Gunnar Jans ist Chefredakteur von ISPO.COM
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Gunnar Jans, Chefredakteur ISPO.com

Digitalisierung im Sportbusiness: Mehr VR, weniger Showrooms, Händler als Berater

Adidas: Das bedeutet die Digitalisierung für den Einzelhandel

Wie sieht die Zukunft des Sportbusiness und des Verkaufens aus? Welche Anforderungen gibt es künftig an die Sportartikel-Industrie und den Sportfachhandel? Das Thema Digitalisierung rückt immer stärker in den Fokus, Adidas will auch dort die Nummer 1 sein. Warum es bald keine Showrooms mehr geben muss, wie Virtual Reality in B2B eingesetzt wird, welche Rolle der Einzelhandel einnimmt und welche Händler bei der Digitalisierung vor existentiellen Herausforderungen stehen – das erklärt Adidas-Vertriebsvorstand Roland Auschel im Interview. 

„Creating the new“, der strategische Business Plan von Adidas, gilt auch für die Frage, wie der Sportartikel-Gigant und die Industrie insgesamt sich in Zukunft aufstellen wird.
„Creating the new“, der strategische Business Plan von Adidas, gilt auch für die Frage, wie der Sportartikel-Gigant und die Industrie insgesamt sich in Zukunft aufstellen wird.

Adidas-Vertriebsvorstand Roland Auschel im Interview

Roland Auschel arbeitet seit 1989 bei Adidas, seit 2013 ist er Mitglied des Vorstands, zuständig für Global Sales. Im ersten Teil des Interviews mit ISPO.com erklärte Roland Auschel 

In Teil 2 des Interviews geht es um die digitale Transformation und ihre Folgen. Roland Auschel sagt: „Die Sportartikelbranche muss aufwachen und sich der Digitalisierung stellen.“ Was dies für den Einzelhandel und die Industrie bedeutet, erklärt er hier.

Adidas: Neue B2B-Plattform namens „Click“

Herr Auschel, wie schaut aus Ihrer Sicht die Zukunft des Verkaufens aus?
Vollkommen überraschend: digital. Denken Sie nur an die enormen Möglichkeiten, die wir heute schon im Austausch mit dem Konsumenten haben, an all die E-Commerce-Plattformen. Es gibt viele Dinge, die wir heute schon mit den Konsumenten testen und dann auch in unseren B2B-Bereich bringen können. Wir bauen gerade eine digitale Order-Plattform namens „Click“ – ein Self-Service-Portal für den Fachhandel. Dort können unsere Kunden Daten herunterladen, sich informieren, Aufträge hinterlassen und schauen, wo diese derzeit stehen – alles im Sinne von Transparenz.

Lesen Sie hier: 4 Milliarden Umsatz mit E-Commerce – das ist der Adidas-Plan

Adidas setzt auf VR statt Showrooms: Schneller und günstiger

Eine Ihrer Erwartungen für die Zukunft lautet: Es wird weniger Showrooms geben!
Anstatt uns auf Excel-Listen, Kataloge oder Muster zu stützen, werden wir mit dem „Virtual Reality Sell-In Tool“ eine neue digitale Form der Präsentation umsetzen. Man kann Produkte dann in hochauflösender 3D-Qualität in einer virtuellen Welt betrachten, vom Regal nehmen oder um 360 Grad drehen. Zusätzlich ist u. a. die Einblendung von Artikelnummern, Segmentierung, Preisübersicht oder Videos möglich. Mit anderen Worten: Unsere regionalen Showrooms können so digitalisiert werden.

Warum soll der Einzelhändler noch in einen Showroom fahren, weit von ihm entfernt, wenn wir alles in einem Koffer in sein Geschäft bringen können? Heute karren wir Hunderttausende von Produkten durch die Landschaft – das können wir uns sparen. Und es geht schneller. Für den Kunden und für uns.


Digitalisierung
Zwischensohle aus dem 3D-Drucker: Mit dem Futurecraft 4D geht Adidas revolutionäre Wege. Bald kann ein passgenauer Schuh innerhalb eines Tages individualisiert hergestellt werden. 
Adidas geht bei der Digitalsierung voran. Beispiele: die Speedfactory und der neue Futurecraft 4D. Was dies für die Produktion bedeutet und ob Adidas noch eigene Sportgeschäfte braucht, erklärt Vorstand Roland Auschel im Interview.

Roland Auschel: Digital Readiness Check bildet Wahrheiten ab

Wie weit ist der Handel aufgestellt für diese Veränderungen, wie bereit ist er für die Transformation? Immerhin, das ist das Ergebnis einer Umfrage im Rahmen des Digital Readiness Checks von ISPO, hat nur jeder dritte Einzelhändler einen eigenen Social Account, jeder Dritte hat immer noch keine eigene Homepage. Ist Adidas nicht zu schnell für den Einzelhandel?
Sicherlich hat es mit dem Digital Readiness Check von ISPO für den ein oder anderen Einzelhändler einige nüchterne und sicherlich auch unschöne Wahrheiten gegeben. Noch längst nicht jeder ist dabei. Wir sind überzeugt, dass wir mit den richtigen Kunden weiter das Geschäft machen werden.



Adidas: Besseres Geschäft mit weniger Kunden – warum nicht?

Das heißt, Sie erwarten ein großes Händlersterben?
Es geht uns nicht um die Anzahl der Kunden. Wenn wir dasselbe oder sogar ein besseres Geschäft machen können mit weniger Kunden – warum sollte man sich dagegen sträuben? Wir sagen aber auch, dass wir als Marktführer eine Mitverantwortung dafür haben, wie ein Markt sich in Zukunft gestaltet. Und dass es sicherlich auch dazu gehört, unsere Handelspartner dazu zu bewegen, sich mit dem Thema Digitalisierung konstruktiv auseinanderzusetzen. Es ist nicht unser Ansatz zu sagen: Sterbt in Schönheit, wir haben bei Adidas viele Alternativen im E-Commerce. Wir haben den Markt mitgeprägt und mitgestaltet. Und deswegen übernehmen wir auch ein Stück weit Verantwortung.

„Der Händler sollte eine beratende Rolle einnehmen“

Mal provokant gefragt: Welcher Platz bleibt noch für den Handel, den Einzelhändler?
Das Internet alleine reicht dem Konsumenten nicht. Es ist schnelllebig, auch extrem hektisch. Und es gibt eine Überflutung an Information. Der Händler sollte eine beratende Rolle einnehmen: Ich habe den Markt für dich sondiert, lieber Konsument. Ich bin gut informiert. Und ich gebe dir eine Empfehlung - und eine Empfehlung von einem guten Händler ist ein Stück weit Sicherheit. Sicherheit geben, Beratung übernehmen, Servicepartner sein - das alles kann und muss der Händler übernehmen. Dazu muss man sich aber auch den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und diese als Chance verstehen.

„Marktführer Adidas übernimmt immer Verantwortung“

Sie kennen die Klagen mancher Einzelhändler – nehmen wir beispielsweise die Aktion mit dem WM-Trikot, das Adidas zu Beginn exklusiv im eigenen Online- Shop verkauft hat.
Darüber haben wir mit unseren Kunden lange im Vorfeld diskutiert. Wir sagen auch nicht, dass wir das beim nächsten Mal wieder machen müssen. Aber wir sind überzeugt, dass wir neue Dinge ausprobieren müssen, um zu sehen, was der Konsument haben möchte. Partnerschaft muss auch bestehen, wenn man neue Wege geht.

Trotzdem: Wie wird die Digitalisierung für alle Händler zu bewältigen sein?
Noch einmal: Ein Marktführer wie Adidas übernimmt immer eine Verantwortung. Aber es ist eine unstrittige Erkenntnis, dass sich unsere Industrie verändern wird. Wir haben die Chance, die Spielregeln neu zu definieren. Und dafür brauchen wir Partner. Da sind die Verbände und großen Kunden ebenso gefordert, wie unsere Mitbewerber. Wir haben hier nicht das Alleinbestimmungsrecht. Die Sportartikelbranche muss aufwachen und sich der Digitalisierung stellen.

Die Store-Frage
Wir haben in der Vergangenheit zahlreiche neue Geschäfte eröffnet. Heute ist die Frage: Wie viele dieser Stores brauchen wir als Marke überhaupt noch in der digitalen Zukunft?
Roland Auschel, Adidas-Vertriebschef, in Teil 1 des Interviews


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