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 Powern bis zur Schmerzgrenze
Fitness | 28.11.2015

Mit CrossFit den gesamten Körper trainieren

Powern bis zur Schmerzgrenze

Powern bis zur Schmerzgrenze. Eine Frau trainiert an Turnringen. (Quelle: Thinkstock über The Digitale.)
Nur eine Übung von vielen: CrossFit soll den gesamten Körper trainieren.
Bild: Thinkstock über The Digitale.
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CrossFit gilt als das härteste Workout der Welt. Immer mehr Menschen haben Freude daran, sich gnadenlos zu schinden und schwören auf ihre Community.

Eine Zehn Kilo-Weste anlegen, 1,6 Kilometer laufen, 100 Klimmzüge, 200 Liegestütze und 300 Kniebeugen machen und dann noch mal 1,6 Kilometer laufen – das ist „The Murph“. Hinter 50-40-30-20-10 steckt „Annie“: Dabei wechseln sich Doppelseilsprünge und Situps ab, begonnen wird mit 50 Wiederholungen, darauf folgen je zehn weniger.

Training wie für Polizei und Militär

Die Rede ist nicht von einem Training für Eliteeinheiten, sondern von CrossFit, einem Fitness-Trend aus den USA. Die Macher wollen mit dem härtesten Training der Welt die Branche auf den Kopf stellen.

Das Konzept dazu entwickelte in den 80er-Jahren der amerikanische Kunstturner Greg Glassman. Später verschrieben sich zunächst Polizei und Militär dem kräftezehrenden Training. Heute schießen überall auf der Welt sogenannte CrossFit-Boxen wie Pilze aus dem Boden.

In ehemaligen Lagerhallen oder Garagen schinden sich Fitnessbegeisterte mit Übungen aus dem Turnen, Klettern, Gewichtheben oder dem Kraftdreikampf. Die Boxen laufen wie ein Franchisesystem, man kann sie gegen eine Lizenzgebühr eröffnen, die an die CrossFit Incorporation gezahlt wird.

Laden und Fitnessstudio unter einem Dach

Auch Adidas-Tochter Reebook will mit CrossFit Geschäfte machen. Seit drei Jahren kooperiert das Unternehmen mit der CrossFit Incorporation. Eine eigene Kollektion mit Shirts und Shorts soll für mehr Umsatz sorgen und das Image aufpolieren.

Zudem setzt Reebook auf das Fit-Hub-Konzept, das Laden und Fitnessstudio unter einem Dach vereint. Bis Ende 2013 will das Unternehmen nach eigenen Angaben insgesamt 30 Fit-Hubs weltweit in Eigenregie betreiben.

In New York etwa gibt es bereits zwei dieser Reebook-Läden, in Nürnberg und London je einen und unlängst öffnete ein Fit Hub in Boston.


Training für den ganzen Körper

„Trainingsziel ist es, die allgemeine Fitness so auszubauen, dass man auf jede körperliche Herausforderung reagieren kann. Dazu werden der ganze Körper und nahezu alle Muskeln trainiert“, erklärt Elli Hachmann, die 2011 die erste Box in Hamburg eröffnete.

Das „Workout of the day“ (WOD) wechsele täglich, dessen Schwerpunkte ebenfalls: „An einem Tag konzentrieren wir uns auf Kraftübungen, am nächsten Tag auf Schnelligkeit und am dritten Tag auf Ausdauer“.

Die Physiotherapeutin und Personal Trainerin entdeckte CrossFit 2009 bei einem Auslandssemester in San Diego. „Auf dem Weg zur Uni marschierte ich spontan in eine Box und war begeistert, obschon ich die Anstrengung total unterschätzt hatte.

CrossFit lässt das Herz rasen

Nach meinem ersten Kurs war ich erledigt. Dabei dachte ich, ein paar Liegestütze könnten mir nichts anhaben.“ Doch Hachmann ließ sich nicht irritieren. Das Auspowern bis zur Schmerzgrenze stachelte den Ehrgeiz der jungen Frau vielmehr erst richtig an. Sie machte weiter und wurde überzeugte CrossFitterin.

Hanteln stemmen, Klimmzüge, Liegestützen, im Entengang durch die Garage. Beim CrossFit rast nach zehn Minuten das Herz, pfeift die Lunge, man sieht Sternchen und der Schweiß fließt in Strömen. Warum soll man sich die Tortur antun?

„Es geht um Leistung und um Spaß. Das ist eine einmalige Kombination“, schwärmt Hachmann. Man stehe nicht isoliert und stumm mit seinen Ohrstöpseln im Fitnessstudio auf dem Laufband, sondern weil man in kleinen Gruppen gemeinsam trainiere und kämpfe, „kommt ein Verbindungsgefühl auf. Man lebt diesen Sport und trifft beim Training seine Freunde. Das ist wie in einem Verein“.

Training zu unchristlicher Zeit

Sie kenne jedes ihrer inzwischen 250 Mitglieder persönlich. „Um 6.30 Uhr stehen die Leute bei uns Schlange. Viele wollen vor der Arbeit in die Box und versuchen, drei bis fünf Mal in der Woche zu kommen.“

CrossFit ist enorm effektiv, sagen die Anhänger des Sports. Damit bringe man das Fett schnell zum Schmelzen und stähle seinen Körper. Ausdauerathlet T.J. Murphy zum Beispiel wollte in einem Selbstversuch herausfinden, ob der Extremsport seinen „sportgeschädigten Körper heilen“ konnte.

Nach vielen Jahren harten Lauftrainings konnte sich der 47-Jährige nur noch humpelnd durch die Gegend schleppen und versuchte es schließlich mit CrossFit. „Diese Form von Training war genau das, wonach ich mein ganzes Leben gesucht hatte“, schreibt er in seinem Erfahrungsbericht „Inside the Box“.


"CrossFit setzt auf Konkurrenzdenken"

„CrossFit setzt ganz bewusst auf Konkurrenzdenken gegen andere und gegen sich selbst, um ungeahnte Kräfte zu mobilisieren und hohe Belastungen zu bewältigen.“

Doch eignet sich dieser Sport tatsächlich für die breite Masse? Wer ihn ausüben will, muss einiges an Ausdauer und Fitness mitbringen, bei Überforderung drohen Verletzungen.

„Die Leute machen sich kaputt: CrossFit ist sehr gefährlich. Ich kann es niemandem empfehlen“, kritisiert Sportwissenschaftler Till Sukopp. „Das Spektrum der Verletzungen reicht von Nierenversagen bis hin zur Muskelauflösung.“

Verletzungsrisiko nicht zu unterschätzen

Problematisch seien außerdem, die vielen Wiederholungen und die „Sieh zu, dass du es hinbekommst“-Mentalität, so Sukopp. Es sei auch ein offenes Geheimnis, dass sich CrossFitter nicht nur im Internet „gegenseitig mit ihren angeblich erreichten Leistungen und Zeiten belügen“.

Wer etwa bei Kniebeugen nur viertel oder halbe Wiederholungen mache, könne diese keinesfalls als ganze Wiederholung angeben. Doch so etwas sei in der Szene üblich und fördere schlampiges Training, was wiederum den Weg für Überlastungsbeschwerden und Verletzungen ebne.

Sukopps Empfehlung: „Ego runterschrauben und auf gesunde Weise fit werden – ganz gleich, was der Nebenmann oder andere machen.“

Kritik aus der Sportwissenschaft

Der Sportwissenschaftler bemängelt außerdem, dass die Trainer-Zertifizierung innerhalb von zwei Tagen zu bekommen sei – auch ohne sportliche Vorbildung.

Ein verantwortungsvoller CrossFit-Anbieter biete die Übungen in drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen an und lege mehr Wert auf die technisch korrekte Ausführung einer Bewegung als auf die Zahl der Wiederholungen.

Hachmann betont, dass in ihrer Box jeder Sportler entsprechend seines Leistungsvermögens trainiert wird. „Wir testen die Fitness unserer Mitglieder, bevor sie anfangen, und wir bieten gestaffelte Kurse an.“

Logisch, kaum einer kann ein CrossFit-Training mit „The Murph“ starten.

ISPO (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von ISPO.com, Redaktion
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