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 Chinas Wirtschaft: „Es braucht ein echtes Umdenken“
ISPO-BEIJING | 24.02.2016

Chinas Kampf um Nachhaltigkeit

Peter Waeber: „Es braucht ein echtes Umdenken“

Chinas Wirtschaft: „Es braucht ein echtes Umdenken“. Peter Waeber gründete im Jahr 2000 das Unternehmen bluesign technologies (Quelle: bluesign technologies)
Peter Waeber gründete im Jahr 2000 das Unternehmen bluesign technologies
Bild: bluesign technologies
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China ist einer der größten Bekleidungsproduzenten der Welt, das Thema Nachhaltigkeit rückt aber dort erst seit Kurzem in den Fokus. Peter Waeber, CEO der Nachhaltigkeits-Experten Bluesign Technologies, verdeutlicht dies mit Blick auf die ISPO BEIJING mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme.

Indigoblau gefärbte Flüsse, die Luft durch Fabriken verschmutzt: Die Nachrichten über die Auswirkungen des chinesischen Wachstums auf die Umwelt waren in der Vergangenheit selten gute – da machte die Textilindustrie keine Ausnahme. Der Ruf der chinesischen Industrie bei Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit ist nicht der allerbeste.

Zwar häufen sich Meldungen über Nachhaltigkeitsprojekte einzelner Unternehmen und bestätigen damit die Erfahrungen der ISPO TEXTRENDS Expertin Louisa Smith, die überzeugt ist, dass „die chinesische Textilindustrie den Ruf nach mehr Nachhaltigkeit erhört hat“ – doch alle Erfolge sind wohl nur ein erster Schritt.


Denn Peter Waeber, CEO der Bluesign Technologies AG (berät Industrie und Verbraucher zum Thema Nachhaltigkeit von Textilien), weist darauf hin, dass Nachhaltigkeit in China noch extrem in den Anfängen steckt.

„China will nicht mehr der Dreckspatz sein, sie wollen in saubere Technologie investieren. Viel geht über Druck von außen, die Regierung hat sehr harte Auflagen verabschiedet“, sagt Waeber, dessen Firma Unternehmen auf dem Weg zu einer nachhaltigen Produktion über die komplette Zuliefererkette mit Beratung, Zertifizierung und Screening zur Seite steht.

Grüne Technologie kommt auch in China

Allein bis zum Jahr 2020 will China laut einer Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers seinen Kohlendioxidausstoß um 40 bis 45 Prozent senken, gleichzeitig soll „grüne Technologie“ 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen.

Frau mit Atemmaske in Shanghai. (Quelle: lzf/iStock/Thinkstock)
„China will nicht mehr der Dreckspatz sein“, sagt Peter Waeber, CEO der Nachhaltigkeits-Experten Bluesign Technologies.
Bild: lzf/iStock/Thinkstock


Im Gespräch mit ISPO.com attestiert Waeber einigen Betrieben in China bereits eine deutlich nachhaltigere Produktion als manch europäischem Unternehmen: „Das Schwarz-Weiß-Denken, Asien ist schlecht und Europa ist gut, funktioniert so nicht mehr.“

Und dennoch, zufrieden ist Waeber, ein Jury-Kollege von Louisa Smith bei ISPO TEXTRENDS  (hier der Aufruf für die Bewerbungsphase zur ISPO SHANGHAI), noch lange nicht mit den Verhältnissen. Zu viel laufe noch schief, zu oft seien kleine Ergebnisse als große Errungenschaften dargestellt worden.

Die Lieferkette ist nicht transparent

„Marken schmücken sich generell gerne mit Labeln wie „Green Chemistry“. Hinter der Fassade beschränkt sich Nachhaltigkeit dann aber meistens auf Corporate Social Responsibilty und den Tier-1-Bereich“, erklärt Waeber. Der Tier-1-Bereich bezeichnet die Konfektion, also das Zuschneiden und Zusammennähen der einzelnen Stoffe zum fertigen Kleidungsstück – gerade hier werden wenige Ressourcen gebraucht.

„Auf alle anderen Prozesse, die in China vorher ablaufen, haben die Brands keinen Zugriff. Die Lieferkette ist nicht transparent“, sagt Waeber und weist auf einen weiteren Missstand hin: „Die Hersteller machen immer noch aus jeder neuen Solarzelle auf dem Dach eine große Geschichte. Am Bewusstsein für die wichtigen Probleme wie Abwasser, Abluft und Chemikalien hat sich aber wenig geändert.“

Leidensdruck für Nachhaltigkeit nicht groß genug

Ist eine Verbesserung in Sicht? Eher nein – sagt Waeber.

Selbst bei Kunden-Terminen vor Ort in China dringt der Schweizer nicht immer zu den Verantwortlichen durch: „Sie sehen vielleicht ein, dass etwas geändert werden müsste, aber die Umsetzung ist eine echte Herausforderung. Wir müssen noch viel deutlicher mit den Entscheidern reden, eine echte Road Map für die Praxis entwickeln.“


Und so fällt das Fazit des Experten vorerst ziemlich nüchtern aus: „Der Leidensdruck in der gesamten Branche ist noch nicht groß genug, um ein echtes Umdenken zu erzwingen. Das aber braucht es: ein echtes Umdenken.“

Nach Ansicht von Bluesign könnten die Unternehmen ihren Wasserverbrauch um 50 Prozent und den Energieverbrauch um 30 Prozent senken. Bei den Chemikalien wäre noch einmal Einsparung zwischen zehn und 20 Prozent möglich.

Mangelnde Innovation in der Chemie

Dass sich dies letztlich auch auf den Profit der Unternehmen auswirkt, ist in der Branche noch nicht wirklich angekommen. 

„Dabei ist die Rechnung doch eigentlich ganz einfach. Wenn ich nachhaltig produziere, verbrauche ich weniger Ressourcen und kann damit sogar Geld sparen. Gleichzeitig schone ich die Umwelt und verbessere die Lebensbedingungen der nächsten Generation“, sagt Waeber.

Letztlich überrascht den Schweizer das Verhalten aber nicht sonderlich: Es fehle an der ökologischen Grunderziehung, am Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt – und dies schon vom Kindesalter an. Ein Transfer eines schon im Schüleralter gesellschaftlich akzeptierten Umweltbewusstseins ins Berufsleben könne somit nicht gelingen.

Zunehmender Preisdruck der Unternehmen

Ein weiteres Versäumnis sei die mangelnde Innovation in der weltweiten Chemiebranche. Denn selbst wenn der Verbrauch gesenkt werden würde: Die Textilbranche arbeitet immer noch mit Grundstoffen, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurden – und da wurde dem Thema Nachhaltigkeit auch in Europa noch keine allzu große Bedeutung zugeschrieben.

Im Anschluss verloren viele High-Tech-Firmen wie Bayer oder BASF durch den zunehmenden Preisdruck der Unternehmen das Interesse an der Textilchemie, und die Forschung kam zum Erliegen.

Mit der Abwanderung der Produktion nach China wurde der Status quo eher noch zementiert, denn „dort ist sich niemand so richtig bewusst, was da eigentlich genau hergestellt wird. Die Grundlagenkenntnisse fehlen einfach komplett“, analysiert Waeber.

Keine neue Faser in den letzten zehn Jahren

Nachdem die Preisspirale sich immer weiter nach unten drehe, greifen die Produzenten in China zur aus ihrer Sicht einzigen Lösung. „Jetzt haben wir die billige Chemie mit allen Verunreinigungen und den krebserregenden Stoffen, aber Innovation findet absolut keine mehr statt“, kritisiert Waeber.

Innovation in der Textilbranche müsse nach Ansicht des Schweizers aber über den Chemiesektor kommen, und so stehe die Branche laut Waeber vor einem Problem: „Welche neue Faser haben wir denn in den letzten zehn Jahren entwickelt? Mir fällt keine ein. Mit Innovation meine ich ein neues Molekül mit einer neuen Funktion – keine neue Mischung alter Stoffe. Aber diese Chemie hat ihren Preis, denn die Entwicklung kostet Zeit – und damit eben auch Geld.“

Waebers Fazit fällt trotz aller bisherigen Bemühungen in China deutlich aus: „Wenn die Preise weiter gedrückt werden, wird sich die Branche davon nicht erholen.“

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Florian Pertsch (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Florian Pertsch, Autor
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