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 Wearables: Bald trägt sie jeder Sportler
Wearables | 19.07.2016

Fitness-Wearables in der Kleidung, im Ohr, beim Schlafen

Wearables: „Die Themen Sport und Gesundheit werden zusammenwachsen“

Wearables: Bald trägt sie jeder Sportler . Wearables im Sportmarkt: Noch boomen vorallem Fitnesstracker und Smartwatches, bald könnten viel mehr Wearables durchstarten. (Quelle: Thinkstock)
Wearables im Sportmarkt: Noch boomen vorallem Fitnesstracker und Smartwatches, bald könnten viel mehr Wearables durchstarten.
Bild: Thinkstock
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Wearables und Sport: Eine Kombination, die schon längst zum Standard geworden ist. Viele Läufer tragen längst einen Fitness-Tracker am Armgelenk, selbst im Profisport ist die Leistungserfassung nicht mehr wegzudenken. Und dieser Trend ist noch längst nicht zu Ende.

„Die Tage ohne Wearables in unserem genormten Alltag sind wirklich gezählt“, sagt auch Christian Stammel: Der CEO von Wearable Technologies, einer Plattform für Innovation und Entwicklung auf dem Wearables-Markt, gilt als der Experte beim Thema Wearables schlechthin. Warum man den Fitness-Tracker bald nicht mehr am Armgelenk hat und wie die kleinen Geräte die Gesundheit des Sportlers durchleuchten können, erklärt Stammel im zweiten Teil der Interviewreihe mit ISPO.COM.

ISPO.COM: Herr Stammel, Wearables halten im Sportmarkt seit Jahren Einzug. Hat in 10 Jahre jeder Sportler ein Leistungs-Messgerät am Arm?
Christian Stammel: Man kann sicherlich einen Ausblick geben, aber nicht exakt Jahr für Jahr durchplanen. Mal wird eine Funktion früher, mal später kommen, als man es sich gedacht hat. In zehn Jahren wird Predictive Medicine, also vorausschauendes Gesundheitsmonitoring, ein großes Thema sein, gestützt durch Daten und Algorithmen in der Cloud. Das heißt Sie rufen nicht mehr zwangsläufig den Arzt an, sondern der Arzt bzw. der Algorithmus meldet sich bei Ihnen, wenn etwas mit Ihrer Gesundheit nicht stimmt. Under Armour ist bereits mit der Under Armour Health Box gemeinsam mit dem Superrechner Watson von IBM einen deutlichen Schritt in diese Richtung gegangen.


Was macht Under Armour genau?
Nike aber auch Adidas hatten in den vergangenen Jahren viel in den Aufbau einer eigenen Community und Plattform (Nike + und Adidas Micoach, Anm. d. Redaktion) investiert. Parallel  sind viele unabhängige Apps entstanden, die Millionen von Sportlern für sich gewinnen konnten. Under Armour hat sich mit Mapmyfitness das größte Portal mit mehr als 100 Millionen Nutzern gekauft und ein paar weitere hinzugeholt – jetzt hat Under Armour mehr als 150 Millionen Nutzer unter einem Dach vereint und kann mit den anonymisierten Daten und Dank der extremen Rechenleistungen des Partners IBM noch nie dagewesene Korrelationen für jeden individuellen Nutzer errechnen. Wenn man sich nun die Geschwindigkeit der Markterarbeitung ansieht, hat hier Under Armour den Vorteil sehr deutlich genutzt und konnte durch eine geschickte M&A-Strategie sogar zum Marktführer im Digitalen Sport aufsteigen.

Wie hilft eine Digital-Strategie den Marken genau?
Alle Marken brauchen in Zukunft auch einen digitalen Footprint und das ist viel mehr als eine App oder eine Website. Die Erweiterung der Geschäftsmodelle im digitalen Bereich ist nicht nur für die Industrie sondern auch für alle Consumer Brands eine echte Herausforderung. Wie man so eine Digitalisierungs-Strategie sehr smart und schnell umsetzt, hat Under Armour mit seiner Health Box Initiative gezeigt. Keine eigene Entwicklung, sondern intelligenter Zukauf oder smarte Partnerschaften – in diesem Fall mit HTC -  um keine Probleme mit der Hardware zu haben. Man muss schon gespannt sein, welche Antworten die Konkurrenz hat, und wie sich das bspw. auch in anderen Sportarten und Bereichen entwickelt.

Lesen Sie hier: Digital-Stratege Knüwer: „Puma's Digital-Strategie zeigt Desinteresse am Kunden“.

Christian Stammel, CEO von Wearable Technologies, ist Experte, wenn es um den Einsatz von Wearables beim Sport geht. (Quelle: Wearable Technologies)
Christian Stammel, CEO von Wearable Technologies, ist Experte, wenn es um den Einsatz von Wearables beim Sport geht.
Bild: Wearable Technologies

„Wir werden ein kleines Gerät im Ohr tragen“

Eine solche Cross-Industry-Verbindung gibt es zunehmend auch bei Textilien und Technologie. Wird sich denn intelligente Kleidung durchsetzen?
Seit mehr als zehn Jahren sehen wir die Versuche, smarte Textilien wie intelligente Jacken massenfähig auf dem Sport- und Fitnessmarkt zu platzieren. Viele Konzerne wie zum Beispiel O´Neill oder auch Quiksilver waren hier absolute Vorreiter. Die Produkte waren damals zu teuer und auch noch nicht standardisiert genug. Heute gibt es viele standardisierte Schnittstellen wie etwa Bluetooth, die es deutlich leichter machen, Technologie mit der Textilie zu verbinden. Grundsätzlich gibt es ein Hauptproblem, wenn zwei komplett unterschiedliche Industrien zusammenarbeiten. Die Consumer-Elektronik-Branche hat ganz andere Handelsstrukturen und auch Margen wie die Sportartikel- oder Fashionbranche. Auch wenn man die Entwicklung eines kombinierten Produkts aus Textil- und Elektronik-Bauteilen realisiert, kann es sein, dass dann am Point of Sale die Enttäuschung hinsichtlich des zu hohen Verkaufspreises oder der zu geringen Marge für den Handel entsteht.

Aus diesem Problem kommt man ja nie heraus.
Wenn man es bei der reinen Kombination von elektronischen Komponenten und deren Integration in die Bekleidung belässt, wird man aus diesem Problem tatsächlich nicht herausfinden. Wir propagieren hier einen möglichst modularen Ansatz. Das heißt, die Textilien werden durch elektronische, leitfähige Fasern ausgestattet und können nachträglich durch den Kauf einer elektronischen Einheit durch einfaches Anbringen bestückt werden. Diese Art der Verbindung kennt man schon seit einigen Jahren aus dem Bereich der Brust-Gurte zum Beispiel von Polar.

Sind das dann Vorteile für den Sportler oder mehr für den Handel?
Viele der diskutierten Technologien bieten auch umfangreiche Mehrwerte für den Handel am Point of Sale. Durch Bluetooth Beacon, auch i-beacon genannt, können Angebote an den Kunden im Vorübergehen vermittelt werden. Durch RFID Tags können Inventarisierung und auch Diebstahl-Sicherung realisiert werden. Alles Lösungen, die man bereits aus den frühen 2000er-Jahren kennt, als Metro mit seinem Future Store Vision für Furore sorgte. Die Hype Phase der ersten Jahre bezüglich RFID- oder NFC-Technologien ist vorüber, aber wir sehen jetzt die Technologie in einem sehr stabilen Zustand und zudem wurden die Herstellungskosten beispielsweise von RFID-Chips durch das Drucken von elektronischen Schaltungen signifikant reduziert

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Der Trend ist, dass die Hose dem Menschen sagt, wenn sie alt und ausgeleiert ist?
Sozusagen, da kommen wir zur Voice Recognition – das heißt eine Mensch-Maschine-Schnittstelle über die reine Sprachverständigung. In jedem modernen Auto kann man mit dem Navi sprechen, oder beim Smartphone mit Siri, aber keiner tut's. Ich meine, wir wurden nicht so erzogen, aber unsere Kinder werden sich vielleicht fragen, warum wir so bescheuert sind und alles mühsam ins Handy eintippen. In Zukunft werden wir ein kleines Gerät im Ohr tragen und alles in unserer Umgebung darüber steuern. Es gab vor ein paar Jahren einen sehr spannenden Film dazu von Spike Jonze aus San Francisco, der auch Jack Ass produzierte. Im Film „Her“ mit dem der Regisseur auch einen Oscar gewann, verliebt sich der Hauptdarsteller über seinen Ohrhörer in die Stimme seines Cloud Systems. Technisch sind wir heute schon so weit, aber der Mensch wird noch etwas Zeit benötigen.


„Wir haben ein TÜV-Prüfverfahren erstellt“

Die Kleidung wird vernetzt, Smartwatches boomen – dann sterben die reinen Fitness-Tracker im Sport aus.
Die reinen Fitness-Tracker können heute auch schon mehr als noch vor drei Jahren. Insbesondere wenn man sich die Entwicklung vom neuen Fitbit anschaut, geht die Richtung stark zur Smartwatch beziehungsweise zur One Device Strategie. In Zukunft werden wir nur ein Gerät zur Sensorik-Erfassung bei uns tragen und die Logik und die Auswertungen werden die Unterscheidung zwischen einem preiswerten oder einem teueren gegebenenfalls auch medizinisch standardisierten System sein. So wird es sicherlich im Einstiegsmarkt weiterhin Fitnessbänder, Pulsuhren oder Smartwatches geben. Diese werden dann durch Smart Patches wie intelligente Pflaster oder intelligente Ohrhörer ergänzt oder auch ersetzt. Je nachdem wie genau die Sensorik arbeiten soll, muss diese auch an den entsprechenden Stellen gut fixierbar sein. Daher sehen wir im Highend-Markt derzeit einen klaren Trend zu Sensorik, die in sogenannten Smart Patches verbaut sind.

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Apropos akkurate Sensoren: Wie genau ist ein Wearable denn heute?
Die verbauten Technologien sind bereits sehr genau und liefern erstaunliche Ergebnisse. Wir sehen ein großes Problem in der Aufbereitung der Rohdaten, die in den Apps und der Software ausgewertet werden. Hier gibt es extreme Unterschiede in der Messung und leider liegt natürlich dort auch das Konsumentenerlebnis verborgen. Wir haben daher gemeinsam mit dem TÜV SÜD ein eigenes Prüf- und Testverfahren auf den Markt gebracht, um zumindest bei der Hardware sicherzustellen, dass die Sensoriken einwandfrei funktionieren und beispielsweise die Geräte auch wasserdicht, Sturzsicher oder auch hautverträglich sind. 

Außerdem fehlt eine Nachbereitung der Daten. Man lässt die Sportler mit den Ergebnissen ganz alleine.
Wir sprechen hier gerne von dem Trend der „Trainables“. Produkte, die den Träger automatisch an gewisse Verhaltensänderungen erinnern und somit sein Bewusstsein für die notwendige Veränderung und Verbesserung schärfen. Die Zeiten der Datenfülle, Quantified Self, sind vorbei und die Zukunft gehört Produkten die unterschwellig arbeiten und den Träger erinnern. Ein gutes Beispiel ist hier das israelische Start Up „Upright“, dass auch Finalist im WT Innovation World Cup war, und einen kleinen Rückensensor als Patch entwickelt hat, das den Träger an seine aufrechte Position erinnert. Nicht die Fülle an Daten ist wichtig, sondern die Kombination mit dem richtigen Kontext – Context awareness. Ein Asthmatiker der gerne läuft, dabei aber auf die Luftverschmutzung achten muss, interessiert nicht so sehr die permanente Information zur Herzfrequenz, er benötigt vor allem  eine einmalige Information: Jetzt unter 100 Herzschläge laufen, ansonsten kann aufgrund der lokalen und aktuellen Luftverschmutzung ein Asthma Anfall eintreten.

Wie kommt man da hin?
Unsere Philosophie ist der Einsatz von Wearable-Technologies-Produkten in einer intelligenten Umgebung. Das heißt, die Messwerte des Wearables werden mit weiteren Umgebungsdaten vernetzt und erzeugen dadurch einen echten Mehrwert für den Konsumenten. Keiner würde seine Applewatch weglegen, wenn sie einem sagt, man sollte nicht rausgehen, weil die Luft grade zu verschmutzt ist. Aber diese Art Information kann man nur bekommen, wenn auch die Umgebung intelligent ist. Das Gerät ist nur so viel wert, wie die Informationen mit denen es gefüttert wurde, die also in der Cloud vorhanden sind.

Die Smartwatch kann die Herzfrequenz messen, doch kann der Nutzer mit den Ergebnissen auch etwas anfangen? (Quelle: Thinkstock)
Die Smartwatch kann die Herzfrequenz messen, doch kann der Nutzer mit den Ergebnissen auch etwas anfangen?
Bild: Thinkstock

Wearables gegen Schlafstörungen

Zusätzlich sollte man aber auch auf seinen eigenen Körper hören.
Absolut, vor allem die Schlafanalyse schätzen viele ganz falsch ein. Ich kenne einen Professor, der da viel an sich rumprobiert hat. Der ist dann immer um 12 Uhr Mittag schlafen gegangen, weil er festgestellt hat, dass das die optimale Schlafzeit für ihn ist. Das kann dann schon hinderlich im Alltag sein. (lacht) Aber es kann natürlich auch gut sein, wenn ich durch diese Geräte meinen Körper besser kennenlerne und dadurch beispielsweise meine Migräne weggeht.

Können solche Spielereien einmal ernsthaft unseren genormten Tag durchbrechen? 
Die bereits diskutierten Technologien sind schon lange keine Spielereien mehr. Die Sensorik ist bei guter Auswertung sehr exakt und helfen bereits heute vielen Menschen bei der Bekämpfung von chronischen Krankheiten wie bspw. Schlafstörung. Auch bei der Erleichterung des Lebens mit Krankheiten wie  Diabetes werden bereits heute zahlreiche Wearable-Produkte eingesetzt.
Aber auch den nicht-kranken Menschen dienen die Wearables als Präventionssystem, das wir in der nahen Zukunft nicht mehr missen möchten. Somit werden die Themen Sport und Gesundheit immer weiter zusammenwachsen und nicht mehr diese Kluft zwischen „coolem“ Sport und „krankem“ Gesundheitsthema haben. Auch hier muss man nochmals Under Armour nennen: der erste Sportkonzern, der sich getraut hat, ein Produkt mit dem Namen „Health“ auf den Markt zu bringen. Die Tage ohne Wearables in unserem genormten Alltag sind somit wirklich gezählt!

Lesen Sie auch den ersten Teil der Interviewreihe:

Gregor Röslmaier schreibt für ISPO.com. (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Gregor Röslmaier, Autor
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