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 Fixies erobern Peking
Action-Sports | 30.11.2015

Bike-Trend in China

Fixies erobern Peking

Fixies erobern Peking. Ein weiß-schwarzes Fixie-Bike lehnt an einer Wand. (Quelle: Thinkstock über The Digitale)
Sorgen dafür, dass Fahrräder auch in China wieder im Trend sind: Fixies
Bild: Thinkstock über The Digitale
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Die Deutsche Ines Brunn entdeckt in China eine Marktlücke. Die einstige Fahrradmetropole Peking wird mittlerweile von Autos dominiert, doch die Hipster der Stadt sehnen sich nach coolen Bikes. Mit einem Laden für Fixies trifft sie den Nerv der Zeit und kämpft für eine fahrradfreundlichere Stadt.

China ist ein Eldorado für Autobauer. Alle, die es sich leisten können und etwas auf sich halten, haben sich in den vergangenen Jahren einen Neuwagen zugelegt. Besonders beliebt sind Luxuskarossen, nobel und extralang müssen sie sein, Kleinwagen liegen nicht im Trend. Der Autoverkehr im Reich der Mitte ist rasant gewachsen und er wächst weiter – trotz drastischer Maßnahmen der Stadtplaner.

Die Liebe zum Auto scheint grenzenlos. Allmorgendlich quälen sich allein in Peking fünf Millionen Autos über die Straßen, mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Noch hat nur jeder Vierte ein Auto, in Deutschland beispielsweise ist es jeder Dritte, Bedarf besteht also noch.

Radfahrer langsam verdrängt

Doch angesichts von Dauerstau, Luftverpestung und Smog-Alarm mag so manch einer nach den alten Zeiten sehnen. Im Winter beträgt die Sichtweite unter der giftigen Glocke auf den Straßen unter der giftigen Glocke nur wenige Hundert Meter, viele Kinder und alte Leute werden krank. Dabei war Peking noch vor 20, 30 Jahren Peking eine Fahrradstadt, nicht von ungefähr sang Popstar Katie Melua „There are nine million bicycles in Beijing“.

„Als ich das erste Mal hierherkam, waren die Straßen voller Räder. Als leidenschaftliche Radfahrerin war ich begeistert“, bestätigt die Deutsche Ines Brunn. „Doch als ich dann 2004 schließlich berufsbedingt nach Peking umzog, fragte ich mich verwundert, wo all die Radfahrer hin sind. Die vielen Autos und Motorroller haben sie offenbar buchstäblich aus dem Verkehr gedrängt.“

Kein Wunder, wer heute in Peking Rad fährt, gilt als arm und hat offenbar nicht genug Geld für ein Auto. Das Rad steht für alte Zeiten, die Chinesen aber wollen modern sein. Trotzdem eröffnet Ines Brunn 2009 einen Fahrradladen im Nordosten Pekings. Eine skurrile Idee, wie sie selbst sagt.


Fixies in Peking gefragt

Doch das Radfahren ist ihre Leidenschaft, die junge Frau ist erfolgreiche Kunstradfahrerin, macht Kopfstand auf dem Lenker und dreht Pirouetten auf dem Rad, und die Vorstellung, selbstständig zu sein und den geliebten Sport zum Lebensinhalt zu machen, fasziniert sie. Außerdem ist sie restlos begeistert von ihren Produkten – Ines Brunn verkauft Fixies, Fahrräder mit einer starren Nabe, ohne Gangschaltung und ohne Leerlauf – und sie ist davon überzeugt, dass es in Peking dafür einen Markt gibt.

Und tatsächlich, so skurril scheint ihre Idee nicht zu sein, offenbar hat sie mit ihrem Laden im Nordosten Pekings eine Nische gefunden. Solche Räder wie bei Natooke hat in China niemand vorher gesehen.

In den vergangenen vier Jahren verkaufte der Laden jedenfalls gut 2000 Räder vor allem an junge Leute und Manager aus dem Mittelstand verkauft, die auf Design stehen und die Fahrräder als hippes Gerät sehen. Das Geschäft läuft so gut, dass Ines Brunn Werkstatt und Büro vergrößern musste und heute mehrere Mitarbeiter beschäftigt.

"Räder sind enorm wendig"

„Fixie-Fahren kann süchtig machen. Jeder Tritt auf die Pedale wird direkt umgesetzt, man kann problemlos rückwärts fahren. Die Räder sind enorm wendig, bieten tolle Möglichkeiten für Tricks“, schwärmt Ines Brunn, die 2007 eine Fixed-Gear-Gruppe in Peking startete. „Außerdem sind Fixies leicht, ausgesprochen robust und müssen nur selten repariert werden.“

Bei Natooke ist jedes Rad ein Einzelstück, wird genau auf den Geschmack und die Bedürfnisse des jeweiligen Kunden abgestimmt und im Laden handgefertigt. Die Räder sind kunterbunt und zugleich puristisch, das kommt an.

Nicht zuletzt, weil Modezeitschriften und Magazine in China inzwischen Räder als Accessoires präsentieren, passend zu Sonnenbrille, Hut und Handtasche. Radfahren ist cool, Radfahren hat Style, lautet die Botschaft.

Radfahren aus Modegründen

„Wir sehen immer mehr Leute unter 25, die aus Modegründen mit dem Rad fahren“, meint der Australier Shannon Bufton, der sich gemeinsam mit Ines Brunn in dem Verein „Smarter than cars“ dafür einsetzt, „einen langsamen Prozess in Gang zu setzen, um das Image des Fahrrads aufzupeppen. Nicht als etwas, das billig ist und mit Armut assoziiert wird, sondern mit der neuen Mittelklasse."

Umwelt- oder gesundheitliche Überlegungen bringen die Pekinger eher nicht zum Umsteigen aufs Rad, meint Ines Brunn. Zwar entdeckt so manch ein Chinese mittlerweile das Radeln als Freizeitsport, doch dazu fährt er mit dem Auto in die Berge rund um Peking, kehrt erst einmal ausgiebig ein, dreht ein paar schnelle Runden auf dem Rad und fährt mit dem Auto in die Stadt zurück, was weder besonders viel für die Gesundheit bringt, noch die Verkehrsprobleme löst.


Nur mit Atemmaske auf dem Fahrrad

Schließlich stehen die Leute auch am Wochenende auf dem Weg in die Natur erst mal im Stau und verpesten mit den Autoabgasen die Luft.

Wenn Ines Brunn sich in Peking aufs Fahrrad schwingt, macht sie das nicht ohne Atemmaske. „Alles andere ist bei der extremen Luftverschmutzung fahrlässig.“

Jetzt hofft sie, dass die Regierung es schafft, wieder mehr Platz für Fahrräder auf der Straße zu schaffen und dass die berühmte Pekinger Fahrradkultur wiederbelebt wird. Die Infrastruktur ist noch vorhanden, breite Radwege etwa gibt es in der City en masse.

ISPO (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von ISPO.com, Redaktion
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