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 Abenteuer für alle – der neue Snowboard-Spirit
Action-Sports | 11.12.2015

Von der Subkultur zum Mainstream

Abenteuer für alle – der neue Snowboard-Spirit

Profi-Snowboarder Jeremy Jones Pulverschnee. (Quelle: Bernhard Ritzer)
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Ein Beitrag von Andi Spies, Autor - Seit den frühen 80er Jahren stehen in Europa Menschen seitwärts auf einem Stück Holz, um darauf der Schwerkraft folgend die Berge hinab zu gleiten. Snowboarden war damals ein Teil einer Subkultur, die für ihre Akteure weit mehr war als ein reiner Wintersport. Und heute?

Der rebellische Touch, der dem Snowboarden in den 80er und 90er Jahren anhaftete, ist heute verblasst. Snowboarden ist im Mainstream angekommen, hat eine ganze Branche geprägt und sich im Kanon der Wintersportarten und Action-Sports fest etabliert. Ein Blick auf die Entwicklung des Snowboardens verdeutlich, warum es aber bis heute die vielfältigste Art und Weise ist, um sich im Winter in den Bergen vom Gipfel bis ins Tal zu bewegen.

Den Grundstein für das, was wir heute als Snowboarden kennen, legte der Surfer Sherman Poppen in den frühen 60er Jahren mit der Erfindung des „Snurfers“ – einem Brett aus Plastik mit Halteleine auf dem man quer zur Fahrrichtung stehend den Berg hinab fuhr. Poppen wollte das Surffeeling in den Schnee übertragen und seine Erfindung steht für die Verwandtschaft zwischen Snowboarden und Wellenreiten. Die Verbindung beider Sportarten spielt für viele Freerider auch heute eine große Rolle und der Surfspirit hat sich im Freeriden fest etabliert.


Einflüsse vom Skateboarden

Durch Action-Sports-Pioniere wie Jake Burton und Tom Sims wurde die Idee des „Snurfers“ in den 70er Jahren technisch optimiert. Es entstanden Boards mit Stahlkanten und festen Bindungen die auf den Pisten wesentlich besser funktionierten. Damit öffnete sich das Snowboarden für Einflüsse aus einer weiteren Boardsportart: dem Skateboarden – die Snowboard Disziplin Freestyle war geboren. Und mit ihr ein unendliches Potential für Kreativität.

Plötzlich fand Snowboarden nicht nur auf dem Schnee, sondern auch in der Luft statt und die Freestyler bedienten sich am reichhaltigen Trick-Repertoire der Skateboarder. Halfpipes wurden in den Schnee gegraben, Kicker gebaut und die Disziplin im Jahr 1998 zum ersten Mal ins Olympische Programm aufgenommen.

Parallel zu den streng reglementierten Freestyle Wettkämpfen der Sportverbände geben die wesentlich freieren und kreativeren Arbeiten von Filmproduktionen dem Freestyle Snowboarden die größten Impulse. Zudem entwickeln sich unkonventionellen Wettkampfformaten wie unter anderem der Backcountry Freestyle Contest Ultra Natural, die nahezu alle Facetten des Snowboardens verkörpern.

Der Autor fährt seit über 25 Jahren Snowboard und hat als Journalist die Szene seit den 90er Jahren begleitet. Für ihn wird die Faszination Snowboarden heute maßgeblich durch seine enorme Vielseitigkeit geprägt. Hier präsentiert er vier Snowboarder, die exemplarisch für die unterschiedlichen Facetten und den Status Quo des Sports stehen.

Nicolas Müller – Snowboarding is fun!

Nicolas Müller hat wie kaum ein anderer Snowboarder den Begriff „Backcountry Freestyle“ geprägt. Es gibt wenige Snowboarder, die mit solch einer Leichtigkeit Freestyle-Tricks im freien Gelände zelebrieren und das Ganze so aussehen lassen, als sei es ein Kinderspiel. Dabei spielt es für ihn keine Rolle, ob er eine extreme steile Line in Alaska fährt oder in Japan spielerisch durch einen tief verschneiten Wald fährt und dabei jedes Hindernis für kreative Tricks nutzt.

Nicolas Müller beim Videodreh in Laax in der Schweiz (Quelle: Absinthe Films)
Hier gibts das Video von Nicolas Müller in Laax in der Schweiz
Bild: Absinthe Films

Wer Nicolas beim Snowboarden zusieht, spürt förmlich den Heidenspaß, den der sympathische Schweizer dabei hat. Seine Art und Weise, alle Facetten des Snowboardens in einem nur wenige Minuten langen Filmpart zu vereinen, ist einzigartig. Nicolas bringt es auf den Punkt: Snowboarding is fun!

Jeremy Jones – Snowboarden ist ein Abenteuer

Snowboarden steht für Freeride, Tiefschnee und unberührte Hänge. Und lange bevor Jeremy Jones mit seinem Splitboard die extremsten Berge der Erde erkundete, haben Fahrer wie Craig Kelly, Tommy Brunner oder Matt Godwill die Faszination für das Big Mountain Riding in Magazinen und Filmen transportiert.

Jerey Jones auf einer extremen Snowboard-Tour (Quelle: Teton Gravity Research)
Hier gibts das Video zu Jeremy Jones' Trailer "Higher"
Bild: Teton Gravity Research

Heute sind es aber Jeremy Jones und seine Film-Trilogie „Deeper, Further, Higher“, die den Geist des Freeridens und den Reiz gewaltiger Berge in seiner extremsten Form verkörpern. Die Snowboardexpeditionen des Amerikaners sind zum Nachahmen für viele zu heftig. Dennoch ist es unbestritten, dass Jeremy Jones mit seinen Splitboard-Touren bei vielen Snowboardern den Wunsch geweckt hat, sich einen unverspurten Hang selbst zu „erarbeiten“.

Dabei geht es Jeremy nicht nur um den Extremsport und die pure sportliche Befriedigung, sondern auch um das bewusste erleben der Natur. Seine Art und Weise wie er sich in der gemeinnützigen Organisationen „Protect Our Winters“ für Maßnahmen gegen den Klimawandel einsetzt ist inspirierend.


Nicholas Wolken – Snowboarden ist Spaß für alle

Wer Snowboarden und seine Faszination verstehen will, sollte sich den Snowboard-Film „Yearning For Turning Vol. 2“ von Nicholas Wolken und der Korua Shapes Crew ansehen. Warum? Weil dieser Clip in vier Minuten all das rüberbringt, um was es beim Snowboarden geht: Spaß im Schnee! 

Es ist erfrischend zu sehen, wenn Rider wie Stephan Maurer und Nicholas Wolken auf einer plattgebügelten Piste die Kunst des Snowboardens zelebrieren, die ihnen ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Damit zeigen sie dass Snowboarden mehr ist als extreme Tricks mit kaum nachvollziehbaren Rotationen über riesige Kicker oder das Befahren von brutal steilen Hängen in rasendem Tempo. Snowboarden findet für den allergrößten Teil der Aktiven auf dem Schnee und nicht in der Luft statt und macht einfach gute Laune.

Aus dieser puren, unverfälschten Freude am Snowboarden heraus hat Nicholas Wolken unter dem Label Korua Shapes im letzten Jahr seine eigene Brand gestartet. Sein Ziel: „Wir möchten Shapes bauen, die schöne Turns leichter machen, und je einfacher sich ein Board fährt, umso besser fährt man und umso mehr Spaß hat man, richtig?“

Nicolas Wolken beim Snowboarden (Quelle: Stephan Maurer)
Hier gibts das Video zu Yearning for Tuning - Carving Europe
Bild: Stephan Maurer

Nicola Thost – Snowboarden für Kids

Nicola Thost nahm in den frühen 90er Jahren an den ersten Nachwuchsrennen des DSDV (Anm.: Deutscher Snowboard Dachverband, 1988-1995) teil. Auf zwei Titel bei Jugendweltmeisterschaften (1995 und 1996) folgte 1998 bei der Premiere des olympischen Snowboardens Gold in der Halfpipe. Trotz des ganzen Rummels, der nach dem Medaillengewinn auf die damals 21-Jährige einprasselte, hat sich Nicola ihre natürliche Lebensart erhalten und ist auf dem Boden geblieben.

Ihre Karriere in der Halfpipe beendete sie 2003, aber Snowboarden ist nach wie vor ihr Lebensinhalt. In der von ihr initiierten Talent-Scouting-Serie „Sprungbrett“ kümmert sie sich seit Jahren aktiv um den Snowboard-Nachwuchs. Als ehemalige Freesytle-Wettkämpferin fördert sie hier junge Talente und möchte ambitionierten Kids ihr Know-how vermittelt und ihnen Raum zur persönlichen Entfaltung bieten. Mit diesem unkonventionellen Engagement ist Nicola Thost eine der aktivsten Botschafterinnen des Snowboard-Spirits.

Snowboarderin Nicola Thost mit den Kindern der Sprunbrett-Initiative (Quelle: D. Berchthold)
Nicola Thost mit den Sprungbrett-Kids.
Bild: D. Berchthold


Diese Liste von charismatischen und einflussreichen Snowboardpersönlichkeiten ließe sich noch beliebig verlängern. Dies sind nur vier charakteristische Beispiele für die lebendige Vielfalt des Snowboardens. Was alle diese Snowboarder vereinet ist die Tatsache, dass sie einfach nicht genug davon bekommen können, sich auf ein Stück Holz zu stellen und damit seitwärts stehend den Berg hinunter zu gleiten.

Andi Spies (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von Andi Spies, Autor
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