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 Produktpiraterie: Schlimmer Schaden für die Gesellschaft
Sportbusiness | 02.12.2016

Rechtsanwalt Schäfer klärt auf: Schaden für Gesellschaft und Sportartikelindustrie

Produktpiraterie: Die gefährlichen Folgen gefälschter Sportartikel

Produktpiraterie: Schlimmer Schaden für die Gesellschaft. Gefälschte Produkte verursachen bei den Herstellern und Marken hohe Einbußen. (Quelle: Thinkstock)
Gefälschte Produkte verursachen bei den Herstellern und Marken hohe Einbußen.
Bild: Thinkstock
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Gefälschte Sportartikel fügen der Sportindustrie einen beträchtlichen Schaden zu. Sie zu kaufen, ist weder Kavaliersdelikt noch smart. Denn investigative Recherchen belegen eine Verbindung zwischen Produktpiraterie und Terrororganisationen.

Rechtsanwalt Dr. Jochen M. Schäfer, Syndikusanwalt des Weltverbandes der Sportartikelindustrie (WFSGI) sowie des Europäischen Sportartikelverbandes FESI, klärt im Gastbeitrag über die Zusammenhänge auf und gibt Handel und Endverbrauchern Tipps.

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Am 17. November 2016 erschien in diversen Medien die Nachricht, dass der Justiz in Baden-Württemberg der – nach eigenen Angaben – „größte Schlag gegen Produktpiraterie in Europa seit Jahrzehnten“ geglückt sei. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart bestätigte, dass bis zu zwei Millionen CDs, DVDs und Schallplatten bei Durchsuchungen im Raum Göppingen und Schwäbisch Hall sowie in Polen sichergestellt wurden.

Und doch ist dies nur die Spitze des Eisbergs. Auch Sportartikelindustrie und Handel werden stark durch illegale Umsätze mit Produktfälschungen geschädigt. Gefälschte Sportartikel wurden offenbar sogar für die Finanzierung terroristischer Aktivitäten genutzt.

Bankauszüge des Paris Attentäters Chérif Kouachi über Bestellungen gefälschter Sportartikel bei chinesischen Onlineplattformen. (Quelle: plusminus)
Bankauszüge des Paris Attentäters Chérif Kouachi über Bestellungen gefälschter Sportartikel bei chinesischen Onlineplattformen.
Bild: plusminus

Globale Seuche Produktpiraterie: Wie groß ist ihr Ausmaß?

Herstellung und Handel mit gefälschten Produkten verursachen massive wirtschaftliche Schäden. Eine aktuelle OECD-Studie vom April 2016* weist aus, dass

  • im Jahr 2013 die Produktpiraterie bis zu 2,5 Prozent des Welthandels insgesamt ausmachte, dies repräsentiert einen Wert von 461 Milliarden US-Dollar. 
  • gefälschte Waren in der EU einen Anteil von bis zu 5 Prozent aller Einfuhren erreichen, dies entspricht einem Wert von 85 Milliarden Euro – mit steigender Tendenz. 

*) OECD und European Union Intellectual Property Offices (EUIPO) Studie: Trade in Counterfeit and Pirated Goods - Mapping the Economic, veröffentlicht April 2016


Sport- und Freizeitartikel haben hierbei einen ganz erheblichen Anteil am Gesamtvolumen. Der Verkauf gefälschter Artikel durch Produktpiraten kosten den legitimen Herstellern und Marken in der EU jedes Jahr 500 Millionen Euro; das geht hervor aus einer speziellen Studie für Sportartikelindustrie und Handel, wie es  in einer Pressemitteilung des Harmonisierungsamtes für den Binnenmarkt (HABM) – der größten Agentur der EU für geistiges Eigentum – vom 10. September 2015 heißt.

Die Verkaufsverluste für den Handel machen 6,5 Prozent aller Verkäufe in der Branche aus, verursachen 2800 direkte Arbeitsplatzverluste sowie 5800 indirekte. Den EU-Staaten gehen dadurch 150 Millionen Euro an Sozialbeiträgen und Steuern verloren.

Wie gehen Verbraucher, Politiker, Gerichte und Rechtsverfolgungsorgane mit dem Thema Produktpiraterie um?

Vielfach werden der Kauf und der Besitz gefälschter Waren immer noch als eine Art Kavaliersdelikt nicht nur seitens vieler Endverbraucher, sondern leider auch von gesetzgeberischer Seite angesehen. Ansonsten gesetzestreue Bürger zeigen insbesondere nach der Rückkehr aus dem Urlaub im Bekanntenkreis stolz wie Trophäen die überaus „günstig“ erworbenen gefälschten Markenwaren.

„Die kann doch kaum jemand vom echten Produkt unterscheiden“, heißt es dann oft. Selbst wäre man „nicht so dumm, die absurd überhöhten, exzessiven Margen der Hersteller und Vertreiber von Markenwaren zu akzeptieren“. Leider keine Einzelmeinung.

Produktpiraterie als Bindeglied zwischen Produktion und Vertrieb gefälschter Waren und der Finanzierung terroristischer Aktivitäten

In seiner Sendung vom 24. August 2016 nahm sich das ARD-Magazin „plusminus“ dem Thema Produktpiraterie an. Ein BR-Team hat über Jahre hinweg teilweise unter gefährlichen Umständen recherchiert und dabei brisante Zusammenhänge zwischen Produktpiraterie und der Finanzierung terroristischer Aktivitäten und internationalen Terror-Netzwerken aufgedeckt.

Der Beitrag sendet ein starkes Signal an – auf diesem Gebiet oft ahnungslose – Endverbraucher, aber auch an Politik, Sicherheitsbehörden und andere Institutionen. Denn: Der Erwerb gefälschter Produkte unterstützt nicht nur eine Schattengesellschaft von Drogen- und Waffenhändlern und das organisierte Verbrechen generell, sondern dient auch Terroristen. Durch die Gewinne aus dem Verkauf gefälschter Produkte können sie sich die notwendigen Mittel für Vorbereitung und Durchführung ihrer grausamen Taten beschaffen.

Warum ist Produktpiraterie ein „tödliches Geschäft“?

Beim Angriff auf das Pariser Redaktionsbüro von „Charlie Hebdo“ kamen im Januar 2015 zwölf Personen ums Leben. Der „plusminus“-Beitrag zeigt, dass sich der Attentäter Chérif Kouachi und sein Bruder unter anderem durch den Verkauf gefälschter Sportartikel auf Flohmärkten finanziert haben sollen. Die Produkte haben sie demnach über Onlineplattformen der chinesischen Alibaba-Gruppe bezogen.

Den Profit nutze Chérif Kouachi, um seine Reisen in Terrorcamps und den Kauf diverser Schusswaffen zu finanzieren, hieß es weiter. „Wir schätzen, dass die Einnahmen aus diesen illegalen Geschäften ihm über ca. vier Jahre hinweg einen Umsatz von 30.000 bis 50.000 Euro einbrachten“, sagte der renommierte französische Antiterrorexperte Jean-Charles Brisard im „plusminus“-Beitrag.

Die Einnahmen hätten es Kouachi ermöglicht, „zur Al-Kaida-Organisation auf der Arabischen Halbinsel nach Oman und Jemen zu reisen und wir wissen, dass diese Gelder auch dazu benutzt wurden, Waffen für die Attacke im Januar 2015 zu beschaffen“, sagte Brisard.

Produktpiraterie – kriminelles Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts?

Auch der Verband der französischen Markenartikelhersteller (Unifab) schließt sich dieser Einschätzung an. Dessen Vizepräsident, Philippe Coen, betont: „Es ist absolut erforderlich, dass wir uns nach diesen schrecklichen Jahren des Terrorismus in Europa näher mit der Finanzierung terroristischer Aktivitäten beschäftigen. Ohne über Gelder zu verfügen, können keine Anschläge verübt werden.“

Musée des Contrefacons in Paris/Museum der Fälschungen, Paris  (Quelle: plusminus)
Musée des Contrefacons in Paris/Museum der Fälschungen, Paris
Bild: plusminus

Unifab habe nach einigen Recherchen und Untersuchungen herausgefunden, dass Produktpiraterie eine Schlüsselrolle für diese Terroristen einnehme.

Der „plusminus“-Beitrag belegt durch konkrete Beispiele, welche weitverzweigten globalen Netzwerke es in diesem Bereich gibt, aber auch, wie wenig seitens vieler Strafverfolgungsbehörden in Europa hinweg getan wird, um diesen Sumpf trockenzulegen.

Die Drahtzieher im Hintergrund werden häufig nicht gefasst, die Sanktionen für die Herstellung und den Vertrieb gefälschter Waren sind oft lächerlich gering bzw. werden durch vorhandene Gesetze von Behörden und Gerichten nicht ausgeschöpft.

Wie kann die Branche kollektiv Produktpiraterie bekämpfen?

Die Sportartikel-Branche hat bereits Maßnahmen ergriffen. Auf Ebene des Weltverbandes der Sportartikelindustrie (WFSGI) durfte ich das mittlerweile sehr erfolgreiche Branchenprojekt der kollektiven Verfolgung von illegalen Aktivitäten initiieren. Es richtet sich vor allem gegen das Angebot gefälschter Waren – insbesondere auf chinesischen Onlineplattformen.

Als exklusiven Kooperationspartner hat die WFSGI dafür den spezialisierten Dienstleister Convey aus Italien gewonnen. An diesem beteiligen sich mittlerweile allein über 50 Mitgliedsunternehmen des WFSGI.


Im Rahmen dieser Aktivitäten ist es gelungen, über 160.000 Webseiten mit illegalen Offerten zu schließen – und damit Transaktionen im Wert von insgesamt über 9,5 Millionen Euro zu verhindern.

Können Industrie und Handel noch mehr gegen Produktpiraten tun?

Beide, Industrie und Handel, sind aus meiner Sicht aufgerufen, mehr als in der Vergangenheit gegen Produktpiraterie vorzugehen. Es gilt Wege zu finden, um Endverbraucher darüber aufzuklären, dass sie den Erwerb gefälschter Markenwaren unterlassen. Schließlich ist dies im Grunde nichts anderes, als im Sportgeschäft Produkte aus den Regalen zu nehmen und ohne zu bezahlen zu gehen.

Aufklärungsstrategie: Wer möchte sich zum Komplizen von Verbrechern und Terroristen machen?

Verbraucher müssen wissen: Kaufen sie gefälschte Waren, kann dies der Finanzierung des internationalen Terrorismus dienen. Wie dies mit dem eigenen Gewissen zu vereinbaren ist, sollte sich jeder Einzelne überlegen.

Industrie und Handel sollten – gegebenenfalls auch auf Verbandsebene – überlegen, ob es nicht möglich wäre, gemeinsame Botschaften an Endverbraucher, Gesetzgeber, Politiker und Strafverfolgungsbehörden zu senden. Produktpiraterie ist längst kein Bagatelldelikt mehr, sondern hat gefährliche Folgen für die Gesellschaft.

Über den Autor:

Dr. Jochen M. Schäfer ist Rechtsanwalt und seit vielen Jahren der Syndikusanwalt des Weltverbandes der Sportartikelindustrie (WFSGI) sowie des Europäischen Sportartikelverbandes FESI. Er zählt zahlreiche namhafte Unternehmen der Branche zu seinen Mandanten mit den Beratungsschwerpunkten nationaler und internationaler Vertrieb, IP- und Risikomanagement sowie Vertragsgestaltung.
Bei Fragen ist er unter sj@sjlegal.de oder +49-151-16407932 erreichbar.

Dr. Jochen M. Schäfer ist Rechtsanwalt und seit vielen Jahren der Syndikusanwalt des Weltverbandes der Sportartikelindustrie. (Quelle: privat)
Ein Beitrag von Jochen M. Schäfer, Rechtsanwalt
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