohne gute Soft-Faktoren langfristig im Personalbereich Probleme bekommen werden.

Wie kommen Sie eigentlich zu Ihren Erkenntnissen? Stehen Ihnen alle Fabriktore in China einfach so offen?
Nein, das tun sie leider nicht. Wir brauchen viel mehr Transparenz, die es aber so nicht gibt. Fabriktore sind sehr undurchlässig.

Woran liegt das?

Ich habe das Gefühl, dass viele Fabriken Angst haben. Angst vor etwas Neuem und davor, Sachen verändern zu müssen. Nach wie vor gibt es in chinesischen Fabriken viele tradierte Denkmuster, in denen Mitarbeiter lediglich Produktionsfaktoren sind.


Solange dieses Denken noch die Überhand hat, bleibt es schwer, Fabriken für die Idee von CSR zu begeistern und Zugang zu den Produktionsstätten zu erhalten. Hinzu kommt, dass es durchaus auch so ist, dass Arbeitsbedingungen in Fabriken nicht immer dem entsprechen, was nach außen kommuniziert wird. Kein Unternehmen möchte dies jedoch öffentlich machen.

Und warum ist das bei KTC nicht so? Hat dieses Unternehmen das soziale Rad neu erfunden?
Zumindest ist mir im Südosten Chinas kein zweites produzierendes Unternehmen bekannt, das einem Vergleich in Sachen Transparenz mit KTC standhält. Diese Firma hat nichts zu verstecken und kann es sich daher leisten, seine Fabriken herzuzeigen.

Die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung ist für KTC Teil der Firmen-Philosophie und das Unternehmen hat es verstanden, dass unternehmerischer Erfolg und gute Arbeitsbedingungen keine Gegensätze sind, sondern eine fruchtbare Symbiose darstellen können.


Über den Experten:

Dr. Nick Lin-Hi ist Professor für Wirtschaft und Ethik an der Universität Vechta. Seit über zehn Jahren forscht und publiziert der 35-Jährige über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Im Jahr 2010 wurde er vom Institut der Deutschen Wirtschaft mit dem Max-Weber-Preis für Wirtschaftsethik ausgezeichnet. Mit dem chinesischen Bekleidungs-Hersteller KTC unterhält Lin-Hi eine Forschungskooperation, die es ihm ermöglicht, intime Einblicke in fernöstliche Produktionsstätten zu erhalten.
 

Markus Huber (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Markus Huber, Autor
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