Joscha Thieringer
Autor:
Joscha Thieringer

China Deep Dive Conference auf der ISPO Munich 2019

So funktioniert Chinas Sportmarkt: Top-Referenten liefern Insights

Um die eigenen Chancen auf Chinas schnell wachsendem Sportmarkt auszuloten, muss man nicht gleich ein Büro in Peking eröffnen. Eindrucksvolle Zahlen, starke Einschätzungen und Tipps von Insidern – das gab es auch bei der China Deep Dive Conference auf der ISPO Munich 2019.

 

Karl Wehner, Managing Director von Alibaba Germany, wünscht den Teilnehmern der China Deep Dive Conference ein frohes neues Jahr des Schweins.

„Happy new year“ – wer am dritten Tag der ISPO Munich 2019 mit der U-Bahn anreiste, hat sich vielleicht über die großen Banner auf dem Weg zum Messeeingang gewundert. Die Banner sind natürlich keine Nachlässigkeit der Messe München, sondern ganz im Gegenteil Ausdruck einer besonderen Wertschätzung gegenüber ihren Gästen aus China.

„Ein frohes neues Jahr“ – mit diesen Worten eröffnete auch Klaus Dittrich die China Deep Dive Conference. „Heute hat für alle Chinesen das Jahr des Schweins begonnen, dieses steht für Reichtum, Glück und Zufriedenheit – das ist ein wunderbares Vorzeichen für all unsere Tätigkeiten”, sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung der Messe München GmbH.

Die Umsätze mit Sportartikeln steigen massiv

ISPO und China, das passt perfekt, daran lässt Klaus Dittrich keinen Zweifel: „ISPO ist kein Fremder in China, wir sind dort vor 15 Jahren mit einer Messe gestartet. Mittlerweile gibt es sogar zwei: Die ISPO Beijing deckt den Wintersportmarkt ab, die ISPO Shanghai kümmert sich um den Sport im Sommer.“

Zum jetzigen Zeitpunkt machen die Umsätze mit Sportartikeln nur ein Prozent von Chinas Bruttoinlandsprodukt aus. Das Volumen betrug im Jahr 2017 umgerechnet rund 285 Milliarden Euro, 2025 sollen es schon 650 Milliarden Euro sein.

Für Messe-Chef Klaus Dittrich passt ISPO und China perfekt zusammen.

Mehr Millionenstädte, wachsende Mittelschicht in China

China verfügt über eine stark wachsende Mittelschicht, die offen für westliche Markenprodukte und technische Innovationen ist – das machte Karl Wehner, Managing Director von Alibaba Germany, auf der China Deep Dive Conference deutlich. „Zur Mittelschicht werden in China zur Zeit rund 300 Millionen Menschen gezählt, in fünf Jahren werden es 600 Millionen sein.“

Eine weitere atemberaubende Zahl: „Derzeit gibt es in China 102 Städte mit über einer Million Einwohner. Es wird erwartet, dass es in zehn Jahren 220 sind“, sagte Wehner.

ISPO.com hat fünf weitere Top-Fakten über den chinesischen Sportmarkt für Sie aufgezeichnet:

1. Der Ski-Markt wächst stark

Im Jahr 2018 gab es 742 Skigebiete in China, zehn Jahre zuvor waren es nur 235. Diese und viele weitere spannende Fakten brachte Benny Wu, CEO der Beijing Carving Ski Sports, mit.

Im Vergleich mit traditionellen Ski-Nationen, ist der Anteil an Skifahrern in der chinesischen Bevölkerung noch gering. Doch es werden immer mehr. Benny Wu hält es für möglich, dass die Gesamtbesucherzahl aller Skigebiete in China im Jahr 2030 rund 50 Millionen betragen könnte. Derzeit sind es zwar erst 19,7 Millionen, vor einem Jahrzehnt waren es jedoch gerade mal ein Viertel davon (2008: 5 Millionen).

2. China bewegt sich mehr

Chinas politische Führung hat sich klar dazu bekannt, der Bevölkerung Sport und Fitness schmackhafter zu machen. Im Jahr 2015 wurde „Fitness für alle“ Teil der nationalen Strategie. Das Ziel: Bis 2025 sollen 500 Millionen Chinesen zu regelmäßigen Sportlern werden.

Daniel Lin, Vice President von Sanfo, berichtete in seinem Vortrag, dass seine Landsleute zu begeisterten Läufern geworden seien. „Wir organisieren mehr und mehr Rennen“, sagte der Vertreter des chinesischen Retailers, „zuletzt waren es zwölf Rennen mit mehr als 200.000 Teilnehmern.“

Tatsächlich erlebt China einen Running-Boom. Gab es bis vor wenigen Jahren noch kaum Marathons in den Großstädten, haben laut China Athletics Association bis Ende 2018 mehr als 70 Prozent der chinesischen Städte auf Präfekturebene mindestens ein Marathonrennen veranstaltet.

Auch mit Outdoor-Camps für Kinder hätte Sanfo gute Erfahrungen gemacht. „Es geht uns darum, dass die Kinder Spaß daran haben, sich draußen zu bewegen“, sagte Daniel Lin. Denn nur wer frühzeitig an Sport herangeführt wird, wird später zu einem potenziellen Sportartikel-Konsumenten.

3. Verknüpfung des analogen und digitalen Shoppings

Mit einem Video über den Intersport-Megastore in Peking zeigte Alibaba-Vertreter Karl Wehner eindrucksvoll auf, wie das analoge Shoppingerlebnis durch digitale Verknüpfungen bereichert werden kann.

Dieser Sportshop wurde zusammen mit Alibabas Online-Marktplatz Tmall aufgebaut. So sind zum Beispiel QR- und Strichcodes auf den Sportwaren leicht mit dem Handy einzuscannen, auf dem Bildschirm erscheinen sämtliche Informationen über das Produkt.

„Wer sich nicht gleich entscheiden möchte, kann dieses Produkt einfach in seine virtuelle Einkaufsliste legen und später von zuhause die Bestellung aufgeben“, erklärt Wehner. 69 Millionen Pakete liefern die Alibaba-Unternehmen aus. Jeden Tag!

4. China denkt und handelt „mobile“

Laptops spielen in China kaum eine Rolle, berichtete Wehner. Rund 90 Prozent der Zugriffe auf die Alibaba-Services würden „mobile“, also mit dem Smartphone, erfolgen. „Vor ein paar Jahren habe ich einen chinesischen Kollegen darauf aufmerksam gemacht, dass einer unserer Shops nicht optimal auf meinem Laptop dargestellt wurde – dafür wurde ich nur ausgelacht“, erzählt Wehner, „den Fehler habe ich seitdem nicht mehr gemacht.“

Das Smartphone begleitet die Chinesen durch den Tag. Mit Alipay, der Bezahlungsplattform von Alibaba, könne man alles kinderleicht regeln, sagte Wehner: „Vom Taxi rufen bis zur Restaurant-Rechnung begleichen“, mit dem Handy sei alles möglich.

Interessant sei auch der unterschiedliche Aufbau von mobilen Websites, berichtete Wehner: In China seien diese mit schier unendlichem Content bestückt, sodass man theoretisch minutenlang scrollen könne.

Karl Wehner, Managing Director von Alibaba Germany.

5. Deutsche Clubs nutzen Sportboom in China

Deutsche Sportler sind auch in China äußerst bekannt und beliebt – und damit ist längst nicht mehr nur Tischtennis-Ass Timo Boll gemeint. Auf ihren China-Reisen erleben deutsche Fußball-Clubs einen gigantischen Fanandrang. Kein Wunder, dass Vereine ihre Popularität im bevölkerungsreichsten Land auch wirtschaftlich nutzen wollen.

Auf der ISPO Beijing präsentierten sich sieben Fußball-Bundesligisten auf der neu geschaffenen Football Activation Area. Bei der China Deep Dive Conference teilten Björn Endter (FC Schalke 04), Conrad Ziesch (Alba Berlin) und Benedikt Scholz (Borussia Dortmund) ihre Erkenntnisse zur Markenpositionierung mit den Zuhörern.

Björn Endter (Senior Director Strategic Marketing Schalke 04), Conrad Ziesch (Projektleiter China Alba Berlin Basketball), Benedikt Scholz (Head of Business Development Borussia Dortmund) und Moderatorin Laura Lutz. 

ISPO unterstützt beim Markteintritt in China

Nach drei spannenden Stunden ließ sich ein klares Fazit ziehen: China ist ein hochattraktiver Wachstumsmarkt für die gesamte Sportbranche. „Wir wissen aber sehr wohl, dass viele Firmen zögern, den Markteintritt in China zu wagen“, sagt Elena Jasper, Exhibition Director ISPO Beijing & ISPO Shanghai.

Deshalb bietet ISPO mit dem Market Introduction Program eine kompetente Begleitung an. Dieses besteht im Kern aus einem zweitägigen Seminar, auf dem Top-Referenten Einblicke in die Eigenheiten des chinesischen Sportmarkts und Tipps geben. „Dieses Angebot richtet sich an alle, nicht nur an Aussteller“, verdeutlichte Elena Jasper.

Auch Alibaba-Manager Karl Wehner ist bewusst, dass der Eintritt in den chinesischen Sportmarkt für europäische Marken kein Kinderspiel ist. „Es ist ein Marathon, kein Sprint“, sagt Wehner. Messe-Chef Klaus Dittrich ist deshalb froh, „dass ISPO schon früh losgelaufen ist“.

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