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 Skigebiete in China: „Bau es – und sie kommen!“
ISPO-BEIJING | 25.02.2016

Neue Wintersport-Resorts

Skigebiete in China: „Bau es – und sie kommen!“

Skigebiete in China: „Bau es – und sie kommen!“. Ein Laufband, viele Menschen – so sehen viele Skigebiete in China aus. (Quelle: Imago)
Ein Laufband, viele Menschen – viele Skigebiete in China halten europäischen Maßstäben kaum stand.
Bild: Imago
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Eric Callender und Ryley Thiessen sind Experten, wenn es darum geht, aus dem Nichts ein Skigebiet entstehen zu lassen. Im Interview mit ISPO.com sprechen die Beiden über neun Jahre Ski-Aufbauhilfe in China, die Eigenheiten des chinesischen Ski-Business und unfreiwillige Abenteuer in Sibirien.

China steht im Bereich der Ski-Industrie immer noch ganz am Anfang. Nur wenige Ski-Gebiete entsprechen internationalen Standards, Skilifte sind Mangelware und anspruchsvolle Pisten eine Seltenheit.

Ein Duo, das chinesischen Investoren seit Jahren mit ihrer Expertise und Know-how zur Seite steht, kommt vom kanadischen Unternehmen Ecosign Mountain Resort Planners. Ryley Thiessen ist Vice President of Resort Design, Eric Callender Vice President of Mountain Planning, 


ISPO.com: Mr. Thiessen, Mr. Callender, wie können wir uns Ihre Arbeit als Resort Designer und Mountain Planner vorstellen?

Ryley Thiessen: Ecosign hat seit 1999 schon 25 Ski-Resort-Projekte an den unterschiedlichsten Orten in China realisiert. Eric und ich sind seit 2009 mit dabei. Ich kümmere mich um die Infrastruktur und das Resort, Eric ist der Experte für alle Ski-Themen. Und vor gut zwei Jahren haben wir geholfen, die Olympischen Winterspiele 2022 nach Beijing zu holen. Das Design für einen Großteil der Austragungsorte stammt von uns, dazu haben wir noch zwei olympische Dörfer entworfen.

Olympia ist noch ein paar Jahre weg, wie schätzen Sie die Wachstumschancen der Ski-Resort-Branche bis dahin ein?
Callender: In Amerika gibt es das Sprichwort: ‚Wenn du es baust, werden sie kommen’. Aktuell geht es in der Branche nur um das Potenzial der nächsten Jahre, alle sind sehr vorwärtsgewandt. Die Besucherzahlen sind noch nicht wirklich zufriedenstellend, aber sie steigen sehr schnell.

„Kunden in China haben die Erwartungen übertroffen“

Chinesen gelten ja als äußerst effektiv, gerade wenn es um Großprojekte wie zum Beispiel die Realisierung der Olympischen Spiele geht. Wie sind Ihre Erfahrungen in China, wenn es an den konkreten Bau geht?
Thiessen: Wir haben gerade erst mit einem Kunden gesprochen, der alle unsere Erwartungen komplett übertroffen hat. Wir hatten der Wanda Group vorausgesagt, dass die Realisierung eines Ski-Resorts 13 bis 14 Jahre dauern wird. Die Verantwortlichen haben nur gelacht und das Projekt in knapp vier Jahren abgeschlossen. Dabei wurden zwei Milliarden Dollar investiert. An „Chinese New Year“ war jedes Bett belegt, und Wanda erklärte trocken, sie brauchen das gleiche Resort nochmal auf der anderen Seite des Berges.

Die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking sorgen in China für einen Wintersport-Boom. (Quelle: Imago)
Die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking sorgen in China für einen Wintersport-Boom.
Bild: Imago

Die Verantwortlichen der Wanda Group geben sich wohl eher nicht mit den kleinen Lösungen zufrieden, oder?
Thiessen: Nicht wirklich. Denn ein Vorschlag war zum Beispiel, beide Resorts mit einem Tunnel zu verbinden. Und wir reden hier über ein Resort mit zehn bis zwölftausend Betten mitten im Nirgendwo. Trotzdem gibt es einen Flughafen, der für Jumbojets ausgelegt ist. Es kommen viele Gäste aus Hong Kong und Shanghai. Von weitem sieht man einen Vulkan, die Leute lieben das. Wanda hat das Sprichwort von Eric direkt in die Tat umgesetzt: Bau es – und sie kommen.

„Viele wollen nur Premium-VIP-Ressorts“

Für welches Klientel sind solche Mega-Projekte denn ausgelegt?
Thiessen: Es ist für jeden Geldbeutel etwas dabei, von zwei bis fünf Sterne. Dazu gibt es drei Golfplätze, alle von Ex-Golfer Jack Nicklaus entworfen. Wanda meint es wirklich ernst.

Gehen alle Ihre Kunden mit diesem Ansatz in ein Projekt?
Thiessen: Leider nein, viele wollen nur Premium-VIP-Resorts. Wir versuchen dann zu erklären, dass so ein großer Teil des Marktes gar nicht bedient wird.


Werden Ihre Einwände denn erhört?
Thiessen: Sagen wir so: Du kannst ein Pferd an die Quelle führen, aber du kannst es nicht zwingen, dass es trinkt. Oft kommen die Kunden dann nach ein paar Jahren und geben zu, dass wir doch recht hatten. Es ist eben ein Lernprozess.

Calender: Das ist aber kein einseitiger Prozess, auch wir erweitern unser Wissen. Wie groß müssen wir ein Resort planen, wie groß müssen die Zimmer sein? Was sind die Bedürfnisse des Kunden? Viele Chinesen sind nicht mal durchschnittlich gute Skifahrer, darum bauen wir zusätzlich viele Lern-Bereiche und Snowplay-Parks. Dort soll den Leuten Schnee spielerisch nähergebracht werden.

Thiessen: Wir sprechen hier grundsätzlich über ganz andere Dimensionen. So ein Resort hat oft die Größe eines Shopping-Centers, ungefähr drei bis viermal so große wie ein Resort in Nordamerika. Dessen muss man sich erst mal bewusst werden und sein Design entsprechend anpassen. Hinzu kommt, dass nur 20 Prozent der Besucher aktiv Ski fahren. Der Rest muss aber auch unterhalten werden. Darum auch die Snowplay-Parks, die Spas, die Shops und so weiter...

„Der Bürokratie-Aufwand ist enorm“

Das Reich der Mitte gilt nicht gerade als leichtes Umfeld für ausländische Unternehmen. Mit welchen Widrigkeiten haben Sie in China denn noch zu kämpfen? 
Callender: Der finanzielle Aspekt ist in China sehr aufwendig. Es dauert teilweise Monate, bis unsere Rechnungen beglichen werden. Das liegt gar nicht so sehr an der Zahlungsmoral der Kunden, sondern an den Auflagen der Regierung. So soll verhindert werden, dass Kapital schnell das Land verlässt. Der Bürokratie-Aufwand ist enorm, und ohne professionelle Hilfe wäre das alles kaum zu bewältigen. Für Geschäfte in China braucht man sehr viel Geduld.

Thiessen: Was unsere Arbeit ebenfalls oft erschwert, ist schlechtes Kartenmaterial. Die Regierung ist nicht davon begeistert, dass Ausländer detaillierte Karten in die Hände bekommen. Normalerweise würden wir diese gar nicht brauchen, aber mit einem Hubschrauber über das Projekt-Gebiet fliegen, ist in China eben auch nicht möglich, da kommerzieller Hubschrauber-Service nicht existiert. So müssen wir also sehr oft versuchen, mit ungenauen Unterlagen möglichst genaue Aussagen zu treffen.

Callender: Ein weiteres Problem ist die schlecht verteilte Ferienzeit. Während des chinesischen Neujahrsfestes platzen die Ski-Resorts aus allen Nähten und im Rest des Jahres sind sie nicht richtig ausgelastet. Versetzte Ferien wie zum Beispiel in Deutschland würden Sinn machen. So wäre das Chaos an Flughäfen, auf Zufahrtsstraßen und in den Ski-Gebieten etwas entzerrt.

Geld ist kein Problem: Für den Wintersport entstehen in China ganze Städte. (Quelle: Imago)
Geld ist kein Problem: Für den Wintersport entstehen in China ganze Städte.
Bild: Imago


Abschließend, was war Ihr verrücktestes Erlebnis in all den Dienstjahren?
Thiessen: Da muss ich nicht lange überlegen, denn es war meine erste Auslandsreise. Unser Chef hatte Eric und mich nach Sibirien geschickt, um ein Gelände für ein potenzielles Skigebiet zu erkunden. Während des Auftrags gerieten wir in einen leichten Schneesturm, die Orientierung war recht schwer und wir brauchten relativ lang, um zu unserem Van zurück zu kommen. Am Wagen zollte uns unser Guide großen Respekt, was wir zunächst gar nicht verstanden – bis er die Kodiak Bären in der Umgebung erwähnte. Und der Anmerkung, dass er nie im Leben einen Fuß vor den Van gesetzt hätte. Da ist mir schon leicht anders geworden.

 

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Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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