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 Picture Organic Clothing: Sind Architekten die besseren Designer?
Sportbusiness | 22.12.2016

Gründer Julien Durant erzählt die Geschichte der Action-Outdoor-Brand

Picture Organic Clothing: Sind Architekten die besseren Designer?

Picture Organic Clothing: Sind Architekten die besseren Designer?. Unternehmensgründer Julien Durant will mit Picture Organic Clothing bis 2020 nur noch recycelte Materialien verwenden. (Quelle: Riot House Production)
Unternehmensgründer Julien Durant will mit Picture Organic Clothing bis 2020 nur noch recycelte Materialien verwenden.
Bild: Riot House Production
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Alles begann 2008 im Anbau einer Autowerkstatt: Im Alter von 26 Jahren gründet der Franzose Julien Durant zusammen mit seinen Freunden Jérémy Rochette und Vincent Andre die Marke Picture Organic Clothing. Ihr Ziel: Nachhaltige Funktionskleidung mit lässigen Designs für Snowboarder und Skifahrer zu produzieren.

Der große Erfolg von Picture Organic Clothing bei der ISPO MUNICH 2009 war für die damaligen Jungunternehmer eine große Überraschung und zugleich eine enorme Motivation, den eingeschlagenen Weg konsequent weiter zu verfolgen.

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Acht Jahre später ist aus der kleinen Garagenfirma eine der innovativsten Outerwear Brands geworden. Picture Organic Clothing setzt im Jahr rund 15 Millionen Euro um und hat über 20 Mitarbeitern an den Standorten Clermont-Ferrand und Annecy.

Vier ISPO AWARDS und Auszeichnungen wie der ECOSPORT Award und der French Outdoor Award belegen, dass sich technische Innovation und Nachhaltigkeit keineswegs ausschließen. Um das Geheimnis dieses Erfolgs zu lüften, traf ISPO.com den Unternehmensgründer Julien Durant zum Interview.

Julien Durant im Interview

ISPO.com: Als Sie im Jahr 2008 die Marke Picture Organic Clothing gründeten, war das Thema Nachhaltigkeit noch nicht so populär wie heute. Was war damals Ihre Motivation?
Julien Durant: Wir wollten Produkte herstellen, die unsere eigene Identität reflektieren. Dabei war Jeremy, der schon im familieneigenen Architekturbüro an umweltfreundlichen Baukonzepten arbeitete, der Pionier in Sachen Nachhaltigkeit. Uns einte die gemeinsame Leidenschaft für die unterschiedlichen Boardsports, und wir definierten für unsere Firma drei Alleinstellungsmerkmale: ein neues Design, eine einzigartige Philosophie und eine neue Art des Selbstverständnisses.

Das müssen Sie bitte erklären.
Unser Design sollte einzigartig sein. Jeremy und sein Team kamen nicht aus dem Modedesign, aber ihr Background als Architekten brachte sie dazu, unser Produktdesign auf eine eigene Art umzusetzen. Unsere Philosophie war von Beginn an, alle Produkte so umweltfreundlich wie möglich herzustellen und dabei mindestens 50 Prozent recycelten Polyester und 50 Prozent Bio-Baumwolle oder andere recycelte Materialien zu verwenden.
Zu unserem Selbstverständnis: Wir sind weder eine Ski- noch eine Snowboard-Brand, sondern verstehen uns als umweltbewusste Action-Outdoor-Brand, die sich den Boardsports verschrieben hat.


„Wir teilen mit Patagonia die Werte“

Gab es Marken, die Sie zur Gründung der eigenen Firma inspiriert haben?
Patagonia hat uns von Beginn an inspiriert und tut dies auch heute noch. Aber Patagonia ist eine Brand, die eher meinen Vater anspricht. Wir hingegen wollten junge Menschen zwischen 15 und 45 Jahren gewinnen, die offen für unseren zu 100 Prozent nachhaltigen Ansatz sind. Daher haben wir unsere Designs an diese Zielgruppe angepasst.
Wir teilen mit Patagonia die gleichen Werte und haben uns auch bei unserer ersten Winterkollektion von ihnen inspirieren lassen.

Glauben Sie, dass es zu Zeiten der Gründung von Picture Organic Clothing an innovativen und progressiven Textilmarken fehlte?
Auf jeden Fall. Alle Marken waren irgendwie ähnlich, man versuchte sich abzuheben, aber alle taten es auf die gleiche Art und Weise. Unser Erfolg liegt sicher auch darin begründet, dass wir zu den Pionieren von nachhaltig produzierten Textilien für Outdoor-Sportler zählen.

Wie kamen denn Ihre Produkte bei Ihrem ersten Messeauftritt in den USA im Rahmen der SIA im Jahr 2012 an?
Unsere nachhaltige Firmenphilosophie stieß auch in den USA auf großes Interesse, aber unsere Designs entsprachen überhaupt nicht den Gewohnheiten des US-Markts. Dadurch war es viel schwieriger als in Europa, die Einkäufer von unseren Produkten zu überzeugen. Aber als dann der Abverkauf gut funktionierte, hatten wir auch diese Skeptiker auf unserer Seite.

Picture-Kunden entwickeln Produkte mit

Gibt es hinsichtlich der Akzeptanz von nachhaltig produzierten Textilien einen Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Markt?
Da die Auflagen in Europa viel strenger als in den USA sind, müssen europäische Firmen viel größere Anforderungen erfüllen. Mir scheint, dass US-Firmen viel mehr Energie in die optimale Vermarktung stecken, als sich ernsthaft um umweltfreundliche Produkte zu bemühen.

Extrem cooles Outdoor-Fotoshooting auf Island. (Quelle: Riot House Production)
Extrem cooles Outdoor-Fotoshooting auf Island.
Bild: Riot House Production

Was steckt hinter der Idee des Picture Innovation Camp?
Mit jeder Kollektion wollen wir unseren Kunden die ökologischsten, nachhaltigsten und innovativsten Produkte bieten. Seit zwei Jahren binden wir daher unsere Kunden aktiv in den Entwicklungsprozess von neuen Produkten mit ein. Hier entstehen viele tolle Ideen, und dieses Feedback inspiriert uns in vielerlei Hinsicht.

Wie läuft das in der Praxis ab?
Auf unserer Website können unsere Kunden eine Bewerbung für das Camp ausfüllen. Dann suchen wir 15 bis 20 Personen aus und laden sie für zwei Tage zum Camp ein. Die Camps finden immer in einer lässigen Umgebung statt. 2015 waren wir zum Beispiel in Les Arcs. Hier treffen unsere Kunden dann das gesamte Picture-Team zum Brainstormen und Austausch neuer Ideen.

Neuer Wetsuit aus Kautschuk und Gummi

In diesem Jahr haben Sie Ihren ersten Wetsuit auf den Markt gebracht. Was hat es damit auf sich?
Jeremy, Vincent und ich sind sowohl Snowboarder als auch Surfer. Da unsere Philosophie auch vorsieht, Produkte zu entwickeln, die wir als Kunden gerne selber kaufen wollen, lag es auf der Hand, auch einen Surfanzug zu entwickeln.
Nach zwei Jahren Entwicklungsarbeit und Recherche haben wir mit unserer Naturalprene-Technologie ein nachhaltiges und verantwortungsvoll produzierbares Material gefunden. Es ist eine echte Alternative zum konventionellen Neopren, das schlecht recycelbar und in der Produktion extrem umweltschädlich ist.

Nun ist der Surfmarkt hart umkämpft und die Zeiten für neue Produkte sind hier nicht gerade rosig. Wie wollen Sie erfolgreich sein?
Durch unseren komplett neuen Ansatz: Dank des Naturalprene-Materials bestehen unsere Wetsuits zu 85 Prozent aus natürlichem Kautschuk, der auf einer Plantage in Malaysia gewonnen wird und zu 15 Prozent aus synthetischem, ungechlortem Gummi. Zudem haben wir zur Verbesserung der Paddel-Performance Features von Triathlon-Anzügen in unsere Wetsuits integriert. Das ist einzigartig.

Picture Organic Clothing setzt sich hohe Ziele

Vermutlich haben Sie für 2017 ein paar weitere Innovationen in Arbeit. An was tüfteln Sie gerade?
So ist es. Wir haben unsere jüngste Entwicklung, das Iceland ProKnit Jacket, für den ISPO AWARD 2017 eingereicht. Bei dieser Jacke kommt eine neue patentierte Technologie zum Einsatz. Die funktionelle Strickjacke wird nur aus einer Stoffbahn gefertigt, die an bestimmten Körperzonen eine unterschiedliche Dichte aufweist.
Durch dieses Verfahren kommt die Jacke mit viel weniger Nähten aus und ist wesentlich flexibler als andere Funktionsjacken aus gestricktem Stoff. In Sachen Tragekomfort und Atmungsaktivität gibt es keine Einbußen. Inspiriert wurden wir bei dieser Innovation von Nikes Flyknit-Schuhkollektion, bei der ein ähnliches Produktionsverfahren eingesetzt wird.


Lassen Sie uns zum Abschluss in die Zukunft blicken: Wo steht Picture Organic Clothing in zehn Jahren?
Natürlich werden wir weiterhin unseren Fokus auf nachhaltige technische Innovationen legen. Wir arbeiten zum Beispiel an einer Jacke, die wie ein Puzzle aus passenden Einzelteilen ohne Abfall und Verschnitt zusammengesetzt wird. Eine solche Jacke hätte zwar keinen direkten Mehrwert für den Konsumenten, aber durch die Reduktion der Abfälle einen großen Mehrwert für unseren Planeten.
Zudem haben wir uns schon im Jahr 2013 zum Ziel gesetzt, dass wir bis 2020 100 Prozent unserer Produkte aus recycelten Materialien herstellen. Zur Zeit stehen wir hier bei 40 Prozent – es gibt also noch einiges zu tun, aber wir sind auf einem guten Weg.

Fakten zu Picture Organic Clothing

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Andi Spies (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Andi Spies, Autor
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