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 Der Sportartikel-Markt spezialisiert sich auf Frauen
ISPO-MUNICH | 03.02.2017

Immer mehr Sportprodukte werden speziell für Frauen produziert

Ladies first: Wie sich der Sportartikel-Markt auf die Bedürfnisse von Frauen spezialisiert

Der Sportartikel-Markt spezialisiert sich auf Frauen . Ski für Frauen haben sich auf dem Markt etabliert: Der Handel hat erkannt, dass Frauen eigene Produkte brauchen. (Quelle: Dynafit)
Ski für Frauen haben sich auf dem Markt etabliert: Der Handel hat erkannt, dass Frauen eigene Produkte brauchen.
Bild: Dynafit
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Seit einigen Jahren sind Frauen-Ski, -Bikes, -Rucksäcke und ähnliche Produkte eine Selbstverständlichkeit. Das war nicht immer so und auch jetzt sehen Experten beim Thema frauenspezifische Produkte noch viel Potential. Waren es in den ersten Jahren fast ausschließlich Designunterschiede, drehen die Hersteller jetzt an anderen Stellschrauben.

Es war der Prokurist, der die Sache mit den Frauenrucksäcken bei Deuter ins Rollen brachte: 2005 fragte er sich, ob spezifische Frauenrucksäcke auch ein Thema sein könnten, schließlich gab es seit einigen Jahren auch Ski-Modelle speziell für Frauen. „Dann haben wir das einfach ausprobiert“, sagt Angela Vögele, Pressesprecherin der Deuter Sport GmbH, „und haben unsere kleinsten Rucksäcke, die S-Modelle, alle anprobiert.“

Der Aha-Effekt ließ nicht lange auf sich warten, kein Rucksack passte den weiblichen Mitarbeiterinnen bei Deuter so richtig. Auch die kleinsten Größen waren zu lang oder zu breit. „Dann sind wir einfach hergegangen und haben selbst entwickelt,“ sagt Vögele. Schon 2006 hatte Deuter die erste Serie mit Frauenmodellen am Start. Und inzwischen sei es selbstverständlich, dass es jeden Rucksack auch in der Damen-Variante gibt. In den ersten Jahren nach der Einführung der Frauen-Rucksäcke sei dies „immer noch ein Kampf gewesen. Sicherlich sind wir aber insgesamt unserer Zeit voraus.“

Frauen sind anspruchsvoller geworden

Thomas Wagner verkauft seit rund 30 Jahren bei Sport Schuster in München Ski. Inzwischen ist er dort Produktmanager Hardware – Outdoor und Schnee. Natürlich kann er sich noch an die Zeit erinnern, als es noch keine spezifischen Frauenski-Modelle gab. „Und als vor 15 bis 20 Jahren das Thema aufkam, haben wir das natürlich erst Mal im Bereich Optik abgehandelt“, sagt Wagner.

Heute sei das anders, sagt der Produktmanager. „Am Anfang haben Kundinnen natürlich nach der Optik geschaut, heute wollen sie wissen, was der Unterschied zwischen einem Unisex-Ski und einem Damen-Ski ist.“ Frauen seien anspruchsvoller geworden, hat der Produktmanager festgestellt. Zwei Punkte sind dabei zentral: Damen-Ski sind leichter und der Montagepunkt der Bindung ist ein Stück weiter vorne, dadurch lenkt der Ski leichter ein. Der Vorteil der Damen-Ski: Das Fahren wird ermüdungsfreier, es ist weniger Krafteinsatz nötig und macht so mehr Spaß.

In seiner Produktpalette hat Wagner nur Salomon, die eine andere Strategie fahren. Der Hersteller bietet in puncto Performance identische Ski im Unisex-Bereich und für Damen an. Diese haben nur ein anderes Design.

Erklärungsbedarf im Bereich Damen-Ski 

Wagner hat aber auch festgestellt, dass viele Frauen, die nach einem Top-Ski fragen, nicht an ein Damen-Modell denken. „Ein Damen-Ski wird bei sehr sportlichen Frauen oft noch als ‚Leichtschwung-Ski’ abgetan“, sagt der Verkäufer. 

Textilien und Equipment hat der Handel auf Frauen ausgerichtet. (Quelle: Dynafit)
Textilien und Equipment hat der Handel auf Frauen ausgerichtet.
Bild: Dynafit

Hier gebe es für ihn dann oft noch enormen Erklärungsbedarf, dass die Top-Damenmodelle sehr wohl für sehr ambitionierte Fahrerinnen entwickelt sind. Auch er sei schon mit Weltcupfahrerinnen unterwegs gewesen, die abseits des Trainings mit regulären Damen-Ski fahren und dies auch jeder Top-Fahrerin empfehlen würden. 

Potential in der frauenspezifischen Kommunikation

Deshalb sieht Wagner das größte Potential auch in der Kommunikation. Vielen Frauen sei noch gar nicht bewusst, welche Vorteile ein Damen-Ski hat: „Die Produkte sind, glaube ich, schon sehr ausgereift und gut. Aber es fehlt noch an der richtigen Kommunikation; also, was können Damen-Ski? Und vor allen Dingen welche Vorteile haben sie?“, sagt der Mitarbeiter von Sport Schuster. „Viele Kundinnen meinen noch immer, ein Frauen-Ski ist einfach nur weicher und macht deshalb keinen Spaß“.

An dieser besseren Kommunikation arbeitet auch Isabel Milbert, Marketing Specialist bei Dynafit, um mit potentiellen Kundinnen in Kontakt zu kommen „unterstützen wir seit diesem Jahr das erste Mal auch Frauen-Freeride-Camps.“ Hier könne man den Frauen viel genauer Details und Unterschiede erklären.

Lesen Sie hier: Zielgruppe Frauen – Diese Marketing-Tricks nutzen Sportbrands


Frauen werden bei den Herstellern mitgedacht

Dynafit hat seit ein paar Jahren die Zielgruppe Frau für sich entdeckt. Bei der Entwicklung neuer Produktlinien – unabhängig davon ob das Textilien, Rucksäcke, Schuhe oder Skitourenprodukte sind - werden die weiblichen Kundinnen immer mitgedacht. Die Damen-Tourenski – seit der Saison 2005/06 im Portfolio – seien nahezu baugleich, hätten aber eben die Vorteile, dass sie leichter, weicher im Flex und drehfreudiger seien. Der Bergausdauerspezialist fährt hier eine Doppelstrategie und hat vier Modelle mit spezifischen Damen-Varianten im Angebot und 11 Unisex-Modelle. 

Anders ist das allerdings bei den Schuhen. Da sich die Anatomie von Fuß und Unterschenkel von Frauen und Männern unterscheidet, sind auch die Dynafit-Schuhe in der Passform anders. „Bei Frauen setzt – in der Regel – die Wade tiefer an, so dass der Schuh-Schaft nach innen unten konvex aufgeschnitten ist, außerdem ist der Leisten ein bisschen schmaler“, sagt Milbert.

Zielgruppe Frau: Differenzierte Sicht im Bike-Bereich

Mit Blick in die Zukunft ist die Marketing-Spezialistin genauso wie Wagner überzeugt, dass noch sehr viel Potential in der Zielgruppe Frau steckt. Auf der ISPO MUNICH 2017 stellt Dynafit eine komplett neue Skipalette vor, auch hier wird das bisherige Konzept mit Unisex und speziellen Damenmodellen weitergefahren.

Fast alle Radhersteller stellen mittlerweile Bikes für Frauen her. (Quelle: Specialized)
Fast alle Radhersteller stellen mittlerweile Bikes für Frauen her.
Bild: Specialized

Natürlich versuchen auch die Hersteller im Bike-Bereich, Frauen mit spezifischen Rädern für sich zu gewinnen. Sehr differenziert geht einer der führenden Mountainbike-Hersteller auf dem Markt mit dem Thema um: Specialized habe schon immer den Anspruch gehabt, Frauen die gleichen Produkte anzubieten wie Männern, sagt Helena Pleier, PR Coordinator bei Specialized Germany: „Warum sollen nur Männer von technischen Innovationen profitieren?“

Specialized holt sich viel Feedback von weiblichen Bikerinnen

Man gebe sich sehr viel Mühe und höre darauf, was Frauen wirklich wollen. Anpassungen gebe es in jedem Fall bei den „frauenspezifischen Kontaktpunkten“, also bei Sattel, Lenker, Kurbel und den Federelementen. Interessant an dieser Stelle ist aber, dass Specialized bei der Geometrie differenziert: „Manche MTBs bauen wir mit einer frauenspezifischen Geometrie. Das ist aber nur dann der Fall, wenn sie Frauen einen echten Vorteil bietet“, sagt Pleier.

Beispielsweise habe man bei den Trailbikes Rhyme und Camber die Geometrie nicht angepasst, weil das Handling im Fokus steht. Pleier erklärt warum: „Die Rhyme- und Camber-Fahrerin will die gleichen Trails fahren und von den gleichen Fahreigenschaften profitieren wie die Herren, die Motivation für diese Fahrerin ist identisch mit der der Herren. Daher war es hier nicht notwendig eine Geometrie für Frauen zu entwickeln.“ 

Die Bike-Hersteller haben Änderungen an den fünf Kontaktpunkten vorgenommen. (Quelle: Specialized)
Die Bike-Hersteller haben Änderungen an den fünf Kontaktpunkten vorgenommen.
Bild: Specialized

Man setze aber trotzdem auf den „Womens RX Tune“, mit abgestimmter Gabel, Federung usw. In den kommenden Jahren will Specialized besonders Frauen im Einsteigerbereich noch mehr bieten, verrät Pleier mit Blick in die Zukunft.

Giant verzeichnet Erfolge mit eigener Frauen-Bike-Marke Liv

Einen ganz anderen Weg als Specialized ist Giant gegangen. Die Marke gilt als größter Fahrradhersteller der Welt und hat mit Liv vor wenigen Jahren eine eigene Frauenmarke gegründet. Ludi Scholz, Brand Manager bei Liv Germany erklärt: „Es geht nicht nur darum eigene Räder und Accessoires für Frauen zu produzieren, sondern vielmehr darum, Frauen zu motivieren einen neuen Sport auszuprobieren, sich in dieser (noch) Männer dominierten Sportart wohler zu fühlen oder einfach eine Gemeinschaft mit und durch diesen Sport zu kreieren.“

Die Zwischenbilanz von Liv fällt sehr positiv aus, doch Scholz sagt auch, dass es eine Herausforderung ist, Kritiker und Zweifler um zu stimmen und Frauenbikes als Erweiterung in der Bike Szene zu festigen. „Die Nachfrage und Verkaufszahlen bestätigen den Erfolg“ so die Brand Managerin, „es braucht aber noch Zeit um aus dem Hype ‚Frauenbikes’ heraus zu wachsen und diese Bikes als „normal“ zu akzeptieren.“

 (Quelle: CK)
Ein Beitrag von Claudia Klingelhöfer, Autorin
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