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 Klettern aus Business-Sicht: Wie lange hält der Trend?
Outdoor | 08.06.2017

Analyse von Experte Stefan Glowacz

Klettern aus Business-Sicht: Boulderhallen machen den Einstieg in den Klettersport leicht

Klettern aus Business-Sicht: Wie lange hält der Trend?. Weltweit unterwegs: Hier klettert Stefan Glowacz in der französischen Verdonschlucht. (Quelle: Stefan Glowacz)
Weltweit unterwegs: Hier klettert Stefan Glowacz in der französischen Verdonschlucht.
Bild: Stefan Glowacz
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Welche Zukunft haben Klettern und Bouldern aus Business-Sicht? Als Unternehmer, Abenteurer und Profi-Kletterer beschäftigt sich Stefan Glowacz sehr damit, wie sich sein Sport weiterentwickelt. Vor kurzem hat er seine Firma Red Chili an Edelrid verkauft. Kaum jemand verfügt über mehr Kletter-Insiderwissen als der 52-Jährige, der hier bei ISPO.com als Gastautor über die Trends und Entwicklungen im Klettersports schreibt.

Von Stefan Glowacz

Anfang 2016 habe ich eine Prognose abgegeben, die sich mittlerweile bestätigt hat: Klettern ist zum Fitnesssport geworden – und ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen.


Mittlerweile gibt es in jeder größeren Stadt eine Kletter- oder Boulderanlage. Darunter gibt es auch einige Boulderhallen 2.0, wie ich sie nennen würde: Zum Beispiel die Boulderwelt West in München, wo ich oft trainiere: Auf zwei Etagen wird nicht nur gebouldert, sondern auch ein Core- und Yogatraining angeboten sowie ein großer Kinderbereich mit entsprechenden Betreuungsprogrammen.

Also, ja – Klettern bleibt die Kernsportart, wird aber Bestandteil eines Fitness-Angebotes. In diesem Beispiel, aber im großen Zusammenhang.

Seine letzte Expedition führte Stefan Glowacz (r.) mit Robert Jasper auf Baffin Island zum Extrem-Klettern. (Quelle: Stefan Glowacz)
Seine letzte Expedition führte Stefan Glowacz (r.) mit Robert Jasper auf Baffin Island zum Extrem-Klettern.
Bild: Stefan Glowacz

Heute konsumiert man Klettern

Das bedeutet natürlich auch, dass die Herangehensweise der heutigen Kletterer eine ganz andere ist als vor vielleicht noch zehn Jahren. Früher lief der Approach häufig über die Natur, auch über die Auseinandersetzung mit der Historie des Freikletterns. Heute geht man in die Halle und konsumiert Klettern.

Im ersten Schritt sind viele gar nicht daran interessiert, wirklich mehr über das Klettern und seine Herkunft zu erfahren. Das kommt in manchen Fällen vielleicht später. Und ich sehe es als Aufgabe von uns, damit meine ich die ältere, etabliertere Generation, dafür zu sorgen, dass die Geschichte des Kletterns nicht verlorengeht.

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Tatsächlich muss ich feststellen, dass es in vielen Klettergebieten draußen und in den Alpen mittlerweile ruhiger geworden ist als früher. Es gibt natürlich viel mehr erschlossene Felsen, der Ansturm auf einige wenige hat sich also entzerrt.

Damals war das so: Es ist ein Artikel über ein Gebiet in Südfrankreich in einer Fachzeitschrift erschienen – im nächsten Urlaub war es komplett überfüllt. Und zwar mit internationalen Kletterern.

Klettern und Bouldern bieten Lifestyle

Heute gibt es in den Alpen und den meisten europäischen Ländern eine Vielzahl an Klettergebieten und damit genügend Platz für alle, die den Schritt aus der Halle wagen.

Als Unternehmensgründer haben Uwe Hofstädter und ich Red Chili genau für diese neue Zielgruppe und dieses Segment des Klettersports aufgestellt: Wir wollen gerade auch einem Hallenkletterer und Boulderer genau das bieten, was er braucht: Den perfekten Kletterschuh für sein individuelles Leistungsniveau, Chalk, Chalkbag oder Boulderbag und Bekleidung, in der er sich wohl fühlt und sich bewegen kann.


Klettern, aber vor allem Bouldern, ist hip und wird mit einem entsprechenden Lifestyle verbunden. Daher ist die Red Chili Klettermode weit mehr als nur Bekleidung, in der man seinen Sport betreibt. Sie ist Ausdruck eines Lebensgefühls und Lebensstils.

Wir haben unsere Wurzeln als Unternehmen seit 20 Jahren im Klettersport, genau in diesem Segment. Deshalb waren wir auf die jüngste Entwicklung zwar vorbereitet, stießen aber beim internationalen Vertrieb und dem Ausbau des Produktportfolios an unsere Grenzen. Durch die Kooperation mit Edelrid haben wir einen großartigen Vertriebspartner gefunden.

Image als Kletterer ist schick

Möglicherweise wird Klettern auch irgendwann für die ganz großen Konzerne interessant, so wie das beispielsweise im Fitness-Bereich bei Reebok und Crossfit passiert ist. Five Ten soll ja bald ins Outdoor-Geschäft von Adidas integriert werden, hieß es zuletzt. Was das für die Kletter-Marke, die Adidas 2011 für 25 Millionen US-Dollar kaufte, letztlich bedeutet, bleibt abzuwarten.

Die schönsten Eindrücke vom Dienstag von der ISPO MUNICH 2016 (Quelle: Messe München GmbH)
Stefan Glowacz und David Lama auf der ISPO MUNICH 2016
Bild: Messe München GmbH

Grundsätzlich ist es schon immer schick, im sozialen Umfeld als Kletterer auftreten zu können und wahrgenommen zu werden: Die Sportart steht für Unabhängigkeit und Freiheit, draußen sein und fürs Aufbrechen. Selbst wenn ein Großteil der Konsumenten die Halle nicht verlassen werden.

Klettern ist positiv besetzt, frei von Skandalen und Themen wie Doping. Gerade das Bouldern steht zudem für einen besonders hohen Social-Faktor.

Bouldern macht sofort Spaß

Überhaupt hat Bouldern vielen Leuten einen Einstieg ermöglicht, die das Klettern an sich zwar faszinierend fanden, aber durch die notwendige sicherheitsrelevante Ausrüstung und das Erlernen der Sicherungstechnik immer noch abgehalten wurden.

Jetzt geht man in die Boulderhalle und hat sofort Spaß auch ohne jegliche Vorkenntnisse. Diese neue Zugänglichkeit ist maßgeblich Grundlage des Kletter-Booms – der ganz sicher noch mindestens die nächsten zehn Jahre anhalten wird.


Klettern benötigt Ausbildung

Man muss auch unbedingt wieder feststellen: Der Schritt vom Bouldern zum Klettern mit Sicherungsgerät und Seil ist ein durchaus erheblicher. Es ist ein ernsthafter Sport, der eine entsprechende Ausbildung verlangt.

Ich sehe selbst öfter in den Hallen, dass dies bei weitem nicht immer der Fall ist und bekomme haarsträubende Fehler mit. Das ist im ersten Schritt die Verantwortung der Hallenbetreiber: Dafür zu sorgen, dass jeder Kletterer den entsprechenden Ausbildungsstand hat, für die eigene und die Sicherheit der Partner zu sorgen.

Von verpflichtenden Regeln und Gesetzen in den Hallen, etwa welche Sicherungsgeräte zu verwenden sind, halte ich allerdings nichts: Dafür ist für mich Klettern immer noch zu sehr mit dem Privileg der persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit verbunden. Für mich macht die Faszination des Kletterns eben auch ganz besonders aus, nicht von den Regularien und Vorschriften abhängig zu sein, die in vielen anderen Sportarten vorherrschen.

Bouldern – bei blauem Himmel in der Natur, sonst in der Boulder-Halle (Quelle: Thinkstock )
Bouldern – bei blauem Himmel in der Natur, sonst in der Boulder-Halle
Bild: Thinkstock

Der Kletterer muss mündig bleiben – und nicht die Verantwortung für das, was er tut, an der Kasse abgeben. Er übt seinen Sport, unabhängig von der Leistungsstufe, bewusst aus und weiß, wie gefährlich Schlampigkeit sein kann. Deshalb wählt er seine Ausrüstung seinem Können und seiner Erfahrung entsprechend mit Bedacht aus.

Offen für Sicherung durch Maschine

Klar gibt es hier noch Nachhol- und Lehrbedarf. Ich würde es für sinnvoll erachten, wenn in den Kletterhallen auch Personal direkt an den Wänden unterwegs ist, das den Leuten Tipps geben und wenn notwendig korrigieren kann – um auf diese Art und Weise Unfälle zu vermeiden.

Dem logischen nächsten Schritt der Sicherungstechnik, Automaten die auch einen Vorstieg sichern können, stehe ich recht offen gegenüber: Natürlich verändert sich auch der traditionsreiche Sport Klettern. So lange die Idee und die Faszination nicht verloren geht, steht für mich rein technisch nicht im Vordergrund ob mich ein Partner oder eine Maschine sichert.

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Was für den Partner spricht, ist natürlich ganz klar der soziale Aspekt – der eben auch die Boulderhallen so erfolgreich gemacht hat. Jeder findet sofort Anschluss und ein Umfeld, niemand ist als Eigenbrötler unterwegs, sondern schnell Teil einer Community. Ich hoffe, dass sich dieser Trend über den technischen Fortschritt nicht wieder rückentwickelt.

Mir macht es immer wieder Spaß, mit anderen Kletterern ins Gespräch zu kommen und Tipps zu geben – oder auch einmal auf einen Fehler aufmerksam zu machen. In meiner Stamm-Boulderhalle dürften mich zu meinen Uhrzeiten mittlerweile so ziemlich alle kennen!

Über den Autor:

Stefan Glowacz hat als Kletterer die schwersten Routen überall auf der Welt erobert – mit seiner Firma Red Chili, die nun zu Edelrid gehört, ist der 52-Jährige zudem als Unternehmer und Entwickler tätig: Kaum jemand kennt die Sportarten Klettern und Bouldern in all ihren Facetten so gut wie er. 

Video: Die Outdoor-Trends des Jahres

Stars at the ISPO MUNICH 2016 (Quelle: Messe München GmbH)
Ein Gastbeitrag von Stefan Glowacz, Extremkletterer, Abenteuerer und Unternehmer
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