Florian Pertsch
Autor:
Florian Pertsch

Wintersport in China weiter ein Wachstumsmarkt

ISPO Beijing: White Book 2018 vorgestellt

China verzeichnet beim Wintersport weiter ein ordentliches Wachstum, immer mehr Chinesen zieht es auf die Piste. Und: Die Branche ist erwachsen geworden und investiert zielgerichteter. Was das bedeutet, zeigt das White Book 2018.

Skifahren ist beliebt in China
Skifahren ist beliebt in China

Noch vor wenigen Jahren herrschte Goldgräberstimmung in Chinas Wintersport-Sektor. Kein Projekt erschien zu gewaltig, keine Bausumme zu hoch. Im Allgemeinen galt: Wenn du es baust, werden sie kommen. Von dieser Euphorie – und manchmal auch Größenwahn – ist die chinesische Wintersport-Industrie in den letzten zwei Jahren zunehmend abgerückt.

Der sich im Whitebook 2017 abzeichnende Trend einer verlangsamenden Wintersport-Industrie setzte sich auch 2018 fort. Zu diesem Ergebnis kam Wu Bin, CEO der Beijing Carving Ski Sports Development Corp., der mit dem Whitebook 2018 seinen jährlichen Statusbericht über Chinas Wintersport-Branche auf der Asia Pacific Snow Conference während der ISPO Beijing 2019 vorstellte.

Wintersport unter künstlichen Bedingungen

Neben dem gebremsten Wachstum präsentierte Wu noch zwei weitere Key-Learnings aus der zurückliegenden Wintersport-Saison: Zum einen finden immer mehr Chinesen den Weg auf die Ski-Piste und zum anderen steigt die Zahl der Ski-Simulatoren und Ski-Hallen weiter im zweistelligen Bereich.

„Die Weltwirtschaft schwächelt etwas, und dies merken wir auch in China. Viele Banken wollen ihre Kredite zurück und damit sind viele Investoren gerade nicht bereit, in neue Ski-Resort Großprojekte zu investieren“, so Wu im Gespräch mit ISPO.com. Dementsprechend stieg die Zahl der Resorts insgesamt von 703 auf 742 (5.55 Prozent), Anlagen mit Sesselliften, die für Wu deutlich wichtigere Kategorie, stieg allerdings nur um 2,76 Prozent von 145 auf 149 Resorts.

Abseits der echten Pisten werden jedoch weiter immense Wachstumsraten in China erzielt. Allein fünf neue Skihallen wurden im vergangenen Jahr fertig gestellt, wodurch die Zahl der künstlichen Skigebiete auf 26 (23,8 Prozent Zuwachs) stieg. Ein eigentlich beachtliches Wachstum, welches aber im Vergleich zu den Studien-Ergebnissen bezüglich Ski-Simulatoren geradezu kümmerlich wirkt.

Gab es 2017 noch 69 Simulatoren, also ein geneigtes Fließband auf dem Anfänger erste Schwünge üben können, so verzeichnete dieser Sektor 110 Prozent Zuwachs, wodurch es nun mehr 145 Ski-Simulatoren in China gibt.

Wu Bin
Wu Bin stellte das Whitebook 2018 vor

Natürliche Auslese bei den Ski-Hallen

„Dies ist ein absolut typischer Ansatz für China“, so Wu: „Aus der Sicht der Investoren geht es nicht nur um den Wintersportbereich, sondern auch um Faktoren wie zum Beispiel ein Einkaufszentrum oder Restaurants. Die Skihalle ist also manchmal mehr ein Mittel zum Zweck, und wenn die Skihalle keinen Profit mehr abwirft, dann wird das Projekt einfach beendet.“ Dementsprechend geht auch Wu davon aus, „dass sich der Skihallen-Markt über die Jahre von ganz allein regulieren wird und die Zahl mit steigenden Fähigkeiten und Ansprüchen der Wintersportler wie in Japan wieder sinken wird“.   

Betrachtet man die aktiven Wintersportler in China, lässt sich feststellen, dass das Interesse zwar weiterhin ordentlich steigt, die Raten des Vorjahres aber nicht mehr erreicht werden. 2018 verzeichnete China einen Anstieg von 17,5 auf 19,7 Millionen (12,6%, 2017 noch 16%) auf den Pisten, kombiniert mit Simulatoren und Trocken-Pisten waren es sogar 21,1 Millionen Menschen.

Boom dank Winterspiele in der Mongolei

In Chinas Wintersport-Provinz Heilongjiang im Nordosten des Landes wurden 2018 keine weiteren Resorts zu den 124 bestehenden gebaut, die Spitzenreiterposition ist aber nach wie vor ungefährdet, denn auf Platz zwei folgt Shandong mit 65. Einen Boom mit fünf neuen Ski-Gebieten erfuhr die Innere Mongolei. Grund für den Anstieg sind die hier 2020 ausgetragenen Nationalen Winterspiele Chinas.

Egal in welcher Provinz Chinas Wintersport betrieben wird, Ski-Urlaube mit Übernachtungen sind weiterhin eine Seltenheit. Tagestrips machen auch 2018 mit rund 73 Prozent den Großteil der Aktivitäten aus. „In diesem Bereich hat sich nicht viel geändert, denn weiterhin ist die Verfügbarkeit von Sessel-Liften der limitierende Faktor. Ohne Sessel-Lifte ist ein Ski-Gebiet nicht attraktiv genug, um mehrere Tage zu bleiben“, erklärt Wu. Westliche Standards wie Ski-Gebiete mit mehreren Sessel-Liften sind weiterhin rar gesät. Lediglich zehn der 149 Resorts verfügen zum Beispiel über vier Sessel-Lifte.

 

Snowboard liegt klar im Trend

Mittlerweile sind die Chinesen auch dazu bereit, zum Wintersport ins Ausland zu reisen – vor allem nach Japan. Zwei von drei Chinesen wählen den Nachbarn als Destination, wobei im Schnitt zwischen 1000 und 1500 Euro pro Person in den Trip investiert werden. Vor allem die Altersgruppe zwischen 25 und 40 Jahren verbringt zwischen sechs und acht Tagen auf ausländischen Pisten.

Abschließend beantwortete Wu noch die Frage, ob chinesische Wintersportler eher auf Ski oder Snowboard setzen. Für 2018 deutet der Trend ganz klar in Richtung Snowboard. Im vergangenen Jahr wurden 38.000 neue Boards und 50.000 Paar neue Boots verkauft, der Absatz bei Skiern stoppte bei rund 15.000 Paar.

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