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 Faire Löhne in der Supply Chain: Was es so schwer macht
Textilien | 28.09.2016

Fair-Trade-Organisationen kommen nur langsam voran

Löhne in der Supply Chain: Bekleidungsindustrie sucht nach fairen Lösungen

Faire Löhne in der Supply Chain: Was es so schwer macht. Die Arbeitsbedingungen und Löhne in der globalen Bekleidungsindustrie rücken immer mehr ins Interesse der Öffentlichkeit. (Quelle: KTC Limited)
Die Arbeitsbedingungen und Löhne in der globalen Bekleidungsindustrie rücken immer mehr ins Interesse der Öffentlichkeit.
Bild: KTC Limited
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Am 30. September begeht die Welt den sogenannten „Fashion Fairday“. Ein Tag, der sich ganz der Frage widmet: Wie wird unsere Bekleidung eigentlich produziert? Niemand kann heutzutage mehr behaupten, er wisse nicht Bescheid. Die Öffentlichkeit interessiert sich dafür, unter welchen Bedingungen in der globalisierten Bekleidungsindustrie hergestellt wird.

Katastrophen wie der verheerende Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch, Fabrikbrände, Arbeiteraufstände etc. – all diese Nachrichten dringen inzwischen bis zum Konsumenten durch. Sie erhöhen den Druck auf die Textilbranche, diese Zustände endlich zu ändern. Nur, warum dauert das so lange?

Ein paar Cent mehr – großer Effekt

Eigentlich könnte es doch ganz einfach sein: Man zahlt den Zulieferbetrieben in Fernost endlich einen angemessenen Lohn für ihre Arbeit, und die Fabriken könnten in bessere Arbeitsbedingungen investieren und faire, existenzsichernde Löhne an ihre Arbeiter auszahlen. Nur wenige Cent mehr pro Artikel würden meist schon genügen, um einen echten Unterschied zu machen. Berechnungen dazu gibt es längst. Und diese paar Cent würden weder dem Konsumenten wehtun, noch dem Händler oder dem Hersteller.


Dennoch passiert nur sehr wenig. Eine Zahl hierzu aus der Lebensmittelbranche: Fair-Trade-Bananen kommen in Deutschland auf einen Marktanteil von zehn Prozent. An zweiter Stelle liegt Kaffee mit drei Prozent. Dabei ist Fair Trade im Bereich Lebensmittel schon seit 20 Jahren aktiv.

Der Fair-Trade-Textilstandard wurde in Deutschland hingegen erst im März 2016 veröffentlicht, im Juni ist er in Kraft getreten. Er zertifiziert das Produkt von der Faser bis hin zum fertigen Teil und ist deshalb vor allem für Baumwollprodukte nutzbar.

Der Umsatz von fair produzierten und gehandelten Lebensmitteln stieg 2015 in Deutschland um 18 Prozent auf 978 Millionen Euro. (Quelle: Fairtrade Deutschland)
Der Umsatz von fair produzierten und gehandelten Lebensmitteln stieg 2015 in Deutschland um 18 Prozent auf 978 Millionen Euro.
Bild: Fairtrade Deutschland

Patagonia gehörte zu den ersten Marken überhaupt, die eine Fair-Trade-Kollektion herausgebracht haben – in Kooperation mit Fair Trade USA. Sie wurde im Herbst 2014 gelauncht und bestand aus zehn Artikeln. Das heißt, die Bekleidung steht noch ziemlich am Anfang dieses Prozesses.

<<< Lesen Sie mehr über die Nachhaltigkeitsstrategie von Patagonia >>>

Outdoor-Branche hat Leader-Status

Natürlich gibt es weitaus mehr Akteure in der Bekleidungsindustrie, die sich seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen engagieren – allen voran die Nichtregierungsorganisationen Fair Wear Foundation (FWF) mit Sitz in Amsterdam und ihr US-amerikanisches Pendant, die Fair Labor Association (FLA) mit Sitz in Washington. Betriebe, die sich von ihnen zertifizieren lassen, müssen aktiv daran arbeiten, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. Als Vorreiter im Bereich soziales Engagement gilt die Outdoor-Branche. 

Einige große Marken wie Jack Wolfskin, Mammut, Deuter, Schöffel oder Vaude haben innerhalb der FWF bereits einen Leader-Status erreicht, der sie für ihre vorbildliche Arbeit im Bereich der sozialen Standards in der globalen Supply Chain auszeichnet. Andere Marken wie Maier Sports, Haglöfs, Mountain Sports und Salewa sind ebenfalls Mitglied und engagieren sich für die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferer.

„Die Outdoorbrands wollen es unbedingt in unsere Leader-Kategorie schaffen“, lobt Lotte Schuurman von der FWF. Der Grund: „Die Outdoormarken brauchen qualifizierte Produzenten und deshalb investieren sie auch in eine langfristige Geschäftsbeziehung mit ihren Zulieferern“, sagt Schuurman, „das trifft auf die Mode nicht in dem Maß zu.“

Der aktuelle Preiskampf in der Outdoor-Branche hinterlässt jedoch auch hier seine Spuren: „Auf Kundenseite beschränkt sich derzeit das Interesse an Living Wages im Geschäftsalltag leider in den meisten Fällen auf das Vorlegen eines Code of Conducts. Viele Marken sehen sich in der jüngsten Vergangenheit schwierigen Preissituationen in ihren Absatzmärkten gegenüber“, erklärt Karl-Martin Schmull, CSR-Spezialist beim chinesischen Produzenten KTC, der sich seit vielen Jahren für Living Wages engagiert.

Preissensible Konsumenten, sinkende Nachfrage und ein Mangel an Innovationen haben ein Umfeld geschaffen, das für Living Wages immer weniger Spielraum lässt.


Existenzlöhne – ein sehr komplexes Thema

Wie weit sind wir beim Thema Existenzlohn also? „Mir ist keine Marke bekannt, die tatsächlich schon existenzsichernde Löhne in ihrer gesamten globalen Supply Chain zahlt“, sagt Dr. Mark Starmanns, der sich seit vielen Jahren mit den Themen Nachhaltigkeit und Fairness in der globalen Bekleidungsindustrie beschäftigt. Er berät Unternehmen im Nachhaltigkeitsmanagement, ist Dozent an der Universität Zürich und gehört zu den Initiatoren von ‚Get Changed! The Fair Fashion Network‘. Als Grund dafür nennt er die enorme Komplexität des Themas.

Zwar interessieren sich viele Unternehmen dafür, nur unterschätzen viele den Aufwand, der eine solche Implementierung mit sich bringt. Je unübersichtlicher die Supply Chain, desto schwieriger das Unterfangen. Denn: Die Löhne anheben kann nun mal nur der Zulieferer, nur er bezahlt seine Arbeiter – nicht die Marken, die bei ihm produzieren. Auf seine Bereitschaft kommt es an.

„In vielen Fabriken fehlt aber das Verständnis für derartige Anliegen, denn die lokalen Mindestlöhne werden von der Regierung oder der Industrie festgelegt, und teilweise werden sie sogar gemeinsam zwischen Regierung, Industrie und Gewerkschaften vereinbart“, so Starmanns.


An die Vorgaben zum Mindestlohn halten sich die Betriebe, nur liegen die oft weit unter dem, was NGOs beispielsweise als einen fairen, existenzsichernden Lohn deklarieren. Natürlich haben die Regierungen kein Interesse daran, diese gesetzlichen Mindestlöhne rapide zu erhöhen. Sie sind bisher ein wichtiges Lockmittel gewesen, um internationale Investoren ins Land zu holen. Zudem kurbeln höhere Löhne – zum Beispiel in einem Land wie Bangladesch, wo Textilien etwa 80 Prozent der Exporte ausmachen – die Inflation an.

Den Fabriken fehlt aber nicht nur das Verständnis, es fehlt auch an Vertrauen. Um abschätzen zu können, wie viel mehr ein Existenzlohn den Auftraggeber kosten würde, müsste die Fabrik ihre Kalkulation offenlegen. Angesichts des Preisdrucks der letzten Jahre ist das eine Forderung, die sicher nicht zu Unrecht auf Misstrauen stößt. Sie fällt wohl nur dort auf fruchtbaren Boden, wo ohnehin schon eine langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit stattgefunden hat.

Welcher Lohn ist existenzsichernd?

Genauso schwierig ist es, die Höhe eines Existenzlohns festzulegen. Regierungen, Gewerkschaften, Wissenschaftler und NGOs kommen pro Region zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Eine der renommiertesten Institutionen in dem Bereich ist die Asia Floor Wage Campaign (AFW), in der sich rund 70 asiatische NGOs, Gewerkschaften und Wissenschaftler zusammengeschlossen haben, um ein gemeinsames Berechnungsmodell zu erarbeiten.

Dennoch sind auch ihre Werte umstritten. Beispielsweise bei der Frage, wie viele Menschen ein Gehalt ernähren muss: eine vierköpfige Familie, in der nur ein Erwachsener arbeitet, oder ist es normal, dass beide Erwachsene arbeiten? Es gehe noch weiter, sagt Starmann, „bis schließlich zu der Frage, wie viele Kalorien ein Mensch pro Tag braucht und ob ein Fabrikarbeiter in der Lage sein soll, für seine Kinder eine Universitätsausbildung zu finanzieren?“

Die FWF rät deshalb, die Höhe des Existenzlohns nicht von oben vorzugeben, sondern ihn pro Fabrik individuell mit Arbeitern, Gewerkschaften und der Fabrikleitung zu verhandeln. Die FLA hat gerade eine Studie veröffentlicht, in der sie Lohn-Daten aus 124 Textilfabriken in 21 Ländern mit den lokalen Lohnstandards vergleicht. 

Bisherige Kalkulationsmodelle der Branche sind ungeeignet

Und es gibt noch eine weitere Hürde: In der Bekleidungsindustrie hat sich ein Kalkulationsmodell etabliert, das mit prozentualen Aufschlägen arbeitet. Das heißt: Wenn die Kosten am Anfang der Wertschöpfungskette um einen gewissen Prozentsatz verändert werden, dann ändern sich auch alle Folgekosten. Das gilt für die Handelsmarge genauso wie für die Mehrwertsteuer. Ein Produkt kann dann sehr leicht um ein Vielfaches teurer werden, obwohl es anfangs nur darum ging, den Arbeitern jene paar Cent mehr zu bezahlen.

Aber warum sollten Handel und Staat daran mitverdienen, wenn in Indien die Lohnkosten erhöht werden? Die FWF hat deshalb neue Berechnungsmodelle entwickelt, mit denen diese Vervielfachung des Aufschlags verhindert werden kann. Andere, beispielsweise Patagonia, zahlen den erhöhten Betrag in einen gesonderten Lohnfonds, aus dem dann Projekte für die Arbeiter finanziert werden. Auch hier ist wieder viel Engagement gefordert.


Grundsätzlich gilt: Die Suche nach immer billigeren Produktionsorten geht unvermindert weiter. Längst sind Myanmar und Nordafrika die neuen Hotspots der Billigproduzenten.

Gleichzeitig gilt: Je aufwändiger und innovativer ein Produkt hergestellt wurde, desto wahrscheinlicher ist es zu fairen Bedingungen entstanden. Denn gute, spezialisierte Arbeiter sind auch in Fernost nicht überall zu finden, und auch sie haben ihren Preis. In China, so Schmull von KTC, verdienen Fachkräfte inzwischen sogar schon mehr als in und um Europa.

Dr. Regina Henkel (Quelle: Dr. Regina Henkel)
Ein Beitrag von Regina Henkel, Autorin
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