Gunnar Jans ist Chefredakteur von ISPO.COM
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Gunnar Jans, Chefredakteur ISPO.com

Frühere Columbia-Präsidentin beim ISPO VIP Dinner geehrt

ISPO Pokal für Gert Boyle: „Unsere Branche muss dankbar sein, dass wir ein Vorbild wie dich haben“

Die frühere Columbia-Präsidentin Gert Boyle (93) ist am vorletzten Abend der ISPO Munich 2018 mit dem ISPO Pokal ausgezeichnet worden – eine Ehrung fürs Lebenswerk der charismatischen Deutsch-Amerikanerin, die lange die Geschicke des US-Outdoor-Giganten lenkte. Beim ISPO VIP Dinner im ICM nahm ihr Sohn und Columbia-Chef Tim Boyle den Pokal aus den Händen von Messechef Klaus Dittrich entgegen.

Flori Schuster (CEO Sporthaus Schuster GmbH), Tim Boyle (President & CEO Columbia Sportswear), Klaus Dittrich (Chairman & CEO Messe München GmbH)
Flori Schuster (CEO Sporthaus Schuster GmbH), Tim Boyle (President & CEO Columbia Sportswear), Klaus Dittrich (Chairman & CEO Messe München GmbH)

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Messe München hob die „unglaubliche Energie und Kraft von Gert Boyle, vor allem bei schweren Herausforderungen“ hervor. Viele von ihnen sind nachzulesen in ihrer Biographie „One Tough Mother“, die sie auch über die Outdoor-Industrie hinaus bekanntgemacht hat – genauso wie die witzigen Werbespots, in denen Gert Boyle ihren Sohn Tim Columbia-Produkte testen lässt, beispielsweise in der Waschstraße oder im Betonmischer.

Tim Boyle: „Mama, ich hoffe, ich verbock's nicht!"

„Ich bin sehr stolz, dass mir diese Ehre zuteil wird“, sagte Gert Boyle in einer Video-Grußbotschaft. „Schade, dass ich nicht selbst bei Ihnen sein kann. Aber ich habe einen guten Vertreter geschickt.“ Standing Ovations für Gert Boyle an der Videowand und für ihren Sohn auf der Bühne. "Ich überreiche den Award 'for a tough Mother to a tough son', sagte Messe-CEO Klaus Dittrich.

„Mama, ich hoffe, ich verbock´s nicht”, grüßte Tim Boyle die Mutter, die in der Columbia-Zentrale in Portland gemeinsam mit Mitarbeitern den Livestream von der Ehrung verfolgte. „Wenn doch, wird sie mir in den Hintern treten", ergänzte Tim Boyle lachend.

ISPO Pokal: Gert Boyle folgt auf Hermann Maier und Gerlinde Kaltenbrunner

Vitali Klitschko und Henry Maske, die beiden Box-Weltmeister haben ihn verliehen bekommen, auch Pele, die brasilianische Fußball-Legende, ebenso wie Gerlinde Kaltenbrunner, die Bergsteiger-Ikone, und im vergangenen Jahr Hermann Maier, der Ski-Herminator.

Gertrude Boyle passt nur scheinbar nicht in diese Reihe. „Die heutige Preisträgerin lässt all das vermissen“, was frühere ISPO Preisträger ausgezeichnet habe – so begann Flori Schuster, Geschäftsführer von Sport Schuster in München, seine Laudatio: „Kein Weltrekord in gängigen Sportarten, keine olympische Medaille, welchen Edelmetalls auch immer, keine Weltbestzeit, kein Schanzenrekord, und nicht mal eine kleine Erstbesteigung, die es in die alpinen Geschichtsbücher geschafft hätte.“

Was Flori Schuster mit Gert Boyle verbindet

„Und doch eine Welt-Bestleistung“, erkannte der Geschäftsführer von Sporthaus Schuster, „eine Leistung, die mich persönlich seit Jahrzehnten fasziniert, und die ich als mindestens ebenso bewundernswert schätze, wie die aller bisherigen ISPO-Pokal-Preisträger.“ Schuster hielt inne bei seiner Rede, er erinnerte an seine eigene Jugend: „Ich war 19 Jahre, als mein Vater 53-jährig verstorben ist und mir das Schicksal unseres Hauses hinterlassen musste…“

Die Parallele zu Gertrude Boyle, die alle Welt kurz Gert nennt?

Gertrude Boyle: In Augsburg geboren, 1937 aus Deutschland geflüchtet

Ein Blick zurück in die Geschichte: In Augsburg geboren, 1937 als Tochter eines jüdischen Hemdenfabrikanten mit ihrer Familie aus Nazi-Deutschland geflüchtet, sprach Gert Boyle kein einziges Wort Englisch, als sie in Portland/Oregon ankam. Ein Jahr später kaufte ihr Vater eine Hut-Fabrik – und nannte sie Columbia Hat – die Gertudes Mann Neal später  zum Outdoor- und Sportbekleidunngs-Unternehmen ausbaute.  

Völlig überraschend erlag Neal Boyle 1970 einem Herzinfarkt und hinterließ seiner 46-jährigen Frau und den gerade volljährigen Kindern das Familienunternehmen.

„Ich selbst habe es oft erlebt, dass kaum jemand eine Vorstellung davon hat, was es bedeutet, wenn so ein „Erbe“ unvorbereitet auf einen einstürzt: Nicht unverhofft, sondern bestürzend... nicht wertvoll, sondern – in seiner Masse – bedrohlich“, sagte Flori Schuster, „genau das ist der Grund, warum ich mich den Boyles seit unserer ersten Begegnung in den 80er Jahren so verbunden gefühlt habe.“

 

An dieser Stelle eine längere Passage aus der Laudation von Flori Schuster ­– weil sie die Geschichte von Gert Boyle voller Empathie erzählt:
 

„Für das Geld kann ich den Laden auch selber an die Wand fahren!“

Genau das ist der Grund, warum ich mich den Boyles seit unserer ersten Begegnung in den 80-er Jahren so verbunden gefühlt habe, wie ich es noch heute empfinde...

Zum zweiten Mal nach Vertreibung und Flucht schien das Familien-Unternehmen also zum Untergang verurteilt, als ein „wohlmeinender“ Geschäftsmann der jungen Witwe Gert Boyle für das Lebenswerk von Vater und Ehemann einen Kaufpreis von 1.400 Dollar anbot…

Und hier erst beginnt die eigentliche Story, die aus Columbia ein Familien-Weltunternehmen und aus Gert Boyle eine ISPO-Pokal-Preisträgerin gemacht hat…

Sie entschloss sich nämlich, ihr Unternehmen für diesen lächerlichen Betrag nicht zu verkaufen, sondern sagte sich:

„Für das Geld kann ich den Laden auch selber an die Wand fahren!“

„Damn the Torpedoes!“ ist ein amerikanischer Ausdruck für den unglaublichen Mut und die unerschütterliche Zuversicht, mit der Du, Gert, zusammen mit Deinem jungen Sohn Tim, seitdem aus dem 1.400-Dollar-Übernahmekandiaten ein börsennotiertes Multimilliarden-Weltunternehmen, und für über 5.000 Mitarbeiter und für Millionen von Kunden rund um den Globus eine emotionale Heimat gemacht hat!
 

Als „Ma" Boyle ihren Tim in einem Betonmischer schickte

Flori Schuster geriet ins Schwärmen, von der „Identität zwischen der Persönlichkeit der Familie und der Firma, diese Souveränität von Menschen, die mit ihrem Talent, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, eine Sympathie und Zuneigung generieren können, die bei Mitarbeitern, bei Partnern und Kunden ein Leben lang hält! Dafür hat sie wiederholt ihren Sohn 'misshandelt'."

Aufhorchen im Saal, ein Video wird eingespielt: einer der legendären Werbespots mit „Ma" Boyle, wie die Columbia-Ikone genannt wird – sie schickt ihren Sohn Tim in einen Betonmischer, in dem der CEO eine Columbia-Hose testen muss. Ganz der Humor „Ma" Boyle, die ein beträchtlichen Teil ihres Vermögens für soziale Zwecke stiftet.

„Unsere Branche muss dankbar sein, dass wir ein Vorbild wie Dich in unseren Reihen haben, und ich bin dankbar dafür, dass es Dich in unserer Branche gibt!" sagte Flori Schuster.

Prominente aus Sport und Sportindustrie beim ISPO VIP Dinner

Beim ISPO VIP Dinner u.a. gesichtet: Schwimm-Ikone Franziska van Almsick und Surf-Weltmeister Philipp Köster, John Jansen, der Präsident der European Outdoor Group, sowie Generalsekretär Mark Held, der Präsident des Deutscher Sportfachhandels, Werner Haizmann, die CEOs Oliver Pabst (Mammut), Markus Rech (Sport Scheck), Alex Koska (Vice-President der Fenix Outdoor Group), Hans-Hermann Deters (Geschäftsführer Sport 2000), Kim Roether (Vorstandsvorsitzender Intersport) und Clarissa Käfer, (Aufsichtsratschefin der Käfer AG).

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