Autor:

Vierschanzentournee abgehängt, Frauen kassieren deutlich weniger

Kamil Stoch, dann lange nichts: So viel verdienen Skispringer

Während Kamil Stoch als Skispringer in Polen ein größerer Star ist als Robert Lewandowski, verdient der Großteil der Skispringer deutlich weniger als andere Profi-Wintersportler. Doch die Frauen trifft es noch viel härter. Und: Zumindest finanziell ist die Vierschanzentournee längst nicht mehr der Saisonhöhepunkt.

Kamil Stoch war zuletzt der große Dominator im Skispringen.
Kamil Stoch war zuletzt der große Dominator im Skispringen.

Skispringen gehört in Europa zu den beliebtesten Wintersportarten. Das Neujahrsspringen 2018 in Garmisch-Partenkirchen sahen allein in Deutschland 6,69 Millionen Menschen im ZDF.

Doch zumindest hierzulande ist die Sportart von der goldenen Ära um die Jahrtausendwende mit 15 bis 20 Millionen TV-Zuschauern pro Springen und riesigen Sponsoren-Deals mit Milka oder Audi weit entfernt. Auch bei den Siegprämien hinken die Springer den Superstars anderer Winterportarten inzwischen weit hinterher – trotz deutlich mehr Wettbewerben im Weltcup-Winter.

„Wir können uns sicher nicht beschweren, auch wenn es Wintersportarten gibt, in denen deutlich mehr geht“, sagte der deutsche Skispringer Severin Freund im Gespräch mit ISPO.com.

Wie schon in der vergangenen Saison verteilt der Ski-Weltverband FIS in der Weltcup-Saison 2018/19 ca. 62.700 Euro pro Einzelwettbewerb auf die Top 30. Der Sieger erhält dabei ca. 8700 Euro, der 30. noch rund 87 Euro. Bei den Team- und Mixed-Wettbewerben sind es 61.000 Euro, die unter den drei besten Teams zu je vier Springern aufgeteilt werden.

Neu in dieser Saison ist ein Preisgeld für den Sieger der Qualifikation. Dieser kassiert ab jetzt rund 2600 Euro, beim Skifliegen sind es etwa 4400.

 

Die Top 5 Springer nach FIS-Preisgeldern 2017/2018

Springer FIS-Preisgeld 2017/2018
1. Kamil Stoch (POL) 272.000 Euro
2. Daniel Andre Tande (NOR) 130.000 Euro
3. Johann Andre Forfang (NOR) 119.200 Euro
4. Richard Freitag (GER) 119.000 Euro
5. Robert Johansson (NOR) 117.200 Euro

 

Raw Air lukrativer als Vierschanzentournee

Auffällig: Ausgerechnet der sportliche Saison-Höhepunkt, die traditionsreiche Vierschanzentournee, geizt bei aller TV-Präsenz mit dem Preisgeld: Mit ihren ca. 17.500 Euro Preisgeld für den Tourneesieger – neben den im Weltcup üblichen Prämien bei den Einzelspringen – ist sie mit Blick auf andere Großveranstaltungen im Sport weniger lukrativ.

Zum Vergleich: Als Sven Hannawald 2001/2002 seinen historischen Grand-Slam-Sieg bei der Vierschanzentournee feierte, kassierte er allein bei diesen vier Springen zusammen 330.000 Euro. Zu den Preisgeldern kamen damals noch Prämien vom Deutschen Skiverband (DSV), die es in dieser Form heute nicht mehr gibt.

„Es kann nicht sein, dass die Tournee deutlich weniger Geld ausschüttet als beim Langlauf die Tour de Ski, wo der Gesamtsieger 55.000 Franken (48.000 Euro) bekommt“, ärgert sich Ex-Springer Martin Schmitt.

Aber selbst im Skisprung-Kalender ist die Tournee zumindest finanziell mittlerweile abgehängt. Seit 2017 steigt in Norwegen das Raw Air Tournament. Auf vier Schanzen wird dort zehn Tage lang um insgesamt 100.000 Euro Preisgeld gesprungen und geflogen. Mit 30.000 Euro Preisgeld kassiert der Gesamtsieger dort fast doppelt so viel wie bei der Vierschanzentournee. Der Dritte bekommt immerhin noch 10.000 Euro. 

Deutlich niederigere FIS-Prämien für die Frauen

2019 finden beim Raw Air Tournament erstmals auch Frauen-Wettbewerbe statt. Von den Prämien der Männer können diese allerdings nur träumen. Denn im Gegensatz zu anderen Wintersportarten wie etwa im Alpin-Ski oder Biathlon herrscht bei den Siegprämien im Skispringen keine Gleichberechtigung.

Statt der 62.700 Euro bei den Männern werden bei den Frauen pro Springen nur rund 17.400 Euro verteilt. Die Siegerin erhält dabei 2600 Euro und damit so viel Preisgeld wie der Sieger einer Männer-Qualifikation. Von Gleichberechtigung ist das Skispringen damit noch weit entfernt.

Kamil Stoch größer als Robert Lewandowski

Wie viel Geld im Skispringen durch Siegprämien für die Männer zu gewinnen ist, bewies der Pole Kamil Stoch im Winter 2017/2018. Da gewann er neben dem Gesamtweltcup auch die Vierschanzentournee und das Raw Air Tournament und kam am Ende auf insgesamt 272.000 Euro Preisgeld.

Doch noch bedeutend höher fallen seine Sponsoreneinnahmen aus. In Polen ist der 31-Jährige ein Superstar. Laut einer Studie von Press Service Monitoring Mediow übertraf Stochs Medienpräsenz im Februar 2017 sogar die des Fußballstars Robert Lewandowski. Auch Stochs geschätzter Werbewert von über 16 Millionen Euro und seine Medien-Reichweite in Polen toppen laut der Studie die Werte des Bayern-Stürmers.

Inklusive Verträgen mit Sponsoren und Ausrüstern dürften sich Stochs Jahreseinnahmen nach dem Grand Slam bei der Vierschanzentournee auf weit über eine Million Euro belaufen. Zudem hat der Pole seine eigene Bekleidungslinie: Kamiland. Mit dem Verkauf zum Beispiel über die Website https://kamiland.pl/ verdient der populäre Flieger weiter dazu.

Boom in Polen - Westen hält sich zurück

Er ist damit auch Nutznießer des gigantischen Skiprung-Booms, den der viermalige Weltcup-Gesamtsieger Adam Malysz in den 2000er Jahren in Polen verursachte. Der Aufschwung in Polen brachte nicht nur Infrastrukturprojekte wie die neue Schanze in Wisla mit sich, sondern auch gesteigertes Interesse polnischer Unternehmen am Skispringen. Seit diesem Jahr ist etwa die polnische Sportbekleidungsmarke 4F Presenting Sponsor der Vierschanzentournee. Zuletzt war das noch Audi. Ein Wechsel mit Symbolcharakter.

Denn während polnische Firmen munter auf den Skisprung-Zug aufspringen, haben westliche Unternehmen in den letzten Jahren der Sportart den Rücken gekehrt. Große Ausrüster wie die Skiproduzenten Atomic oder Rossignol sind ausgestiegen.

Auch die Zeiten großer Pauschalbeträge in den Ausrüsterverträgen mit Verbänden und Springern sind passé. Inzwischen setzen die Unternehmen auf erfolgsabhängige Prämien, wie auch Martin Schmitt im ISPO-Interview bestätigte.

Richard Freitag als Sportsoldat abgesichert

So sind die deutschen Springer von Stochs Sphären weit entfernt. Richard Freitag, bester deutscher der vergangenen Weltcup-Saison, kam auf immerhin 119.000 Euro Preisgeld ­– sein bislang höchster Wert. Dazu kamen Sponsoreneinnahmen durch Partnerschaften mit der Sparkasse, dem Brotaufstrichproduzenten Nudossi und Kopfsponsor Viessmann. Insgesamt verdiente er damit im vergangenen Winter einen mittleren sechsstelligen Betrag.

Wie fast alle deutschen Skispringer ist Freitag Sportsoldat. Als Angestellter der Bundeswehr trainiert er in sogenannten Sportfördergruppen und hat durch die Bundeswehr ein geregeltes Einkommen. Außerdem erhalten die Springer Unterstützung von Verbänden und Stiftungen. So unterstützte die Deutsche Sporthilfe Wintersportler, die im Olympia-Kader 2018 standen, in den vergangenen Jahren mit durchschnittlich 630 Euro im Monat.

Ex-Weltmeister Severin Freund: Null Euro Preisgeld 2017/18

Dennoch sind sportliche Formtiefs oder Verletzungen für Springer ein brutaler finanzieller Einschnitt: „Natürlich merkt er eine Veränderung, weil die Erfolgsprämien wegfallen. Auch der geplante Abschluss eines Vertrags mit einem neuen Skisponsor hat sich wegen der Verletzung erst einmal zerschlagen“, sagte etwa Martin Schmitt über Springer Severin Freund, der wegen schwerer Knieverletzungen die gesamte Saison 2017/18 verpasst hatte.

Freund, der wohl erst zur Vierschanzentournee 2018/19 wieder in den Weltcup einsteigt, blieb in der vergangenen Saison ohne einen einzigen Cent Preisgeld. Krankenversichern müssen sich die Springer zudem selbst. Die Veranstalter haften nicht für Verletzungen. Immerhin: Seine beiden Hauptsponsoren Manner und IKK Classic sind Freund treu geblieben.

Autor:
Kommentare




Wintersport
Storys, News, Ratgeber und Hintergründe aus der Welt des Wintersports lesen Sie hier.