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 Thomas Bohne: „Chinesen wollen keinen Asphalt mehr unter den Füßen"
China | 15.04.2016

Trailrunning in China

Thomas Bohne: „Chinesen wollen keinen Asphalt mehr unter den Füßen"

Thomas Bohne: „Chinesen wollen keinen Asphalt mehr unter den Füßen". Das Rennen Gobi March führt Thomas Bohne nicht nur durch karge Landschaften (Quelle: Judy Ng)
Das Rennen Gobi March führt Thomas Bohne nicht nur durch karge Landschaften
Bild: Judy Ng
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Trailrunning-Experte Thomas Bohne spricht im ISPO.com-Interview über die Entwicklung des Sports in China, warum Trails im Reich der Mitte ständig bedroht sind und wie extrem die Wüste Gobi den Teilnehmer des Rennens zusetzen kann. 

250 Kilometer in sieben Tagen – und das in den extremsten Regionen der Erde. Das 4Deserts Race ist eine der härtesten Trailrunning-Rennserien des Planeten.

Thomas Bohne ist der Mann, der sich die Ochsentouren durch die Wüsten dieser Erde ausdenkt. Der 33-Jährige ist Kurs-Designer und Strecken-Chef und wird Mitte Juni einmal mehr für das 4Deserts-Rennen „Gobi March“ in China verantwortlich sein.

Mit ISPO.com sprach der diplomierter Informatiker über seine Leidenschaft, die Entwicklung in China und extreme Erlebnisse.

ISPO.com: Herr Bohne, das Thema Running bekommt in China immer mehr Aufmerksamkeit, die Zahl der Marathons steigt seit Jahren an. Wie steht es um das Trailrunning, gibt es hier einen ähnlichen Trend?
Thomas Bohne: Ich habe schon das Gefühl, dass immer mehr Menschen in China auf den Trails unterwegs sind. Auch die Teilnehmerzahlen und Anfragen bei den Rennen steigen. Zwar ist die Anzahl der Straßenläufer – und das ist auch in Europa so – größer, aber so langsam etabliert sich eine echte Trailrunning-Szene. Immer mehr Leute wollen in die Natur und keinen Asphalt mehr unter den Füßen haben.


Da dürfte aber gerade in den Betonwüsten der chinesischen Megastädte noch großer Nachholbedarf sein, oder?
Nicht nur dort. Als ich in Hangzhou Trails für ein Rennen besichtigt habe, musste ich feststellen, dass große Strecken komplett betoniert waren – 20, 30 Kilometer. Der komplette Bergpfad, bis rauf zum Gipfel. Das ist wahrscheinlich nur gut gemeint, damit der Trail sicherer wird, aber eben nicht wirklich in unserem Sinn. Darum müssen wir immer neue Trails suchen.

Was macht Trailrunning in China so besonders?
Schöne Natur gibt es überall, aber in China bewegen wir uns teilweise tatsächlich in Gebieten, die noch nie zuvor ein Europäer betreten hat. Campen unter freiem Himmel in unberührter Wildnis, der durch keine Stadt getrübte Sternenhimmel und dazu das Heulen der Wölfe. Unbeschreiblich.

„Trailrunning noch ein Sport der Oberschicht“

Wo schlägt Ihrer Meinung nach das Trailrunning-Herz Chinas?
Stand jetzt, definitiv in den Städten. Trailrunning ist aktuell eher noch ein Sport der Oberschicht. Eigentlich brauchst du zum Laufen nicht viel mehr als ein T-Shirt, Shorts und Sportschuhe, d.h. so ziemlich jeder kann sich das leisten. Kommen dann aber noch Rucksack, Jacke und Stirnlampe dazu, sind schnell 400 Euro zusammen. Und wer  besonders leicht und mit den besten Produkten unterwegs sein will, der läuft schnell mit Ausrüstung im Wert von über 1000 € über die Trails. Das Durchschnittseinkommen beträgt in China ca. 640 Euro pro Monat.

So wild ist das 4Desert Race


Welche Firmen beherrschen den Trailrunning-Markt in China?
Die Käufer orientieren sich stark an den großen Marken des Westens. Salomon, Arcteryx, The North Face und Patagonia werden häufig getragen, viele Chinesen sind top ausgerüstet.

(Hier lesen Sie, was Sie für einen erfolgreichen Trailrunning-Start brauchen)

Durch welche Maßnahmen könnte man den Chinesen das Trailrunning noch näherbringen?
Was zum Beispiel in Deutschland sehr gut funktioniert, sind geführte Trail-Läufe mit lokalen Guides. Ganz ungezwungen und kostenlos werden den Teilnehmern die besten Strecken einer Region nähergebracht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, das solche Laufgruppen auch in China funktionieren. Prinzipiell würde ich es gut finden, wenn der Laufsport nicht so extrem segmentiert wird. Berglauf, Trailrunning, Marathon und so weiter – das ist doch Quatsch. Es geht darum, in der Natur zu sein, Abenteuer zu erleben und die Bewegung zu genießen. Auch die Wirtschaft kann helfen, den Sport anzuschieben, aber die Events dürfen nicht unnötig aufgeblasen werden. Es gab zum Beispiel Pläne, Trailrunning auf künstlichen Strecken in Hallen zu veranstalten. Das hat für mich mit dem Sport aber nichts mehr zu tun.

Sie sind nicht nur aktiver Trailrunner, Sie sind auch Kurs-Designer für die 4Deserts-Rennserie. Wie kommt man zu so einem Job?
Ich bin vor Jahren auf die Wüstenläufe gestoßen und habe dort zunächst als Volunteer gearbeitet, da ich mir Startgebühr schlicht und ergreifend nicht leisten konnte (Startgebühr: 3.700 Dollar Anm. d. Red.). Beim ersten Mal war ich in der Atacama-Wüste dabei. Als Sweeper habe ich hinter dem Feld alle Streckenmarkierungen eingesammelt und bin so auch die kompletten 250 Kilometer gelaufen. Mein einziges Problem war, ich hatte im Gegensatz zu den Teilnehmern viel weniger Proviant dabei, weswegen mich abends die anderen Volunteers mit gesammeltem Essen versorgen mussten.

„Treffen auf ziemlich viel Verständnis und Hilfsbereitschaft“

Wie ging es dann weiter?
Nachdem ich zurück in Deutschland war, kam nach zwei Wochen der Anruf der Rennorganisation, ob ich nicht Zeit und Lust hätte, wieder dabei zu sein. Diesmal beim Gobi March in der Wüste Gobi. Ab diesem Zeitpunkt habe ich mit dem französischen Kurs-Designer Pierre Beguin zusammengearbeitet, der auch für die Raid Gauloises Serie verantwortlich war. So wurde ich nach und nach Strecken-Chef und dann Kurs-Designer für Rennen auf der ganzen Welt.

Wo auf dem Planeten haben Sie denn schon überall Läufe geplant und durchgeführt?
Das jüngste Projekt ist ein Rennen an der Skelettküste Namibias, das im Rahmen der 4Deserts-Serie von Racing The Planet organisiert wird. In China habe ich neben dem Gobi March bereits in Hangzhou ein Rennen geplant. In Guilin habe ich bereits die Gegend erkundet.

Wie schwierig ist die Zusammenarbeit mit den chinesischen Behörden?
Meistens treffen wir auf ziemlich viel Verständnis und Hilfsbereitschaft, was vielleicht aber auch daran liegt, dass wir hauptsächlich in sehr entlegenen Teilen Chinas Rennen planen. Dementsprechend freuen sich die Tourismus-Büros, wenn wir ein paar Leute in die Region bringen.

Aber die Rennserie heißt eben nicht umsonst 4Deserts... Temperaturen bis zu 50 Grad sind keine Seltenheit (Quelle: Thomas Bohne)
Aber die Rennserie heißt eben nicht umsonst 4Deserts... Temperaturen bis zu 50 Grad sind keine Seltenheit
Bild: Thomas Bohne

Bei den 4Deserts-Rennen entscheiden Sie, wo die 250 Teilnehmer langlaufen. Durch unberührte Natur, die teilweise aber auch große Gefahren birgt. Wie sehr setzt Sie das unter Stress?
Ein Läufer, der sich zu so einem extremen Rennen anmeldet, hat zunächst einmal auch eine gewisse Eigenverantwortung. Bei Problemen ist der Rettungshubschrauber eben nicht in zwei Minuten da. Diese Bedingungen muss ich mit einkalkulieren. Ich habe keine schlaflosen Nächte, aber der Schritt vom Volunteer zum Strecken-Chef war nicht ohne.

Mit welchen Widrigkeiten müssen die Läufer beim Gobi March zurechtkommen?
Die klimatischen Bedingungen sind im Vergleich zu anderen Wüsten extrem. Innerhalb von einer Stunde kann das Wetter von Sonnenschein auf Schneefall und Sturm umschlagen. Der Wechsel zwischen unter 0 und 40 Grad Celsius ist keine Seltenheit.


Wie reagieren Sie auf solche Situationen während des Rennens?
Als Strecken-Chef habe ich ein kleines Team mit sehr guten Läufern, die meinen Plan B auf dem Kurs direkt umsetzen können. Zusätzlich patrouillieren auf sehr gefährlichen Abschnitten Helfer mit Ärzten und Wasser. Wenn aber ein Sandsturm aufzieht, bleibt uns manchmal nur die Evakuierung des Zeltlagers. Dann heißt es nur noch: Ab in die Busse und weg.

„Ich stand wohl kurz vor dem Kollabieren“

Was war das Extremste, das Sie je erlebt haben?
Als ich noch kein Strecken-Chef war, haben wir am Fuße der Flaming Mountains bei Urumqi mal einen Streckenabschnitt markiert. Es waren an die 48 Grad Celsius, aber mein damaliger Chef – ein alter Haudegen – wollte die Aufgabe trotzdem erledigt haben. Es war mein erster Tag in der Region, und ich war noch nicht an die Hitze gewöhnt. Und trotzdem: 30 Kilometer Strecke markieren. Start 10 Uhr morgens. Kurz vor dem Ende habe ich dann Probleme durch die Hitze bekommen. Mein Körper konnte kein Wasser mehr aufnehmen, dann wurde mir langsam schwindelig.

Klingt nach einer sehr unangenehmen Situation. Konnten Sie sich noch selbst retten?
Nein, dafür ging es mir schon zu schlecht. Ich rief sofort meinen Übersetzer an, der auf die höchste Düne steigen sollte, um mich zu finden. Ich war nicht so weit weg vom Fahrzeug, und Mahmut konnte mir gerade noch helfen, denn ich stand wohl kurz vor dem Kollabieren. Als wir den Strecken-Chef einsammeln wollten, sahen wir, dass es ihm in der anderen Richtung noch etwas schlechter ergangen war. Durch die Hitze schmolz der Kleber an seinen Schuhen und die Sohlen hatten sich abgelöst. Auf dem Weg mussten ihm Nomaden Wasser geben und letztlich trank er aus einer Kamel-Tränke das schmutzige Brackwasser. Er hat zwei Tage gebraucht, bis er wiederhergestellt war. Das war mir eine Lehre – und ist mir so auch nie wieder passiert.

Hier geht es zur Homepage des Trailrunning-Experten Thomas Bohne.

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Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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