ISPO.com is also available in English ×
Blitzumfrage für Business Professionals: Ihre Meinung zählt! Jetzt teilnehmen – in nur zwei Minuten
 „Breaking2“: So jagt Nike nach dem Marathon-Weltrekord
Running | 07.05.2017

Schneller als Kimetto, aber Weltrekord des Adidas-Manns besteht weiter

„Breaking 2“: Nike-Marathonläufer Eliud Kipchoge scheitert an Zwei-Stunden-Marke

„Breaking2“: So jagt Nike nach dem Marathon-Weltrekord . 26 Sekunden fehlen Eluid Kipchoge bei der Nike-Mission in Monza, die Marathon-Distanz erstmals in unter zwei Stunden zu laufen. (Quelle: Nike)
26 Sekunden fehlen Eluid Kipchoge bei der Nike-Mission in Monza, die Marathon-Distanz erstmals in unter zwei Stunden zu laufen.
Bild: Nike
Artikel teilen:
Artikel bewerten:
Nike nennt es „Breaking2“: Drei der schnellsten Marathonläufer der Welt haben am 6. Mai 2017 in Monza einen Weltrekord-Versuch gestartet. Die Nike-Runner Lelisa Desisa, Zersenay Tadese und Eliud Kipchoge wollten in einer Art „Lauf-Labor" den Marathon unter zwei Stunden laufen. Nicht nur für den Sport und für Nike. Sondern auch ein bisschen gegen Adidas. Am Ende wurden es 2:00:25 – gelaufen vom Kenianer Eliud Kipchoge.

Lesen Sie hier einen Gastbeitrag von Urs Weber, Laufexperte, Autor und Fachredakteur der deutschen RUNNER'S WORLD.


Es war kein „normaler“ Marathonlauf wie etwa in Berlin, Frankfurt, London oder New York, sondern ein inszeniertes Marathonrennen auf einer abgesperrten Rennstrecke in Monza. Den drei Läufern kam es nicht auf den Sieg an. Für Lelisa Desisa, Zersenay Tadese und Eliud Kipchoge sollte es nur darum gehen, den Marathon unter zwei Stunden zu laufen. So das vordergründige Ziel von „Breaking2“, so haben die Marketing-Experten von Nike die Mission benannt.

Aber im Grunde geht es um mehr. Um sehr viel mehr. Es geht um Werbung. Es geht um Marketing. Es geht um Technologie. Es geht darum, welcher Sportartikel-Hersteller das Rennen macht, also um Prestige. Mit einem riesigen Marketing- und PR-Team steht Nike hinter der Aktion in Monza.

Marathon und Laufbranche: Nike will aufholen

Und damit will das US-Unternehmen Boden gut machen, speziell im Running-Bereich, aber auch im Sport allgemein. Nike ist zwar weltweit die Nummer 1 der Sportartikel-Hersteller. Aber die Konkurrenz rückt auf, setzt zum Überholen an.

Und im Running – der Sportart, mit der Nike groß geworden ist – steht es im Prestigeduell mit Adidas 1:0 für den deutschen Sportartikel-Konzern aus Herzogenaurach.

Urs Weber: Der Running-Experte moderierte auf der ISPO MUNICH 2017 das Laufschuhsymposium.
Urs Weber: Der Running-Experte moderierte auf der ISPO MUNICH 2017 das Laufschuhsymposium.

Die Bilanz der großen Marathonerfolge ist eindeutig. So eindeutig, dass man von einer Dominanz von Adidas sprechen kann. Das muss die Nike-Schuhentwickler fürchterlich nerven – und die Marketing-Abteilung vermutlich noch mehr.

Der aktuelle Marathon-Weltrekord von 2:02:57 Stunden wurde von Dennis Kimetto in Adidas-Schuhen gelaufen. In Schuhen, die 230 Gramm wiegen, deren Mittelsohlenschaum aus einem e-TPU-Material besteht – und die für jeden Läufer im Fachgeschäft oder online erhältlich sind. So kann jeder Freizeitläufer ein bisschen Dennis Kimetto spielen, jedenfalls so lange, wie er das Tempo von 2:54 Minuten pro Kilometer, also das Weltrekord-Tempo durchhält.

Lelisa Desisa, Zersenay Tadese oder Eliud Kipchoge sollten das ändern. Damit Nike sagen kann: Seht her, das sind die schnellsten Marathon-Schuhe der Welt, sie kommen von uns. Und tatsächlich blieb Kipchoge weit unter der Bestmarke von Kimetto, aber weil die Zeit von 2:00:25 Stunden unter künstlichen Bedingungen stattfand, zählt sie nicht als Weltrekord.

Auf der Jagd nach dem Marathon-Weltrekord: Lelisa Desisa, Zersenay Tadese und Eliud Kipchoge. (Quelle: Nike)
Auf der Jagd nach dem Marathon-Weltrekord: Lelisa Desisa, Zersenay Tadese und Eliud Kipchoge.
Bild: Nike

Wie wichtig sind die Laufschuhe?

Mit der Mission „Breaking2“ rollt Nike auch eine Marketing-Kampagne für seine neuen Laufschuhe aus. Welche Rolle spielen die Laufschuhe? Vor allem: Welche Rolle spielt das Gewicht der Schuhe? Elite-Läufer wollen für sich das Optimum erreichen, da zählt jedes Gramm.

Und Trainer wollen das Beste für Ihre Athleten, gleichermaßen wie die Schuhentwickler. Die Dassler-Brüder waren genauso von der Gewichts-Frage besessen wie Bill Bowerman, US-amerikanische Trainerlegende und Mitbegründer von Nike.


Für Weltklasse- wie für Freizeit-Läufer, die ihr Leistungsoptimum erreichen wollen, stellt sich die Frage nach dem Schuhgewicht gleichermaßen – auch wenn sie unterschiedlich beantwortet werden muss. Die Wissenschaftler, die sich damit beschäftigt haben – vornehmlich Biomechaniker oder Trainingswissenschaftler – haben zwar keine restlos befriedigenden Antworten, aber deren Aussagekraft ist ausreichend.

Gewicht ist beim Laufschuh nicht alles

Die Gewichtsreduzierung von Laufschuhen, so wird übereinstimmend argumentiert, spart Energie, die der Läufer in höheres Tempo umsetzen kann. Pro 100 Gramm gespartem Gewicht bei den Laufschuhen wird der Sauerstoffbedarf um ein Prozent reduziert.

Jedoch müssen für die Leistungssteigerung von Athleten zahlreiche Aspekte berücksichtigt werden. So wird von Biomechanikern nämlich auch angeführt, dass die Reduktion von Gewicht in Form von Dämpfungsmaterial wiederum in einem Mehrverbrauch von Sauerstoff resultiert. 

Gerade der Durchschnitts-Hobbyläufer profitiert in stärkerem Maße von den Komfort-Eigenschaften eines Laufschuhs, als dass seine Laufleistung durch das Laufschuhgewicht gemindert wird. Kurz gesagt: Wer es übertreibt mit der Gewichtsreduktion, hat gar nichts gewonnen.



Das gilt übrigens auch für die aktuellen Jäger des Marathon-Weltrekordes. Wenn man das Gewicht des bestehenden Marathon-Weltrekordschuhs von Adidas als Grundlage nimmt, also 230 Gramm, und beim Schuh eine Ersparnis von 100 Gramm erzielen könnte – würde dies auf die Marathondistanz gerechnet 57,5 Sekunden Ersparnis bringen, theoretisch.

Rechnen wir weiter: Wenn man das ganze Gewicht einsparte, würde das rechnerisch 2:12 Minuten sparen. Da wäre die 2-Stunden-Marke also immer noch nicht unterschritten.

„Breaking2“: Rekordversuch in Monza

Aber irgendwo ist eine Grenze. Einen Weltrekord läuft man schließlich nicht in Badeschlappen. Der Laufschuh muss auch technisch funktionieren.

Eliud Kipchoge, der beste der drei Nike-Athleten in Monza, kann davon ein Lied singen. Bei seinem Sieg beim Berlin-Marathon (2015) rutschten die Einlegesohlen seines Nike Streak, ein Schuh, an dessen Entwicklung er selbst mitgearbeitet hatte, seitlich aus dem Schuh – was für lustige Fotos sowie hämische Kommentare sorgte und womöglich eine deutlich bessere Siegerzeit verhinderte.

Eliud Kipchoge siegt beim Berlin Marathon 2015 – auch Probleme mit seinen Nike-Schuhen können ihn nicht stoppen. (Quelle: imago)
Eliud Kipchoge siegt beim Berlin Marathon 2015 – auch Probleme mit seinen Nike-Schuhen können ihn nicht stoppen.
Bild: imago


Für den Weltrekordversuch in Monza wurden eigens Schuhe entwickelt. Sie waren auf die Rennstrecke in Monza abgestimmt, ein 2,405 Kilometer langer Rundkurs. Kipchoge musste dort jeden einzelnen Kilometer 4,2 Sekunden schneller laufen als Dennis Kimetto bei seinem Weltrekord in Berlin (2014) – am Ende waren es rund 0,6 Sekunden pro Kilometer zu langsam.

Ein im März absolvierter Probelauf über die halbe Marathondistanz in Monza war noch vielversprechend, Kipchoge blieb mit 59:17 Minuten deutlich unter der Ein-Stunden-Marke – und „es lief sehr locker“, wie er sagte.

Nike-Training unter Laborbedingungen

Begleitet wurde er übrigens jeweils von sechs Tempomachern, die in pfeilförmiger Formation vor ihm liefen, um den Fahrtwind zu mildern. Direkt vor den Läufern fuhr ein Tesla, ein Auto mit Elektroantrieb. In dem Auto saßen Wissenschaftler, die GPS-überwacht und elektronisch vom Start bis ins Ziel das exakte Tempo vorgaben, alle 200 Meter wurde die Zwischenzeit genommen.


Mit Laser-Strahlen wurde ein Korridor auf den Asphalt projiziert, in dem die Läufer laufen mussten. Hier wurden also Laborbedingungen auf die Straße gebracht. Was auch bei dem Rekordversuch „Breaking2“ fehlte, waren freilich die realistischen Marathon-Bedingungen, das Flair, das einen Marathon für jeden Läufer ausmacht.

Und die realistischen Wettkampfbedingungen, unter denen sämtliche bisherigen Marathon-Bestleistungen aufgestellt wurden; die Engländer nennen das die ehrlichen Mittel, „by fair means“. Und genau deshalb erkennt der Leichtathletik-Weltverband IAAF die Zeit nicht als Weltrekord an.

Ist die Nike-Mission gescheitert?

Die Amerikaner scheint das wenig zu interessieren. Kipchoge ist knapp über zwei Stunde gelaufen, bis Kilometer 38 war er auf Kurs. Am Ende wurden es 2:00:25 Stunden. Eine übermenschliche Leistung, da sind sich Laufexperten einig. Viele kritisieren aber auch die „Künstlichkeit“.

Ist Nikes Mission also gescheitert? Aus sportlicher Sicht vielleicht. Aber angesichts der riesigen medialen Resonanz für „Breaking2“ dürften die US-Amerikaner durchaus zufrieden sein.

Video: Wearables  – Mehrwert für jeden Läufer

URS WEBER (GER)
Ein Gastbeitrag von Urs Weber, Laufexperte
Kommentare
Top Themen
ISPO Newsletter
ISPO Newsletter
Jetzt anmelden
Social Media