ISPO.com is also available in English ×
 Wearable-Zukunft: Grippe vorhersagen und Training optimieren
Wearables | 31.10.2016

Branchen-Insider Stammel: Gesundheit bald für Sportler steuerbar

Wearables und Healthcare: „Achtung, die Grippewelle ist nur zwei Kilometer entfernt!“

Wearable-Zukunft: Grippe vorhersagen und Training optimieren. Die Gesundheit mit Smartwatch und Handy checken ist erst der Anfang: Bald soll das noch effizienter möglich sein. (Quelle: Thinkstock)
Die Gesundheit mit Smartwatch und Handy checken ist erst der Anfang: Bald soll das noch effizienter möglich sein.
Bild: Thinkstock
Artikel bewerten:
Eine Pille, die Daten aus dem Bauch sendet; ein Tracker, der den Sportler vor einer nahenden Grippewelle warnt: Für Kunden sind Wearables eine Daten-Fundgrube. Aber auch Unternehmen können profitieren, findet Christian Stammel, CEO der Innovations-Plattform Wearable Technologies.

Für ISPO.COM analysiert der Wearables-Experte den Healthcare-Markt, der seiner Meinung nach die größten Wachstums-Chancen für Wearables bietet. Healthcare bedeutet allerdings nicht nur einen Nutzen für die Gesundheit, sondern auch für die optimale Belastungssteuerung für Sportler.

Ist Ihr Unternehmen schon dabei? Der ISPO AWARD ist das Gütesiegel der Sportbranche und prämiert die besten und innovativsten Produkte. Melden Sie sich jetzt an – die Early-Bird-Tarife gelten bis 30. November >>>

Wann ein Reiz sinnvoll ist und wann man lieber eine Pause macht, könnten bald Wearables verraten, sagt Stammel im dritten und letzten Teil der Interviewreihe.

ISPO.com: Wearables wie Fitnesstracker boomen, natürlich auch im Sport-Business. Wo sehen Sie den größten Wachstumsfaktor?
Christian Stammel: Der Sportmarkt hat im Wearables-Bereich bereits eine gesunde Basis und wächst pro Jahr mit circa 20 bis 25 Prozent. Größere Wachstumswerte erwarten wir im Healthcare-Markt. Und zwar sowohl im ersten, als auch zweiten Markt. Das heißt, auch im verschreibungspflichtigen Gesundheitsmarkt – der von den Kassen getragen wird – werden sich Wearable-Lösungen durchsetzen.
Bereits heute bekommt man erste Unterstützungen von Krankenkassen beim Kauf von Fitnessbändern – diese wird in absehbarer Zeit auch auf zertifizierte Healthcare-Geräte erweitert. In den USA, Asien und auch Südafrika gibt es schon weitere erfolgreiche Modelle.
In Europa, natürlich auch in Deutschland, sind durch die hohen Anforderungen an den Datenschutz deutliche Grenzen gesetzt. Bis zu einem gewissen Grad ist dies auch absolut notwendig und richtig, doch bei vielen Anwendungen im Gesundheitsmarkt wäre ein generelles Umdenken hilfreich.


Daten in der Cloud sicherer als auf dem Laptop

Sind die Menschen in außereuropäischen Ländern neugieriger auf das Thema?
Wir arbeiten mit unserer Wearable-Technologies-Gruppe sehr international und haben auch eine eigene Incorporated in San Francisco. Dort, und auch in Asien, wird das Thema stärker wahrgenommen. Zahlreiche Versicherungen bieten bereits konkrete Modelle für deren Kunden an und integrieren Wearables ins Angebot. Aber auch dort sind die echten, zertifizierten Gesundheitsprodukte noch in der Minderheit.
Mehr sind es die Fitnesstracker, die integriert werden. Auch in diesen Ländern wird der Datenschutz diskutiert. In Asien natürlich weniger als in den USA, aber grundsätzlich sind die Menschen dort beim Thema Datenaustausch offener als in Europa.

Wie äußert sich dies?
Diese negative Grundhaltung gegen jegliche Aufbewahrung von persönlichen Daten ist leider in Europa immer noch sehr verbreitet. Dabei ist die Datenhaltung in der Cloud in den meisten Fällen viel sicherer, als auf dem eigenen Smartphone oder Laptop.
Ich möchte jetzt keine Namen nennen, aber wenn ich auf einer Messe in Europa einen Minister begrüße, der das Thema Forschung begleitet und der als erstes die Frage nach dem Datenschutz stellt, statt über neue Anwendungspotentiale, Sensoriken oder Forschungsergebnissen zu sprechen, dann muss man dem nichts mehr hinzufügen.

Aber die Bedenken beim Datenschutz sind doch nicht von der Hand zu weisen.
Das ist doch die gleiche Diskussion, die wir bei der Einführung des Internets in den Jahren ab 1995 hatten. Da ich auch damals in diesem Bereich stark tätig war, wurde ich mit exakt den gleichen Fragen und Bedenken konfrontiert wie heute – mehr als 20 Jahre später. Mit dem Unterschied, dass man heute einen schon fast schizophrenen Verbraucher hat. Auf der einen Seite wird über Datenhaltung geschimpft und auf der anderen Seite werden Portale wie Facebook mit den privatesten aller Informationen regelrecht gefüttert.
Bevor wir Bilder von unseren Kindern im Netz teilen – die das Kind auch nie mehr löschen kann – wäre es manchmal sinnvoller, Informationen zu seinem Krankheitsverlauf oder seinen Beschwerden zu teilen, um gegebenenfalls anderen Betroffenen zu helfen.

Mehr zum Thema Wearables: Ein Markt mit unglaublichen Wachstumschancen >>>

Die Vermessung des Menschen: Dem Sportler kann die Analyse der Gesundheitsdaten erhebliche Vorteile bieten. (Quelle: Thinkstock)
Die Vermessung des Menschen: Dem Sportler kann die Analyse der Gesundheitsdaten erhebliche Vorteile bieten.
Bild: Thinkstock

Durch das Internet der Dinge wächst Verantwortung des Nutzers

Die Krankenkassen möchten genau das einführen: Der Beitrag sinkt, wenn sie überwachen dürfen.
Die bisher diskutierten oder stellenweise auch umgesetzten Modelle der Kassen werden nicht nachhaltig genug sein. Derzeit erreicht man mit den isolierten Bonusmodellen nur diejenigen Menschen, die eh schon aktiv und meist auch finanziell besser gestellt sind. Das heißt am Ende: Es werden potentiell guten Beitragszahlern Anreize geschaffen, weniger zu zahlen.

Sie glauben also nicht daran?
Es gibt da ein gutes Beispiel: Vor über zehn Jahren wurden erstmals sogenannte „pay as you drive“-Modelle von Kfz-Versicherungen über GPS-Tracking-Systeme eingeführt. Nur in Ländern mit extrem hohen Diebstahlsraten konnten sich diese Modelle durchsetzen – und nicht deswegen, weil der Fahrer nach seinem Fahrverhalten abgerechnet wurde, sondern weil bei einem Diebstahl das Fahrzeug zuverlässig geortet werden konnte.
Nimmt man nun das Modell der von uns genannten „pay as you live“-Modelle, dann bedeutet das, dass die reinen Bonusmodelle auch nicht funktionieren werden, wenn keine weitere Vernetzung zu einem höheren Mehrwert entsteht. Also beispielsweise eine bessere Hilfe im Krankenhaus oder vom Notarzt, da verlässlich auf die letzten Vitaldaten zugegriffen werden kann. Dazu braucht es aber noch eine gewisse Zeit, da die Genauigkeit der erfassten Sensorwerte medizinisch nicht ausreichend und auch nicht zertifiziert sind.

Trotzdem bleibt das Problem der Datensicherheit.
Das Problem der Datensicherheit ist allgegenwärtig und man kann es ja auch nicht wegdiskutieren. Man muss nur mit dieser potentiellen Gefahr vernünftiger umgehen. Technologien zur sicheren Übertragung und auch zum sicheren Speichern sind vorhanden, werden nur von den wenigsten Menschen aktiv eingesetzt – welcher der Leser wird schon eine verschlüsselte E-Mail versenden?
Wir schimpfen über die Sicherheitslücken des Internets, aber tun selber nichts dagegen. Und die notwendige Eigenverantwortung im Datenumgang wächst natürlich mit dem kommenden Internet of Things noch weiter.

Einer, der weiß wie sich der Wearable-Markt entwickelt: Christian Stammel ist CEO von Wearable Technologies. (Quelle: WT)
Einer, der weiß wie sich der Wearable-Markt entwickelt: Christian Stammel ist CEO von Wearable Technologies.
Bild: WT

Wie passt das Internet der Dinge mit Healthcare zusammen?
Nicht alle Healthcare-Geräte sind tragbar, haben aber das Potential „smart“ zu sein, das heißt: connected zu werden. Sobald mehr und mehr Healthcare-Systeme und Komponenten miteinander verbunden sind, werden Kosten und Zeit gespart. Letzteres kann in vielen Situationen auch Leben retten, daher gibt es hier nach meiner Meinung gar keine Überlegung, nicht mit vollem Einsatz an Lösungen zu arbeiten. Die intelligente Patientenversorgung wird in den Fokus gerückt und da können sich interessante Ansätzen realisieren lassen. Beispielsweise gibt es in den USA eine Company, die bereits die klinische Zertifizierung für intelligente Pillen erlangt hat: Die Pille kommuniziert bei der Einnahme direkt mit einem Pflaster in der Magengegend und wird dadurch ausgelesen.

Und was wird dabei übermittelt?
Man kann somit definitiv nachweisen, wie die Medikation erfolgt ist: Hat der Mensch die Pille richtig eingenommen? 40 Prozent der Kosten für Healthcare basieren auf falscher Medikation und diese falsche Einnahme kann nachgewiesen werden.

Wie Sportartikelhersteller Under Armour die Daten der Kunden nutzt, lesen Sie hier >>>


„Mach keinen Sport, nimm Vitamin C“

Diese Technologie kann man doch sicher auch in anderen Bereichen nutzen?
Die Technologien sind sogenannte intelligente Pflaster. Durch Aufkleben können diese Pflaster Veränderungen in der unmittelbaren Umgebung feststellen – oder sogar Medikamente verabreichen. Im Diabetes-Bereich habe ich im letzten Jahr ein Unternehmen kennengelernt, das bereits mehr als eine Million Geräte pro Monat alleine in den USA verkauft hat. Mit diesem Patch kann Insulin verabreicht und nach den Vorgaben des Arztes modifiziert und eingestellt werden. Das ist ein echter „Game-Changer“ für Diabetes-Patienten weltweit. 

Zu Besuch beim Mobile Wold Congress: Das sind die neuesten Wearable-Trends >>>

Die Daten könnte die intelligente Cloud verwenden und dem Nutzer wiederum helfen.
Richtig, denn Google kann ja heute schon lesen, wie sich beispielsweise eine Grippe verbreitet. Die Nutzer geben als Suchbegriff Schnupfen, Husten oder Fieber ein – so sieht man nur durch Sucheingaben, wo die Grippe ist. Verfeinert man das, bekommt jeder die Information: Achtung, die Grippewelle ist nur noch zwei Kilometer entfernt. Durch die Kombination der allgemeinen Information mit der der individuellen Verfassung des Körpers gibt die Cloud eine immense Hilfestellung. Du erfährst dann: „Hey, pass auf: Dein Immunsystem sieht nicht so optimal aus, mach lieber keinen Sport, sondern nimm Vitamin C!“

Wearables als Multifunktionsgeräte: Gesundheitstracker, Sportprogramm, Anleitung für Individualprogramme. (Quelle: Thinkstock)
Wearables als Multifunktionsgeräte: Gesundheitstracker, Sportprogramm, Anleitung für Individualprogramme.
Bild: Thinkstock

Warum geht die Einführung nicht schneller?
Weil wir uns rechtliche Gedanken dazu machen müssen: Wie gehen wir mit den Datenflüssen um? Für China wäre es toll, wenn jeder selbst die Luftverschmutzung messen könnte. Dann sagt die Cloud: Pass auf, geh nicht laufen, sonst bekommst du einen Asthma-Anfall. Aber die chinesische Regierung blockiert diese Entwicklung noch, weil sie nicht will, dass die Menschen individuell messen können und daraus Communities erwachsen.

Aber das würden doch nicht alle Menschen nutzen – oder verhält sich der Trend wie bei Smartphones: Am Ende hat es jeder?
In China würden sich hier schnell „Communities“ bilden, die nachweisen können, dass die Angaben der Regierung hinsichtlich der Verschmutzung der Luft falsch oder geschönt sind. Daher gehen wir davon aus, dass es jeder haben wird, sobald ein echter Nutzen für die Menschen entsteht oder sich Communities dafür begeistern. Eine Hemmschwelle ist da, aber am Ende des Tages wird jeder seinen Nutzen sehen. 

In drei Teilen erklärt Christian Stammel von Wearable Technologies den Mehrwert von Wearables im Sport und wie Sportler mit den kleinen tragbaren Geräten ihre Gesundheit optimieren können. Lesen Sie auch:

Julian Galinski (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Julian Galinski, Leitender Redakteur
Kommentare
Top Themen
ISPO Newsletter
ISPO Newsletter
Jetzt anmelden
Social Media