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 Nachhaltigkeit: Ist Bio-Baumwolle bei Textilien wirklich grün?
Nachhaltigkeit | 20.07.2016

Ist nachhaltige Wirtschaft in der Textil-Industrie angekommen?

Nachhaltigkeit: „Aldi und Lidl können ein Vorbild sein“

Nachhaltigkeit: Ist Bio-Baumwolle bei Textilien wirklich grün?. Halten sich wirklich alle dran? Grüne und Nachhaltige Textilien haben ihren Durchbruch noch nicht wirklich geschafft. (Quelle: Thinkstock)
Halten sich wirklich alle dran? Grüne und Nachhaltige Textilien haben ihren Durchbruch noch nicht wirklich geschafft.
Bild: Thinkstock
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Zweimal im Jahr wählt ISPO TEXTRENDS die innovativsten Stoffe der Textilbranche. Ein wichtiges Kriterium: Nachhaltigkeit. Doch wie nachhaltig ist die europäische Textilindustrie wirklich? Spiegeln die grünen Werbetafeln in den Läden die Wirklichkeit wider? Teilweise, sagen die Experten aus der ISPO TEXTRENDS Jury.

ISPO.com hat mit den Nachhaltigkeits-Experten David Pircher von Oeko-Tex, die Textilien mit Nachhaltigkeits-Siegeln zertifizieren, und Braz Costa von Citeve, ein Unternehmen, das Zertifikate ausstellt und testet, gesprochen, wie weit die Industrie bereits ist und wo noch Verbesserungen erreicht werden müssen.


Herr Pircher, Herr Costa, wie sehen Sie ganz allgemein gesprochen die Bemühungen der europäischen Industrie bei der Produktion von nachhaltigen Textilien?
David Pircher: Grundsätzlich ist die Textilindustrie auf einem guten Weg, weil sie auch Druck aus der Gesellschaft bekommt, seien das NGOs, Retail oder Brands selber. Man darf nicht nur Konfektion und Handel anschauen, sondern auch weiter hinten in die Lieferkette schauen.

Braz Costa: Generell gesprochen, macht die Textil-Industrie in Europa in der Produktion eine gute Arbeit. Das Level an Nachhaltigkeit ist gut. Wir haben Erfahrungen außerhalb Europas gemacht, wo man sagen muss, dass nicht jeder gut arbeitet. Wir sprechen hier aber von der Produktion nicht von Retail. Ich vertraue der europäischen Produktion wirklich, im Ausland ist es etwas ganz anderes.

Pircher: In der Regel stimmt diese Aussage, da schließe ich mich natürlich an. Wobei man auch die europäische Produktion kritisch betrachten darf. Wenn man das Gesamtbild Nachhaltigkeit nimmt, gibt es eben auch in Europa Produzenten, die nur das Minimum machen, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist. Die schlagen die Richtung best practice oder best performance einfach nicht ein. Auf der anderen Seite gibt es dann auch Asiaten, die den Europäern meilenweit voraus sind, wobei das sicher nicht die Mehrheit ist.

David Pircher (Quelle: Matthias Robl)
David Pircher ist Nachhaltigkeits-Experte von Oeko-Tex.
Bild: Matthias Robl

Nachhaltigkeit ist nicht nur Bio-Baumwolle

In Deutschland entstand zuletzt ein Streit ob Primark durch den Beitritt in ein Nachhaltigkeits-Bündnis seine Produkte nur grünwäscht. Wie kann man das gesamte Thema, nicht nur bei Primark, verbessern?
Costa: Der Trend aber auch die Gesetze in den einzelnen Ländern helfen erfolgreich dabei, die Meinung einiger Manager zu beeinflussen und mehr nachhaltige Praxis zu etablieren. Aber natürlich ist der Trend immer in Balance mit den Kosten zu bringen. In Portugal haben wir viel Textil-Industrie und dazu viele Gesetze die die Umwelt schützen, die einen Arbeitsstandard vorschreiben und alle nicht-nachhaltigen Praktiken bekämpfen. Aber die Herausforderung bleibt weiterhin, dass wir uns verbessern, weniger Material verbrauchen, ökologisches Material verwenden oder weniger Energie- und Wasserverbrauch. Wenn wir diese Prozesse verbessern wollen, dann verbessert man auch die Kosten.

Pircher: Grundsätzlich muss eine Verbesserung immer von verschiedenen Stakeholdern kommen. Ob Regierungsinitiativen, also Gesetze, NGOs, die Druck machen oder die Gesellschaft selber. Die größte Macht heute hat natürlich der Einzelhandel. Wenn der die Vorgaben gib: Ich kaufe nur noch so oder so ein, dann klappt das.


Performance-Optimierung ist Nachhaltigkeit

In vielen Geschäften im Einzelhandel wird mit grüner, nachhaltiger Ware wie Bio-Baumwollen für die nachhaltigen Bemühung geworben.
Pircher: Das Problem ist, wie der Markt Nachhaltigkeit sieht. Wenn man mit Nachhaltigkeit nur Bio verbindet, dann ist das das Problem. Die Herausforderung die wir jetzt alle haben ist: Wie bringen wir weitere Themen an den Konsumenten hin. Dass der Kunde hinter Nachhaltigkeit nicht nur organic cotton sieht, dafür haben wir auch neue Produkte ausgelegt.

Costa: Viele Unternehmen in Europa kommunizieren ihre Bemühungen um Nachhaltigkeit schlecht. Die Konsumenten haben ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit, wissen aber nicht genau, was alles an diesem Konzept dranhängt. Sie haben eine Idee, was Nachhaltigkeit bedeutet, aber wissen nicht exakt was dahinter steckt. Das beste Beispiel ist Bio-Baumwolle: Verkauft man Produkte mit dieser Aufschrift, reicht den Kunden das. Trotzdem kann diese Bio-Baumwolle unter schwierigen sozialen Verhältnissen produziert worden sein. Oder sie wurde mit Chemikalien behandelt. Daran denken viele Konsumenten nicht. Wir brauchen aber auch bessere Instrumente um zu kommunizieren, denn die Verantwortung kommt immer von der Industrie selbst.

Braz Costa (Quelle: Matthias Robl)
Braz Costa ist von der Zertifizierungs- und Produkttester-Firma Citeve in Portugal.
Bild: Matthias Robl

Wenn man von Nachhaltigkeit spricht, denkt man gleich an steigende Kosten, hängt das nicht zwangsläufig zusammen?
Pircher: Nein. Grundsätzlich kann man das Thema Nachhaltigkeit auch mit Performance-Optimierung oder Ressourcen-Optimierung in Verbindung bringen. Das muss man dem Kunden dann auch nahebringen. Es gibt in Deutschland gute Beispiele mit Aldi und Lidl. Die versuchen sich nachhaltig zu engagieren und das sind alles andere als nachhaltige Textilien, die Sie dort kaufen. Der Preis ist also überhaupt kein Indikator für Nachhaltigkeit. Im Bereich Produktsicherheit, was den Bereich Chemikalien und solche Dinge angeht, sind sie sicher ein Vorbild, weil sie das komplette Sortiment durchprüfen und nach ihren Richtlinien beschaffen. Bei der nachhaltigen Produktion beginnen sie sich jetzt erst zu entwickeln. Wie viele andere große eben auch.

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Gregor Röslmaier schreibt für ISPO.com. (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Gregor Röslmaier, Autor
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