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 Sportförderung: Zu langsam für die Sportbranche
Sportbusiness | 22.03.2016

Firmen beantragen nur selten Fördergelder

Sportförderung: Kapital und Netzwerk

Sportförderung: Zu langsam für die Sportbranche. Bis die Gelder bei den Unternehmen ankommen, vergeht zu viel Zeit sagen die Experten.  (Quelle: Thinkstock)
Bis die Gelder bei den Unternehmen ankommen, vergeht zu viel Zeit sagen die Experten.
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Für die Sportbranche ist es besonders schwer, geeignete Förderungen für ihre Projekte zu bekommen: Es gibt wenig geeignete Projekte und zu lange Entscheidungsprozesse. Doch es gibt auch Vorteile.

ISPO.com hat mit vier ISPO-Ausstellern über deren Erfahrungen gesprochen: Ralf Schwenger, Director R&D Racquetsports bei Head, Hartmut Semsch, Geschäftsführer von Ortema, Sigmund Piller, Head of Research bei Uvex und Dr. Johannes Kreuzer, CEO von Cosinuss.

Netzwerke und Sichere Finanzierung

Ein wichtiger Aspekt von Förderung im Sportbereich ist das Netzwerken. So ist bei Head die Finanzierung eher zweitrangig, interessanter sind die neuen Kontakte und Netzwerke: „Dass es die Kosten auch noch minimiert, ist natürlich wichtig und hilfreich. Aber der Hauptgrund ist eigentlich, dass wir Partner haben, die willig sind, mit uns in einem Projekt zusammen zu arbeiten.“

Durch geförderte Projekte mit ihren festen Richtlinien und Absprachen werden Konkurrenten wie Uvex und Adidas Partner und teilen nicht nur Wissen und Risiken, sondern auch Materialien, die unter Partnern auch in Kleinmengen produziert werden können – im Gegensatz zum freien Markt, wo man meist mehrere Tonnen abnehmen muss.

Die Ortema dagegen nutzt akquirierte Fördermittel zur Grundlagenforschung und damit zur Unternehmensentwicklung. Dementsprechend wird die Weiterentwicklung des Unternehmens auch von aktuellen Förderthemen beeinflusst: „Wir sind in der Produktentwicklung teilweise darauf angewiesen, was gerade zur Förderung ausgeschrieben ist“, sagt Hartmut Semsch, Geschäftsführer der Ortema. Für die Ortema eröffnet Förderung also Entwicklungsmöglichkeiten, die sonst möglicherweise nicht finanziert werden könnten.


Ebenso bei Cosinuss: Dem jungen Unternehmen bieten Fördergelder laut Dr. Johannes Kreuzer „vor allem dringend benötigte finanzielle Ressourcen um die Produkte fertig zu entwickeln.“ Cosinuss nutzt also Förderung hauptsächlich als finanzielle Sicherheit beim Aufbau von Know-how, während die Großen weniger auf Geld angewiesen sind und mehr vom Netzwerkaufbau profitieren. Obwohl alle jedes Unternehmen von den Fördermitteln profitiert – eine richtige Akquisestrategie haben sie nicht.

Förderakquise – gar nicht so einfach

Große Firmen wie Head und Uvex suchen nicht selbst nach Ausschreibungen, positionieren sich aber wie Cosinuss aktiv als Partner und übernehmen meist kleinere Rollen. Grund hierfür ist einer der großen Nachteile jeglicher Förderung: der bürokratische Aufwand. „Interessante Konzepte werden meistens mit mehreren kleineren Partnern umgesetzt um die verschiedenen Kompetenzen optimal zu nutzen und den administrativen Aufwand so gering wie möglich zu halten", beschreibt es Sigmund Piller von Uvex.

Dass sich die gesamte Antragsphase bei Fördermitteln dadurch sehr in die Länge ziehen kann, ist ein weiterer Nachteil: Wenn nach einem Projektantrag erst einmal ein halbes bis ganzes Jahr vergeht, bis der Bescheid kommt, dann bringt das für die dynamische und schnelllebige Sportbranche große Schwierigkeiten mit sich. Gerade die großen Firmen verzichten dann lieber auf das Geld und stemmen das Projekt selbst. „Wir hatten zum Beispiel 2005 ein Projekt zur Armschonung in Auftrag gegeben. 2008 kamen die Ergebnisse, da war das Thema Armschonung schon längst nicht mehr aktuell“, Ralph Schwenger (Head).


Tipps aus der Praxis

Trotz aller Schwierigkeiten liegt durch sichere finanzieller Unterstützung oder durch die Ermöglichung von firmenübergreifenden Kooperationen zur Stärkung der eigenen Innovationskraft großes Potenzial in der externen Förderung. Auch für Sportunternehmen gibt es durchaus Möglichkeiten, gefördert zu werden. Da bei vielen Ausschreibungen das Gewicht auf Technologieentwicklung liegt, könnte es zum Beispiel helfen, Ideen oder Projekte anders zu verkaufen: „Prävention“ wird zum Beispiel eher gefördert werden als „Joggingausrüstung“.

Um Antragsluft zu schnuppern, kann man zunächst als Partner in Konsortialanträge einsteigen und von erfahrenen Antragsstellern profitieren: „Bei den Förderprojekten hatten wir zweimal Glück und konnten auf erfahrene Partner in der Antragstellung zurückgreifen. Ohne diese Partner wäre die Antragstellung schwieriger geworden“, berichtet Dr. Johannes Kreuzer (Cosinuss). Ideal fände Ralf Schwenger einen Erfahrungsaustausch in der Sportindustrie, um von den Erfolgen der anderen zu lernen und die eigenen Förderchancen besser einschätzen zu können.

Das wichtigste ist, sagt Sigmund Piller (Uvex), sich im Vorhinein über den Aufwand im Klaren zu sein: „Man sollte sich seiner Kompetenzen sowie auch Pflichten bei einem Projekt bewusst sein und diese ausfüllen können“. Auf jeden Fall sollte man sich vorher bewusst werden, welchen Nutzen man sich von der Förderung erhofft und danach die entsprechende Förderform auswählen und die eigene Rolle definieren. 


Über die Interviewten

Ralf Schwenger, Director R&D Racquetsports bei Head 
Head hat ihren Hauptsitz in Kennelbach in Österreich und etwa 590 Mitarbeiter. Sie erhält aktuell eine Regionalförderung, die zwar keine konkreten Themen vorgibt, aber für Grundlagenforschung, nicht für Produktentwicklung vorgesehen ist. Aktuell werden zum Beispiel neue Materialien getestet und die „Perceived Performance“ (subjektive/ emotionale Wahrnehmung von Produkten) analysiert.

Hartmut Semsch, Geschäftsführer bei Ortema 
Die Orthopädietechnik Markgröningen GmbH (Ortema) ist hauptsächlich in vier Bereichen tätig: Orthopädietechnik, Rehabilitation, Medical Fitness & Gesundheit und Sport Protection. Förderung erhalten sie für Produktentwicklung, zum Beispiel für das Projekt „Bio-inspired safety systems (BISS)“, in dem zusammen mit mehreren Partnern auf bionischen Prinzipien basierende Schutzausrüstung entwickelt wird. Allgemein sind sie meist an Projekten beteiligt, bei denen medizinisch technisches Hintergrundwissen gefragt ist.

Sigmund Piller, Head of Research bei Uvex
Uvex ist mit 42 Tochterfirmen in 19 Ländern vertreten und produziert mit Schwerpunkt in Deutschland. Zwei Drittel der rund 2.300 Mitarbeiter (Stand: GJ 2014/15) sind in Deutschland beschäftigt. Uvex vertreibt Produkte und Serviceleistungen für Sicherheit und Schutz im Berufs-, Sport- und Freizeitbereich.

Dr. Johannes Kreuzer, CEO bei Cosinuss
Cosinuss ist ein junges Technologieunternehmen aus München, das tragbare Sensoren und Algorithmen zur kontinuierlichen und angenehmen Erfassung von Vitalparametern wie Puls, Körpertemperatur oder die Sauerstoffsättigung des Blutes entwickelt. Gefördert werden sie über das AAL Joint Programm der EU, außerdem läuft der Antrag für eine bayerische Technologiefördermaßnahme, das „Programm für technologieorientierte Unternehmensgründungen (BayTOU)“.

Lesen Sie hier alle Teile der Fördermittel-Serie:


ISPO (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von ISPO.com, Redaktion
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