ISPO.com is also available in English ×
 Anpfiff 2016: Der deutsche Sport auf dem Prüfstand
Sportbusiness | 05.02.2016

DOSB-Präsident Hörmann fordert Reformen

Anpfiff 2016: Der deutsche Sport auf dem Prüfstand

Anpfiff 2016: Der deutsche Sport auf dem Prüfstand. DOSB-Präsident Alfons Hörmann kündigte auf dem SpoBis in Düsseldorf knallharte Reformen im Verband an. (Quelle: imago/Martin Hoffmann)
DOSB-Präsident Alfons Hörmann kündigte auf dem SpoBis in Düsseldorf knallharte Reformen im Verband an.
Bild: imago/Martin Hoffmann
Artikel bewerten:
Nach dem Aus der Hamburger Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2024 muss sich der deutsche Sport neu aufstellen, um in der Gesellschaft wieder Akzeptanz zu finden. DOSB-Präsident Alfons Hörmann schaltet eine Unternehmensberatung ein. Warum kein Stein auf dem anderen bleiben darf und Ehrenämter in Frage gestellt werden müssen: ein Kommentar des Chefredakteurs von ISPO.com.

Alfons Hörmann spricht von Wut, die er im ersten Moment empfunden habe, von Enttäuschung und Unverständnis. Dass die Mehrheit seinen Traum abgelehnt hat, den Traum der Sportfunktionäre, der Branche und vor allem vieler Sportler selbst, dass das erneute Scheitern einer deutschen Olympia-Bewerbung vielmehr zum Albtraum für den deutschen Sport werden könnte, das nagt auch jetzt, lange nach dem Aus von Hamburg 2024, noch am Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Aber immerhin, ein paar Wochen später hat er die Konsequenzen aus dem Desaster gezogen, das fatale Auswirkungen auch für das Sport-Business hat. Und zwar die einzig richtigen. 


Nein, Hörmann denkt nicht an Rücktritt. Er hätte es sich einfach machen können und sein Amt zur Verfügung stellen können. Mancher hätte das vermutlich sogar als Befreiungsschlag interpretiert, als Zeichen ans undankbare Wahlvolk: Seht her, wir haben erkannt, dass ihr andere Funktionäre wollt. Trotzig aber hatte Hörmann sich schon kurz nach dem Hamburger Scheitern auf einer Mitgliederversammlung das Vertrauen aussprechen lassen.  

Aus für Olympia in Hamburg: Welche Rolle spielt die Fifa?

Die Funktionäre, fast alle Befürworter der deutschen Olympia-Kampagnen haben es sich einfach gemacht, wenigstens eine Zeit lang. Die Debatte um die Elbphilharmonie, die nicht abschätzbaren Folgen der Flüchtlingsproblematik, die Machenschaften im Weltfußballverband Fifa – das alles taugte ihnen als Konglomerat aus Nebenschauplätzen, die trefflich als Vorwand dienten für das eigene Versagen: Fitness und Bewegung sind zwar auch hierzulande zum großen Trend geworden, aber die Menschen  können mit der Art und Weise, wie und von wem der Sport organisiert wird, nichts mehr anfangen. Der DOSB-Präsident hat das erkannt.


Wenn man sich ansehe, wie die meisten Verbände noch in Strukturen des vergangenen Jahrhunderts arbeiten, müsse man sich selbstkritisch hinterfragen, ob die bisherige Aufstellung, auch die Aufteilung zwischen Haupt- und Ehrenamt noch zeitgemäß sei: „Das Leben lehrt: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, hat Hörmann beim Sport-Business-Kongress SpoBiS gesagt und auf die freie Wirtschaft verwiesen, wo patriarchalische Strukturen in Unternehmen auch keine Zukunft haben. 

Alfons Hörmann stellt die Olympia-Stützpunkte in Frage

Zehn Jahre nach der Gründung der DOSB, im Jahr 2006 als Zusammenschluss des Nationalen Olympischen Komitees und des Deutschen Sportbunds gegründet, ist es tatsächlich längst Zeit für mehr als ein selbstkritisches Hinterfragen. Reformen müssen her, strukturell wie personell. Hörmann stellt die Struktur der Olympiastützpunkte, ein Relikt aus den 70er Jahren, in Frage, er will das Zusammenspiel von Politik, also dem für den Sport zuständigen Bundesinnenministerium, den Ländern und den Verbänden neu geregelt wissen und er macht auch keinen Hehl daraus, dass es um Köpfe gehen wird, um (buchstäblich) alte Personen, die aus dem Spiel genommen werden könnten, und neue (vermutlich: jüngere), die ins Spiel kommen könnten. 

Unternehmensberatung Ernst & Young soll den DOSB durchleuchten 

„Wir sind in vielen Bereichen nicht mehr Weltklasse“, hat Hörmann beim SpoBiS in Düsseldorf gesagt und deutlich gemacht, dass alle bisherigen Strukturen und Personen in Frage zu stellen seien beim Projekt „Anstoß 2016“, mit dem er jetzt die längst überfälligen Reformen antreiben will. Weil aber Selbstregulierung selten von sich aus funktioniert, hat er den Prozess in neutrale Hände gegeben: die Unternehmensberatung Ernst & Young soll den DOSB und sein Umfeld unter die Lupe nehmen. Die sogenannte Aufgaben- und Effizienzanalyse soll völlig ergebnisoffen verlaufen. Das heißt: Kein Stein muss auf dem anderen bleiben. Und das ist gut so. 

Die Olympischen Ringe bei den Spielen 2012 in London
Die olympischen Ringe 2012 in London: Nach dem Referendum gegen eine Olympia-Bewerbung wird es so ein Bild in Hamburg nicht geben.

Nicht in Frage gestellt hat Hörmann selbst das Nebeneinander von Stiftung Deutsche Sporthilfe, von vielen als zu antiquiert in der Denke durchaus kritisch gesehen, und Deutsche Sportmarketing GmbH, die 2015 im früheren Basketball-Funktionär Jan Pommer ein neues Gesicht bekommen hat. Dass er beiden Institutionen quasi eine Bestandsgarantie über die bestehenden Verträge hinaus ausgestellt hat, zeigt, dass auch der DOSB-Präsident selbst noch nicht weiß, welche Geister er sich da ins Haus geholt hat. Denn wenn Ernst & Young den „Anstoß 2016“ wirklich unvoreingenommen angehen, darf nichts vorgegeben sein. 

Scheitern der Olympia-Bewerbungen hat fatale Folgen

Was also steht auf der Agenda? Das bisherige System mit seinen immer noch viel zu ausgeprägten ehrenamtlichen Strukturen muss komplett entmystifiziert werden. Profis auf allen Ebenen sind gefragt – auch solche, die zuhören und Stimmungen antizipieren können. Die Niederlagenserie der deutschen Olympia-Bewerbung, von Berlin 2000 bis Hamburg 2024, hat gesellschaftspolitisch zu große Auswirkungen als dass man die alten Köpfe, die dies mit alter Denke zu verantworten haben, nun weiter wirken lassen dürfte. 

Sportmanager und Sportartikel-Industrie müssen eingebunden werden

Der Sport befindet sich in einem permanenten Wettstreit mit anderen Segmenten der Unterhaltungs-Industrie, und um seinen Stand in der Gesellschaft stärker zu verankern, braucht es Profis, die aus dem Business kommen. Agile Macher aus der Sportartikel-Industrie und Manager, die Testimonials nach vorne gebracht haben. Die Sportler selbst sind heute weitaus erfolgreicher in der Vermarktung ihrer Personen und auch ihrer Inhalte, sie haben – gemeinsam mit ihren Partnern aus der Industrie – oft eine immense Strahlkraft und können Botschaften vermitteln mit einer Glaubwürdigkeit, die das derzeit noch amtierende Funktionärswesen längst verspielt hat.  

Der DOSB muss ankommen in der digitalen Welt

Die Spitzenkräfte an den Schalthebeln des Sportsystems müssen modern denken und dort ihre Botschaften ans Publikum bringen, wo sich ihr Klientel tatsächlich austauscht, zum Beispiel in der digitalen Welt. Nur dann erreichen die Botschaften noch ihr Ziel, das aufgeschlossene, am Sport interessierte Publikum. Der Weg zurück in die Gesellschaft muss nicht zwingend über eine Unternehmensberatung führen – aber dass man sich Empfehlungen von außen holt und fremde Expertisen, ist Voraussetzung, um am Puls zu bleiben. 

Wut und Ignoranz sind schlechte Ratgeber. Hörmann, seit 2013 im Amt, hat dies spät, hoffentlich nicht zu spät erkannt – ob er für den konsequenten Wandel steht oder nur für den Übergang, ist eine ganz andere Frage. 

Kommentare
Gunnar Jans ist Chefredakteur von ISPO.COM (Quelle: www.goettlicherfotografieren.de)
Ein Beitrag von Gunnar Jans, Chefredakteur
Top Themen
ISPO Newsletter
ISPO Newsletter
Jetzt anmelden
Social Media