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 Big Data bei Under Armour
Ausrüstung | 07.01.2016

Ausrüster setzt auf Wearables

Big Data bei Under Armour

Ein Athlet im Under Armour E39-Performance-Shirt (Quelle: Under Armour)
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Wearables sind der Fitness-Trend der letzten Jahre. Aber nicht nur die vielen Start-ups sind innovativ, auch die Branchenriesen zielen auf den Umbruch ins Digitale. Der Ausrüster Under Armour will die Konkurrenz im Tech-Bereich hinter sich lassen – mit Performance-Shirts und Investitionen von mehreren Hundertmillionen Dollar.

Die millionenschwere Brautschau entscheidet Jahr für Jahr über die Zukunft der besten Talente des Jahres. Während draußen die Februar-Kälte Indianapolis im Griff hat, schwitzen in der Halle die Athleten. Für eine Woche kommen sie zusammen – die besten Footballer der Colleges und die Vertreter der NFL-Klubs: Die Coaches samt Gefolge beobachten ganz genau, wer am weitesten wirft, am schnellsten rennt, am höchsten springt.

NFL Combine heißt dieses gnadenlose Auswahlverfahren, in dem sich nur die Besten und Stärksten durchsetzen. Die Teams analysieren alle Nachwuchstalente bis ins Detail, um besser entscheiden zu können, wen sie im Draft im April auswählen.

Performance-Shirt für Footballer

Seit 2011 nutzen Trainer, Manager und Scouts ein neues Hilfsmittel. Sensoren, die im Stoff der Sportshirts eingearbeitet sind, liefern Werte über die Performance der Footballer in Echtzeit. Das Modell, das die Footballer in Indianapolis tragen, nennt sich E39. Der Hersteller ist Under Armour.


Die Marke hat eine explosive Entwicklung hinter sich, in den USA liegt sie inzwischen hinter Nike auf Platz zwei der Ausrüster – und hat damit Adidas verdrängt. Nun preschen sie auch auf den europäischen Markt vor. Im Münchner Thalkirchen eröffnete Under Armour vor kurzem seine Deutschland-Zentrale.

Trikot-Ausrüster von St. Pauli

Ab nächster Saison ist Under Armour Trikotsponsor des FC St. Pauli: Bei Teilen der Fans des Kiez-Klubs stieß die Zusammenarbeit auf Unverständnis, da das mitunter militärische Image von Under Armour kaum zu den linken Idealen der meisten Pauli-Anhänger passt.

Bei den Tottenham Hotspur prangt das Logo jetzt schon auf der Brust. Das Unternehmen hat Sportler aus allen Bereichen unter Vertrag: Von Tennis-Star Andy Murray bis Schwimm-Olympiasieger Michael Phelps, vom amtierenden MVP der NBA Stephen Curry bis zum Fußball-Badboy Jermaine Jones.

Integrierter Mini-Computer

Die große Innovation, jenseits von atmungsaktiver Kleidung und gesponserten Spitzensportlern, ist aber das Performance-Shirt E39. Das Besondere: Unterhalb der Brust, auf Höhe des Sternums, sitzt der sogenannte „Bug“. Dieser Bug ist ein kleiner, runder Computer, der übergangslos im Shirt integriert ist. Er misst Puls, Atemfrequenz, Hauttemperatur; gleichzeitig ist er ein Beschleunigungsmesser.


Alle diese Daten speichert der Bug nicht nur auf einem Chip, er schickt sie – im Fall des NFL Combine - auch per Bluetooth an die Computer der Trainer und Scouts. So können alle Beteiligten die Leistungen nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv anhand von Daten beurteilen – und das während die Athleten auf dem Feld stehen.

Zusammenarbeit mit Chip-Hersteller

Under Armour entwickelte E39 gemeinsam mit Zephyr Technology. Zephyr produziert hauptsächlich Sensoren für die Special Forces der U.S.-Armee sowie für die Nasa, um den Zustand von Soldaten und Astronauten zu überwachen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das Unternehmen 2010 bekannt: Als 33 chilenische Bergarbeiter für zwei Monate eingeschlossen waren, lieferten – per Kapsel transportierte – Brustgürtel von Zephyr Daten über deren Gesundheit.

Das E39-Shirt von Under Armour und Zephyr ist bisher kein Massenartikel. Die NFL Combine-Variante hätte angeblich mindestens 400 Dollar gekostet; Under Armour hält sich diesbezüglich bedeckt. Das Shirt ist aber wohl auch deswegen nicht in der Combine-Ausführung auf dem Markt erschienen.

Erste Version ohne großen Erfolg

Eine abgespeckte Version als Brustband mit dazugehöriger App hingegen, die unter anderem Herzschlag und Dauer des Workouts misst, gab es ab 2013 für 150 Dollar zu kaufen. Inzwischen ist sie aber nicht mehr erhältlich. 

Under Armours Brustband E39 (Quelle: Under Armour)
Inzwischen nicht mehr erhältlich: Das E39 als Brustband.
Bild: Under Armour


Vielleicht auch weil die Reaktionen gemischt ausfielen – im Vergleich zu den Armbändern von Jawbone und Fitbit hatte das Armour39 zu wenig Features. Es ist wohl aber in Planung, eine bessere und trotzdem erschwingliche Version – dann auch als Shirt – auf den Markt zu bringen.

Millionen Dollar für Milliarden Datensätze

Inhaber der größten Fitness- und Ernährungs-Datenbank kann sich Under Armour aber jetzt schon nennen. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren für insgesamt 710 Millionen Dollar drei verschiedene Apps gekauft: Die Trainings-App MapMyFitness, das Kalorienzähler- und Ernährungs-Programm MyFitnessPal und die in Europa beliebte Fitness-App Endomondo.


Laut Under-Armour-Gründer Kevin Plank sind sie in Besitz von 1,2 Milliarden eingeloggten Workouts und über fünf Milliarden eingetragenen Mahlzeiten – allein für 2015.

Under Armour hat sich endgültig als Vorreiter des digitalen Umbruchs in der Kleidungsindustrie positioniert. Aber Apps hin, Datensätze her, das Unternehmen verkauft primär Schuhe und Fitnessbekleidung.

Mehr Bewegung, mehr Verkäufe

Wo ist also die Klammer, wie soll Big Data den Umsatz ankurbeln? Ganz einfach, durch Motivation: „Je mehr Sport die Leute betreiben, desto mehr Fitness-Ausrüstung und Schuhe kaufen sie“, sagte Plank im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin „Forbes“.

Ziel ist es also die Leute noch mehr in Bewegung zu bringen, damit diese sich früher und schneller neue Ausrüstung kaufen. Und Hilfestellung können die Apps dann auch liefern: Zählen die beispielsweise eine Gesamtlaufstrecke von 600 Kilometern, kommt ein Hinweis, dass der Läufer sich demnächst neue Schuhe zulegen sollte. Und dann doch bitte die von Under Armour. 

Jasper Ruppert (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Jasper Ruppert, Autor
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