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 Vom Bürgerkrieg in den Skilift
Wintersport | 07.03.2016

Wintersport-Aktion der „Schneesport Stiftung"

Vom Bürgerkrieg in den Skilift

Vom Bürgerkrieg in den Skilift. Flüchtling beim Schneesport (Quelle: Patrick Hoese)
Die Flüchtlinge kommen aus Somalia, Eritrea, Äthiopien, Afghanistan, Pakistan, Syrien und dem Kongo.
Bild: Patrick Hoese
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Mit seiner „Schneesport Stiftung“ organisiert Thomas Schiffelmann Ski- und Snowboard-Ausflüge für jugendliche Flüchtlinge und sozial Benachteiligte. Ausrüstung und Kleidung stammen aus Spenden, die Skilehrer arbeiten ehrenamtlich – und die Kids aus Syrien, Afghanistan und Somalia lernen eine neue Welt kennen. ISPO.com war dabei.

Nach dem Mittagessen wird erstmal betoniert: mit fluffig weichem Neuschnee. Ein kleiner Junge aus Eritrea lässt sich von seinen neuen Freunden aus Syrien und Somalia mit Pulverschnee zuschaufeln: aufs Gesicht, in den Jackenkragen –und doch ist kein Laut der Klage zu hören. Er genießt das Bad im kühlen Weiß regelrecht. Ein paar Meter weiter taucht ein Zehnjähriger per Kopfsprung in den hüfthohen Tiefschnee, immer wieder. Und als sich ein weiterer Junge auf ihn schmeißt und ihn ausgiebig einseift, lässt der Bub das in aller Seelenruhe über sich ergehen, als würde er in einer warmen Wanne statt im eiskalten Schnee liegen.

Vor eineinhalb Jahren spielten die beiden auch schon zusammen – in einem anderen Leben, daheim in Eritrea. Eine lange Flucht und viele Zufälle später hat das Schicksal sie wieder zusammengeführt, zum Wintersport-Tag der „Schneesport-Stiftung".


62 Jugendliche aus den Bürgerkriegsregionen der Welt, derzeit untergebracht im Münchner Kinder- und Jugendhäusern, waren unlängst beim „Schneesport Tag“ in Reit im Winkl dabei, ähnlich viele zuletzt beim Schneekristall Kinderskitag in Garmisch-Partenkirchen. Veranstaltet wurden die Ausflüge vom Bayerischen Skiverband und der „Initiative Schneekristall“, organisiert von der „Schneesport Stiftung“ und deren Gründer Thomas Schiffelmann.

Der 38-Jährige, schon als Zivildienstleistender in der Flüchtlingsbetreuung aktiv, führte vor drei Jahren diese soziale Ader mit seiner Begeisterung für den Skisport zusammen, indem er eine Stiftung gründete. Seine Motivation: „Wo Armut und Not Kinder und Jugendliche schon viel zu früh in die Erwachsenenrolle drängen, schaffen gemeinnützige Organisationen ihnen Freiräume, in denen sie einfach Kind sein dürfen. Hier können sie ihre Stärken und Talente erproben und finden außerdem verlässliche Bezugspersonen, die sie anspornen, ihnen helfen und zuhören. Unser Motto: Schneesport für alle!“

Wenn Flüchtlinge zu Skifahrern werden

Um den zehn bis 20 Jahre alten Flüchtlingen aus Somalia, Eritrea, Äthiopien, Afghanistan, Pakistan, Syrien und dem Kongo ein Gespür für Schnee vermitteln zu können, ging Schiffelmann, ein gebürtiger Kölner, monatelang Klinken putzen, sogar beim Zahnarzt: „Der sammelt für uns Zahngold. Fragt seine Patienten, ob sie ihre alten Kronen haben oder für einen guten Zweck spenden wollen.“ 5000 Euro kostet das Projekt, das in Kooperation mit dem Verein „Dein München“ realisiert und von der internationalen Sportmesse ISPO MUNICH, der Stiftung Deutsche Sporthilfe sowie der von der Initiative „Dein Winter. Dein Sport“ unterstützt wird.

Vom Bürgerkrieg in den Skilift: Die schönsten Bilder vom Wintersport Tag


In zwei Bussen ging es in den Chiemgau, wo 13 Pädagoginnen und Pädagogen im Hallenbad erst mal beim Verteilen der Skikleidung halfen: ein Durcheinander aus langen Unterhosen, 80er-Jahre-Overalls, aber auch ein paar schneidigen Skijacken. Schiffelmann hat seine alte Skilehrerkluft zur Verfügung gestellt, und so geht nun ein junger Somalier als Mitglied des Westdeutschen Skiverbandes auf die Piste. „Die Kids haben natürlich null Ausrüstung“, sagt Schiffelmann, „die steigen morgens in Joggingklamotten in den Bus.“ Ein Helfer rief in seiner Firma zur Kleiderspende auf und hatte am nächsten Morgen 40 Skianzüge im Büro liegen.

Selfie-Videos und Zukunftspläne

In der ungewohnten Ausrüstung wird einer der Schnee-Novizen übermütig, stiefelt draußen querfeldein – und versinkt prompt bis zum Hals im Tiefschnee. Wühlt sich wieder raus, nur um sich erneut mit ausgebreiteten Armen ins kalte Weiß plumpsen zu lassen. Weiter geht‘s zum Skiverleih.

Auch mit dem hat Schiffelmann einen Deal geschlossen: zehn Euro für Ski, Schuhe und Helm. Üblich ist das Drei- bis Vierfache. Am Anfängerlift warten die „Skilehrer“: 20 angehende Übungsleiter der Skigemeinschaft Forstenried/Gauting, 13- bis 17-Jährige, die vom Landesausbilder Schiffelmann gecoacht wurden. Nach der ersten Abfahrt schwärmt die 17-jährige Annelie: „Ich hab' fast die gleiche Gruppe wie letztes Jahr, und einer von denen hat gleich zu mir gesagt: „Hallo, wie geht es dir? Ich kann jetzt deutsch!“

Vor einem Jahr ist der 17-jährige aus Damaskus geflohen, kam über die Türkei, Bulgarien, Ungarn und Österreich nach Bayern, ähnlich wie zwei gleichaltrige Landsleute. Zusammen spielen sie Fußball in einem Münchner Verein, und auch auf der Piste sind sie gleich schnell, schneller als der Rest der Truppe, weshalb sie zu den steileren Hängen wechseln dürfen, was bei den Selfie-Videos viel spektakulärer rüber kommt. Das Trio hat schon feste Pläne: beruflich wollen sie „etwas mit Computer“ machen, träumen vom Ingenieurstudium oder planen eine Reporterkarriere. 

Ein Beitrag von Thomas Becker, Autor
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