Florian Pertsch
Autor:
Florian Pertsch

So will China bei Olympia 2022 im Eishockey punkten

Floorball: China entdeckt Skandinaviens Volkssport

Floorball erlebt in China eine erstaunliche Entwicklung. Denn viele Jahrzehnte galt Breitensport in China als verpönt. In der Schule belächelt, an Universitäten quasi nicht existent. Und wenn überhaupt Sport, dann - durch die Ein-Kind-Politik Chinas bedingt - Individual-Sportarten wie Turnen oder Gewichtheben.

Es geht voran: Seit 2016 ist China Mitglied der International Floorball Federation.
Es geht voran: Seit 2016 ist China Mitglied der International Floorball Federation.

Die Zeiten haben sich in China geändert. Die Regierung hat erkannt, dass ein gesunder Lebensstil mit Sport viele Vorteile hat. Das Gesundheitssystem wird entlastet, die Bürger werden leistungsfähiger und Teamsportarten lehren letztlich auch, sich in sozialen Gefügen und Gruppen besser zu verhalten.

Fernziel Olympia 2022 in Beijing

Bislang sind Fußball und Basketball die beliebtesten Sportarten bei Chinas Kindern und Jugendlichen, aber eine Nischensportart aus Skandinavien wächst den Chinesen langsam ans Herz: Floorball.

Die „Trocken-Variante“ des Eishockeys ist vor allem in Schweden, Norwegen und Finnland extrem populär und kann auf hartem Untergrund, Sand oder auch im Schnee gespielt werden. Die Schläger sind aus Plastik, der Ball auch und gespielt wird mit fünf Feldspielern und einem Torhüter.


ISPO.com sprach mit Chen Xin, Gründerin des Floorball Development Centers in China, über die Entwicklung des Trendsports, warum Kinder- und Jugendförderung in China lange Zeit so schwierig war und wie Floorball Chinas Eishockey-Hoffnungen beim Olympia 2022 verbessern kann.

Sportunterricht gewinnt in China an Stellenwert

ISPO.com: Frau Xin, wie kommt es, dass eine chinesische Sportlehrerin zum skandinavischen Volkssport findet?
Chen Xin:
Ganz einfach, die Liebe. Mein Mann ist aus Schweden, wo der Sport sehr populär ist und dann durch die vielen Expatriates nach Shanghai gebracht wurde. Das war im Jahr 2004.

Was waren damals die Reaktionen, als sie versucht haben, den Sport ihres Ehemanns nach China zu bringen?
„Am Anfang dachten alle, die Frau muss verrückt sein. Um die Jahrtausendwende war der Breitensport in China nicht wirklich wichtig. Damals war es wirklich schwer, meinen Schülern Sport näher zu bringen. Nach Ansicht der Regierung waren nur Fächer wie zu Beispiel Mathematik oder Informatik wichtig – Sport war nicht mal zweitrangig.

Es gab Zeiten, da hat der Mathe-Lehrer die Schüler aus dem Sportunterricht geholt, damit sie die von ihm aufgegebenen Hausaufgaben früher erledigen. Mittlerweile hat sich Sport für Kinder und Jugendliche und auch auf Universitätsebene absolut etabliert.

Lesen Sie hier: Das sind Chinas beliebteste Sportarten

Chen Xin ist Gründerin des Floorball Development Centers in China.
Chen Xin ist Gründerin des Floorball Development Centers in China.

Wie schwer war es, diesen Paradigmenwechsel herbeizuführen?
Während meines Studiums zur Sportlehrerin in Shanghai habe ich Fußball gespielt, Taekwondo gemacht und bin viel geklettert. Zusätzlich habe ich noch die Lizenz als International Climbing-Referee erworben.

Es gab dann einen Punkt, als ich zu alt für die Wettbewerbe wurde und mich mehr auf die Ausbildung konzentrierte. Ich konnte meinen Chef an der Universität davon überzeugen, dass wir als erste Uni in China eine Kletterwand anschaffen und das war der erste Schritt, eher unbekannte Sportarten nach China zu bringen.

Wie fiel die Resonanz Ihrer Studenten aus?
Letztlich hat sich das Projekt leider nicht richtig durchgesetzt, da wir nur zwei Routen klettern konnten, und die Warteschlangen extrem lang waren. Der Hype um die Kletterwand war relativ schnell vorbei.

Augmented Reality: Ist das die Zukunft des Kletterns?

Floorball kommt in China ins Rollen

Wie kamen Sie dann darauf, dass es mit Floorball besser laufen würde?
Im Verein meines Ehemanns gab es junge Spieler, alte Spieler, Frauen - und mir wurde schnell klar, dass diese Sportart massenkompatibel ist. Das Interesse bei meinen Schülern war auch sofort da, aber die Ausrüstung wie zum Beispiel Schläger zu bekommen, erwies sich als nicht ganz so einfach. Alles musste importiert werden und war sehr teuer.

Seit 2009 stellen wir jetzt unsere eigenen Schläger in China her und konnten schon 20 Universitäten davon überzeugen, Floorball in ihren Lehrplan auf- und an einer Liga teilzunehmen. Mittlerweile werden mehr als 1000 Trainer aus 27 Provinzen ausgebildet, und China ist 2016 der International Floorball Federation beigetreten.


Und wie läuft die Implementierung im Kinder- und Jugendbereich?
Gerade hier in Shanghai, wo der Sport am populärsten ist, haben wir mit der Regierung große Fortschritte gemacht. Erst vor kurzem habe ich die Shanghai Floorball Federation ins Leben gerufen und die Lokalregierung hat uns sofort ihr Unterstützung zugesichert.

Die Politiker verstehen mittlerweile, dass sie Organisatoren wie mir vertrauen können und Sport für Kinder und Jugendliche extrem wichtig und angesehen ist. Aus diesem Grund sind wir auch besonders auf unsere Kooperation mit der ISPO SHANGHAI stolz. Das Feedback für unser Kids-Floorballturnier war extrem gut, es war rund um das Spielfeld ständig etwas los.

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Über Rollerblading zum Eishockey?

Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus?
Für Shanghai ist das Ziel, das bestehende Ligen-System weiter auszubauen. Zusätzlich planen wir, auch in Tier 1 Städten wie Beijing Ligen zu etablieren. Ein Langzeitplan sind die Olympischen Winterspiele 2022 in Beijing.

China ist aktuell beim Eishockey nicht besonders gut und Floorball soll der erste Schritt sein, um eine erste Generation geschlossen an diesen Sport heranzuführen. Bis auf das Schlittschuhlaufen hat Floorball alle Komponenten des Eishockeys.

Dann bleibt ja nur noch das winzige Problem mit den Schlittschuhen...
Das stimmt natürlich, aber die chinesische Regierung hat auch dafür einen Plan. Neben Floorball wird in diesem Zuge auch Rollerbladen stark gefördert – und so sollen sich die Puzzleteile langsam zusammenfügen.

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