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 „Einzelstücke statt Massenware“
Textilien | 02.12.2015

Intelligente Textilien

„Einzelstücke statt Massenware“

„Einzelstücke statt Massenware“. Trikots auf einem Kleiderständer aufgehängt
Sportkleidung beschreitet eine rasende Evolution
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Was werden wir in 20 Jahren tragen? Wird unser Outfit aussehen wie das einer Science-Fiction-Figur? Glaubt man den Prognosen der Textilingenieure, hüllen wir uns in Hosen, Jacken und Hemden, die mitdenken, schützen, wärmen und kühlen. Die Aussichten sind spannend: Zukunftsforscher Thomas Strobel hat untersucht, was die Textilindustrie revolutionieren wird.

Intelligente Textilien – wie massentauglich ist dieser Trend?
Hätten wir vor 20 Jahren über ein Telefon mit Kamera gesprochen, hätte man gesagt: Technisch vielleicht möglich, aber massentauglich ist das nicht. Heute sind wir glücklich, wenn das Handy weiter eine Telefonfunktion hat. Diese Diffusion der Technik wird vor der Kleidung nicht haltmachen. Was uns exotisch vorkommen mag, birgt ungeheuer viele Möglichkeiten. Intelligente Textilien könnten 365 Tage im Jahr EKGs aufzeichnen. Unsere Gesundheitsdaten würden so dauerhaft beobachtet, protokolliert und ausgewertet. Bei Unregelmäßigkeiten oder Störungen würde uns ein Arztbesuch empfohlen. Das wäre so wie beim Bordcomputer im Auto, wenn dessen Servicelampe aufleuchtet. Den Smart Clothes gehört die Zukunft, weil sie für viele Bereiche interessant sind. Nehmen wir den Gesundheitssektor und die Krankenkassen. Es ist billiger, Gesundheit dauerhaft überwachen zu lassen und früh eingreifen zu können, als große Operationen machen zu müssen. Stelle ich meiner Kasse diese Daten zur Verfügung, könnte diese das mit einem attraktiveren Tarif belohnen.

Badehose misst UV Belastung

Nicht jeder findet die Vorstellung sympathisch, dass jetzt auch noch unsere Unterwäsche Daten sammelt.
Das ist nachvollziehbar. Aber jeder könnte entscheiden, welche Funktion in seine Kleidung integriert sein soll und worauf er keinen Wert legt. Wie bei vielen Konsumentenfragen ist auch hier entscheidend, über welchen Kanal sich etwas verbreitet. Setzen sich Smart Clothes über die Unterhaltungsschiene, über den Bereich Fitness und Wellness oder über telemedizinische Anwendungen durch? Manch einer findet es attraktiv, wenn das T-Shirt täglich die Schrittzahl misst, und postet das Ergebnis bei Facebook. Ein anderer schätzt die Badehose mit intelligentem UV-Schutz, die ihn nach 30 Minuten auffordert, in den Schatten zu gehen, und ein Dritter freut sich, wenn sein Schlafanzug seine Vitalfunktionen zuverlässig überwacht und ihn bei Problemen weckt.


Könnten intelligente Textilien in der alternden Gesellschaft Betreuungsplätze ersetzen und fehlendes Pflegepersonal kompensieren?
Gerade im medizinnahen Bereich sind viele Anwendungen denkbar, mit deren Hilfe Menschen sich wohler und sicherer fühlen könnten: Stürze ließen sich automatisch registrieren und Notrufe automatisch absetzen, über Jacken mit integrierten GPS-Sendern könnten Personen gefunden werden. Wir unterstützen mit intelligenten Textilien, dass alternde Menschen weiter allein leben und unabhängig bleiben können. Hier klafft in unserer Zukunftsplanung noch eine Riesenlücke.

Kleidung der Zukunft wird teurer

Kann man Hightech-Textilien denn zu erschwinglichen Preisen anbieten?
Wir müssen bei der Kleidung der Zukunft davon ausgehen, dass sie teurer wird, zumal sie mehr Funktionen bietet. Damit einhergehen wird der Wunsch nach einer höheren Lebensdauer der Textilien, die sowieso aus Nachhaltigkeitsgründen sinnvoll ist. Wir haben in der Mode heute – überspitzt formuliert – das Diktat der Farbe: Alle sechs Monate erscheint ein Kleidungsstück als „alt“, weil die Farbe scheinbar nicht mehr modern ist. Das wird schon aus Ressourcengründen nicht weiter funktionieren. Sobald wir Kleidungsstücke mit zusätzlichen Funktionen ausstatten, wird sich deren Lebensdauer auf die von Handys einpendeln, also zwischen 18 und 24 Monate.

Viele Länder entdecken gerade die Mode. Die Schwellenländer haben einen enormen Nachholbedarf. Warum sollten hier langlebige Produkte gefragt sein?
Ich glaube nicht, dass das komplett ausgelebt wird. Der Trend geht in eine andere Richtung: Wir werden nicht mehr all diese Menschen mit Autos mit Benzinmotoren mobilisieren und wir werden sie nicht mit all den Modewellen beglücken, die wir schon hinter uns haben. Das wird so laufen wie bei der Telekommunikation: In den Entwicklungsländern hat sich die Festnetztelefonie gar nicht erst entwickelt, sondern nur die Mobiltelefonie. Wahrscheinlich werden Entwicklungsschritte einfach übersprungen.

Materialien wechseln Farben

Angeblich gibt es mittlerweile mehr Mobiltelefone als Zahnbürsten auf der Welt, sagt zumindest der Softwarehersteller SAP. Aber jetzt mal konkret: Was tragen wir 2025? Haben wir überhaupt noch ein Handy oder können wir mithilfe unseres Jackenärmels telefonieren?
2025 gibt es keinen Grund mehr, ein Handy mit sich herumzutragen. Die Telekommunikation übernehmen Applikationen in unserer Kleidung. Diese wird, wie schon gesagt, langlebiger und individuell gestaltet sein. Was den Komfort angeht, gibt es noch einmal einen Riesenschritt nach vorn: Unsere Kleidung heizt und kühlt, Schweißflecken gehören der Vergangenheit an. Wenn die Computerbrille von Google sich nicht am Markt durchsetzt, könnten auch in die Kleidung integrierte Displays attraktiver und wahrscheinlicher werden.

Und was wird aus der Mode?
Modeaspekte werden über Applikationen abgedeckt. So lassen sich Flächenelemente – zum Beispiel im Brustbereich – auswechseln oder man bringt auf den Ärmeln Zusatzelemente an. Es gibt in den Labors bereits Versuche mit Materialien, die ihre Farbe wechseln. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir mit 16 Farben starten und später aus 16 Millionen wählen können. Aktuelle Modefarben gibt es dann als Download.


Intelligente Kleidung braucht intelligente Macher

Bald soll man Kleidung am 3-D-Drucker auch individuell per Mausklick konfigurieren können. Wie kann man diese dann zeitnah herstellen?
Dazu haben wir verschiedene Szenarien untersucht. In der Logistik müssten wir uns viel stärker in Richtung reale Kosten bewegen. Diese sind im Moment viel zu niedrig gemessen an dem Schaden, den wir unserer Umwelt damit zufügen. Und da wir mittelfristig nachhaltig denken müssen, werden die Logistikkosten steigen. Wir müssen schon daher näher am Kunden produzieren. Auch weil die Funktionalisierung von Kleidung dazu führen wird, dass aus Massenware Einzelstücke werden. Wie das klappen kann, zeigt die Automobilindustrie, die auf einem Band parallel vier, fünf Baureihen produziert. Mit unserem 3-D-Drucker zu Hause funktioniert das für Kleidung nicht, aber mit Produktionszentren in der Nähe von größeren Städten ist es denkbar.

Baumwolle wird knapp und verbraucht viel Wasser, Kunstfasern basieren auf Erdöl. Kommen Naturfasern?
Das kann ich nicht eindeutig beantworten. Wir erwarten ein Wettrennen von Lösungen. Hier wird es eher kein Entweder-oder geben, sondern ein „Was, wann, wofür genau“. Bei Naturfasern haben wir die Schwierigkeit, dass wir die Homogenität des Werkstoffs anders als bei Kunstfasern nicht garantieren können. Wenn wir in Fertigungsprozessen damit umgehen können, haben solche Fasern eine Chance. Allerdings muss die Naturfaser sich auch durchsetzen in der Landwirtschaft. Das heißt: Welche Pflanzen brauchen wir für Nahrung, welche für Biosprit, welche für Kleidung? Was wir im Bereich Bekleidung schon erkennen können: Wenn wir nachhaltiger werden können, sollten wir das tun. Wenn wir Erdöl mit nachwachsenden Rohstoffen ersetzen können, sollten wir das tun. Unterm Strich versprechen Naturfasern den höchsten Nutzungsgrad: Geschlossene Kreisläufe lassen sich mit ihnen leichter realisieren.

Was ändert sich in den Forschungslabors?
Für ein intelligentes Kleidungsstück muss man interdisziplinär arbeiten. Die Industrie braucht dazu Designer, Textiler, Maschinenbauer, Mediziner. Die müssen überlegen: Welche Materialien verwenden wir dafür, wie stellen wir es her, wie sichern wir, dass es Kundennutzen hat, und ganz wichtig, wie können wir es später wieder einsammeln und recyceln?

ISPO (Quelle: ISPO)
Ein Beitrag von ISPO.com, Redaktion
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