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 Falt- und aufblasbare Kayaks werden Trend in China
China | 06.05.2016

Experte Nigel Foster über Wassersport-Trends in China

Falt- und aufblasbare Kayaks werden Trend in China

Falt- und aufblasbare Kayaks werden Trend in China. Nigel Foster (r.) auf Orchid Island bei Taiwan (Quelle: Nigel Foster)
Nigel Foster (r.) auf Orchid Island bei Taiwan
Bild: Nigel Foster
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Vor fast 50 Jahren wurde Nigel Foster mit dem Kayak-Virus infiziert – und der Sport hat ihn seit dem nicht mehr losgelassen. Der 63-jährige Engländer wurde in dieser Zeit zur Kayak-Legende, zum Lehrer und Designer. 

Foster umrundete 1977 mit dem Kayak als erster und jüngster Mensch Island, wagte sich in die raue See Nordkanadas und wurde 2008 in die International Hall of Fame für Bycling, Rowing, Canoeing und Kayaking aufgenommen.

Im ISPO.com-Interview spricht Foster über die Entwicklung des Kayak-Sports in China, seine wilden Jahre als Kayak-Abenteurer und den Transfer zum Tüftler und Designer.

ISPO.com: Herr Foster, Sie waren mit dem Kayak auf so ziemlich auf jedem Ozean dieses Planeten unterwegs und haben viel für die Verbreitung des Sports getan. Wie steht es um den Kayak-Sport in China?
Nigel Foster: Kayaking befindet sich in China noch in einem frühen Anfangsstadium, aber das Potenzial ist riesig. Die Herausforderungen sind groß, aber vor allem im Süden Chinas existieren bereits einige Kayak-Clubs. In Shanghai zum Beispiel gibt es einige neue Wasserstraßen – und tatsächlich begeistern sich sich immer mehr Menschen für den Paddelsport.


Wo sind in China die Kayak-Hotspots?
Auf jeden Fall im Süden, die Regionen um Shanghai und Ningbo und in Hong Kong. Und auch wenn es natürlich nicht zu China gehört: Taiwan. Der Sport wächst in Taiwan enorm, es gibt gute Lehrer und Touren. In manchen Orten gibt es sogar schon Angebote für Schulkinder. Diese Entwicklung ist in China ebenfalls möglich.

Was könnte die Initialzündung sein, um diesen Prozess in China auszulösen?
Ich würde versuchen, es wie in Island zu machen. Als ich dort zum ersten Mal mit dem Kayak unterwegs war, begegnete mir genau ein anderer Kayak-Fahrer – und das mit seinem selbstgebauten Kayak. 20 Jahre später gab es schon einige Clubs, und jetzt brummt das Geschäft. Dies war durch ein organisches Wachstum möglich. Die Isländer haben in sehr schwierigen Bedingungen an ihren Fähigkeiten gearbeitet und anschließend gelernt, geführte Kayak-Touren anzubieten. Zusätzlich wird das Business noch durch ausländische Einflüsse gefördert. Das organische Wachstum ist für mich aber der wichtigste Faktor.

„Wer ein Geschäft aufbauen möchte, muss momentan an Orte wie Shanghai gehen“

Die Voraussetzungen von Island und China sind aber nicht gerade die gleichen. Wie kann das Modell nach China transferiert werden?
China hat natürlich eine andere Ausgangslage, allein durch die große Bevölkerung und weniger sauberes Wasser. Wer ein Geschäft aufbauen möchte, muss momentan an Orte wie Shanghai gehen und mit den Limitierungen einer Großstadt zurechtkommen. Zum Start wäre eine Örtlichkeit wichtig, die das Interesse weckt, ein Kayak adäquat zu steuern und die zukünftigen Paddler fit für den Sport macht. Das könnte sowohl drinnen als auch draußen passieren. Der Unterricht könnte in die Bereiche Fähigkeiten, Fitness und Wettkämpfe unterteilt werden. Im nächsten Schritte müssten die Angebote auf weitere Wasserwege ausgebaut werden, auch andere Disziplinen wie zum Beispiel Kayaking auf dem Meer sind denkbar. Sind einige Routen etabliert, könnten die Sportler von einem Kayak-Club zum nächsten fahren, das wäre sicher auch in Städten möglich.

Die Abenteuer des Nigel Foster


Welche Probleme könnten diese Entwicklung behindern?
Aktuell ist eines der größeren Hindernisse die tatsächlich nutzbare Fläche auf den Wasserwegen. Es gibt sehr viele Vorschriften durch lokale Behörden. Hinzu kommen noch einige ungeschriebene Gesetze, bestimmte Stellen nicht zu passieren. Damit bleiben den Cubs am Ende nur sehr begrenzte Gebiete, obwohl das Wasserstraßen-Netz riesig ist.

Welche Tour würde Sie in China noch reizen?
Worauf ich wirklich große Lust hätte, wäre, den Kaiser-Kanal von Hanghzou nach Beijing zu befahren. Der Kanal hat eine große historische Bedeutung und ist mit 1800 Kilometern ziemlich lang. Ich habe mich vor ein paar Jahren mit dem Thema beschäftigt und dachte mir, das könnte ziemlich cool werden. Trotzdem fahre ich aber lieber auf dem Meer, und damit wäre die chinesische Seite der Taiwan-Straße sehr interessant.

Eine Erlaubnis für den Kaiser-Kanal zu bekommen, ist wahrscheinlich auch ziemlich schwierig...
Das dürfte tatsächlich ein rechtes Problem sein, und ich glaube, die Verhältnisse werden nur besser, wenn Chinesen solche Touren ebenfalls nachfragen und den Weg ebnen. Die chinesischen Behörden erscheinen aber immer sehr fürsorglich und wollen ihre Bürger vor Schaden schützen.


Den Kaiser-Kanal entlangpaddeln klingt nach einem eher beschaulichen Trip. In Ihren jungen Jahren haben Sie deutlich extremere Touren gemacht. Was war Ihr härtester Trip?
Ohne Zweifel war das die Überquerung der Hudson-Straße in Nordkanada im Jahr 1981. Ich wollte von Iqaluit am südöstlichen Ende von Baffin Island über die Forbisher Bay in Richtung Resolution Island und dann 40 Seemeilen (ca. 74 Kilometer, Anm. d. Red.) über das offene Meer an die Nordküste Labradors paddeln. Anschließend wollte ich die Küste entlang nach Nain, was noch einmal 350 Meilen gewesen wären.

Welche Bedingungen herrschen in der Hudson-Straße?
Die Überquerung war genau in der Mitte des Trips und die Gezeitenströmung kann hier bis zu sieben Knoten (ca. 12 km/h Anm. d. Red.) betragen. Nicht zu vergessen ist das sehr wechselhafte Wetter, die Wassertemperatur beträgt ungefähr drei Grad Celsius. Und es war die Zeit vor Mobiltelefonen und GPS-Navigation – und Trockenanzügen.

Ausrüstung weg, Erfrierungen an den Fingern

Klingt nach einer sehr unangenehmen Umgebung. Haben Sie es auf die andere Seite geschafft?
Die Gezeitenströmung verlief nicht ganz so wie erwartet, und ich trieb statt nach Südwesten nach Nordwesten. Es wurde dunkel, und ich versuchte, über mehrere Stunden gegen die Strömung meine Position zu halten. Das war einer der herausfordernsten Momente meines ganzen Lebens. Irgendwann habe ich es dann geschafft, eine Insel anzusteuern. Das Anlanden auf Lacy Island, das zu den Button Islands gehört, war ziemlich ruppig. Ich verlor einiges an Ausrüstung. Hinzu kamen Erfrierungen an den Fingern. Ein paar Tage später hatte ich dann großes Glück, als mich ein Öltanker aufsammelte und mich mit nach Nova Scotia nahm. Nach meiner Rettung dachte ich: Jetzt weiß ich, wo das Limit ist und kann locker einen Gang zurückschalten.

Parallel zu Ihren Expeditionen haben Sie begonnen, Kayaks und Ausrüstungsgegenstände zu designen. Wie kam es zum Wechsel vom Kayak-Sportler zum Geschäftsmann?
Ich bin einfach ein sehr fauler Mensch. Bevor ich an die Universität gegangen bin, hatte ich die Möglichkeit, ein Jahr als Kayak-Lehrer zu arbeiten. Das war großartig und ich dachte mir, so kann es gerne weitergehen. Ich habe alle Lehrgänge abgeschlossen und beim täglichen Gebrauch der Ausrüstung eine gewisse Neugier entwickelt, die Gegenstände zu verbessern. Nach ein paar Jahren wechselte ich in die Erwachsenen-Ausbildung am National Water-Sports Center in Wales, und ich dachte erneut: Das kann ich alles ein bisschen besser machen. Also fing ich in den 1970er Jahren an, Kayaks zu entwickeln und umrundete mit meinem ersten Entwurf 1977 Island. Die Modelle kamen gut an, und ich bekam mehr Design-Aufträge.

Stolzer Engländer und Paddeldesigner: Nigel Foster (Quelle: Nigel Foster)
Stolzer Engländer und Paddeldesigner: Nigel Foster
Bild: Nigel Foster

Aus Entwicklersicht, was könnte das nächste große Ding im Kayak-Sport sein?
Im Moment sehe ich keine atemberaubenden Erfindungen am Horizont. Ein Bereich, der jedoch sehr interessant werden wird, sind Werkstoffe. Falt- und aufblasbare Kayaks dürften speziell auf dem chinesischen Markt gut ankommen, vor allem in den Stadtgebieten. Die Möglichkeit, ein Kayak mit dem Fahrrad zu transportieren, ist ein echter Durchbruch. Der Transport mit dem Auto fällt weg, die Kosten sinken enorm. Entwicklungstechnisch könnte der nächste große Schritt die Personalisierung des Kayaks sein. Nicht nur in Bezug auf die Ausstattung, sondern auch bei Größe und Form des Boots.

Wie schwer ist es für ausländische Hersteller, auf dem chinesischen Markt Fuß zu fassen?
Die Geschäftsmöglichkeiten sind für alle Produzenten, egal aus welchem Land sie kommen, existent. Allein die Variante, Waren nach China zu importieren, macht aufgrund der hohen Kosten keinen Sinn. Nur wenn ausländische Hersteller ihre Produktionskosten senken, wären sie vielleicht konkurrenzfähig.

Gibt es noch einen anderen Lösungsansatz für dieses Problem?
Es macht großen Sinn, Kayaks für den chinesischen Markt auch in China zu produzieren. Die Qualität und Verlässlichkeit ist vorhanden. Für Firmen aus Übersee bedeutet das, sie müssen Geschäftsbeziehungen mit örtlichen Clubs aufbauen, um den Verkauf der Produkte zu verbessern. Zusätzlich können sie ihre Erfahrung in der Ausbildung nutzen und letztlich Produkte herstellen, die genau auf die chinesischen Sportler abgestimmt sind.

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Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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