Claudia Timm
Autor:
Claudia Timm

Recycling, Vermeidung von Mikroplastik und Naturmaterialien sind wichtig

Nachhaltigkeit: Sportmarken wählen unterschiedliche Strategien

Nachhaltigkeit liegt im Trend. Kaum ein anderes Thema beschäftigt Aussteller und Besucher auf der ISPO Munich 2019 mehr als der Umweltschutz. Umweltfreundliche Materialien, Recycling, Langlebigkeit und Schadstoffvermeidung – die Ansatzpunkte sind vielfältig. Und für eine Nachhaltigkeitsexpertin ist eine bestimmte Strategie noch viel entscheidender.

Im Trend: Das Upcycling von Naturfasern wie Daune und Wolle.

Nachhaltigkeit und umweltfreundliche Unternehmensführung gewinnen immer mehr an Bedeutung. Das wachsende ökologische Bewusstsein ist positiv, verdeutlicht aber auch den Ernst der Lage. Die Sportindustrie hat den Handlungsbedarf erkannt und geht unterschiedlich an die Sache heran. „Die eigentliche Message der Messe, ist jedoch eher im strategischen Bereich zu sehen,“ so Anna Rodewald, Nachhaltigkeitsexpertin und ISPO-Partner von der Umweltorganisation GreenroomVoice.

Kollaboration ist für sie der Schlüssel zum Erfolg. „Wir suchen nicht nach Lösungen, die nur für die Outdoorindustrie relevant sind, sondern auch für andere Industrien. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Bereichen wie Material und Logistik als auch zwischen verschiedenen Industrien ist deshalb immens wichtig.“ Das ist für Rodewald der nächste wichtige Schritt für die Zukunft.

Auf der ISPO Munich zeigte sich aber erstmal, wie vielfältig die Ansatzpunkte der Hersteller beim Thema Nachhaltigkeit sind und es wurde dadurch auch deutlich wie komplex das Thema ist.

Nachhaltige Unternehmensstrategie wird zum Pflichtprogramm

Denn negative Schlagzeilen, zunehmende Transparenz, Umweltzertifikate, gesetzliche Regulierung, industrieübergreifende NGOs und das wachsende ökologische Bewusstsein der Endverbraucher erteilen der Outdoorbranche einen klaren Handlungsauftrag. Langfristig gesehen kann sich wohl kaum ein Unternehmen dem Thema Nachhaltigkeit und der damit verbundenen Verantwortung entziehen.

Von der PET-Flasche zur hybriden Textilmixtur.

Das sind die aktuellen Strategien und Trends der Sportindustrie für mehr Nachhaltigkeit:

PFC vermeiden und so Schadstoff reduzieren

Per- und polyfluorierte Chemikalien – kurz PFCs genannt – werden in vielen Textilien wegen ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften verwendet. Oft dienen sie als Imprägnierung für Textilien. Der Hersteller Vaude hat es geschafft, viele andere Hersteller ziehen nach: seit Frühjahr 2018 sind alle textilen Materialien der Bekleidungskollektion der deutschen Outdoormarke ohne PFC ausgerüstet.

„Für uns war der PFC-Ausstieg bei den Bekleidungsstoffen ein enormer Kraftakt. Wir haben diese Herausforderung gestemmt, indem wir über Jahre hinweg mit unseren Partnern aus der Chemieindustrie und unseren Materiallieferanten sehr fokussiert an den Lösungen selbst sowie an der Prozesssicherheit gearbeitet und unzählige Tests gemacht haben“, sagt Vaude-Chefin Antje von Dewitz. Sie sei sehr stolz darauf, dass Vaude zeigen könne, „dass es möglich ist, PFC-freie Alternativen anzubieten, ohne dass Kunden auf wichtige Funktionalität verzichten müssen“. Einziger Wehrmutstropfen sind die wasserdichten Reisverschlüsse, für die es bisher keinen Zulieferer gibt. Bis Sommer 2019 will Vaude auch hier den Ausstieg vollzogen haben.  Das ambitionierte Ziel: ab 2020 sollen alle Produkte komplett PFC-frei sein.

Weniger Mikroplastik durch Naturfasern

Beim Thema Mikroplastik setzen die Hersteller primär auf den Austausch von Kunststofftextilien zugunsten von Naturfasern. Wolle ist nach wie vor ein großes Thema. Hochwertige Verarbeitungsmethoden haben den Rohstoff wieder salonfähig gemacht. Mit dem ISPO Award ausgezeichnet, wurde der Grüezi Bag. Der Schlafsack besteht zu 70% aus Daune und zu 30% aus Wolle und vereint die Vorteile beider Materialien. Diese Hybridmodelle sind bei Herstellern und Verbrauchern besonders beliebt und zeichnen sich durch extreme Vielseitigkeit aus.

Die Marke Light my Fire stellt Outdoorr-Geschirr her und verkündete auf der ISPO Munich 2019 nach zwei Jahren intensiver Forschung und Entwicklung den vollständigen Umstieg auf biobasiertes und biologisch abbaubares Bioplastik. Der schwedische Outdoorhersteller widmet sich der Vermeidung von Einwegplastik. Dabei wird unter anderem der Werkstoff Terralene verwendet, der zu 96,6 % aus Zuckerrohr und Holzfasern besteht.

Im Bereich der Ingredient Brands und Isolationsspezialisten stellte Primaloft auf der ISPO Munich eine erste biologisch abbaubare synthetische Isolierung vor. Durch eine neue Technologie können „normale“ Synthetikfasern biologisch abgebaut werden. 

Kunststoffrecycling im Vormarsch, Textilrecycling mit Potential

Fix in die Nachhaltigkeitsstrategie vieler Hersteller wie Vaude, Páramo und Anita verankert, ist das Kunstoffrecycling. Wegen der guten Sortierbarkeit und der bereits vorhandenen Infrastruktur für die Aufbereitung, werden von den Outdoorherstellern vor allem PET-Flaschen recycelt. Diese werden gereinigt, weiterverarbeitet und geschmolzen, um dann Polyesterfäden für Textilien aller Art daraus zu schmelzen.

Etwas komplexer und noch ausbaufähig ist das Textilrecycling von Polyester und Polyamid, aber auch von Naturmaterialien wie Daune, Wolle und Baumwolle. Grund dafür ist die mangelnde Homogenität des Ausgangsmaterials: Stoffe, Etiketten, Farben und Reißverschlüsse müssen separiert werden. Es gibt noch keine Maschinen, welche die einzelnen Materialien erkennen und in der Folge auch trennen können. „Der Umwandlungsprozess beim Textilrecycling ist viel komplexer und muss feiner gesteuert werden. Zudem bedarf es einer anderen Logistik. Es kann nicht wie beim PET-Recycling auf eine bestehende Infrastruktur zurückgegriffen werden,“ sagt Nachhaltigkeitsexpertin Rodewald.

Jacke aus recycelten PET-Flaschen von Vaude.

Langlebigkeit und Reparatur für einen längeren Lebenszyklus

Selbst wenn Kleidung umweltfreundlich produziert wird, langfristig nachhaltig wird sie erst bei langer Verwendung. Der schwedische Outdoorhersteller Fjällräven setzt deshalb auf langlebige Materialien und zeitlose Designs. Bei Vaude und Patagonia werden Kleidungsstücke so geplant, dass sie leicht repariert werden können. Teilweise bieten Hersteller wie Patagonia und Norröna einen eigenen Reparaturservice an. Neue Nutzformen wie Miete und Sharing nehmen an Bedeutung zu.

Schadstoffvermeidung bei Herstellung und Logistik

Viel Potential besteht noch bei der Schadstoffvermeidung in Herstellungsprozess und Logistik. „Hier sind ganzheitliche strategische Unternehmensansätze gefragt. Ein schonender Umgang mit Ressourcen, umweltfreundliche Verpackungsmaterialien, kurze Transportwege sowie eine umfassende Prozessoptimierung sind der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Rodewald.

Einen ersten Schritt in die richtige Richtung macht der deutsche Verpackungshersteller Repaq, der auf der ISPO Munich eine europaweit derzeit einzigartige plastikfreie bedruckte Folienverpackung präsentierte, die nachweislich 100% biologisch kreislauffähig ist. Die natürliche Folienverpackung aus Cellulose besteht aus Rest- und Abfallhölzer von FSC-zertifizierter Forstwirtschaft.

 

Kollaborationen als Schlüssel zum Erfolg

Fazit: Die unterschiedlichen Nachhaltigkeitsstrategien der Hersteller durch Recycling, Verwendung biobasierter und biologisch abbaubarer Materialien, Langlebigkeit und Schadstoffvermeidung zeigen Wirkung, bedürfen jedoch einer Ergänzung um ganzheitliche Unternehmensansätze und eine industrieübergreifende Zusammenarbeit, um ihr volles Potential zu entfalten. Dabei gibt es trotz gemeinsamer Lösungsansätze für die einzelnen Outdoormarken noch genug Differenzierungspotential, mit dem sich die einzelnen Marken voneinander abheben können. Unternehmen, die gemeinsam strategische Ansätze entwickeln und proaktiv handeln, können die Themen gewinnbringend einbringen und transparent kommunizieren. So profitieren letztendlich alle von mehr Nachhaltigkeit.

 

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