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 Mehr Nachhaltigkeit: Textilindustrie muss sich neu erfinden
Nachhaltigkeit | 16.02.2017

The Sustainable Fashion Academy und We Are Spin Dye wollen ein Umdenken

Nachhaltigkeit in der Textilindustrie: „Wer nicht aufpasst, wird abgehängt“

Mehr Nachhaltigkeit: Textilindustrie muss sich neu erfinden. Die Industrie ist noch auf der Suche, wie nachhaltige Textilien günstig und effizient produziert werden können. (Quelle: Messe München GmbH)
Die Industrie ist noch auf der Suche, wie nachhaltige Textilien günstig und effizient produziert werden können.
Bild: Messe München GmbH
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Die Textilbranche muss die Nutzung der Rohstoffe überdenken: Je stärker die Weltbevölkerung wächst, desto eklatanter wird das Problem. Michael Schragger von „The Sustainable Fashion Academy“ und Andreas Andrén von WeAre SpinDye zeigen den Weg in die Zukunft auf.

Schon der Titel, den Michael Schragger, CEO von The Sustainable Fashion Academy, für seinen Vortrag auf der ISPO ACADEMY auswählte, klingt bedrohlich: „Innovation & Nachhaltigkeit: Rethink or Die!“ 

Genauso ist er auch gemeint. Wer nicht bald damit anfängt, gängige Geschäftsmodelle in der Bekleidungsindustrie infrage zu stellen, hat womöglich bald keine Zukunft mehr. Dass sich Nachhaltigkeit auch rechnet, erklärte Andreas Andrén, COO von WeAre SpinDye.

Wasser- und Energieverbrauch steigen

Michael Schragger, CEO von The Sustainable Fashion Academy und renommierter Experte im Bereich Nachhaltigkeit, ist überzeugt von der Dringlichkeit des Handelns. In seinem Vortrag zeigte er anhand von verschiedenen Megatrends auf, dass Abwarten keine Lösung ist.


Schragger stellte zunächst eine Bestandsaufnahme vor: Die Menschen würden in einer Zeit der Superlative und Rekorde leben. Dazu würden sie immer älter: Lag das durchschnittliche Höchstalter 1950 noch bei 47 Jahren, ist es heute bei 70 Jahren angelangt. Hinzu käme: Es gibt weniger Armut auf der Welt, gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung unentwegt – allen voran die Mittelschicht.

Der Druck auf die Ressourcen nehme stetig zu, sagte Schragger: Der Verbrauch von Wasser und Energie steige, ebenso die CO2-Konzentration, die Temperatur auf der Erdoberfläche, die Zerstörung des Regenwaldes – der Konsum im Allgemeinen. „Viele Dinge werden besser und besser, schlechter und schlechter, schneller und schneller“, sagte Schragger.

Bekleidungsindustrie: Weit entfernt vom Optimum

Was hat die Bekleidungsindustrie damit zu tun? „Viele wissen gar nicht, welchen Einfluss die Bekleidungsindustrie tatsächlich hat“, erklärte Schragger. Allein 23,5 Millionen Menschen würden offiziell weltweit in der Bekleidungsindustrie arbeiten. Inoffiziell seien es wahrscheinlich mehr als doppelt so viele.

Grund zur Panik? Michael Schragger von The Sustainable Fashion Academy will die Unternehmen zum Umdenken bewegen.
Grund zur Panik? Michael Schragger von The Sustainable Fashion Academy will die Unternehmen zum Umdenken bewegen.

In Bangladesch seien 80 Prozent der Arbeiter Frauen. Ihre Berufstätigkeit habe dazu geführt, dass sie später heiraten, später Kinder bekommen und mit ihrem Geld die Ausbildung der Kinder finanzieren.

Die Bekleidungsindustrie habe darauf direkten Einfluss, erklärte Schragger. Die zunehmende Geschwindigkeit in der Mode bewirke leider auch Negatives: Sie setze die Zulieferer zunehmend unter Druck, was Katastrophen wie den Einsturz des Rana Plaza Hochhauses begünstigt. Die chemische Textilindustrie sei immer noch weit davon entfernt, nachhaltig zu arbeiten.

Das sind die textilen Trends für die Saison Herbst/Winter 2018/2019: Hier geht's zum Report von Trendscout Louisa Smith >>>

Business as usual geht nicht mehr

Spätestens seit auch die Finanzmärkte auf die steigenden Umweltrisiken reagieren und zum Beispiel Zusammenhänge zwischen Klimaveränderungen und Baumwollpreisen herstellen, sollte jedem klar sein, dass „Business as usual“ bald nicht mehr möglich ist, meinte Schragger.

„Ob man das will oder nicht: Viele Firmen werden schließen müssen, weil sie die gesetzlichen Vorgaben bald nicht mehr einhalten können“, prognostizierte Schragger: „Wir müssen die Nutzung unserer Rohstoffe neu überdenken, Recycling verbessern und Modelle der Kreislaufwirtschaft erfinden, neue Designtheorien- und Techniken entwickeln. Die Outdoor-Industrie ist darin besser als andere, aber noch lange nicht gut genug.“

Andreas Andrén von WeAre SpinDye will zeigen, wie sich die Industrie verändern muss.
Andreas Andrén von WeAre SpinDye will zeigen, wie sich die Industrie verändern muss.

WeAre SpinDye: Neue Färbetechnologie

Andreas Andrén, COO beim schwedischen Unternehmen WeAre SpinDye, präsentierte auf der ISPO Academy, dass sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit keineswegs ausschließen. 

Im Gegenteil: „Die bisherige Praxis, Polyesterfasern erst zu spinnen, um sie nachträglich aufwändig und mit vielen Umweltrisiken zu färben, ist weder wirtschaftlich noch ökologisch sinnvoll“, so Andrén.

Als Paradebeispiel nannte er Lego. Niemand würde auf die Idee kommen, dass Lego seine Steine erst farblos herstellt und dann färbt, sagte Andrén. Nur die Textilindustrie arbeite so. SpinDye habe deshalb in die Entwicklung eines Färbeverfahrens investiert, bei dem die Faser schon während des Spinnprozesses gefärbt wird.

Das Färben von Garnen oder Stoffen werde damit komplett unnötig, was Ressourcen und Kosten spart. Warum die Industrie nicht schon viel früher darauf gekommen ist?

„Das Färben von Textilien ist eine uralte Kulturtechnik, Naturfasern wurden immer so gefärbt. Mit dem Aufkommen der synthetischen Fasern hat man die bestehende Infrastruktur und die Techniken einfach übernommen“, erklärte Andrén.

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Natürliche Stoffe sind bei der Herstellung im Trend: Nicht nur Baumwolle, auch Merinowolle oder Kaschmir. (Quelle: Gregor Röslmaier)
Natürliche Stoffe sind bei der Herstellung im Trend: Nicht nur Baumwolle, auch Merinowolle oder Kaschmir.
Bild: Gregor Röslmaier


Nachhaltigkeit als Chance

Viele Marken arbeiten daran, ihren ökologischen Fußabdruck zu minimieren und neue, nachhaltige Ideen zu entwickeln. Adidas zum Beispiel hat Schuhe aus recyceltem Plastikabfall aus dem Meer hergestellt – nicht eine kleine limitierte Edition, sondern gleich Millionen.

Levi’s empfiehlt, Jeans nicht ständig zu waschen, Lüften reiche oft aus. Gleichzeitig entstehen immer mehr neue Ideen, wie die Produktion zielgenauer, mit weniger Abfall und Überproduktion optimiert werden kann. Die Stichworte lauten hier Zero-Waste-Cutting, Passform-Verbesserungen durch Body-Scanning und Customization bis hin zu 3D Printing am heimischen Drucker.

Auch die Produkt-Lebenszeit steht auf dem Prüfstand: Der Second-Hand-Markt arbeitet immer professioneller und verlängert so die Gebrauchsphase unserer Kleidung, es gibt Kleider-Leasing-Modelle, Reparatur-Services, Tauschbörsen und vieles mehr.

„Wer nicht aufpasst, wird abgehängt“, ist sich Michael Schragger sicher. Es sieht Nachhaltigkeit als eine Chance – und darin liegt die gute Nachricht seines Vortrags.


Der Markt verändert sich und bietet neue Möglichkeiten, die man nutzen kann. „Die Verantwortung liegt bei den Brands“, sagte Schragger. „Sie können den nötigen Druck aufbauen, die Dinge zu ändern.“

So erkennen auch die Produktionsbetriebe, dass sich eine nachhaltige Ausrichtung lohnt. Letztlich müssen alle Partner im System anfangen, Anreize auszuspielen, die den Umbau der gesamten Industrie ermöglichen.

Video: Nachhaltige Ideen für die Sportindustrie

Dr. Regina Henkel (Quelle: Dr. Regina Henkel)
Ein Beitrag von Regina Henkel, Autorin
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