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 Red Bull Crashed Ice: Wahnsinn auf Kufen
Action-Sports | 08.01.2016

Wintersport extrem im Eiskanal

Red Bull Crashed Ice: Wahnsinn auf Kufen

Fahrer rasen die Strecke herunter (Quelle: Joerg Mitter / Red Bull Content Pool)
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Angefangen hat alles mit einer Schnapsidee. Nach einem schönen Tiroler Skitag samt Hüttenabend kam Stefan Aufschnaiter und Sigurd Meiche bei der nächtlichen Fahrt durch den Ort die Idee: 'Hier könnte man doch mal ein Skirennen veranstalten: über Treppen und Geländer, über Stock und Stein!

Oder im Sommer mit Inline-Skates! Oder sogar auf Schlittschuhen!' Aufschnaiter, im richtigen Leben Journalist, schrieb ein Konzept, das Meiche, im richtigen Leben Sportchef von Red Bull, absegnete, noch bevor klar war, ob das Format überhaupt fahrbar war.

Red Bull Crashed Ice von oben (Quelle: Andreas Langreiter)
Die Red-Bull-Crashed-Ice-Laufbahn in München von oben.
Bild: Andreas Langreiter

„Es hätte auch sein können, dass das zu gefährlich ist oder total fad ausschaut“, erzählt Aufschnaiter, den alle nur „Stau“ nennen – sein Kürzel aus der Zeit als Reporter beim „Kurier“. Also probierte er erst mal rum: fuhr auf Schlittschuhen die Innsbrucker Bobbahn runter, dann noch eine Natureisbahn und stellte fest: „Geht.“ Das war 1999 – zwei Jahre später ging das erste Rennen über die Bühne: Red Bull Crashed Ice. 

Wintersport extrem: Eishockey trifft Boardercross und Downhill

Mittlerweile interessiert sich auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) für die einstige Schnapsidee: Die Damen und Herren der Ringe sind mal wieder auf der Suche nach einer neuen spektakulären Sportart für das olympische Programm.

Der Ice Cross Downhill ist eine Mischung aus Eishockey, Boardercross und Downhill. Auf einem meist mitten in der Stadt künstlich angelegten Eiskanal mit Steilkurven, Hindernissen, Wellen und Sprüngen gehen vier Schlittschuhläufer gleichzeitig auf den steilen Parcours.

Die Daten der Wettbewerbs am Münchner Olympiaberg: 370 Meter lang, 45 Meter Höhenunterschied, die Läufer werden bis zu 70 km/h schnell, springen bis zu 20 Meter weit und das alles in Ellbogennähe zu drei weiteren Gegnern - ein halsbrecherisches Szenario, das mit wenig Regeln auskommt: Wer zuerst unten ankommt, hat gewonnen. 2010 wurde die erste Weltmeisterschaft ausgetragen, mit einem deutschen Sieger: Martin Niefnecker aus Garmisch-Partenkirchen.

Im Marketing ist Red Bull inoffizieller Weltmeister

In diesem Winter gibt es neben den vier Red-Bull-Events in Europa und Nordamerika noch sechs weitere Rennen des so genannten Rider Cups, die alle in die WM-Wertung eingehen. Ein Team-Wettbewerb (drei gegen drei) gehört ebenfalls zum Programm, auch Frauen gehen mittlerweile an den Start.

So wahnwitzig ist Red Bull Crashed Ice

Was die Erfindung nervenaufreibender Sport-Events angeht, ist der Marketing-Weltmeister Red Bull seit Jahren Marktführer. Kaum eine Idee kann abgefahren oder größenwahnsinnig genug sein, um nicht zur Red-Bull-Veranstaltung werden zu können.

Extremsport von Schwimmen über Mountainbike bis Paragliding

Mit Felix Baumgartner machte sich Stefan Aufschnaiter 1999 einen Namen. Das Bild des Basejumpers auf der Hand der Jesus-Statue von Rio hat er aufgenommen. 70 Prozent aller Zeitungen der Welt haben es gedruckt, ein Drittel davon auf Seite 1. Sogar auf dem Religionsbuch für Neuntklässler in Österreich war es zu sehen. Stau, der die Adressen von fast 30 000 Redaktionen und Nachrichtenagenturen gespeichert hat, beschreibt seinen Job als Medienproduzent so: „Wir bringen die Events von Red Bull unters Volk.“

Red Bull Crashed Ice Rampe (Quelle: Martin Niefnecker)
Teilnehmer des Red Bull Crashed Ice Races rasen eine Rampe hinauf.
Bild: Martin Niefnecker

Egal ob Air Race (eine Art Luft-Slalom mit Kunstflugmaschinen), X-Alps (mit dem Gleitschirm zu Fuß von Salzburg nach Monaco) oder Giants of Rio (ein Staffelrennen mit Brandungsschwimmern, Mountainbikern durch die Favelas, Paraglidern von der Plattform der Jesus-Statue und Strandläufern an der Copa Cabana).

27 Kamerateams, zehn Fotografen, Spezialisten für Unterwasserfotografie, Action und Flugaufnahmen waren 2005 bei dem Rennen rund um den Zuckerhut im Einsatz. Acht Funkkameras sendeten Bilder und Ton an ein Übertragungsflugzeug, für das der Luftraum über Rio gesperrt worden war. Angebliche Kosten für das Event: 3,5 Millionen Euro.

Red Bull Crashed Ice: Ein Rennen in Europa kostet rund eine Million Euro

Dagegen ist Red Bull Crashed Ice fast günstig: Auf rund eine Million Euro werden die Kosten für die Europa-Events geschätzt; die Rennen in USA und Kanada dürften drei Mal so teuer sein. Am Münchner Olympiaberg sind für die zwei Wettkampftage 2.320 Quadratmeter Eisfläche entstanden – damit könnte man auf der Hälfte des Marienplatzes eislaufen. 

Red Bull Crashed Ice Buckelpist (Quelle: Sebastian Marko)
Skater der Red Bull Crashed Ice Challenge rasen über eine Buckelpiste.
Bild: Sebastian Marko

Die zu 80 Prozent aus Stahlgerüst und zu 20 Prozent aus Holz bestehende Konstruktion wird von rund 10.000 Schrauben gehalten. 50 Leute haben fünf Wochen an dem Track gebaut. Ein ausgeklügeltes Kühlsystem sorgt bei Temperaturen zwischen -8 und -12° C für das nötige Eis. Somit kann bei Temperaturen von bis zu 15°C Eis produziert und sogar bis zu 20°C gehalten werden.

Die Technik stammt aus der Karibik

Im Schnapsideestadium gab es diese Technik noch nicht. Wer baut schon eine Eisbahn mit Neigung? Fündig wurden Stau & Co. dank Red Bull Karibik. Die Kollegen kannten einen Anbieter, der Eislaufbahnen für Kreuzfahrtschiffe baut: die AST Eis- und Solartechnik GmbH in Reutte, Tirol. 2001, beim ersten Event in Stockholm, waren die Tiroler sehr erfinderisch. 

Da sie angesichts der Neigung nicht wie gewohnt Wasser auf Kühlmatten sprühen konnten, produzierten sie aus den Schnüren, die man normalerweise um einen Braten wickelt, meterlange Eiswürste, nagelten diese an die Bahn und sprühten dann erst Wasser auf. Mit Crashed Ice vom nahen Fischmarkt wurde nachgeholfen, und so konnte Stau eines Nachts den ersten Probelauf absolvieren – am Ende mit gebrochenem Schlittschuh, aber doch so, dass man kurz darauf die 57-Premieren-Starter auf den Parcours loslassen konnte.

15 Jahre später ist Stau (52) Interimspräsident der auf dem Oktoberfest 2014 gegründeten Allterrain Skatecross Federation (ATSX) und wird demnächst dem IOC in Lausanne einen Besuch abstatten. Die Geschichte des Ice Cross Downhill hat gerade erst begonnen.

Ein Beitrag von Thomas Becker, Autor
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