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 Wer stehen bleibt, verliert
Outdoor | 28.11.2015

24 Stunden: Wandern als Extremsport

Wer stehen bleibt, verliert

Wer stehen bleibt, verliert. Zwei Wanderer in der Natur während des Sonnenuntergangs. (Quelle: Thinkstock)
Zwei Wanderer mit voller Ausrüstung in der Abenddämmerung.
Bild: Thinkstock
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Einen Tag und eine Nacht lang laufen, ohne zu schlafen. 24-Stunden-Wanderungen liegen im Trend und bringen die Teilnehmer zuverlässig an ihre Grenzen – in jeder Hinsicht.

Durchmachen. Mit dem Begriff kann jeder etwas anfangen. Bis 5 Uhr in der Frühe feiern, die Nacht zum Tag machen, bis in die Morgenstunden am Rechner hocken. Acht Stunden arbeiten, acht Stunden Freizeit, acht Stunden schlafen – so ist es normalerweise.

Aber drei mal acht Stunden wandern? Freiwillig auf Schlaf verzichten, einen ganzen Tag, eine ganze Nacht lang auf den Beinen sein, gehen, gehen, gehen und gehen. Das erfordert Kondition und viel Energie im Kampf gegen die Müdigkeit.

Wandern rund um die Uhr 

Besonders zwischen 2 und 4 Uhr morgens wird es heftig. Am liebsten würde man sich jetzt irgendwo hinlegen, die Augen zumachen, einschlafen. Aber das geht nicht, weil die Schlucht zur Rechten gefährlich tief ist und Rutschgefahr besteht. Ein Fehltritt hätte fatale Folgen. Und so muss man weitergehen. Schritt für Schritt taumelt man dem nächsten Tag entgegen.

Die zahlreichen Rund-um-die-Uhr-Wanderungen erfreuen sich dennoch großer Beliebtheit. Viele Menschen scheint es neuerdings offenbar zu reizen, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen und ihre Grenzen auszutesten.


Ultramarathon in Griechenland

Dabei gibt es solche Extremveranstaltungen, bei denen man die Grenzen von Tag und Nacht überwindet, schon lange. Weltberühmt ist etwa der Spartathlon, ein seit Jahr 20 Jahren stattfindender Ultramarathon, bei dem die 246 Kilometer lange Strecke von Athen nach Sparta innerhalb von 36 Stunden gelaufen werden muss.

Der Legende nach schickten die Athener den Boten Pheidippides 490 v. Chr. nach Sparta, um deren Bewohner um Hilfe für die Schlacht bei Marathon zu bitten. Pheidippides soll morgens gestartet und am Abend des nächsten Tages angekommen sein.

2000 Bewerber aus Europa

Eine nicht ganz so lange Tradition haben die „24 Stunden von Bayern“, die im vergangenen Juni zum fünften Mal stattfanden und ein Höhepunkt für Wanderwütige bedeuten. Die 444 Startplätze sind jedenfalls immer so begehrt, dass sie ausgelost werden müssen; gleich 2000 Bewerber aus ganz Europa versuchten diesmal ihr Glück.

Die Gewinner bewältigten vier Rundtouren mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgraden rund um Füssen im Allgäu: eine 25 Kilometer lange Tagestour und eine 29 Kilometer lange Nachtschleife. Wer danach noch nicht genug hatte, knöpfte sich die 15 Kilometer lange „Fitnessrunde“ oder die abgespeckte knapp zehn Kilometer lange „Vitalrunde“ vor.

Kultevent in Bayern

Die Veranstaltung des Bayern Tourismus ist dabei nicht nur einfach irgendeine Wanderung, die jedes Jahr in einer anderen Region stattfindet, sondern ein Event (manch einer spricht gar von einem Kultevent) – wie ein Marathon oder ein Open-Air-Festival.

Auf jeder der vier ausgeschilderten Wegstrecken gibt es „regionaltypische Erlebnisstationen“, sprich Programmpunkte, Rastpunkte und Höhepunkte, nach jeder absolvierten Runde kommt man wieder am Ausgangspunkt an. Am „Wandermarktplatz“ gibt es Massagen, Blasmusik und ein Festzelt.


24 Stunden im Autopilot

Warum man das alles macht? Nun, diese Frage sollte man sich unterwegs besser nicht stellen. Besser ist es wahrscheinlich, über die letzte Steuerreform, die nächsten Wahlen, seinen Mann, das beste Rezept für Lasagne oder die CD-Entdeckung des Jahres zu plaudern, von Hefeweizen und Badewannen zu träumen oder einfach zu schweigen.

In der Hoffnung, dass man irgendwann gar nicht mehr merkt, was man sich und seinem Körper zumutet, auf Autopilot schaltet und meditativ vor sich hinmarschiert. Und wenn man nach 24 Stunden ermattet ans Ziel kommt und in die Federn fällt, ist man wahrscheinlich überglücklich, den längsten Wandertag seines Lebens hinter sich gebracht zu haben.


ISPO (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von ISPO.com, Redaktion
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