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 Running-Boom in China: Lauf-Experte Toropov erklärt Hype
China | 07.07.2016

Pavel Toropov erklärt den chinesischen Lauf-Hype

Running-Boom in China: „Laufklubs gibt es hier an jeder Ecke“

Running-Boom in China: Lauf-Experte Toropov erklärt Hype. Ein als Superman verkleideter Chinese läuft beim Marathon Shanghai mit. (Quelle: Imago)
Ein als Superman verkleideter Chinese läuft beim Marathon Shanghai mit.
Bild: Imago
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Lauf-Boom in China: Der Running-Sektor entwickelt sich rasend schnell. Vom Fünf-Kilometer-Lauf bis zum Ultramarathon über 100 Kilometer – im Reich der Mitte ist alles möglich. Kurs-Designer und Running-Autor Pavel Toropov gibt auf der ISPO SHANGHAI einen Überblick über die Laufszene in China.

Egal ob Hindernislauf, Ultratrail-Marathon oder ein gewöhnlicher Straßenlauf – in China bleibt kein Running-Wunsch unerfüllt. Das Riesenreich hat im Lauf-Sektor die nächste Stufe erreicht und Running steht an der Schwelle zum absoluten Massensport.

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„Der Laufboom in China ist ein Phänomen, das so bisher noch nicht dagewesen ist. Vor circa drei, vier Jahren gab es keine Amateur-Läufer-Szene“, beschreibt Pavel Toropov die rasante Entwicklung. Der Brite mit russischen Vorfahren war lange Zeit selbst erfolgreicher Ultra-Runner und war auf der ISPO SHANGHAI 2016 einer der Keynote-Speaker des ISPO RUNNING Forums.

Running-Experte Toropov: „Sogar die Alten laufen“

„Jetzt gibt es Laufklubs an jeder Ecke. Zuvor war Laufen verpönt – so wie Arbeit auf dem Feld. Und jetzt sind da Menschen, die bisher noch nie daran gedacht haben zu laufen und fangen damit an“, sagt Toropov. „Sogar die Alten, die diese unglaublichen Umwälzungen im Land erlebt haben. Es ist manchmal wirklich witzig, zu beobachten, wenn ein Rentner mit Telefon am Ohr und Zigarette in der Hand seine Runden dreht. Die Außenwirkung ist Chinesen meistens komplett egal.“


Das mag vielleicht für die Alten gelten, aber die junge und mittlerweile gutverdienende Mittelschicht hat Zeit, Geld und Spaß am Konsum. Die Möglichkeiten, die sich so für die komplette Running-Industrie ergeben, sind immens.

„Chinesen haben keine Angst zu versagen“

„Das Markenbewusstsein ist in China sehr ausgeprägt, viel mehr als im europäischen Markt mit mehr Tradition. Das Trainings-Level ist dabei nicht entscheidend“, sagt Toropov, der seit mehr als sieben Jahren in China lebt und von der Hochebene Tibets bis zur Megametropole Hong Kong schon einige Orte sein zu Hause nennen durfte.

Running erlebt in China einen Boom. (Quelle: Imago)
Running erlebt in China einen Boom.
Bild: Imago

Neben dem Konsumeifer hat Toropov noch ein weiteres Merkmal identifiziert, das den Running-Trend in China so besonders macht: „Wenn sich Chinesen etwas in den Kopf setzen, dann machen sie es richtig, dann gibt es keine halben Sachen. Chinesen haben keine Angst vor dem Versagen, das zeichnet sie auch in der Wirtschaft aus. Die ersten Schritte sind vielleicht noch etwas wackelig, aber die Ergebnisse werden mit jedem Versuch besser.“

China ist im digitalen Running-Markt voraus

Die Kleidungs- und Wearables-Industrie profitiert also bereits vom Lauf-Boom in China, auf Seiten der Veranstalter macht sich der Trend finanziell noch nicht bemerkbar. Bislang sind alle Rennen defizitär, wobei das die Investoren aktuell noch nicht zu stören scheint. Vielmehr „ist alles noch ein großes Versprechen an die Zukunft“, sagt Toropov, „eine Investition in Werbeflächen, die sich in ein paar Jahren auszahlen wird“.


Wirtschaftlich also noch einen Schritt hinter dem Westen, ist China im digitalen Running-Markt einen großen Schritt voraus. Angebote wie die Website „iRanshao“, die pro Tag ca 40.000 Page-Impressions hat, beliefert jegliches Bedürfnis der Läufer: Vom Rennkalender über Produkttests hin zu Trainingstipps.

Nun gut, das können andere Apps auch, aber die große Stärke von iRanshao ist die Community, die über entsprechende Gruppen beim Instant Messanger WeChat Lauftreffs organisiert, Erfahrungen austauscht und so die Bindung zu iRanshao extrem verstärkt.

Rennen in China sind für Ausländer wenig reizvoll

Diese Bindung ist es auch, die die chinesischen Rennveranstalter sich für ihre Events erhoffen, denn die Zahl der Ausländer bei Rennen in China wird nach Ansicht Toropovs nicht signifikant steigen.

Das Segment Running bekommt in China immer mehr Aufmerksamkeit. (Quelle: ISPO)
Das Segment Running bekommt in China immer mehr Aufmerksamkeit.
Bild: ISPO

„Viele Rennorganisatoren wünschen sich natürlich die großen internationalen Namen bei ihren Rennen, aber das passiert aus vielerlei Gründen relativ selten. Der Flug ist sehr lang, man braucht ein Visum und es gibt eine kulturelle wie sprachliche Barriere“, begründet Toropov seine These.

Veranstalter buhlen um ausländische Teilnehmer

In den etwas weniger entwickelten Regionen Chinas wird daher nach wie vor etwas getrickst, vor allem bei Rennen, die eine hohe Aufmerksamkeit erregen sollen.

In Tier-3-Städten passiert es noch, dass Ausländer extra eingekauft werden, um Internationalität vorzugaukeln“, beschreibt Toropov die etwas seltsame Praktik: „Einige Studenten verdienen sich so ihren Lebensunterhalt. Dann wird händeringend ein Engländer gesucht, ein Belgier und wenn möglich noch ein Spanier. So geht das dann weiter, und am Ende wird groß verkündet, dass Läufer aus 15 Nationen teilnehmen.“

Der Griff zum internationalen Leih-Läufer kommt aber immer seltener vor, denn „letztlich brauchen die Chinesen gar keine Ausländer bei ihren Rennen. Die Teilnehmerzahlen sind dank der riesigen Bevölkerung groß genug“.

Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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