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 „Eine Lawine kannst du nicht am Stammtisch erklären“
Action-Sports | 27.03.2016

Comedian Markus Stoll alias Harry G über Freeriding

„Eine Lawine kannst du nicht am Stammtisch erklären“

„Eine Lawine kannst du nicht am Stammtisch erklären“. Harry G (Quelle: Youtube/Harry G)
Harry G wurde auf Youtube berühmt, mittlerweile tritt er auch im Bayerischen Fernsehen auf.
Bild: Youtube/Harry G
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Als „Harry G“ wurde der Münchner Comedian Markus Stoll zum Kult. Hier spricht der leidenschaftliche Wintersportler über die Freuden und Ärgernisse im Schnee, verrückte Ausrüstung und Outfits sowie die ganz realen Gefahren im Gelände.

Mit seinem Youtube-Clip „Harry G über Freerider“ sammelt der gebürtige Regensburger Markus Stoll wieder zehntausende Klicks, insgesamt bringt es Harry G auf seinem Youtube-Kanal auf mehr als 50 Millionen. Als Münchner Grantler wurde Stoll zum Kult, spielt mittlerweile fest im Bayerischen Fernsehen und begeistert auf Tour und Events ganze Hallen. Tatsächlich ist Markus Stoll alias Harry G ein begeisterter Sportler – und hat gerade über Skifahren und Snowboarden einiges zu erzählen

Aus Sicht des Münchener Grantlers: Welcher Skifahrer-Typ ist denn noch am ehesten auf der Piste geduldet?
Das sind vor allem zwei Arten: Der eine ist der pure Anfänger, der als Schuster bei seinen Leisten bleibt und sich auch als Anfänger benimmt. Der andere ist der Crack, der sich seit Jahren und Jahrzehnten auskennt und genau weiß, was er macht. Aber das Problem ist das viel größere Segment dazwischen: Die 99 Prozent, die sich halt entweder aktiv überschätzen oder zumindest verbal überschätzen. Gschaftler halt.

Die dann im Lift sitzen und erzählen, wo sie schon überall waren und wo sie als nächstes hinfahren?
Also, ich war früher Freerider, semiprofessionell. Ich habe in Innsbruck studiert und bin mit unglaublich vielen Touristen, aber auch vielen zugezogenen Freeridern und Skibegeisterten zusammengekommen. Du hast da immer welche, die drüber reden, wo sie gestern waren und wo sie morgen sein werden. Nur: Wenn du sie auf Ski siehst, dann sind sie einfach keine guten Skifahrer, egal wo sie gestern waren oder morgen sein werden.

„In den 90ern hat sich beim Freeriding die Spreu vom Weizen getrennt“

Mittlerweile geht der Trend ganz klar ins Gelände – darüber machen Sie sich auch in Ihrem Video lustig. War es früher einsamer – und schöner?
Grundsätzlich durfte man auch mit den langen 1,90 Meter langen Skiern der 90er ins Gelände, aber da hat sich die Spreu noch vom Weizen getrennt. Mittlerweile scheint es Usus geworden zu sein.


Die Sportbranche vermarktet den Abenteuer-Trend, das kleine bisschen Extrem eben auch sehr offensiv – und verdient mit dem Thema Freeriding auch viel Geld.
Ist ja ganz klar. Das ist ja ähnlich wie beim Automarkt. Da ist der Rennsport das ultimative Auto-Erlebnis, und jeder der könnte, würde sich einen Sportwagen kaufen, wenn der Preisunterschied nicht so groß wäre. Beim Skifahren ist er eben viel kleiner, deswegen träumen viele von der Abenteuerwelt da draußen: Klippenspringen und Saltos schlagen in perfekten Powder. Die Realität sieht aber dann oft so aus, dass die Leute mit ihren Latten an den Füßen über die armen Latschen schlittern.

In diesem Trend steckt natürlich eine Gefahr, am Berg zu sehen im Winter wie im Sommer: Dass man sich mit Ausrüstung Sicherheit kaufen und Erfahrung ersetzen könnte.
Das merke ich auch bei anderen Sportarten. Ich bin früher sehr viel Mountainbike gefahren, Downhill. In München fahre ich mittlerweile nur noch Rennrad. Was mir aber auffällt: Die selbsternannten Mountainbike-Freerider an der Isar. Das wäre eigentlich auch ein Thema für ein Video.

Inwiefern genau?
Ich bin eines Tages mit meinem Cross-Rennrad die Trails an der Isar entlanggefahren, da kommt mir einer entgegen, mit Vollfederung und Schienbeinschützern, komplettes Outfit. Und ein Integralhelm! Ein Integralhelm an der Isar! Ich wüsste nicht, für was man den dort braucht. Das Lustigste war der breite Lenker. Da geht’s dann nur darum, cool auszusehen, wenn man verschlammt am Nachmittag an den Grillern vorbeifährt.

„Einen professionellen Lawinenkurs muss man gemacht haben“

An der Isar ist das sicher lustig – beim Freeriden kann die Überkompensation mangelnder Erfahrung durch die Ausrüstung aber sehr gefährlich werden.
Ich war selber schon in zwei Mini-Lawinen. Material kann man nicht genug haben, was zur Sicherheit dient, das muss klar sein: Airbag, Schaufel, Sonden. Aber man muss sich eben auch Wissen erarbeiten, mit einem professionellen Lawinenkurs fängt es an. Den muss man gemacht haben, um überhaupt auch ein Gefühl zu kriegen, was es heißt, wenn man in eine Lawine gerät, in die Extremsituation, wenn Sekunden um Leben und Tod entscheiden. Das kannst du dir nicht mal eben von deinen Stammtischbrüdern erklären lassen.

Die Schneelage und Gefahr richtig einschätzen zu können, fordert dann nicht nur einen Kurs, sondern jahrelange Erfahrung.
Ganz ehrlich: Ich fahre jetzt seit 33 Jahren Ski, seit über 20 Jahren davon im Gelände. Und ich kann überhaupt nichts einschätzen, ich habe immer Leute mit dabei, die sich auskennen, und wenn die sagen nein, da ist es dann auch gut.


Das heißt, man kann bei der Einschätzung nicht defensiv genug sein, bei unbekanntem Terrain?
Der Unfall von Michael Schumacher hat gezeigt: Es geht nicht nur um Lawinen. Ein kantiger Stein kann im schlimmsten Fall reichen. Ich hatte letztens Glück: Der Stein frisst sich ins Wachs, der Ski bleibt stehen und es zieht dir den Boden weg, dann haut es dich wie ein Katapult mit dem Gesicht in den Schnee.

„Skifahren bis ein, zwei Uhr – dann ein Weißbier“

Was ist für Sie dann die ideale Ski-Umgebung? Wo hat es Ihnen in der letzten Zeit am meisten Spaß gemacht?
Immer dann, wenn ich frei habe, es frisch geschneit hatte und kurioserweise auch noch perfekter Sonnenschein mit dabei war. Das sind meine Tage. Ich fahre bis ein, maximal zwei Uhr und dann trink ich ein Weißbier. Eins. Diejenigen, die sich mehrere reinkippen und dann runterkugeln in den klassischen Touristen-Skigebieten, die sind ein riesen Problem.

Was zieht man jetzt eigentlich beim Skifahren an?
Ich weiß noch, das war 92 oder 93, da hatte ich beim Snowboarden eine rosa Hose an. Damals war das noch radikal anders. Jetzt macht das quasi jeder Hersteller, die Bausparer-Version davon. Rosa Nähte auf einer neongrünen Hose. Dazu eine rosa Brille. Aber das geht nur beim Skifahren. Wie viele Männer würden sonst Rosa in Erwägung ziehen?

Mehr von und über Harry G sehen und lesen Sie auf seiner Homepage, auf seinem Youtube-Kanal und seiner Facebook-Page.

 

Julian Galinski (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Julian Galinski, Leitender Redakteur
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