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 Stadien der Euro 2016: Frankreich setzt auf Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit | 05.07.2016

Solarzellen, Windturbinen auf Stadion-Dächern

Stadien der Euro 2016: Frankreich setzt Maßstäbe bei Nachhaltigkeit

Stadien der Euro 2016: Frankreich setzt auf Nachhaltigkeit. Das Stade de France in Paris St. Denis ist mit über 80.000 Plätzen das größte Fußballstadion Frankreichs. (Quelle: Imago)
Das Stade de France in Paris St. Denis ist mit über 80.000 Plätzen das größte Fußballstadion Frankreichs.
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Die Euro 2016 in Frankreich soll mit ihren Stadien als nachhaltigstes Fußball-Event in die Geschichte eingehen. Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung standen bei den Neubau- und Modernisierungsprojekten weit oben auf der Agenda. Die WM 2006 in Deutschland diente als Vorbild.

Jacques Lambert erzählt es frei heraus: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vor zehn Jahren hatte großen Einfluss auf die Euro 2016 im Nachbarland, sagt Frankreichs EM-Organisationschef. Man habe von der WM 2006 einiges gelernt: „Der Profifußball wird 30 bis 50 Jahre von den Modernisierungen und größeren Stadien profitieren.“

Deutschlands WM-Maskottchen Goleo grüßt aus dem Kölner Stadion, das einer von zwölf Austragungsorten 2006 war. (Quelle: Imago)
Deutschlands WM-Maskottchen Goleo grüßt aus dem Kölner Stadion, das einer von zwölf Austragungsorten 2006 war.
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Neue Stadien, langfristiger Effekt

Nutzung erneuerbarer Energien, optimiertes Abfallmanagement, rauchfreie Zonen – Frankreich will in Sachen Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung neue Maßstäbe setzen. Rund 1,5 Milliarden Euro wurden in die Arenen investiert – Geld, das langfristig Wirkung zeigen soll.

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Wenn die EM nach dem Finale am 10. Juli Geschichte ist, wird es keine leerstehenden Stadien wie in den WM-Ausrichterländern Südafrika oder Brasilien geben. In den meisten Arenen wird künftig ein Erstligist spielen – und im Stade de France die „Équipe Tricolore“.

Nachhaltigkeit: Vorbild für Großevents

Es wird in Frankreich also zumindest keine „Weißen Elefanten“, wie unpraktische und deshalb ungenutzte Stadien genannt werden, geben. Der Europäische Fußball-Verband (Uefa) will mit diesem Event weitaus mehr erreichen.


Laut Uefa-Nachhaltigkeitsmanager Neil Beecroft soll die Euro 2016 den internationalen Standard ISO 2012-1 erreichen, der die Nachhaltigkeit von Events auszeichnet. Als große Sportevents haben das bisher die Olympischen Spiele 2012 in London und die French Open erreicht – die EM 2016 könnte also Vorbildcharakter für künftige Fußball-Großereignisse haben.

Prioritätenliste für Euro 2016

Schon lange vor Beginn des Events wurden die Prioritäten im Bereich „Soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit“ definiert. OK-Chef Lambert nannte sie in seinem Vorwort zu einem 64-seitigen Plan zu diesem Thema. Darin heißt es:

  • Respekt für deine Gesundheit: Kampagne für ein rauchfreies Turnier (Gewährleistung rauchfreier Stadien)
  • Respekt für Vielfalt: Beseitigung von Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung
  • Respekt für Zugang für alle: Totaler Fußball, totaler Zugang (vollständig barrierefreie Stadien, insbesondere für Fans mit Behinderung)
  • Respekt für Fankultur: Bestmögliche Begrüßung, Beratung und Unterstützung der Fans
  • Respekt für die Umwelt

Anreise als Umweltproblem 

Rücksicht auf die Umwelt? Das ist eine schwierige Aufgabe, vor allem wenn man an den Transport denkt. Die rund 2,5 Millionen Fans reisen teilweise aus dem Ausland mit dem Flieger zum Großevent und wieder zurück. Die dadurch ausgelösten gewaltigen CO2-Emissionen machen etwa 75 Prozent der Auswirkungen der EM auf die Umwelt aus.

Die Belastungen sollen allerdings durch intelligente Maßnahmen reduziert werden. Die staatliche französische Eisenbahngesellschaft SNCF als offizieller Turnierpartner hat ihre Kapazitäten auf besonders wichtigen Strecken erhöht.

Optisch einmalig ist das Stadion in Bordeaux. Es wurde 2015 eingeweiht und hat 42.000 Plätze. (Quelle: Imago)
Optisch einmalig ist das Stadion in Bordeaux. Es wurde 2015 eingeweiht und hat 42.000 Plätze.
Bild: Imago

Eine Abschreckungsmaßnahme gegen Autofahrer: Parkplätze direkt an den Stadien gibt es für Fans nicht. Neben Park-and-Ride-Services mit Bussen warben die EM-Organisatoren mit speziell gekennzeichneten „Wanderrouten“ für bis zu fünf Kilometer lange Fußmärsche aus den Stadtzentren oder Fanzonen zu den Stadien. Das wurde gut angenommen: Tausende Fans machten das Ganze zu einem Happening.

Solarzellen und Windturbinen

In der offiziellen Euro-2016-App wurde zudem für Car-Sharing geworben: Wenn schon Anreise mit dem Auto, dann wenigstens gemeinsam.

Ebenfalls neu: Der „Eco-Kalkulator“, mit dem Fans ihren ökologischen Fußabdruck für die Anreise berechnen und ihre Emissionen durch den Kauf beim offiziellen Uefa-Partner „Climate Friendly“ reduzieren konnten.

Die Fans strömen ins Stade Velodrome in Marseille, es wurde umgebaut und fasst 67.000 Zuschauer. (Quelle: Imago)
Die Fans strömen ins Stade Velodrome in Marseille, es wurde umgebaut und fasst 67.000 Zuschauer.
Bild: Imago

Auch in den Stadien selbst wurde viel für die Umwelt getan. Sei es durch Abfallvermeidung durch recycelbare Materialien für das Würstchen oder Getränke beim Spiel; oder durch automatisierte Energiemanagement-Systeme, die in allen zehn EM-Stadien installiert sind.

Vorbild Bundesliga: Fans kommen gerne

Sieben Arenen produzieren zudem selbst Energie. Rund ums Stadion in Bordeaux sind zum Beispiel Solarzellen installiert, in Marseille sogar kleine Windturbinen.

Dass es sinnvoll ist, bei Arenen nicht nur auf die Stimmung, sondern auch auf kluge und nachhaltige Architektur zu achten, kann man am Beispiel vieler Bundesliga-Arenen erkennen: Die Fans kommen gerne und refinanzieren somit die Investitionen. Und die deutsche Eliteliga hat seit Jahren den inoffiziellen Titel der „besucherstärksten Fußball-Liga der Welt“ inne.

Lars Becker (Quelle: Lars Becker)
Ein Beitrag von Lars Becker, Autor
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